Filmtoast.de

Welt am Draht

Eine virtuelle Realität innerhalb unserer Realität? Würdest du dein jetziges Leben aufs Spiel setzen, wenn du wüsstest, dass es nicht real wäre? Aber was ist eigentlich real und gibt es mehr als nur EINE weitere Realitätsebene? Das alles erfährst du hier, bei Welt am Draht.

WELT AM DRAHT | Trailer | Transit Filmfest

TitelWelt am Draht
Jahr1973
LandDeutschland
RegieRainer Werner Fassbinder
DrehbuchRainer Werner Fassbinder, Fritz Müller-Scherz
GenreDrama, Science-Fiction, Krimi, Thriller
DarstellerKlaus Löwtsch, Barbara Valentin, Mascha Rabben, Karl-Heinz Vosgerau, Wolfgang Schenck, Günter Lamprecht
Länge212 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihArthaus
Klaus Löwitsch als Fred Stiller. Welt am Draht
Das Blu-ray-Cover von „Welt am Draht“ © StudioCanal

Welt am Draht – Handlung

Fred Stiller ist ein Wissenschaftler an einem Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung, in einer alternativen Zeitlinie der 1970er Jahre. Dessen Projekt „Simulacron 1“ ist eine topmoderne Simulation, eine komplette Welt innerhalb eines Computers, mit Personen, die leben und fühlen, über ein Bewusstsein verfügen. Oder spricht dort schlicht die Programmierung aus virtuell erschaffenen Menschen? Betrieben wird das Projekt nicht, um an der Technik selbst zu forschen, sondern mit den sogenannten „Identitätseinheiten“ Wirtschaft, Politik, Bedürfnisse, Gesinnung, die Gesellschaft im Allgemeinen zu simulieren und damit eine zuverlässige Zukunftsvorhersage für Konsumtrends zu kreieren. Außer einer einzigen „Kontakteinheit“ weiß keine*r der Bewohner*innen von der Existenz der Simulation, von ihrer Realität.

Als plötzlich Projektleiter Henry Vollmer unter mysteriösen Umständen stirbt, wird Stiller zu seinem Nachfolger ernannt. Nur kurz darauf verschwindet Günther Lause wie vom Erdboden verschluckt – und das inmitten einer Unterhaltung mit seinem Freund und Kollegen Stiller. Lause schien den genauen Grund von Vollmers nicht geklärten Ableben zu kennen, was seinem Verschwinden noch mehr Gewicht verleiht, als ein sich auflösender Mann ohnehin schon vermag. Als dann eine Woche später sich niemand mehr an Lauses Namen, geschweige denn seine Existenz erinnern kann, zweifelt Stiller so langsam an seiner psychischen Verfassung und der Wirklichkeit um ihn herum. Und dann diese ständigen Schwindelanfälle… . Es muss eine plausible Lösung für all das geben! Klar ist, Stiller ist etwas Großem auf der Spur… .

Welcome to The Matrix

The Matrix Resurrections steht vor der Tür. Ein neues Abenteuer rund um Neo, Trinity und einer anderen virtuellen Realität, welche die Frage aufwirft, ob unsere Realität wirklich „real“ ist. Matrix war eine Offenbarung und ein Meilenstein der Filmgeschichte, vor allem visuell. Die Idee einer falschen Realität, dessen Existenz unserem Protagonisten bewusst gemacht wird, ist natürlich schon älter. Lange vor den Wachowski-Geschwistern und ähnlichen Werken wie Paprika, Inception, Tron, Total Recall, Ready Player One oder eXistenZ haben Autoren wie Philip K. Dick, auf dessen Ideen viele dieser Filme beruhen, angefangen, sich über mögliche Ebenen in unserer Realität Gedanken zu machen. Rainer Werner Fassbinders 1973 erschienener TV-Zweiteiler Welt am Draht entführte uns als erster der genannten Filme in eine Computersimulation, basierend auf Daniel F. Galouyes 1964 erschienenen Roman Simulacron-3.

213 Minuten klingt zunächst nach einem Brett. Die Pause, inklusive Cliffhanger, tut dem Film aber sehr gut. Einen langen Atem und Konzentration braucht man definitiv, langweilig wird es dennoch nie.

