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Corey (Alain Delon) steht in "Vier im roten Kreis" in hell-beigem Trenchcoat und schwarzer Krawatte auf einem verlassenen Feld und starrt angestrengt in die Kamera. Die Zigarette liegt lässig im Mundwinkel.

Vier im roten Kreis

Jean-Pierre Melvilles epischer Heist-Thriller Vier im roten Kreis bekommt zu seinem 50. Jubiläum eine 4K-Restaurierung spendiert. Zeit, sich den Klassiker genauer anzusehen.

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TitelVier im roten Kreis (OT: Le cercle rouge)
Jahr1970
LandFrankreich, Italien
RegieJean-Pierre Melville
DrehbuchJean-Pierre Melville
GenreThriller, Drama, Krimi
DarstellerAlain Delon, André Bourvil, Gian Maria Volonté, Yves Montand, Paul Crauchet, Paul Amiot, François Périer, Pierre Collet, André Ekyan
Länge141 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihStudiocanal
Das Cover der 4K UHD-Disc von "Vier im roten Kreis" zeigt Alain Delon als Corey im Auto sitzen. Der Schriftzug des Titels ist in knalligem Rot gehalten.
Das Cover der 4K UHD-Disc von Vier im roten Kreis © Studiocanal

Vier im roten Kreis – Handlung

Dem Gangster Vogel (Gian Maria Volonté) gelingt die Flucht aus einem Schlafwagenabteil auf der Zugstrecke von Marseille nach Paris – bei voller Fahrt und obwohl ihn Kommissar Mattei (André Bourvil) mit Handschellen ans Bett gefesselt hatte. Gleichzeitig wird der kühle Profi-Einbrecher Corey (Alain Delon) nach fünf Jahren aus seiner Haft entlassen. Noch vor der Entlassung zielt er auf einen neuen Coup ab, begibt sich aber zunächst zu einem Ex-Komplizen, dem er Geld und eine Pistole stiehlt. Auf dem Weg nach Paris kreuzt sein Weg den von Vogel – der hatte sich bei einem Restaurant-Besuch von Corey in dessen Kofferraum versteckt. Obwohl der ihn wiederum dabei gesehen hatte, lässt er sich zunächst nichts anmerken und stellt Vogel schließlich auf einem verlassenen Feld zur Rede. Corey ist klar: Vogel ist der perfekte Komplize, den er für den Einbruch bei einem Pariser Nobeljuwelier braucht.

Doch wie der Titel erahnen lässt, fehlt noch einer im Bunde. Denn um den Raub durchzuziehen, brauchen sie einen Scharfschützen, der das Sicherheitssystem mit einem einzigen Schuss deaktivieren kann. Vogel schlägt den Ex-Polizisten Jansen (Yves Montand) vor, ein Bekannter von Mattei. Und Jansen sagt tatsächlich ohne weitere Überlegungen zu. Er sieht es als Chance, seiner Alkoholsucht zu entkommen und seinem Leben endlich wieder einen Sinn – wenn auch einen kriminellen – zu geben. Während die drei Gangster ihren Coup minutiös planen, kommt ihnen Mattei langsam auf die Spur. Der wurde nämlich trotz seines Lapsus im Zugabteil mit der Suche nach Vogel beauftragt. Drei Kriminelle, ein Polizist. Vier Spieler, keiner unschuldig, die sich alle im roten Kreis treffen werden.

Ein Juwel der Filmgeschichte: Der Raubüberfall

27 Minuten. In 27 stummen wie spannenden Minuten zeigt Regisseur Jean-Pierre Melville das Schmuckstück des Heist-Movies. Vom Einstieg von Corey und Vogel über das Dach und die Strickleiter über das Zerschneiden des Badfensters, das Überrumpeln des Nachtwächters und die Gymnastikübung zur Überwindung der Lichtschranken. Vom Dazustoßen Jansens, seinem gezielten Schuss zum Ausschalten der optischen Sicherheitssysteme und der Alarmanlage, über das hektische Einsammeln der begehrten Juwelen bis zur Flucht im Auto. All das läuft komplett in Echtzeit ab, ohne ein gesprochenes Wort, ohne Mimik (die Gesichter sind verdeckt), ohne Musik. Und trotzdem schafft es Melville, die Spannung ins Unermessliche zu treiben, er lässt allein die Bilder sprechen.

