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Tsotsi im Gespräch mit einem verkrüppelten Obdachlosen © Studiocanal Home Entertainment

Tsotsi

Der oscarprämierte Film Tsotsi aus Südafrika erzählt die Geschichte eines gewaltbereiten Jungen, der mit Diebstählen seinen Lebensunterhalt in einem verwahrlosten Township des Landes sichert.

TitelTsotsi
Jahr2005
ProduktionslandSüdafrika/Großbritannien
RegieGavin Hood
DrehbuchGavin Hood
GenreDrama
DarstellerPresley Chweneyagae, Mothusi Magano, Kenneth Nkosi, Zenzo Ngqobe, Terry Pheto, Israel Makoe, Percy Matsemela, Jerry Mofokeng, Thembi Nyandeni, Owen Sejake, Benny Moshe
Länge94 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihStudiocanal
Die Hauptfigur Tsotsi und seine Gang © Studiocanal Home Entertainment
Die Hauptfigur Tsotsi und seine Gang © Studiocanal Home Entertainment

Das harte Leben im Township

Leicht macht es uns der südafrikanische Regisseur Gavin Hood (Eye in the Sky, X-Men Origins: Wolverine), der auch das Drehbuch zum Film schrieb, nun wirklich nicht. Über gut 90 Minuten heftet er uns als Zuschauer an die Fersen der Hauptfigur Tsotsi. Der gerade so volljährige Junge lebt in einem sogenannten Township, einer Wohnsiedlung, die während der herrschenden Rassentrennung (Apartheid) als Zuhause für die schwarze Bevölkerung diente. Das Leben ist von großer Armut und dadurch auch Einfachheit geprägt.

Daher bestiehlt Tsotsi regelmäßig mit seinen Freunden Aap, Boston und Butcher Leute in der nahe gelegenen Stadt. Dabei schreckt er auch nicht vor Gewalt gegen andere zurück. Als er selbst einen verkrüppelten Obdachlosen angreift und auf eine Frau schießt, ist klar, dass wir hier einen seelisch gestörten jungen Mann vor uns haben. Gerade in der ersten halben Stunde ist Tsotsi aus diesem Grund ein schwer zu ertragendes, schroffes Milieu-Drama.




Erlebte Gewalt wird weitergetragen

Warum Tsotsi sich so rücksichtslos und geradezu asozial verhält? Leider nimmt sich Hood deutlich zu wenig Zeit dafür, uns Tsotsis Hintergrundgeschichte, seine Kindheit und Jugend etwas nachhaltiger und tiefgründiger auszumalen. In nur kurzen und insgesamt wenigen Rückblenden wird angedeutet, dass seine Mutter schwer krank war und sein Vater äußerst gewalttätig mit seiner Familie umgesprungen ist. Es kommt zum Eklat und Tsotsi flüchtet von Zuhause. Er wird in einer Betonröhre groß, in der auch in der Gegenwart des Films immer noch Waisenkinder oder Ausreißer Schutz suchen. Kurzum: Schwere Kindheit, schweres (Rest-)Leben. Bei dieser etwas einfachen Formel belässt es der Film, um das brutale und unnahbare Verhalten Tsotsis einzuordnen und zu begründen. Emotional berührt Tsotsi aus diesem Grund leider kaum, was diesem handlungsarmen Drama deutlich schadet.

Auch Tsotsis Gang besteht nur aus mehr oder weniger bekannten Abziehbildern. Der eine, Aap, ein eher treudoofer Naivling, der Tsotsi blind folgt. Der andere, Butcher, ein unberechenbarer Typ, der bizarrerweise immer mehr Freude am Töten findet. Es ist offensichtlich, wie die Hauptfigur genau zwischen diesen beiden Figuren als eine Art Mittelpol platziert wird. Tsotsi hat seinen eigenen Kopf, trifft mutig eigene Entscheidungen, auch wenn diese sich als schlecht erweisen. Andererseits schreckt er vor Mord und Totschlag zurück, auch wenn Gewalt das erste Mittel zur Problemlösung ist, so wie er es von Kind auf kennengelernt hat.

