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Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit ist eine Verfilmung des Lebens des flämischen Malers Vincent van Gogh. Damit reiht sich der Film in eine nicht allzu lange und vor allem wenig bekannte Reihe von Biografien ein, die sich mit diesem Künstler auseinandergesetzt haben. Ob es dem Regisseur Julian Schnabel und „seinem“ Vincent, Willem Dafoe, gelungen ist, das filmische Erbe des Malers fortzuführen, erfahrt ihr im Folgenden!

TitelVan Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit (OT: At Eternity’s Gate)
Jahr2018
ProduktionslandUSA, Frankreich
RegieJulian Schnabel
DrehbuchJean-Claude Carrière, Julian Schnabel
GenreBiografie, Drama
DarstellerWillem Dafoe, Rupert Friend, Oscar Isaac, Mads Mikkelsen, Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Amira Casar, Vladimir Consigny, Anne Consigny, Niels Arestrup, Vincent Perez, Lolita Chammah, Stella Schnabel, Arthur Jacquin
Länge111 Minuten
FSKab 6 Jahren freigegeben
VerleihDCM
Das Filmplakat zu Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit ©DCM
Das Filmplakat zu Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit ©DCM

Das Vermächtnis – Die Handlung von Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Vincent van Gogh (Willem Dafoe) ist ein Maler und Zeichner, doch seine Kunst wird von wenigen geschätzt und auf dem Markt bleiben seine Werke „Ladenhüter“. Eines Tages macht er die Bekanntschaft von Paul Gauguin (Oscar Isaac), seines Zeichens ebenfalls ein Künstler. Dieser rät ihm, sich nach Südfrankreich zu begeben und dort seiner Kunst einen neuen Anstrich zu verpassen.

Diesem Rat Folge leistend begibt sich Vincent nach Arles, wo er versucht, mit seiner Malerei über die Runden zu kommen. Seine Lebenssituation ist ihm dabei zweitrangig. Es zählt einzig und allein die Kunst. Stundenlang wandert van Gogh durch die malerischen Landschaften des Südens, um sich von den Weiten des Landes und dessen Menschen inspirieren zu lassen. Doch eben jene sind ihm nicht wohlgesonnen. Sie halten ihn für einen Sonderling und Außenseiter und verbreiten Gerüchte über ihn, sodass Vincent selbst nicht mehr weiß, wer er ist, was er getan hat und was nicht. Letztendlich wird er in die Nervenheilanstalt von Saint-Rémy eingewiesen. Die Anzahl seiner Gemälde wächst auch über die Zeit seines Aufenthalts hinaus weiter an und auch noch in seinen letzten Stunden geht er der Profession nach, für die er geboren wurde…

Der Künstler als Vorlage der Kunst

Vincent Willem van Gogh war ein Maler, der sich vor allem im flämischen und französischen Raum bewegte. Den meisten wird diese Person ein Begriff sein und viele werden ihn vermutlich als „sonderbar“ oder „eigentümlich“ beschreiben. (Kunst-) Kenner werden ihn des Weiteren als einen Begründer der modernen Malerei und wegweisenden Künstler der frühen Kunstrichtungen des 21. Jahrhunderts bezeichnen. Sein Stil, der grundsätzlich dem Post-Impressionismus zugeordnet wird, sollte vor allem den späteren Expressionismus und dessen Schaffer beeinflussen. Die Anerkennung wurde van Gogh jedoch erst nach seinem Tod im Jahre 1890 zugesprochen, da seine Bilder zu seinen Lebzeiten kaum Gewinne erzielen konnten. Erst der Kanon des späten 21. Jahrhunderts ließ den Rubel rollen und seine Werke zu Rekordpreisen unter den Hammer geraten lassen.

Der Lebensabschnitt als Hintergrund

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit behandelt nicht das gesamte Leben des namensgebenden Künstlers. Der Film konzentriert sich auf die zweite Hälfte und Schaffensphase von van Goghs Leben. Es werden dessen letzte Jahre porträtiert, in denen er bereits viele Gemälde gemalt hatte, jedoch kaum eines verkaufen konnte. Der Kunsthändlermarkt sah zu diesem Zeitpunkt noch wenig Potenzial im Malstil des Flamen. Des Weiteren zeigt der Film van Goghs Kontakt zum Impressionismus, das Kennenlernen und die Brieffreundschaft mit dem Künstler Paul Gauguin. In sonnigeren Gefilden wollte er der Tristheit des Nordens entfliehen, sich von den heiteren Farben des Südens inspirieren lassen und in dessen Horizonten die Schwelle zur Ewigkeit erblicken.