Jansen (Yves Montand) guckt in "Vier im roten Kreis" stark alkoholisiert in den Spiegel in seiner spärlichen Wohnung. Er zündet sich gerade eine Zigarette an.
Der Raubüberfall als Chance für Jansen (Yves Montand), sich von der Alkoholsucht zu befreien © Studiocanal

Und der Zuschauer ist involviert, weil er merkt, wie virtuos all das geplant ist – ohne dass man zuvor auch nur ein Detail erfahren hat. Selbst die Legierung der Patronenkugel wird eigens von Jansen hergestellt, um die perfekte Kugel für den präzisen Schuss auf kurze Entfernung zu erhalten. Doch im entscheidenden Moment, anstatt auf die Gewehrvorrichtung auf dem aufgebauten Stativ zu vertrauen, nimmt Jansen das Gewehr selbst in die Hand, hebt an, zielt und drückt ab. Der einzige kleine Moment des gesamten Films, in dem Corey und Vogel kurzzeitig ihre Coolness einbüßen. So war das nicht geplant. Doch Jansen glückt der Schuss, der Raubüberfall gelingt bravourös. Und das Publikum wird Zeuge von nicht nur einer der besten Raubszenen – neben der ähnlich gelagerten aus Jules Dassins Rififi (1955) –, sondern von einer der besten Szenen der ganzen Filmgeschichte.

Szenen für die Ewigkeit

Doch das soll nicht der einzige denkwürdige Moment aus Vier im roten Kreis bleiben. Fotos einer Blondine, ein Revolver, ein Bündel Geld und Alain Delon – das genügt Melville, um die Chronik einer enttäuschten Liebe und Freundschaft zu erzählen. Bei der Entlassung aus dem Kittchen werden dem von Delon gespielten Corey die Bilder einer blonden Frau ausgehändigt. Kurz darauf sehen wir sie im Schlafzimmer seines früheren Komplizen Rico (André Ekyan) an der Tür lauschen, während sich Corey an Ricos Safe bedient, sich Pistole und Francs greift. Letzteres steht ihm zu, schließlich hatte er fünf Jahre im Knast verbracht. Ohne sie zu sehen, weiß er von der Anwesenheit seiner Verflossenen. Und das lässt er auch Rico schließlich wissen, indem er die Bilder von ihr in den noch geöffneten Geldschrank legt.

Corey (Alain Delon) steht in "Vier im roten Kreis" in hell-beigem Trenchcoat und schwarzer Krawatte auf einem verlassenen Feld und starrt angestrengt in die Kamera. Die Zigarette liegt lässig im Mundwinkel.
Corey (Alain Delon) hat ein Ziel vor Augen © Studiocanal

Auch als Ricos Schergen später zum zweiten Mal versuchen werden, Corey umzubringen, zeigt Melville sein Gespür für begeisterndes Kino. Corey, der im Kofferraum noch Vogel versteckt hält, wird von den Handlangern überholt, ausgebremst und in einen kleinen Waldweg gelotst. Die beiden lassen Corey aus dem Wagen aussteigen und durchsuchen ihn erfolgreich nach dem Geld. Doch bevor sie ihn erschießen können, schreitet Vogel ein, entwaffnet und erschießt die beiden hinterrücks und inszeniert die ganze Szenerie für die Polizei so, als hätten sich die zwei Schergen gegenseitig wegen des Geldes niedergeschossen. Und dann wären da noch die wilden Tanzeinlagen in Santis (Francois Périer) Jazz-Nachtclub im Souterrain, die anfängliche, bildgewaltige Flucht Vogels durch Wald, Fluss und übers Feld oder die alkoholverschuldeten Visionen Jansens zu seinen eingebildeten Bewohnern des Wandschranks. Knapp 141 Minuten gefüllt mit ikonischen Bildern, Momenten, Szenen.

