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Wheel of Fortune and Fantasy

Nach Forest – I See You Everywhere lief mit Wheel of Fortune and Fantasy ein weiterer Episodenfilm im Rennen um die goldenen Bären der Berlinale 2021. In dieser Filmbesprechung erfahrt ihr, ob dieser japanische Genrebeitrag mit dem ungarischen Konkurrenten Schritt halten kann.

Wheel of Fortune and Fantasy | Official Trailer | Berlinale 2021

TitelWheel of Fortune and Fantasy  (OT: Guzen to sozo)
Jahr2021
LandJapan
RegieRyusuke Hamaguchi
DrehbuchRyusuke Hamaguchi
GenreDrama
DarstellerKotone Furukawa, Kiyohiko Shibukawa, Katsuki Mori, Fusako Urabe, Aoba Kawai, Ayumu Nakajima, Hyunri, Shouma Kai
Länge121 Minuten
FSKtba
Verleihm-appeal
Meiko und Kazuaki nachts in einem Großraumbüro. Sie sitzt mit traurigem Ausdruck und trägt einen weißen Hoodie mit Vogelaufdruck. Er steht rechts neben ihr und trägt ein khakifarbenes Hemd. Im Hintergrund sieht man, dass es außen bereits dunkel ist.
Magic (Or Something Less Assuring) © 2021 Neopa/Fictive

Die Handlung von Wheel of Fortune and Fantasy

“Die Vervielfachung und Spiegelung weiblicher Charaktere war früher schon Thema in Hamaguchis Œuvre und ist es auch in seinem neuesten Film. Waren die Vorgänger Happy Hour und Asako I & II literarisch gesprochen eher Romane, so könnte man Wheel of Fortune and Fantasy als Sammlung von Kurzgeschichten bezeichnen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch den Erzählrhythmus: Die drei Episoden, die jeweils um eine Frauenfigur kreisen, sind wiederum in drei Akte gegliedert.
Es geht dabei um eine unerwartete amouröse Dreieckskonstellation, eine versuchte Verführung, die gleichzeitig eine Falle ist, und eine Begegnung, die durch ein Missverständnis zustande kommt. Der organische Erzählfluss bleibt trotz der Fragmentierung erhalten, er wird sogar noch betont.

Ebenso die Inszenierung: Obwohl die Handlung zum größten Teil in einem einzigen Raum spielt und immer nur zwei Akteure beteiligt sind, erscheint der Film nie wie ein Kammerspiel. Das liegt nicht nur am Dialog, sondern auch an der komplexen Zeitstruktur, die im Schlussteil beinahe Science-Fiction wird. Die Momente, die wir miterleben, werden zu anrührenden universalen Schicksalen verbunden, die von Entscheidungen, Reue, Täuschungen und Zufällen geprägt und die eigentlichen Protagonisten des Films sind.” (aus dem offiziellem Pressetext zur Berlinale)

Unsere Kritik zu Wheel of Fortune and Fantasy

Obwohl der Film auch in seiner Gesamtheit zu bewerten sein wird, wird in diesem Artikel zunächst auf die einzelnen Episoden eingegangen. Dabei wird erst jeweils der Inhalt, kurz und möglichst spoilerfrei, skizziert und anschließend kritisch eingeordnet. Erst nach der Einzelbetrachtung wird das Zusammenspiel zwischen den Teilstücken bewertet.

1. Magic (or Something Less Assuring)

Frisch verliebt schwärmt Tsugumi während einer Taxifahrt ihrer besten Freundin Meiko von ihrem ersten Treffen mit ihrer potenziellen großen Liebe vor. Das junge Glück steht allerdings auf wackligen Beinen, denn der junge Mann ist aufgrund seiner untreuen letzten Freundin inzwischen sehr vorsichtig geworden. Was sie jedoch nicht weiß: Diese Exfreundin war Meiko! Nach der gemeinsamen Fahrt sucht diese im zweiten Akt der Kurzgeschichte den umworbenen Kazuaki in seinem Büro auf und weiß im Gespräch nur allzu gut, wie sie mit ihrer Eloquenz die Strippen ziehen kann.

Schon der Einstiegsepisode gelingt es, den Zuschauer durch komplexe Dialoge zu bannen. Dabei ist es erschreckend und gleichzeitig faszinierend zu sehen, wie viel Macht Meiko mit ihren Worten und vor allem ihrem Wissen ausüben kann. Sie allein vermag über die Zukunft der Beziehung ihrer besten Freundin und auch Konkurrentin zu bestimmen. Den Umgang und die Selbstreflexion mit diesem verbalen Hebel bei Kotone Furukawa in dieser Rolle zu sehen, erzeugt beim Zuschauer einerseits Spannung, aber nebenbei auch das ganze Spektrum zwischen Sympathie, Mitleid und Hass. Der Ausgang dieses Auftakts ist dabei alles andere als erwartbar. Ein rundum gelungener Start mit sensationellen Dialogen, vorgetragen von einer überragenden Darstellerin.

Nao steht mit einem offenen Buch in den Händen neben einer offenen Tür. Vorn im Bild sitzt mit stoischer Miene Professor Segawa am Schreibtisch.
Door Wide Open © 2021 Neopa/Fictive

2. Door Wide Open

Die zweite Geschichte beginnt mit einem perfiden Komplott gegen den Professor und Literaten Segawa. Sein ehemaliger Student spannt seine heimliche Geliebte Nao ein, um den Intimfeind zu verführen und damit in einen Skandal zu drängen. Als Nao jedoch dabei ist, den Plan in die Tat umzusetzen, erlebt sie einen gewaltigen Sinneswandel, als ihr es wie Schuppen von den Augen fällt, wer in der Geschichte zwischen dem Professor und ihrem Freund tatsächlich der “Böse” war.