Vincent van Gogh (rechts, Willem Dafoe) trifft Paul Gauguin (links, Oscar Isaac) ©DCM
Vincent van Gogh (rechts, Willem Dafoe) trifft Paul Gauguin (links, Oscar Isaac) ©DCM

Die vielen Leben des Vincent van Gogh

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit ist nicht der erste Film, der von dem flämischen Künstler handelt. Die berühmteste Van-Gogh-Filmbiografie mag wohl aus dem Jahre 1956 stammen, unter der Regie von Vincente Minnelli. Damals hat Kirk Douglas Vincent van Gogh gemimt, während seine Co-Hollywood-Legende Anthony Quinn Paul Gauguin darstellte. Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft war für insgesamt vier Oscars nominiert und Anthony Quinn sollte einen als bester Nebendarsteller mit nach Hause nehmen.

Neben der Verfilmung Vincent und Theo aus dem Jahre 1990 mit Tim Roth und den Dokumentationen Vincent: The Life and Death of Vincent van Gogh mit John Hurt als Erzähler und Vincent van Gogh – Painting with Words mit der Stimme von Benedict Cumberbatch ist wohl Loving Vincent aus dem Jahre 2017 der gegenwärtig bekannteste Film über den besagten Maler. Als animierte Filmbiografie und Kriminalfilm wurde dieser für mehrere Annie Awards, den Golden Globe und einen Oscar nominiert.

Nun hat sich der Namensvetter von Vincent Willem van Gogh der Aufgabe seiner Darstellung gewidmet. Willem Dafoe ist das neuste Gesicht des Künstlers und wurde für sein Porträt und seine Interpretation der historischen Figur bei der Oscarverleihung 2019 als bester Hauptdarsteller nominiert.

Vincent van Gogh spricht mit seinem Bruder Theo (links, Rupert Friend) ©DCM
Vincent van Gogh (rechts) spricht mit seinem Bruder Theo (links, Rupert Friend) ©DCM

Kunst als Mittel zur Kunst

Der Film besticht durch seine künstlerische Machart. Dabei ist stets eine stark „ausschweifende“ Kamera präsent, die in einem regelmäßigen Rhythmus mit Kamerafahrten, Close-Ups und allerlei Graddrehungen benutzt wird. Unstete (Szenen-) Bilder und Dialoge bzw. Monologe, die aus dem Off eingespielt werden, stellen in einzigartiger und künstlerisch überzeugender Weise die Gedanken und Ideen van Goghs dar.

Des Weiteren wird durch eben jenen „Kamerawahn“ die persönliche Verwirrung und Aufgewühltheit des Künstlers cineastisch präsentiert. Wenn Dafoe als van Gogh durch die Landschaften Südfrankreichs läuft, dann begleitet ihn die Kamera auf Schritt und Tritt. Sie folgt seinen direkten Bewegungen, zeigt sein Gesicht in der Nahaufnahme und lässt seine Bewegungen mit den Eindrücken seiner Umgebung verschwimmen. Die Geräuschkulisse wird dabei von denen bestimmt, die Dafoe von sich gibt: der schwere und schnelle Atem, der durch das Laufen zustande kommt; das regelmäßige Seufzen, ob der Reizüberflutung; die wirren Laute, die van Goghs Überwältigung, Unentschlossenheit und seinen künstlerischen Wahn zum Ausdruck bringen.

Somit ist Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit cineastisch eine psychoanalytische Studie seines künstlerischen Verstandes. Es ist weniger der Versuch der filmischen Darstellung einer historischen Persönlichkeit. Nicht das „Wie“ und das „Wo“ stellt der Film in den Vordergrund. Stattdessen ist es das „Was“. Der Film spielt in gewisser Weise auf einer philosophischen (Meta-) Ebene im Rahmen der Kunst. Was ging womöglich in van Goghs Kopf und seinen Gedanken vor und was hat ihn während seiner Phase des Impressionismus’ begeistert? Was hat er in der Natur, der Realität und dem Horizont gesehen, was andere nicht gesehen haben? Womöglich war es die Ewigkeit.

Selektion als Segen und Fluch

Julian Schnabel wählt die durchaus richtige Herangehensweise der Präsentation der Bilder van Goghs. So werden seine Gemälde nicht konkret zentralisiert. Stattdessen ist es seine persönliche Reise und die Werdegänge seiner Gedanken, die letztendlich zu seinen Werken führen. Nicht die Bilder des Kanons werden thematisiert, sondern die Person, der Schaffende hinter den Gemälden. Dies ist eine gute Art, um eine Überinterpretation des Künstlers zu vermeiden.