Ein professioneller Außenseiter

Nicht zuletzt deswegen gilt Vier im roten Kreis unter vielen Kritikern, Regisseuren und Cineasten als bester Film Melvilles. Doch egal ob seine Résistance-Filme wie Armee im Schatten (1969) und Eva und der Priester (1961) oder seine Gangsterfilme wie Drei Uhr nachts (1955) und Der eiskalte Engel (1967) – in diese zwei Kategorien lassen sich Melvilles Filme grob einordnen –, alle haben solche Szenen hervorgebracht. Die Themen seiner Werke umspannen dabei meistens Freundschaft, Vertrauen, Einsamkeit und Verrat. Die von ihm geschriebenen Hauptfiguren sind oft existentialistische Außenseiter, von der Gesellschaft Isolierte – und verhalten sich, egal in welchem Beruf, stets höchst professionell. Eine Eigenschaft, die er von sich als ultra-professioneller, perfektionistischer und fast schon despotischer Regisseur auch auf seine Charaktere übertrug. Mit zunehmendem Alter, fast als hätte er seinen plötzlichen Tod mit 55 Jahren nach einem Schlaganfall vorausgeahnt, wurden seine Filme immer fatalistischer, seine Charaktere waren dem Tode geweiht.

„I move from realism to fantasy without the spectator ever noticing.“ – Jean-Pierre Melville

Auch wenn der Raubüberfall inszenatorisch der absolute Höhepunkt von Vier im roten Kreis ist, ein reiner Heist-Movie ist er nicht. Als Gangsterfilm, ein Sub-Subgenre des Krimis, funktioniert er genauso wie als Thriller mit Film noir-Anleihen. Melville selbst, der gerne Cowboy-Hut und Sonnenbrille trug, beschrieb seinen Film in einem Interview mit Rui Nogueira für das Buch Melville on Melville auch mal als in einen französischen Kontext versetzten Western. Das oben genannte Zitat zeigt dabei durchaus gut auf, warum es so schwer ist, Melvilles Filme ganz klar einem Genre zuzuweisen; er beherrscht es in Perfektion, Realismus mit Traumwelten zu vermischen.

Vier im Totenkreis

Dabei lässt sich ein Leitmotiv von Vier im roten Kreis aber ganz klar erkennen: der Zufall. Das wird bereits mit dem einleitenden literarischen Motto (das Buddha zugeordnet wird, aber von Melville selbst erdacht wurde, ähnlich wie bei Der eiskalte Engel) klar. So heißt es: „Siddharta Gautama, der Buddha, zeichnete mit roter Kreide einen Kreis und sagte: Wenn es vorherbestimmt ist, dass Menschen einander wiedersehen sollen, was auch immer ihnen geschieht, auf welchen Wegen sie auch wandeln, am gegebenen Tag werden sie einander unvermeidlich ‚im roten Kreis‘ begegnen.“

Mattei (André Bourvil) und dutzende weitere Polizisten suchen in "Vier im roten Kreis" in einer Reihe laufend nach dem flüchtigen Vogel (Gian Maria Volonté). Auch Polizeihunde werden eingesetzt, um die Spur aufzunehmen.
Kommissar Mattei (André Bourvil) auf der Jagd © Studiocanal

Das erste Bild danach ist eine Ampel, die auf Rot springt und über die Mattei und Vogel mit Vollgas gefahren werden, damit sie noch rechtzeitig zum Bahnhof kommen. Sie sind dadurch also gekennzeichnet mit dem roten Kreis; hätten sie den Zug nicht erwischt, hätten sich Corey und Vogel nie kennengelernt. Als Corey wiederum bei einem Billardspiel die Queuespitze einkreidet, formt auch diese einen auffällig roten Kreis. Kurz darauf treten die Handlanger Ricos ein, wodurch Delons Charakter eine weitere Pistole erhält, die noch wichtig sein wird. Und bei Jansens Einführung durch den Fiebertraum steht ein VAT 69 Blended Scotch neben dem Bett, der mit einem – man kann es sich schon denken – roten Siegel gekennzeichnet ist. Die schicksalhaften Zufälle werden also sehr subtil angekündigt.