Auch bei diesem Kapitel von Wheel of Fortune and Fantasy wird selbstverständlich nicht auf die finale Wendung eingegangen. Was Door Wide Open auszeichnet ist, dass man parallel mit Nao Stück für Stück feststellen muss, dass Professor Segawa derart unbescholten und ehrenhaft ist, dass es unmöglich wird, am Racheplan festzuhalten. Dabei vollzieht sich ein schleichender Rollentausch: Anfangs scheint es als sei der Groll berechtigt und es vertretbar, dass der Professor hier hereingelegt wird. Je besser man die Figur kennenlernt, desto mehr wird Nao zum Schurken wider Willen.

Nach mehreren überraschenden Wendungen, einem schicksalhaften Fehler und einem Zeitsprung fünf Jahre in die Zukunft endet dann auch dieser Part mit einem ambivalenten Moment, über den man köstlich diskutieren kann, aber der definitiv für ein Schmunzeln der Genugtuung sorgen kann. Darstellerisch muss man Kiyohiko Shibukawa definitiv nochmals extra herausstellen. Mit aller Seelenruhe verkörpert er hier den tugendhaften Professor, der weder aus dem unmoralischen Angebot Kapital schlagen will, noch nach Erkenntnis des Komplotts gegen ihn die Fasson verliert.

Moka und Nao stehen hinter einer Fensterscheibe und schauen nachdenklich nach draußen.
Once Again © 2021 Neopa/Fictive

3. Once Again

Das letzte Drittel erzählt von einem Treffen zweier ehemaliger Schulfreundinnen. Auf einer Rolltreppe mitten in einer Großstadt sieht man sich nach etlichen Jahren wieder und traut seinen Augen kaum: Diese Person kenn ich doch, wie war nochmal ihr Name? Nachdem die beiden Frauen von diesem Gefühl getroffen werden, die jeweils andere muss die Bekannte aus längst vergessenen Zeiten sein, machen sie unmittelbar kehrt und verabreden sich spontan zu einem Treffen auf die gute, alte Zeit. Recht schnell verfliegt die Euphorie. Weder  Moka noch Nana sind tatsächlich die Schulfreundin, an die sie die andere in dem schicksalhaften Moment erinnert hat. Was aber, wenn diese Begegnung doch etwas zu bedeuten hat? Und warum sollte man nur eine alte, nie wirklich dagewesene Freundschaft wieder aufwärmen, wenn eine gänzlich neue entstehen kann?

Ganz ohne Untreue oder Rache kommt diese dritte Episode der Kurzgeschichtensammlung ums Eck. Doch auch hier wird man als Zuschauer zuerst einmal mit einer Enttäuschung konfrontiert. In der Gewissheit, dass sie vom Schicksal eine Gelegenheit bekommen haben, alte Dinge gerade zu rücken, blühen die Damen regelrecht auf. Diese Euphorie erhält dann einen Dämpfer, wenn sich der Irrtum offenbart. Beide Darstellerinnen schaffen es derart überzeugend, diesen Moment zu spielen, dass jeder Zuschauer sich wünscht, dies wäre nur ein weiteres Missverständnis. Als die beiden dann aber erkennen, welche Chance sich daraus ergeben hat, freut man sich umso mehr zu sehen, wie aus dem Nichts eine Chemie entsteht, wie es sie nur ganz selten gibt.

Das Band, dass die Geschichten verbindet

Was die Kurzgeschichten gemein haben, ist eine erstaunliche Balance aus einer japanozentrischen Situation und ihrer universellen Gültigkeit. Außerdem sind die Dialoge voll mit ambivalenten Aussagen, die nachdenklich stimmen und beim Zuschauen dutzende verschiedene emotionale Stationen durchlaufen lassen. Die Trilogie hat jeweils starke Frauenfiguren im Mittelpunkt, die von sehr versierten Schauspielerinnen verkörpert werden, die ihren Rollen ein Höchstmaß an Authentizität und Nahbarkeit verleihen. Immer wieder gelingt es Hamaguchi in Wheel of Fortune and Fantasy mit unerwarteten Wendungen zu überraschen und gekonnt die Voreingenommenheit des Publikums bloßzustellen. Dabei sind die Enden zwar interpretationsoffen, aber allesamt entlassen den Zuschauer mit einem positiven Gefühl. Mal ist es Dankbarkeit, mal Genugtuung. Und der Abschluss der letzten Episode ist mit das Herzergreifendste, was man die letzten Jahre sehen durfte!

Unser Fazit zu Wheel of Fortune and Fantasy

Schon einzeln sind die Drittel von Wheel of Fortune and Fantasy voll mit zeitgemäßen Diskussionsansätzen, die Autor Hamaguchi in perfekt geschriebene Situationen verpackt hat. Die Einzelschicksale gehen unter die Haut. Die Geschichten berühren und ihre Ambivalenz ist beispiellos. Gepaart mit Gänsehautdialogen und Ausnahmeschauspielern wird das Episodendrama zu einem intensiven filmischen Erlebnis, dessen optimistisch stimmender Ausklang einen gut und gerne mal die Schattenseiten des Alltags vergessen lässt.

Wheel of Fortune and Fantasy lief im Wettbewerb der Berlinale 2021. Ein Kinostart ist noch nicht bekannt.

Unsere Wertung:

 

 

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© 2021 Neopa/Fictive

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