Der Technische Direktor des Instituts liegt tot auf dem Boden, der Sicherheitschef ist völlig schockiert. Welt am Draht
Günther Lause (Ivan Desny) findet den toten Professor Henry Vollmer (Adrian Hoven). © StudioCanal

Löschung aus dem kollektiven Gedächtnis – Zufall?

In der Retrospektive kaum zu glauben, beliefen sich die Kosten auf heutzutage praktisch lächerliche 950.000 D-Mark. Fast schon unfassbar wirkt es aber, wenn man sich verdeutlicht, dass der erste und einzige Ausflug von Fassbinder in die Welt der Science Fiction lange Zeit keine sonderlich imposante (Aus-)Wirkung hervorbrachte, da der Zwei-Teiler nicht an die Strahlkraft eines Angst Essen Seelen Auf oder Die Ehe der Maria Braun heranreichte… und das Jahrzehnte. Bis zu seiner Neuaufführung bei der Berlinale 2010 fristete Welt am Draht ein Dasein jenseits dieser Realität, mit seltenen Wiederholungen und keiner Möglichkeit eines Erwerbs. Im Zuge der Berlinale feierte die restaurierte Fassung ihre Weltpremiere und Welt am Draht fand zu guter Letzt den Weg zurück auf unsere Bildschirme.

Gamechanger

Dabei ist Welt am Drahts virtuelle Realität ein echter „Gamechanger“. Eine dieser Erfahrungen, welche viel mehr bieten als kurzzeitige Unterhaltung und einen netten Abend. Der Film bleibt in Erinnerung, nicht nur ein paar Wochen oder Monate, sondern so lange, wie man bereit ist, sich für diese Art des Inputs zu öffnen. Welt am Draht erfordert ein gewisses Maß an Kapital, das man anlegt und belohnt mit hoher Rendite, wie man die Welt um sich herum wahrnimmt, bzw. DASS man sie (bewusst) wahrnimmt. Vor allem nach jedem Rewatch nimmt die Paranoia einen gefangen – die vier Wände, die Welt da draußen durch das Fenster, man selbst, alles wird hinterfragt und fühlt sich auf einmal so sonderbar an… Ein Zustand des absoluten Hinterfragens all dessen, dem man zunächst logisch sicher sein konnte.

Welt am Draht reflektiert (buchstäblich) und lässt reflektieren, wie wir uns und andere wahrnehmen, genauso wie andere „ihre Welt“ und uns in ihr parzipieren. Wie könnten wir aus einer Simulation ausbrechen? Ist der erste Grundsatz René Descartes‘, „Cogito, ergo sum“ (Ich denke, also bin ich), auch auf eine programmierte Lebensform anwendbar? Und was bedeutet Logik für ein virtuelles Wesen?

Die Verpackung trügt nicht

Bereits gleich zu Beginn wird der „Rahmen“ festgelegt in dem wir uns wiederfinden: plastisch-futuristische Einrichtungen und Bauten – fast schon leblos… – cinematische Paranoia in einer „Sim City.“ Dafür ist u.a. das konstant gruselige Set-Design maßgeblich verantwortlich. Gespiegelte Einstellungen desorientieren. Verwaiste Umgebungen engen ein und rufen gleichzeitig ein unbehagliches Gefühl aus. Mimik und Gestik, beeinflusst von Jean-Luc Godard, Fassbinders Idol, werden in Überlänge eingefangen und stehen gelassen. „Unecht“ schreit alles in einem, wenn Kleidung eher an Kostüme erinnern und überall Oberflächen gespiegelt werden.. Als Metapher für die verschiedenen Ebenen in Szene gesetzt – das Umfeld hinterfragt Identität und Realität.

Es gibt Filme, die solch ein Mittel als Spielereien ausnutzen würden und dann gibt es Filme, die wunderschöne Bilder erschaffen, so wie Fontane’s Effi Briest, oder der wohl visuell stimulierendste Film, wenn es um Spiegel(ungen) geht: Mirror von Andrei Tarkovsky. Das ist keine Spielerei, sondern Form des Ausdrucks und Essenz des Films.