Das Ensemble von Vier im roten Kreis

Der größte Star des Films ist definitiv Alain Delon, mit dem Melville vorher bereits Der eiskalte Engel drehte und mit dem er sich wunderbar verstand. Auch sein letzter Film, Der Chef (1972), sollte mit dem größten französischen Star sein. Mit Yves Montand und André Bourvil war er sehr zufrieden, auch wenn ursprünglich Paul Meurisse und Lino Ventura für deren Rollen vorgesehen waren. Mit beiden drehte er zuvor Der zweite Atem (1966) und Armee im Schatten.

Jean-Paul Belmondo, mit dem er bereits drei Filme realisierte, hatte weder Zeit noch Lust, erneut mit Melville zu arbeiten. Stattdessen fiel die Wahl für Vogel auf den italienischen Schauspieler Gian Maria Volonté, der vor allem aus Sergio Leones Spaghetti-Western Für eine Handvoll Dollar (1964) und Für ein paar Dollar mehr (1965) bekannt war. Doch Melville kam mit Volontés instinktiver Art zu schauspielern nicht klar, am Set kam es mehrfach zu Streit. Einmal verließ der Italiener sogar für zwei Tage das Set, bis ihn Delon doch noch überzeugen konnte, den Film zu finalisieren.

Mattei (André Bourvil) führt Vogel (Gian Maria Volonté) in "Vier im roten Kreis" durch den Gang des Zuges. Beide tragen schwarze Anzüge mit Mänteln und einen Hut.
Mattei führt seinen Gefangenen Vogel (Gian Maria Volonté) mit Handschellen ins Schlafabteil © Studiocanal

Auch hinter der Kamera trommelte der französische Regisseur ein Team zusammen, mit dem er bereits vertraut war: Henri Decaë (Sie küssten und sie schlugen ihn) war für die Kamera verantwortlich, Marie-Sophie Dubus (Possession) kümmerte sich – zusammen mit Melville – um den Schnitt. Éric Demarsan steuerte unterdessen einen minimalistischen Modern-Jazz-Soundtrack bei. Das Zählen auf bekannte Gesichter lohnte sich; sowohl Bilder als auch Pacing und insbesondere die Musik des finalen Films sind fantastisch.

Eine bittere Anekdote

Im bereits erwähnten Interview mit Nogueira äußerte sich Melville ziemlich pessimistisch zum Kino: „Ich vermute, dass das endgültige Verschwinden der Kinos um das Jahr 2020 herum stattfinden wird, so dass es in fünfzig Jahren nichts anderes als Fernsehen geben wird.“ Soweit ist es – zum Glück – nicht gekommen, doch dass er 1971 ausgerechnet das Jahr nennt, in dem tatsächlich alle Kinos geschlossen sind, wirkt fast schon lächerlich prophetisch.

Unser Fazit zu Vier im roten Kreis

Jean-Pierre Melville kürte sich mit Vier im roten Kreis endgültig zum Paten des französischen Gangsterfilms. Mit existentialistischen Antihelden in einem unterkühlten Paris, verbunden durch den Zufall. Mit großer Musik, noch größeren Darstellern und etlichen großartigen Szenen für die Ewigkeit. Ein Film, so durchstilisiert, so faszinierend schön, so wunderbar unrealistisch und enorm spannend. Oder kurz: Kino pur!

Zum 50. Jubiläum wurde das stilbildende Meisterwerk einer aufwändigen 4K-Restauration unterzogen, schöner war das Heist-Movie also noch nie. Das Bild ist gestochen scharf, auch wenn das flimmernde Filmkorn teilweise etwas auffällig ist. Vor allem in der Special Edition mit Booklet und tollem Bonusmaterial ist eine (Neu-)Anschaffung aber auf jeden Fall ihr Geld wert.

Vier im roten Kreis erscheint am 10. Dezember 2020 digital und auf DVD, Blu-ray und erstmals auch als 4K Ultra-HD in einer Special Edition.

Unsere Wertung:

 

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© Studiocanal

1 Kommentar

  • Das Filmkorn ist “teilweise etwas auffällig”? Ich würde sagen, der Film spielt in 4K dauerhaft im Schneegestöber. Unvorstellbar, dass der damals im Kino selbst mit der analogen Technik so ausgesehen hat. Dann noch die geänderte Farbpalette – nein danke, ein völlig versemmelter 4K-Release