Nach Booksmart kam Olivia Wilde’s zweite Regiearbeit, Don’t Worry Darling gemeinhin nicht gut weg – und hatte mehr Schlagzeilen wegen der äußeren Umstände denn positive Resonanz nach sich gezogen. Nun kommt der neue Film The Invite in die Kinos und soll den Karriereknick direkt wieder ausgleichen.
Darum geht’s in The Invite
Nach 15 Jahren Ehe steckt die Beziehung von Angela (Olivia Wilde) und Joe (Seth Rogen) in der Krise. Gemeinsame Abendessen mit anderen Paaren gab es schon lange nicht mehr. Als Angela spontan die Nachbarn aus der Wohnung über ihnen einlädt, zeigt sich, dass Pina (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton) ihnen mehr Sympathie entgegenbringen als die distanzierten Begegnungen im Fahrstuhl bislang vermuten ließen. Was als geselliger Abend mit Smalltalk über Käse, Wein und Inneneinrichtung gedacht war, entwickelt sich zu einer aberwitzigen Achterbahnfahrt der Gefühle. Wer spielt hier mit wem, und wer wird am Ende die Kontrolle verlieren?
Das Regie-Comeback des Jahres
Bei Olivia Wildes Vorgängerfilm stand bei dessen Premiere in Venedig längst nicht mehr allein die Qualität des Films – etwa das unausgegorene Drehbuch oder die dünnen Figurenzeichnungen – im Mittelpunkt. Vielmehr entwickelte sich die Produktion zu einem PR-Debakel für alle Beteiligten. Streitigkeiten am Set, die angebliche Harry-Styles-/Chris-Pine-Spuckaffäre oder Florence Pughs weitgehende Distanzierung während ihres Auftritts am Lido dominierten die Berichterstattung. Für viele schien dies bereits das nahende Karriereende Wildes als Regisseurin in Hollywood zu bedeuten.
Fast vier Jahre sollten vergehen, ehe Wilde mit einem neuen Film auf die Kinoleinwand zurückkehrt. Deutlich kleiner angelegt, stärker im Arthouse-Bereich verortet und mit wesentlich überschaubarerem Maßstab. Ihr neues Projekt The Invite wurde bereits beim Sundance Film Festival 2026 begeistert aufgenommen, löste einen Bieterwettstreit unter mehreren Verleihern aus und landete schließlich bei A24, das sich die Rechte Berichten zufolge für über 12 Millionen US-Dollar sicherte. Wilde bestand darauf, den Film regulär ins Kino zu bringen.
Und diese Entscheidung erweist sich als die richtige. Wilde verfolgt für ihre romantische Komödie ein klar fokussiertes Konzept und nutzt die Wohnung von Angela und Joe in all ihren Facetten, um ein Kammerspiel zu inszenieren, das jedem Raum Atmosphäre und Leben verleiht.
Wildes Trumpfkarte: Adam Newport-Berra
Adam Newport-Berra zählt derzeit zu den stärksten Kameramännern des Independent-Kinos. Sein Portfolio umfasst bereits visuell beeindruckende Werke wie Blink Twice, The Last Black Man in San Francisco, Splitsville und den noch ausstehenden Cannes-Hit Club Kid.
In The Invite erweist sich das Zusammenspiel zwischen Berra und Wilde als außergewöhnlich präzise. Das Blocking ist bis ins Detail durchdacht und erzählt bereits auf der räumlichen Ebene viel über die Dynamik der Figuren. Die Farbgestaltung harmoniert mit den Kostümen, die Beleuchtung spiegelt die emotionalen Zustände der Charaktere wider und jeder Winkel der Wohnung sorgt für visuelle Abwechslung. Kammerspiele leiden häufig darunter, dass sie im Verlauf optisch eintönig werden und ihre Inszenierung zunehmend zweckmäßig wirkt. Das trifft auf The Invite jedoch keineswegs zu. Der Film zählt zu den visuell ausgereiftesten Kammerspielen der vergangenen Jahre, nicht zuletzt dank der technischen Finesse von Berras Kameraarbeit, des exzellenten Set-Designs und des hervorragenden Schnitts von Lanthimos-Stammcutter Yorgos Mavropsaridis.
Ein exzellentes Ensemble
Die größte Strahlkraft des Films entfaltet sich letztlich aber durch seinen Cast: Olivia Wilde inszeniert sich selbst schonungslos als verklemmte Angela, die ihre Unzufriedenheit nur schwer verbergen kann, permanent darauf bedacht ist, wie sie und Joe von außen wahrgenommen werden, und sich unermüdlich bemüht, die perfekte Gastgeberin zu sein. Mit großen, weit aufgerissenen Augen gelingt es ihr gleichermaßen, intensive wie subtile Schauspielmomente eindrucksvoll zu transportieren.
Seth Rogen spielt ihren flapsigen Ehemann Joe, der zunächst den für ihn typischen, mittelständischen amerikanischen Kreativen verkörpert, der seinen Träumen hinterhertrauert. Im weiteren Verlauf entwickelt seine Darstellung jedoch eine zunehmend zynische, zugleich aber auch einfühlsamere Note. Beide harmonieren sowohl in ihren emotionalen Ausbrüchen als auch in den späteren, ruhigeren Momenten. Allein in der ersten Viertelstunde tragen sie den Film mühelos, noch bevor der eigentliche Besuch überhaupt eintrifft.