Im Computerraum sinniert der zwielichtige neue Kollege von Stiller und Assistent des technischen Stabs. Welt am Draht
Mark Holm (Kurt Raab) an seinem Arbeitsplatz. © StudioCanal

Kühle Bilder

Ohne Michael Ballhaus‘ grandiose Kameraarbeit, würde jede motivische Darbietung verkommen. Er definiert jedes einzelne Bild mit Zooms und Schwenks, einer allgemeinen Nervosität der Kamera. Die Kamera fixiert Punkte im Raum, als wenn sie uns bei der Spurensuche unter die Arme greifen will. Alsdann folgen 360- Grad Schwenks, Reflektionen und endlose Korridore, sodass nie etwas tatsächlich greifbar wirkt. Wir werden in den paranoiden Geisteszustand des Protagonisten hinein versetzt. Wahrlich eine beklemmende Ästhetik.

Selten angestimmt, doch wenn, im Mittelpunkt: die Musik findet punktuell genau die „Töne“, die sie braucht, um mit Kamera und Story ein perfektes Gesamtkonstrukt zu erschaffen, wobei Konstrukt das richtige Wort ist.

Eine durchdringende Atmosphäre ohne viel Tamtam

Ohne Feuergefechte und Pyrotechnik am laufenden Band kann Fassbinder eine Atmosphäre erschaffen, die trotz rar gesäter Action sich weder zieht noch den einen oder anderen Dialog überflüssig erscheinen lässt. Intensiv ist das richtige Stichwort. Im wahrsten Sinne des Wortes ist jeder Winkel perfekt getroffen, um eine Atmosphäre wie aus einem Puppenhaus zu kreieren. Lebendig oder tot? Auf jeden Fall künstlich. Unnatürlich. Futuristisch und doch so Retro, Retrofuturismus gemischt mit Noir. Die Story-Verwicklungen entwirren sich wie bei einem Hitchcock-Film und aus Drama wird im Nu Psychothriller. Fassbinders Liebe für Kino ist in jedem seiner Werke tief verflochten, schon in seinem 1967 erschienenen Kurzfilm Das kleine Chaos zitierte er die Hollywood Gangsterfilme der 30er und 40er. Und es sollte nicht seine letzte Referenz an große Filmemacher sein.

„…[Er war] ein Mann der zuviel wusste.“

(Löwitsch als Stiller)

Ensemble-Leistung und doch One-Man Show

Unser Protagonist ist so eigenartig wie die Prämisse, nahbar in Motiv, distanziert von der Art. Kein Protagonist, der uns kaltlässt und unnachvollziehbar agiert und doch zu unantastbar, um der Prämisse noch die richtige Creepiness zu verleihen. Die sehr hölzerne Art des Schauspiels, mehr theaterhaft als wir gewohnt sind, passt perfekt zu den Figuren, kann aber auch höchst seltsam und abschreckend wirken. Die Atmosphäre profitiert davon, sehr ungewohnt ist es dennoch. Schauspielerisch traf Fassbinder eine hervorragende Entscheidung, seine bekannte „Schauspielfamilie“, seine regelmäßigen Darsteller*innen, viel Erfahrung zur Seite zu stellen. „Altstars“ der vergangenen Jahrzehnte fanden Einzug in das Projekt und sorgten für eine hervorragende Ensemble-Leistung, aus der nur ein Mann heraussticht: Klaus Löwitsch.

In typischer Film-Noir-Manier wechselt der entschlossene Stiller nur von Zigarette zu Drink, während Kopfschmerzen ihn fortwährend peinigen und er dem drohenden Wahnsinn immer weniger entgegenzusetzen vermag. Während der Großteil der Nebencharaktere weiterhin starr und kühl agiert, wird Stiller spätestens am spannenden Höhepunkt des ersten Teils klar, dass er nun aus sich heraus wachsen muss. Ein getriebener Stiller, ein entfesselter Löwitsch, von Szene zu Szene besessener, einem Komplott auf die Schliche zu kommen. Oder ist es am Ende doch nur er, der nicht mehr weiß, was Realität bedeutet?

Die Feier des Chefs des Instituts Herbert Siskins (Karl-Heinz Vosgerau). Welt am Draht
Auf der Party seines Vorgesetzten versucht Stiller (Klaus Löwitsch) mehr über Vollmers Tod zu erfahren. © StudioCanal

Fragen über Fragen – Platons und Aristoteles Einflüsse

Fassbinder bewegt sich gefühlt aus seiner Komfortzone und erschafft eine Geschichte, die zu gleichen Teilen in Krimi- sowie Thriller-Momente als auch in philosophische, ethische Grundfragen geteilt ist. Im Film sucht Stiller nach Antworten – auf mehreren Ebenen… – und dringt tiefer in ein Labyrinth und den nicht sichtbaren Ausgang ein.

