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Kuttachan, mit einer starken Stirnlampe und einem Stock bewaffnet, hat den Stier nachts gestellt - Zorn der Bestien - Jallikattu

Zorn der Bestien – Jallikattu

Nach 2019 wurde Zorn der Bestien – Jallikattu ein zweites Mal im Programm des SHIVERS Film Festival aufgenommen. Ob die indische Groteske wirklich derart lohnenswert ist, erfahrt ihr in unserer Review!

Jallikattu – trailer | IFFR 2020

TitelZorn der Bestien – Jallikattu (OT: Jallikattu)
Jahr2019
LandIndien
RegieLijo Jose Pellissery
DrehbuchS. Hareesh, R. Jayakumar
GenreAction, Komödie
DarstellerAntony Varghese, Chemban Vinod Jose, Santhy Balachandran, Sabumon Abdusamad, Jaffar Idukki, Tinu Pappachan, Thomman Kunju, Rajkumar, Prasanth, Soniya
Länge95 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihIndeed Film
Einige der Dorfbewohner haben den Stier umzingelt, weichen aber zurück - Zorn der Bestien - Jallikattu
Der entflohene Stier stellt die Dorfbewohner vor große Probleme © Indeed Film

Die Handlung von Zorn der Bestien – Jallikattu

In einem abgelegenen indischen Dorf einer christlichen Gemeinde in den Bergen entwischt dem Schlachter Kalan (Chemban Vinod Jose) eines Morgens ein Stier. Dieser verwüstet einige Häuser und Felder, weswegen die Männer des Dorfes zusammenkommen, um Kalan und seinen Sohn Antony (Antony Varghese) bei der Jagd zu unterstützen. Doch nicht nur die Schäden versetzen die Bewohner in Aufruhr, auch das bei allen beliebte Rinderhack läuft nun mit dem Stier davon. Gerade der angesehene Kuriachan (Jaffar Idukki) braucht es dringend für die Hochzeitsfeier seiner Tochter. Doch das stämmige und ungestüme Tier lässt sich nicht einfangen. Der örtliche Polizeichef (Tinu Pappachan) möchte sich nicht einmischen, da die Schlachtung von Rindern illegal ist.

Als der Druck auf Kalan größer wird, lässt er nach seinem ehemaligen Mitarbeiter Kuttachan (Sabumon Abdusamad) rufen, der wegen Diebstahls von der Gemeinschaft verstoßen und ins Exil geschickt wurde. Er genießt dennoch unter den Männern des Dorfes als mutiger Draufgänger und Weiberheld großes Ansehen. Sie feiern sein Eintreffen und kommen allen seinen Forderungen nach. Nur Antony stößt seine Anwesenheit sauer auf, denn sie buhlten einst um die selbe Frau, und nur das Exil des Widersachers trieb sie schließlich in seine Arme. Es entbrennt wieder ein Wettstreit unter beiden Männern. Bei einer nächtlichen Treibjagd fällt der Stier dann in eine Abfallgrube, sein Ende scheint besiegelt. Aber Antony hindert Kuttachan daran, das gefangene Tier zu erschießen. Er besteht darauf, das Tier lebendig aus der Grube zu bergen und mit eigenen Händen zu töten…

Eine Vielzahl von Problemen

Zorn der Bestien – Jallikattu ist einer dieser Filme, die es scheinbar mühelos schaffen, eine ganze Bandbreite von ernsten Themen in einen nur anderthalbstündigen, fesselnden Unterhaltungsfilm zu packen. Die Problematik des im Umfeld des Dorfes herumwütenden Stiers geht natürlich auf das gesetzliche Schlachtverbot von 2017 zurück, wonach viele Bauern die Rinder einfach von ihrem Grund vertrieben haben, weil die Unterhaltung eines damit nutzlos gewordenen Tiers ihnen zu teuer ist. Im abgelegenen Handlungsort des Films finden die Schlachtungen weiter statt, Regierung und Staatsgewalt scheinen hier wenig Einfluss zu haben. Die örtliche Polizei setzt sich aus vier Beamten zusammen, die gar nicht erst versuchen, hier einzugreifen. Zumal scheinen fast alle im Dorf nicht auf ihr geliebtes Rinderhack verzichten zu wollen, denn das Frischfleisch wird als ein Privileg und Zeichen des Wohlstands angesehen.

Dies ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Auf seiner Flucht richtet das Tier teils großen Schaden an, was einige Bewohner gegen den Schlachter Kalan, eigentlich ein angesehener Mann, aufbringt. Doch auch untereinander brechen lange schwelende Konflikte auf, vor allem die Familien-Clans wollen in dieser Situation ihren Einfluss festigen oder mehren. Wo sich die Polizei nicht um die Schlichtung der Streitigkeiten bemüht, glänzt auch der Pfarrer der Gemeinde mit Abwesenheit, solange sein Auskommen an Hackfleisch gesichert ist. Allerdings rückt die Kirche in den Fokus der Kritik, da sie am Rande der Ortschaft eine Monokultur an Palmöl-Pflanzen betreibt, die den Boden auslaugt und Erosion begünstigt. Gleichzeitig wurde der umliegende Wald als Rohstoffquelle über die Jahre stark geschröpft, was auch die Bewegungsfreiheit des geflohenen Stiers begünstigt.