Ihre Nachbarn Pina (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton) verkörpern zunächst das genaue Gegenteil. Sie wirken ruhig, aufgeschlossen, weltoffen und spirituell, beinahe wie zwei Menschen, die vollkommen im Einklang miteinander stehen. Die Unterschiede zwischen den beiden Paaren werden schnell deutlich, und das Drehbuch spielt diese Gegensätze gekonnt gegeneinander aus. Ob subtile, sexuell aufgeladene Gesten oder direkte Spitzen auf Kosten des Gegenübers, jede Begegnung offenbart neue Spannungen. Am spannendsten wird es jedoch, sobald sich die Paare voneinander trennen und jeweils mit einer anderen Person zusammentreffen. Die etablierten Archetypen werden dabei clever aufgebrochen und erhalten die notwendige Tiefe, um die inhaltlichen Stärken des finalen Akts überzeugend vorzubereiten.
„Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“
Während die visuelle Präsentation beeindruckt, verleihen Rashida Jones und Will McCormack dem Film mit ihrem gemeinsamen Drehbuch die entscheidende Handschrift. Zunächst begegnet das Publikum zwei Paaren, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Pina und Hawk wirken kommunikativ, sensibel im Umgang miteinander, sexuell erfüllt und scheinen die Bedürfnisse ihres Gegenübers bewusst wahrzunehmen und zu respektieren. Bei Angela und Joe hingegen ist die Beziehung von Anspannung geprägt. Ihre Kommunikation basiert auf Ignoranz, Wut, Selbstmitleid und dem ständigen Zuschieben von Schuld. Unweigerlich stellt sich die Frage, warum die beiden überhaupt noch zusammen sind. Die Antwort liefert der Film selbst: Sie haben eine gemeinsame Tochter und fürchten, dass eine Scheidung ihr schaden könnte, obwohl das Festhalten an einer längst zerrütteten Beziehung ebenso schwerwiegende Folgen haben kann.
Im weiteren Verlauf beschränkt sich die Handlung nicht nur auf die Frage, warum Beziehungen funktionieren oder scheitern, sondern setzt sich ebenso mit den unterschiedlichen Formen moderner Partnerschaften auseinander. Pina und Hawk offenbaren, dass sie ihre Beziehung bewusst offen gestalten und Intimität mit anderen Menschen als Bereicherung ihrer Partnerschaft verstehen. Während sie offen und selbstverständlich davon erzählen, spiegeln die Reaktionen von Angela und Joe ihre Prüderie, Verunsicherung und die tief verankerten Vorstellungen einer heterosexuellen, monogamen Beziehung wider. Der Film legt damit die Starrheit klassischer Beziehungsmuster ebenso offen wie deren mangelnde Offenheit für alternative Lebensentwürfe, gleichzeitig aber auch die gesellschaftliche Unsicherheit und Absurdität, mit der über solche Themen gesprochen wird.
Jones und McCormack vermeiden es dabei, eine Seite zu idealisieren. Vielmehr arbeiten sie die Widersprüche beider Lebensmodelle heraus, denn letztlich offenbaren sich alle vier Figuren als fehlerhafte Menschen. Gerade darin liegt die Stärke des Drehbuchs. Es macht deutlich, dass es in Beziehungen weder den einen richtigen noch den einen falschen Weg gibt.
Der Film ist eine Neuverfilmung des spanischen Filmes Sentimental von Cesc Gay(2020) basierend auf dessen Theaterstück Els veïns de dalt / Los vecinos de arriba. Eine deutschsprachige Neuverfilmung entstand mit Die Nachbarn von oben (2023) von Sabine Boss.
© Tobis Film
Unser Fazit zu The Invite
Olivia Wilde gelingt ein fulminantes Comeback. Und was für eines. Sie sperrt sich gemeinsam mit drei weiteren Darsteller in einen einzigen Raum und entfaltet ein Kammerspiel, das das Publikum gleichermaßen zum Lachen, zum Fremdschämen und schließlich zum Reflektieren bringt.
Sie erzählt eine zynische, aber zugleich realitätsnahe Geschichte über die Probleme, die langjährige und moderne Beziehungen mit sich bringen. Der Mensch, den man über viele Jahre kennengelernt und ins Herz geschlossen hat, verändert sich. Er wird unzufriedener mit sich selbst und seinem Leben, sieht die Familie nicht mehr als sicheren Hafen im Sturm, sondern als einen weiteren Sturm, dem es zu entkommen gilt. Seth Rogens Joe leidet im Film unter chronischen Rückenproblemen, ein körperliches Symptom, das die emotionale Misere seiner Figur kaum treffender widerspiegeln könnte.
Zwar lassen sich Beziehungsdynamiken verändern und durch neue Erfahrungen oder sexuelle Fantasien wiederbeleben, doch bleibt dabei stets ein Gefühl der Künstlichkeit bestehen, als würde man verzweifelt versuchen, etwas Zerbrechliches zusammenzuhalten. Wildes Botschaft fällt entsprechend bittersüß aus: Den Menschen, den man liebt, liebt man in unterschiedlichen Lebensphasen und Facetten. Manchmal besteht die eigentliche Herausforderung darin, zu erkennen, welche dieser Formen noch miteinander vereinbar ist.