Dennoch wäre die Entstehungsgeschichte manch eines Bildes interessant gewesen und hätte im Sinne einer Hommage den Zuschauer zu einem Erkenntnismoment getrieben. Werke wie „Das Schlafzimmer des Künstlers im Gelben Haus“, „Sternennacht“ oder „Caféterrasse am Abend“ sind wohlbekannt und ikonenhafte Darstellungen einfacher Szenerien. Die filmisch-realen Vorbilder vor die Kamera zu bringen, hätte den Zuschauer an die Bilder van Goghs herangeführt und ihn in dessen Welt auffangen können. Allerdings machen Unterhaltungen mit Personen wie Joseph Roulin und Paul-Ferdinand Gachet diesen Punkt wieder wett. Denn die Porträts eben jener Menschen sind ebenso bekannt und sorgen für die angesprochene Nähe zu van Goghs Gemälden und seinen Motiven.

Vincent van Gogh (links) malt Doktor Paul-Ferdinand Gachet (rechts, Mathieu Amalric) ©DCM
Vincent van Gogh malt Doktor Paul-Ferdinand Gachet (rechts, Mathieu Amalric) ©DCM

Willem als Willem

Willem Dafoe spielt einen einzigartigen und sehr überzeugenden Vincent Willem van Gogh. Das emotionale Schauspiel, welches vor allem in den Monologen zum Ausdruck kommt, ist zu Recht erwähnenswert. Jedoch wird er in den meisten Szenen von den filmischen Mitteln unterstützt. Vor allem die Kamera von Benoît Delhomme, der zuletzt in Die Entdeckung der Unendlichkeit tätig war, leistet Dafoe viel Beihilfe. Die Emotionalität der Szenen liegt somit nicht nur im Schauspiel begraben, sondern ebenfalls in der Art und Weise, wie die Kamera und der Schnitt mit dem schauspielerischen Können der Protagonisten arbeiten. Szenen, in denen Dafoe als van Gogh von geistiger Klarheit gekennzeichnet wird, werden durch eine ruhige Kameraführung unterstützt, während wiederum Szenen, in denen er gedanklich aufgewühlt daherkommt, auch die Kamera unstet und wackelig den Charakter begleitet.

Dass dieser keine schlechte Leistung abgeliefert hat, ist augenscheinlich. Die emotionalen Monologe wissen, den Zuschauer einzufangen und ihn an die Worte zu binden. Der durchdringende Blick Dafoes, wenn er von sich und seinem Schaffen erzählt, leistet sein Übriges. Ob die Nominierung als bester Hauptdarsteller nun gerechtfertigt ist, soll ein jeder selbst entscheiden. Feststeht, dass Willem Dafoe die Freude des Zuschauers am Kino zu befriedigen weiß.

Willem Dafoe als Vincent van Gogh ©DCM
Willem Dafoe als Vincent van Gogh ©DCM

Der Tod ist nicht das Ende – Mein Fazit zu Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit ist ein Film, der Seinesgleichen sucht. Zum einen gibt es nur wenige filmische Biografien, die sich mit dem Leben und Wirken des flämischen Künstlers auseinandergesetzt haben. Zum anderen ist der Film weder eine reine, biografische Abhandlung noch die versuchte Vorgabe einer historischen Wahrheit.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit ist ein Werk, das sich selbst als Versuch sieht, einen Verstand zu analysieren und zu verstehen, der gemeinhin als geistig verwirrt gilt. Willem Dafoe mimt mit all seinem Können den Maler und lässt den Zuschauer an diesem Unterfangen teilhaben. Doch das wahre Genie des Films liegt in seiner Machart begraben. Die Szenenbilder, die musikalische Unterlegung und allen voran die Kamera zeugen von cineastischem Talent. Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit ist die psychoanalytische, filmische Interpretation eines Künstlers, dessen Leben nicht nur der Gegenwart, sondern auch dessen Zeitgenossen vermutlich viele Rätsel aufgegeben hat. Schnabel wagt es, zusammen mit Dafoe und Co., sich van Gogh selbst anzunehmen. Nicht seiner Bilder und seiner Art zu Malen, sondern seiner Person. Ob das Werk den Filmkanon des 21. Jahrhunderts überlebt, sei dahingestellt. Sicher ist jedoch, dass es sich an der Schwelle zur Ewigkeit befindet…

Der Film ist seit dem 18. April 2019 im Kino zu sehen!

Unsere Wertung:

 

 

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© DCM

Christopher Hanek

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