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Ein Paar schwebt fest umschlungen über einer zerstörten Stadt in "Über die Unendlichkeit"

Über die Unendlichkeit

Roy Andersson erarbeitete sich mit Filmen wie Songs from the Second Floor oder Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach einen Ruf als exzentrischer Meister des skurrilen Humors.  Sein neuestes Werk trägt den bedeutungsvollen Titel Über die Unendlichkeit, wurde 2019 auf den Filmfestspielen in Venedig vorgestellt und erhielt prompt den Silbernen Löwen für die beste Regie. Im Folgenden könnt ihr unsere Meinung dazu lesen.

Kinotrailer "Über die Unendlichkeit" - Kinostart: 17. September 2020

TitelÜber die Unendlichkeit
Jahr2019
LandSchweden, Deutschland, Norwegen
RegieRoy Andersson
DrehbuchRoy Andersson
GenreKomödie, Drama
DarstellerAnia Nova, Lesley Leichtweis Bernadi, Martin Serner, Tatiana Delaunay, Jan-Eje Ferling, Thore Flygel, Karin Engmann, Magnus Wallgren
Länge77 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihNeue Visionen Filmverleih
Das Kinoplakat zu "Über die Unendlichkeit" zeigt ein in den Wolken schwebendes Paar und einen Mann mit Einkaufstüten, in der Mitte der Titel in goldener Schrift
Das Kinoplakat zu “Über die Unendlichkeit” © Neue Visionen Filmverleih

Worum geht es in Über die Unendlichkeit?

Ein Liebespaar schwebt eng umschlungen durch die Wolken. Engelsgleiche himmlische Musik erklingt von fern und aus dem Sternenlicht ergibt sich der Titel des Films: Über die Unendlichkeit. Trotz all dieser Opulenz offenbart sich dennoch von der ersten Sekunde an eine unbeschreibliche Entrücktheit. Die Wolken formen ein unendliches Grau, als würden sie schwere Lasten tragen und das Liebespaar selbst wirkt blass und emotionslos. Sogar die friedliche Musik scheint auf merkwürdige Weise unangebracht und fehl am Platz. Der Regisseur Roy Andersson verdeutlicht von Beginn an, dass er seiner bisherigen Stilistik treu bleibt. Große Emotionen, existenzielles Leiden sowie Freude und Menschlichkeit werden zwar dargestellt, aber stets mit einer einnehmenden und alles verschlingenden Leere und Bedeutungslosigkeit kontrastiert. Die Einsamkeit bleibt weiterhin eines der großen Themen des Regisseurs und er wird sich auch in diesem Werk nicht von seinem stets vorhandenen Nihilismus abwenden. 

Wer also anhand dieser Beschreibung ein großes gefühlsgeladenes Melodram erwartet, der wird sich auf etwas völlig anderes einstellen müssen. Andersson weicht nicht von seinem bisherigen Kurs ab, sondern zeigt seinem Publikum weiterhin die verrückte Welt seiner ganz eigenen skurrilen Gedanken. Er setzt einzelne Kurzgeschichten mit starren Standbildern in Szene, die lose durch Assoziationen, Personen oder gar Orte miteinander in Verbindung stehen. Eine stringente Handlung gibt es nicht. Wie auch schon seine vorherigen Werke muss Über die Unendlichkeit essayistisch interpretiert werden. Überlässt man sich den skurrilen und feinsinnigen Beobachtungen sowie dem messerscharfen trockenen Humor, so erlebt man eine wahre Wundertüte kreativer Ideen und faszinierender Szenarien. 

Ein Paar schwebt fest umschlungen über einer zerstörten Stadt in "Über die Unendlichkeit"
Ein Paar schwebt fest umschlungen über einer zerstörten Stadt in “Über die Unendlichkeit” © Neue Visionen Filmverleih

Die Komik des Nihilismus

Im Großen und Ganzen vertraut Roy Andersson auf die für ihn typischen stilistischen Mittel. Er verwendet malerische Szenenbilder mit leeren, grauen Wänden und einer Bedeutungsakzentuierung auf die Form. Auf diese Weise ergeben sich bereits optisch eindeutige Kontrapunkte und Gegensätze, die eine emotionale Involviertheit nicht gestatten. Diese künstlerische Entrücktheit ist nicht nur Markenzeichen des Regisseurs, sondern auch Notwendigkeit für seinen teils makabren, teils zynischen Humor. Lauthals lachen muss man nie und doch kann man sich der nihilistischen Komik nicht verwehren. Das Lachen bleibt einem viel mehr im Hals stecken, wenn beispielsweise der Ehemann im Wohnzimmer an einem Herzinfarkt verstirbt, während die Frau zu heiterer Musik summend über dem Spülbecken arbeitet. „Alles ist bedeutungslos und alles ist Leben“. So oder so ähnlich scheint sich die Philosophie Anderssons in Worte zu fassen. Zwangsläufig ergibt sich daraus, dass auch das Leben bedeutungslos ist.

Dennoch suhlt sich Über die Unendlichkeit nicht ganz so stark wie die bisherigen Werke des schwedischen Regiemeisters in der Nichtigkeit des Gezeigten. Im Gegenteil. In diesem Film scheinen die Protagonisten geradezu getrieben von einer Sinnsuche. So zerbricht zum Beispiel das Leben eines Pfarrers, der seinen Glauben an Gott verloren hat, während ein junger Mensch auf der Straße nach seiner ewigen Liebe sucht. Andersson geht dabei sogar soweit, einen der letzten Momente Hitlers einzufangen, in denen er erkennt, dass sein Vorhaben gescheitert ist. In solchen Szenen überwindet der Film nicht nur Raum und Zeit, sondern provoziert auch ganz bewusst Kritik an der mangelnden Differenzierung der einzelnen Situationen. Wie in einem Museum scheinen die einzelnen Bilder nebeneinander zu stehen. Insbesondere aus dem Kontrast zwischen Alltäglichem und Existenziellem erwächst die Komik der meisten Situationen und zugleich deren inhaltliche Tiefe.

