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Wir Soundtrack von Michael Abels

Mit Wir gelang Jordan Peele ein weiterer Horror-Hit, der Kritik wie Publikum begeisterte. Ist der Soundtrack von Michael Abels genauso interessant und gruselig geworden wie der Film selbst? Hier könnt ihr es nachlesen!

Musik komponiert & produziert von
Michael Abels
Dirigiert von
Edie Lehmann Boddicker
Orchestriert von
Michael Abels, Jonathan Beard,
Edward Trybek & Henri Wilkinson
Ergänzende Musik & Arrangements von
John Cantú, David Das
& Orlando Perez Rosso

Wir Soundtrack von Michael Abels

2017 hatte ich den Score zu Get Out weder im Ganzen besprochen noch in der Best-Of-Liste des Jahres erwähnt. Rückblickend hätte ich das jedoch tun sollen, denn Michael Abels hatte Großartiges geleistet. Get Out war die erste Filmarbeit des Klassik- und Chor-trainierten Komponisten und auf Anhieb ein beeindruckender Beweis seines Talents. JEDER hat noch den unheimlichen Swahili-Chor des Vorspanns oder die herrlich altmodischen Horror-Geigen im Kopf. Für Wir, den zweiten Film von Horror-Talent Jordan Peele, ist er ebenfalls wieder dabei. Das Ergebnis ist gewissermaßen eine logische Weiterentwicklung der Stilistiken von Get Out – und ebenfalls ein tolles Werk!

Der Film bietet schräge, Gänsehaut erregende Bilder. © Universal Pictures
Der Film bietet schräge, Gänsehaut erregende Bilder. © Universal Pictures

Ein nachdrücklicher Chor

Auch hier werden Sänger für das Hauptthema verwendet, vorgestellt in „Anthem“. Ein kindlich klingender gemischter Chor singt „Fake-Latein“, immer kräftiger werdend und im weiteren Verlauf von Trommeln, Klangschalen und Streichern unterstützt. Ein irgendwie spielerischer und zugleich gruseliger Einstieg, absolut meisterhaft und stimmungsvoll. Diese Idee wird auch in anderen Titeln aufgegriffen. Man hört den Chor in „Beach Walk“, am Ende von „Home Invasion“ (diesmal viel bedrohlicher und endgültiger) und richtig klasse eingesetzt kurz vor Schluss von „Escape to the Boat“. Mit einer anderen Melodie und Rhythmus kehrt der Chor in „Immolation“ zurück, abgehackt in „Battle Plan“, mit kräftigen, entschlossenen Streichern und langsam und dramatisch in „Finale“.

Die „Anthem“-Melodie selbst wird auch ohne Chor verwendet, sehr friedlich und schön auf Klavier mit sanften Streichern in „Outernet“ und „Finale“. Chor ist auch in anderen Titeln präsent, mit leisen „Uuuh“s in „Keep You Safe“, tückisch in „Boogieman‘s Family“, etwas gruseliger in „Once Upon A Time“ und geradezu höllisch in „Performance Art“. In „Human“ wechseln die Stimmen zu „Aaah“, zwar sanft, aber immer noch unheimlich.

Gruselige Klänge

Der Rest des Scores setzt sich größtenteils aus einem Streicher-Orchester mit Percussion-Unterbau zusammen. Tracks wie „Spider“, „Ballet Memory“, „Back to the House“, „She Tried To Kill Me“ und „First Man Standing“ sind unterschwellig und angemessen gruselig. Die Streicher sind stets langgezogen und zeigen Abels Wurzeln in der Klassik, aber auch seine Kenntnis von traditionellen Horror-Konventionen. „Don‘t Feel Like Myself“ ist viel düsterer, mit mehr Betonung auf Celli, was sich wie ein unangenehmer Klagelaut aus einer anderen Welt anhört. Mit „Home Invasion“ werden die Streicher schriller und auch andere Klangkörper sowie Trommeln sind nun endgültig im Oldschool-Horror angekommen. Die Streicher erinnern an Bernard Hermanns „Psycho“. Wie Michael Abels sie hier jedoch einsetzt und strukturiert, wirkt angenehm frisch und einfallsreich.

Run“ präsentiert abgehackte und an einen Horror-Marsch mahnende Streicher, welche an John Carpenters „Halloween“ denken lassen. Hier kommt wirklich pure Nostalgie zu einigen klassischen Horror-Scores auf, so herrlich altmodisch klingt das, gegen Ende auch mit etwas, was klingt wie ein schiefes Cembalo. „Into the Water“ mischt Elemente des „Run“-Marsches mit schrill-quietschenden Streichern, gegen Ende auch mit Pauken. In „Spark in the Closet“ werden diese Streicher schneller und vielschichtiger, auch hier von rollenden Pauken unterstützt und am Schluss sehr laut und kräftig.

