Tom Holland ist in diesem Jahr in mehreren Sommerblockbustern dabei, aber der größte Druck wird auf dem vierten Solo-Abenteuer seines Spider-Man liegen. Ist Brand New Day wieder ein Fest für Fans des Spinners oder reiht sich das neueste Comic-Abenteuer in eine Reihe von unterwältigenden Genre-Einträgen ein?
Darum geht’s in Brand New Day
Ein neuer Tag bricht für Peter Parker an. Als Spider-Man stellt er sich nun in Vollzeit dem Verbrechen entgegen – in einer Welt, die sich nicht mehr an ihn erinnert. Während er mitansehen muss, wie seine einstigen Freunde ihr Leben ohne ihn weiterführen, gerät Peter zunehmend unter Druck. Dabei setzt eine tiefgreifende Veränderung in ihm Kräfte frei, die er möglicherweise nicht kontrollieren kann. Doch diese Verwandlung könnte auch das Einzige sein, was eine schockierende neue Bedrohung für die Stadt und die Menschen, die er liebt, aufzuhalten vermag: Einen mächtigen Bösewicht, den niemand sehen kann.
Wo stehen wir grad im MCU?
Brand New Day – das klingt doch tatsächlich nach einer Art Neustart. Doch wirklich längere Pausen gab es im Marvel Cinematic Universe trotz aller viel beschworener Superhelden-Müdigkeiten des globalen Kinopublikums noch immer nicht. Gleichzeitig sind die richtig großen Hits und tatsächliche Ausrufezeichen wie in frühen Tagen des gigantischen Kinouniversums, das einst mit Iron Man seinen Anfang nahm und inzwischen mitsamt den Serienprojekten auf um die 50 Titel angewachsen ist, in den vergangenen Jahren ausgeblieben.
Der wirklich letzte Paukenschlag dürfte tatsächlich der dritte Holland-Spider-Man No Way Home gewesen sein, vielleicht kann man Deadpool & Wolverine noch in die Erfolgsriege zählen. Doch abgesehen davon blieb seit dem Mega-Hit Avengers: Endgame wenig hängen: Der zweite Black Panther-Teil konnte nicht an den Anklang des Erstlings heranreichen, Guardians of the Galaxy 3 kam zwar beim Publikum gut an, aber im Nachgang hinterließ auch der Abschied dieser Crew keinen allzu großen Eindruck. Die benannten Titel waren immerhin aber noch Achtungserfolge an den Kassen und hielten die Flamme am Lodern.
Wiederum den gegenteiligen Effekt und den Kritikern Futter gegeben hatten beispielsweise The Marvels, der vierte Teil der Thor-Reihe und Doctor Strange 2 – von Ant-Man: Quantumania ganz zu schweigen. Die Wende einleiten sollten dann im Jahr 2025 drei Filme (Thunderbolts*, Captain America Brave New World und Fantastic Four) – doch keiner erfüllte die Erwartungen, sodass der Druck auf das, was 2026 an alte Erfolge anschließen soll, ungleich größer wird.
Holt Spidey die Kohlen aus dem Feuer?
Der erste (Kino)film des MCU in 2026 ist nun also Spider-Man: Brand New Day, der gleich mehrere undankbare Aufgaben – aber eben auch unglaublich gute Ausgangsbedingungen hat. Da ist auf der einen Seite das Erbe des Spider-Multiverse-Treffens No Way Home, der nicht nur eine kleine, für sich genommene Trilogie abgeschlossen hatte, fast zwei Milliarden Dollar weltweit einspielen konnte und mit seinem Ende den Reset-Knopf für die Tom Holland-Inkarnation gedrückt hat. Auf der anderen Seite ist dann da auch die Challenge, einerseits für sich zu stehen und andererseits auch das möglicherweise wahnwitzigste MCU-Projekt bis dato, Avengers: Doomsday vorzubereiten.