Viele Männer folgen den Jäger Kuttachan durch den Wald - Zorn der Bestien - Jallikattu
Die meisten Männer folgen dem Verstoßenen Kuttachan… © Indeed Film

Revierstreitigkeiten unter den Rudelführern

Diese ganzen Konflikte, die bei der Flucht des Stiers an die Oberfläche gespült werden, entfachen unweigerlich Hahnenkämpfe unter den Alphamännchen in der patriarchalen Hierarchie der Dorfgemeinschaft. Die Frauen der Kommune haben dafür nur spöttischen Tratsch übrig oder wenden sich angewidert ab. Die Tochter von Kuriachan versucht sogar, die Gelegenheit zu nutzen, um mit ihrem Freund vor der arrangierten Hochzeit zu fliehen.

In einem scheinen sich jedoch alle Männer des Dorfes einig – die Feindseligkeiten, die durch die Flucht des Stieres entfacht wurden, können nur mit dem Tod des Tieres beendet werden. Doch in Person der Rivalen Antony und Kuttachan, dem angesehenen Schlachtersohn und der bewunderte Außenseiter, stehen sie sich dabei nur selbst im Weg. Denn die in der Jagd geeinte Masse lässt sich mal von dem einen und mal von dem anderen beeinflussen.

Als der Exilant heimkehrt und am ersten Abend mit einem Gewehr in den Wald zieht, herrscht fast so etwas wie Volksfeststimmung. Auch als der Stier im Loch festsitzt und Antony darauf besteht, ihn lebend zu bergen, feiern sie ausgelassen am Ort des Geschehens. Doch dann läuft die waghalsige Bergung schief, das wütende Tier kann entkommen und die Stimmung kippt. Folglich stehen sich die beiden Kontrahenten nun auch gewaltbereit gegenüber und die ausgelassene Masse wird zu einem Lynchmob, dem jedes Mittel recht ist, den Stier zur Strecke zu bringen. Der Kampf gegen den Stier („Jallikattu“ bedeutet „Stierkampf“) wird zum existenziellen Kampf um die eigene Männlichkeit.

Einige Männer folgen Antony in den Wald - Zorn der Bestien - Jallikattu
… und nur wenige folgen Antony © Indeed Film

Zorn der Bestien – Jallikattu ist auch ein Fest für die Sinne

Regisseur Lijo Jose Pellissery beginnt seinen Film im Rhythmus der Gemeinde, der noch vor dem Sonnenaufgang vom beginnenden Tagewerk des Schlachters bestimmt scheint. Die Idee, hier aus den monotonen Arbeitsgeräuschen einen Beat zu generieren, erinnert an die South Park Folge „Wer hat zuerst gerochen?“, in der in ähnlicher Weise der Weg des Goldes aus den Produkten eines Shoppingsenders veranschaulichend vertont wird. Gleichwohl nutzt Pellissery diese Montage nicht nur, um die Bedeutung des illegalen Fleischhandels für die Gemeinde zu verdeutlichen, sondern auch, um einen kongenialen Einstieg in den Film zu gewährleisten. Denn Zorn der Bestien – Jallikattu läuft von da an präzise wie ein Uhrwerk.

Doch nicht nur das Sounddesign erweist sich als erstklassig. Die Optik des Films präsentiert sich als gleichsam umwerfend, braucht sich vor groß-budgetierten Produktionen aus Hollywood nicht zu verstecken. Die Kamera befindet sich bei den Begegnungen mit dem Stier immer nah beim Geschehen, folgt ihm durch die Felder und durch den Wald, gerne auch mal in der Ego-Perspektive. Es ist teils unglaublich, wie echt sich dadurch die Jagd auf das herumwütende Tier anfühlt, als wäre man wirklich mitten im Geschehen. Wenn sich dann die Männer zusammenrotten und zuerst mit Taschenlampen und später mit Fackeln losziehen und sich durch den nächtlichen Wald bewegen, hält die Kamera dies in geradezu atemberaubenden Bildern fest. Das sind Bilder für die Ewigkeit, die sich im Gedächtnis ob ihrer unglaublichen Schönheit festbrennen.

Im nächtlichen Wald hat die Jagdgesellschaft eine Winde gebaut, um den Stier aus der Grube zu holen - Zorn der Bestien - Jallikattu
Nur die Jagd auf den Stier eint sie © Indeed Film

Unser Fazit zu Zorn der Bestien – Jallikattu

Lijo Jose Pellissery lieferte hier einen Film ab, der formal wie auch inhaltlich erstklassig auftrumpft. Er vermischt hierin meisterhaft die aktionsreiche Jagd auf den Stier mit weitreichender Gesellschaftssatire. Diese äußert sich vor allem, aber nicht nur, in einem grotesken Zerrbild männlichem Geltungsbedürfnis. Die Art und Weise, wie sich hier mit der Jagd auf ein entflohenes Tier eine scheinbar einfache Sache verselbständigt, wird fintenreich erzählt. Wie sich Abgründe innerhalb der Gemeinschaft auftun, was schließlich alle Männer des Dorfes an den Rand der Raserei treibt, ist fesselnd inszeniert und mit einem bissigen, bisweilen sogar sehr ätzenden Humor unterlegt.

Zorn der Bestien – Jallikattu setzt allerdings ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit voraus. Denn ansonsten besteht die Gefahr, den Überblick zu verlieren. Dann droht man, von der Opulenz und der vielschichtigen Erzählung, die schließlich im Wahnsinn mündet, erschlagen zu werden. Wer dem aufgeschlossen ist und nicht fälschlicherweise einen Tierhorrorfilm o.ä. erwartet, wird mit einem der schönsten, fesselndsten, aber auch fiesesten Filme der letzten Zeit belohnt.

Eine deutsche Ausgabe auf Blu-ray und DVD erscheint am 30. Juli 2021 durch Indeed Film!

Unsere Wertung:

 

 

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© Indeed Film

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