Überraschende Stilmischung

„Femme Fatale“ sticht da plötzlich heraus, denn man fühlt sich in einen klassischen Old-Hollywood-Film zurückversetzt, derart romantisch ausschweifend und schön erklingen hier die Streicher im Zusammenspiel mit Harfe. Das ändert sich jedoch schnell und kehrt in das schrill-düstere Horror-Muster zurück. „Silent Scream“ stellt zum ersten Mal im Score Blechbläser vor, allerdings nur kurz, die Streicher hier klingen wie ein wütender Bienenschwarm. „News Report“ erinnert mit seinem extremen Ende an James Newton Howards „Signs“, „Zora Drives“ lässt gehämmerte Dulcimer erklingen und wird zu einem Action-Titel! In „Death of Umbrae“ schließlich legt sich das auch als „Hackbrett“ bekannte Instrument über schrille Streicher und einerseits sphärischen, andererseits auch nach Hölle klingendem Chor.

Down the Rabbit Hole“ klingt mit Streichern und klackernden Percussion ebenfalls tückisch, mit einem kräftigen, flotten Beat. „Human“ gibt sich mit seinem Chor sehr unheimlich, die Stimmen haben so etwas unabwendbares und andersweltliches, beinahe schon verstörend sakrales an sich. „Battle Plan“ lässt kräftige, entschlossene Streicher als Puls für das Anthem-Statement dienen, „They Can‘t Hurt You“ klingt sehr erleichtert und versöhnlich, mit leisem Klavier-Einsatz, und „Finale“ führt alle herausstechenden Eigenschaften des Scores noch einmal zusammen.

I Got 5 On It

Und dann muss man natürlich noch über „I Got 5 On It“ sprechen, denn dieser musikalische Aspekt blieb bei den Zuschauern mit Sicherheit am meisten hängen! Der Hip-Hop Song von 1995 von Luniz (feat. Michael Marshall) wurde bereits in den Trailern eingesetzt, mit schnippsenden Fingern und unheimlichen Stimmen schön verfremdet. In Film und Score selbst verwendet Abels jedoch den Rhythmus mit tückisch-ironischen Streichern und lautem, mächtigem Dröhnen in „Pas De Deux“. Was dabei herauskommt, ist ebenso memorabel wie angsteinflößend! Wer genau hinhört, kann im Film auch eine nahezu nicht erkennbare Version von Tschaikowskis „Nussknacker“ vernehmen. Wie Abels den Song auch im letzten Titel noch arrangiert, könnte das Stück ebenso sehr gut in ein „Silent Hill“-Spiel passen!

Fazit zum Wir Soundtrack

Nach Get Out war ich sehr neugierig auf Michael Abels‘ nächsten Score, und der Wir Soundtrack ist definitiv ein weiterer Hit in seiner Vita. Der Anthem-Chor ist großartig und wird dem Hörer noch lange im Gedächtnis bleiben. Die Orchestrierung scheint sich zwar beim ersten Lauschen nur auf Standard-Horror-Konventionen zu beschränken, aber schnell wird klar, wie viel Gedanke und Kreativität hier dahinger steckt! Der Horror ist mal unterschwellig, mal brachial, und an anderen Stellen überraschend schön und lyrisch. Mit 4/5 Punkten ist der Wir Soundtrack eine klare Empfehlung, allerdings hoffe ich, dass Abels auch abseits von Jordan Peeles Filmen für andere Genres angeheuert wird. Ich würde zu gerne hören, was er zum Beispiel mit einem Action- oder Science Fiction-Film alles anstellen könnte…

Zum Abschluss noch einige Anspieltipps:

  • Anthem – 2:57 [Track 1]
  • Keep You Safe – 1:36 [Track 10]
  • Don’t Feel Like Myself – 2:00 [Track 11]
  • Boogieman’s Family – 1:25 [Track 13]
  • Home Invasion – 4:11 [Track 14]
  • Femme Fatale – 2:13 [Track 20]
  • Zora Drives – 1:42 [Track 23]
  • Down the Rabbit Hole – 2:34 [Track 26]
  • Human – 4:03 [Track 28]
  • Pas De Deux – 2:51 [Track 30]
  • Finale – 3:05 [Track 33]
  • I Got 5 On It (Luniz, Thethered Mix from US) – 1:43 [Track 35]
Us (Original Motion Picture Soundtrack)
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© Universal/Backlot Music

Lasse Vogt

Schon als Kind habe ich jeden Film in mir aufgesogen, und diese Leidenschaft hat sich gehalten. Heute habe ich ein abgeschlossenes Film-Studium, bin selbst Regisseur, Autor, Kritiker auf Youtube (TheDeppert) und schreibe über Filmmusik auf meinem Blog scoregeek.wordpress.com. Außerdem bin ich als Podcaster tätig und habe in meiner Show "Fans About Films" viele Film-Fans sowie Komponisten zu Gast. Ich LEBE Filme - und ich freue mich, dass ich damit nicht allein bin.

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