Eine Frau mit Kinderwagen hat ein Problem mit ihrem Schuh in Über die Unendlichkeit, im Hintergrund diverse Leute mit Gepäck.
Eine Frau hat ein Problem mit ihrem Schuh in “Über die Unendlichkeit” © Neue Visionen Filmverleih

Über die Einsamkeit

Über die Unendlichkeit zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die alle Ereignisse rationalisiert und in der alles Emotionale befremdlich wirkt. Aus diesem Umstand heraus ergibt sich die Einsamkeit der Personen. Wenn der Pfarrer dann also einen Nervenzusammenbruch im Bus erleidet, so sucht er nach Beistand in der Gemeinschaft. Trotz dieses zutiefst menschlichen Bedürfnisses reagieren seine Mitmenschen eher abweisend auf ihn. Natürlich sei es ihm erlaubt, traurig zu sein, meint eine weitere Person im Bus, aber könne er das nicht auch zu Hause tun? Selbst der Psychiater verwehrt seinem Patienten einen dringenden Termin, weil er unbedingt den nächsten Bus schaffen muss. Diese Situationen klingen zunächst höchst dramatisch, in den Händen von Roy Andersson ergeben sich allerdings herrlich tragikomische Momente, die uns nach dem Wesen des Menschlichen fragen lassen.

Ein Mann steht mit zwei vollgepackten Einkaufstüten draußen vor einer hinabführenden Treppe, um ihn herum diverse Häuser in "Über die Unendlichkeit"
Ein Mann erzählt von einer unbefriedigenden Begegnung in “Über die Unendlichkeit” © Neue Visionen Filmverleih

Über das Filmemachen

Trotz all seiner Absurdität handelt es sich bei Über die Unendlichkeit möglicherweise um den zugänglichsten Film des Regisseurs. Befasste er sich in seiner vorherigen Trilogie noch mit dem menschlichen Wesen an sich, so geht er nun einen Schritt weiter. Wie es der Titel bereits verkündet, interessiert er sich nun für das Unvorstellbare: die Unendlichkeit. Seien es bestimmte Lehren, die die Zeit auf ewig überdauern (wie beispielsweise die Figur Jesus Christus, der die Leiden der Welt als Unschuldiger in sich aufnimmt), die nach dem ersten Gesetz der Thermodynamik ewig bestehenden Energien des Universums oder schließlich die unendliche Liebe. Andersson nimmt die Aspekte der menschlichen Unendlichkeit in vielseitigen Betrachtungen genauer unter die Lupe und arbeitet sich an ihnen ab. Als eingefleischter Fan kann man sich an dieser thematischen Eindeutigkeit möglicherweise stören, gleichzeitig gibt es jedoch noch genug Rätselhaftes zu entdecken.

Neben typischen stilistischen Mitteln, wie dem Durchbrechen der vierten Wand, bedient sich Andersson dieses Mal noch eine weitere Auffälligkeit. Eine Frau führt manche Situationen durch ein Voice-Over ein und liefert Hintergründe über die zu betrachtende Situation. Dabei beginnt sie stets mit den Worten „Ich sah einen Mann …“ beziehungsweise „Ich sah eine Frau …“. Nimmt man zunächst an, es handele sich möglicherweise um die Frau aus den Wolken, so scheint die Erzählerin im weiteren Verlauf mehr und mehr der Stimme des Regisseurs zu entsprechen. Über die Unendlichkeit entpuppt sich somit auch als Film über das Filmemachen selbst. Die filmschaffende Person kann alles überblicken und davon berichten. Ihr Werk wird dabei selbst unendlich und besteht über alles Menschliche hinaus.

In Über die Unendlichkeit schleppt ein entkräfteter Mann ein großes Holzkreuz durch die Straßen etliche Menschen begleiten und folgen ihm dabei.
Mit den Leiden Christi identifizieren sich auch heute noch Menschen in “Über die Unendlichkeit” © Neue Visionen Filmverleih

Unser Fazit zu Über die Unendlichkeit

Roy Andersson macht seinem Ruf mit Über die Unendlichkeit alle Ehre. Wieder einmal stellt er sein Talent für absurde Situationen und perfektes Timing unter Beweis. Auch wenn der Film in seiner Auseinandersetzungen mit der Unendlichkeit auf Dauer doch etwas redundant wirken kann, so handelt es sich dennoch um eine würdige Erweiterung der vorangegangenen Trilogie über das menschliche Wesen. Andersson transzendiert sein bisheriges Werk und führt es gleichzeitig zu einem Abschluss. Am Ende stehen nämlich auch wir möglicherweise auf einer leeren Landstraße, während der Motor den Geist aufgegeben hat und schauen Hilfe suchend in die weite Leere. Der Regisseur treibt die geflügelten Worte „So spielt das Leben“ bis an die Grenzen ihrer Gültigkeit und behält gerade durch das Festhalten an einer gewissen Gleichgültigkeit in Bezug auf das menschliche Wirken und Schaffen einen unnachahmlichen Witz, den man einfach genießen muss.

Über die Unendlichkeit ist ab dem 25. März 2021 auf DVD, Blu-ray und als VoD erhältlich.

Unsere Wertung:

 

 

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