Tsotsi im Gespräch mit einem verkrüppelten Obdachlosen © Studiocanal Home Entertainment
Tsotsi im Gespräch mit einem verkrüppelten Obdachlosen © Studiocanal Home Entertainment

Tsotsis Suche nach Erlösung

Tsotsis Leben ändert sich schlagartig, als er während eines Raubzugs plötzlich einen Säugling findet und fortan für ihn sorgt. Plötzlich muss Tsotsi, der in vielen Belangen selbst noch ein Kind ist, Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen. Mit der Erinnerung an seine eigene Kindheit und die damit verbundenen schmerzlichen Erfahrungen setzt sich langsam eine Entwicklung in Tsotsi in Gang. Diese Transformation erscheint letztlich aber zu schematisch, wenig nachvollziehbar und deshalb aufgezwungen. Einen wirklichen Kampf im Inneren Tsotsis können wir nie greifen.

Das mag auch an dem begrenzten Schauspiel von Presley Chweneyagae liegen, der mit einem fast ausdruckslosen, leeren Gesicht den Film bestreitet und besonders in der zweiten Hälfte zu wenig Emotionen transportieren kann. Gerade im Mittelteil hängt Tsotsi so ziemlich durch, weil uns der Protagonist verschlossen bleibt und die Gewaltszenen mit ihrer Unverständlichkeit nach und nach ein Stück weit abstoßend wirken. Vielleicht ist das gleichnamige Buch von Athol Fugard, auf dem der Film basiert, das bessere Medium, um die Seelenwelt der Hauptfigur spürbar zu machen. Dennoch schafft es Hood zumindest, das Finale intensiv sowie spannend zu inszenieren und letztendlich doch große Emotionen zu vermitteln.

Ist Tsotsi ein Kommentar zur Apartheid?

Bei Filmen aus und über Südafrika drängt sich schnell die Interpretation auf, dass sie die mittlerweile abgeschaffte Apartheid, die Rassentrennung von Weißen und Schwarzen, behandeln und cineastisch aufarbeiten. Doch anders als beispielsweise District 9 findet sich in Tsotsi nur die Welt der schwarzen Bevölkerung in den Townships. Selbst die vorkommende reiche Familie, deren Villa über den Siedlungen thront, ist dunkelhäutig, sodass hier mehr ein Unterschied zwischen Reichtum und Armut als zwischen den beiden Rassen gemacht wird.

Allerdings sind die Townships vergleichbar mit den amerikanischen Slums, da sie Wohnsiedlungen vornehmlich für die dunkelhäutige Bevölkerung darstellten. Hinzukommt, dass die Polizei laut des Films in der Regel nur halbherzig beziehungsweise mit wenig Hoffnung auf Erfolg in diesen Vierteln ermittelt. So entsteht drastisch gesagt ein rechtsfreier Raum, in dem jeder sich selbst überlassen ist und das Recht des Stärkeren mehr Gewicht hat als alles andere. Dass Tsotsi als Film die Verhältnisse in den Townships abbildet, ist so abseits der persönlichen Entwicklungsgeschichte seines Protagonisten also durchaus bemerkenswert und gibt uns einen Blick auf die Nach- und Spätfolgen der Apartheid in Südafrika.

Ausreißer von Zuhause finden Unterschlupf in den Betonröhren © Studiocanal Home Entertainment
Ausreißer von Zuhause finden Unterschlupf in den Betonröhren © Studiocanal Home Entertainment

Letzte Worte: Ist Tsotsi empfehlenswert?

Tsotsi funktioniert auf oberflächlicher Ebene durchaus gut als Betroffenheits- und Aufklärungskino, als Momentaufnahme über das Leben in den südafrikanischen Townships, was die Prämierung mit dem Fremdsprachen-Oscar durchaus verständlich macht. Leider verpasst es Autor und Regisseur Gavin Hood, dem Zuschauer das zerrüttete Seelenleben seiner Hauptfigur greifbar und verständlich zu machen. So bleibt die charakterliche Entwicklung letztlich sprunghaft und erzwungen. Dem emotionalen und lehrreichen Finale tut dies glücklicherweise nur wenig Abbruch.

Tsotsi erscheint am 6. September 2018 erstmalig auf Bluray über Studiocanal/Arthaus.

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Hier die Bewertung der MovicFreakz – Redaktion: [yasr_multiset setid=0] Hier könnt Ihr den Film selbst bewerten: [yasr_visitor_multiset setid=0]

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