Fragen, die wir uns sicherlich selbst schon einmal gestellt haben und deswegen umso gespannter beobachten, was Stiller herausfindet. Warum sind wir hier? Was ist „hier“? Was ist unsere Aufgabe? Aber Fassbinder gräbt noch tiefer. Die echte Realität wird mit der absoluten Freiheit gleichgesetzt. Aber ”wo ist oben?“ – um es mit Stillers Worten auszudrücken. Gibt es die eine echte Realität? Ist nur die Frage nach Realität nur ein Grund, alles in Frage zu stellen oder gerade DER Grund, alles in Frage zu stellen? Was macht es aber für einen Unterschied, wenn man sich frei gefühlt hat, als man noch nicht wusste, dass es nicht echt ist? Ist nur die Frage nach Echtheit gleichzusetzen mit Freiheit? Sind wir überhaupt in der Lage, eine Realität zu erkennen?

Spannend ist auch die Frage, was eine Idee von einer Idee ist. Sind Alltagsgegenstände womöglich anders konzipiert, eine andere Farbe oder Form, als es weiter „oben“ der Fall ist, nur um unsere Reaktion zu testen? Welt am Draht ist aber bedacht darauf fokussiert, auf der Wahrheit zu bleiben und meidet messianische Vorstellungen wie bei Matrix. Eine anspruchsvolle modernere Verfilmung altgriechischer philosophischer Evaluierungen, Schriften und gängigen Paradoxen. Wenn über das Ausmaß möglicher unendlicher Ebenen sinniert wird, kommen Inception oder Paprika erneut ins Gedächtnis. Christopher Nolans Sci-Fi-Thriller wartet zwar „nur“ mit überschaubaren drei Eben auf, sicher kann man sich aber nie wirklich sein… .

Unser Fazit zu Welt am Draht

Verschwörungskrimi mit dichtem Nebel aus existentiellen Bedrohungen – das visionäre Zukunftsbild, das in Welt am Draht Einlass gewährt, konnte schon früh schieren modernen Science-Fiction-Filmen eine Menge vorwegnehmen. Seiner Zeit voraus und immer noch relevant in Hinblick auf Abstraktes, wie die ungeklärten Fragen des Lebens und die greifbareren Themen à la Kapitalismus und der Verbreitung von Firmen, welche genau wissen wollen, was konsumiert werden will. Eine Gesellschaft unter ständiger Beobachtung. Die normalen Bürger:innen heutzutage entsprechen ganz den Identitätseinheiten aus einem 50 Jahre alten deutschen Film. Tech-Giganten erschaffen eine Illusion des fortwährend freien Willens, der Individualität, der Authentizität.

Selten fühlt man sich so (positiv) unwohl während eines Filmes und kurz danach. Rosemaries Baby wäre zwar weit entfernt, was Story, Optik usw. anbelangt, atmosphärisch wiederum nah zu verorten an der Beklemmung von Welt am Draht. Alles wird in Frage gestellt. Wahrnehmung, Bewusstsein, Existenz, Realität. Ein psychologischer Krimi, der immer weiter Fahrt aufnimmt und zum waschechten Sci-Fi-Noir-Thriller mutiert. Welt am Draht lässt einen bis zum Schluss am Haken zappeln und nach Spuren und Hinweisen suchen. Hochgradig philosophisch und extrem spannend. Eine Dystrophie die vor allem im Kopf des Publikums stattfindet.

Unsere Wertung:

 

 

Welt am Draht [Blu-ray]
Kundenbewertungen
Welt am Draht [Blu-ray]*
von STUDIOCANAL
Prime  Preis: € 8,99 Jetzt auf Amazon kaufen* Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten
Zuletzt aktualisiert am 22. Juni 2022 um 12:09 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.
Welt am Draht
Kundenbewertungen
Welt am Draht*
von STUDIOCANAL
Prime  Preis: € 6,99 Jetzt auf Amazon kaufen* Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten
Zuletzt aktualisiert am 22. Juni 2022 um 12:49 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.
© Arthaus

Kommentar hinzufügen