Was wiederum den Druck vom Kessel nimmt, ist einerseits, dass die Stars dieses vierten Solo-Abenteuers inzwischen auf einem Status angekommen sind, dass der Hype ungeachtet des tatsächlich dann vorzufindenden Qualitätsniveaus auf dem allerhöchsten Level ist. Und auf der inhaltlich qualitativen Ebene haben die vergangenen, eher durchschnittlich besprochenen Filme dafür gesorgt, dass die Messlatte inzwischen doch merklich nach unten gewandert ist, was Comic-Verfilmungen angeht.
Aber wo steigen wir jetzt explizit auf die Peter Parker-Figur, die Tom Holland seit seinem Debüt in Captain America: Civil War nun zum siebten Mal spielt, bezogen ein? Nun, wie oben beschrieben, hat der Protagonist mit seiner Entscheidung, sich aus dem kollektiven Gedächtnis quasi zu löschen, am Ende von No Way Home die Uhren auf Anfang gestellt. Das wiederum bedeutet für seine Funktion innerhalb des MCU, dass man Spider-Man nun nochmal neu interpretieren kann, ohne direkt einen weiteren Schauspieler in die Rolle casten zu müssen.
Schnell wurde dann anhand der Berichte zu den Dreharbeiten von Brand New Day, durch diverse Casting-News und spätestens mit dem ersten Trailer-Material klar, dass man dies als Chance begreifen und den Fans geben will, was sie sich lange vergeblich gewünscht haben: endlich einen Spidey, der nicht das ganze Universum vor intergalaktischen Schurken retten muss und bei dem das ganze Highschool-Leben nur als Sidenote anhaftet, sondern einen, der „nur“ New York als seine Heimat beschützt – man spricht hier immer gern von „Streetlevel Superhero“.
Peter braucht noch immer eine Bezugsperson mit Skills
Waren die bisherigen drei Holland-Spider-Man-Film für sich genommen auch eine weitgehend geschlossene Trilogie, so gab es ein Element, dass diese Filme verband und noch auch wieder in Brand New Day Einzug findet: Peters Mentorenfiguren im Gewand von bereits im MCU etablierten Helden. Anfangs nahm Tony Stark den noch sehr jungen Schüler unter seine Fittiche, dann nutze Mysterio Tonys Ableben, um diese Lücke bei Peter zu füllen ehe sich dann – mit durchwachsenem pädagogischen Effekt – Doctor Strange als Peters Bezugsperson aus der Superheldenriege anschloss.
Was nun also schon nochmal den Streetlevel-Aspekt unterstreicht, ist, dass ausgerechnet Frank Castle a.k.a. der Punisher (Jon Bernthal) diese Aufgabe übernimmt, wobei hier schon mal ein Schritt in Richtung Erwachsenwerden von Peter gegangen wird, weil diese sehr gelungene Figurenbeziehung mehr auf Gegenseitigkeit denn auf Hierarchie beruht. Auch wenn es die Trailer suggerierten, ist es nicht Bruce Banner, der nun den Mentorenpart übernimmt. Er ist lediglich in wissenschaftlichen Fragen dann der Ansprechpartner, womit seine Rolle eher an die erinnert, die im Spidey-Kosmos typischerweise Dr. Connors zugeschrieben wird. Dass er dann ausgerechnet hier wieder zum unkontrollierten Hulk wird, zahlt ebenfalls auf diese Parallele ein.
Man merkt bereits an diesen Entscheidungen, dass man wichtige Etappen der Charakterentwicklung von Peter aus den Comics unbedingt mit erzählen will, aber zugleich nicht in die gleiche Kerbe schlagen will, die man eben in den vorherigen Inkarnationen schon hatte. Das ist alles in allem ein smarter Umgang mit dem Multiversums-Aspekt, den man in No Way Home ganz klar in den Vordergrund gestellt hat, hier nun aber – Gott sei Dank! – nur noch als Rampe für die ganzen neuen Ansätze gebraucht.
Eine kleine Spinne in einer Riesenstadt
Der Anfang des vierten Solo-Films erinnert stark an den Fantastic Four-Start: Auch hier gibt es eine längere montierte Sequenz, in der erstmal der Status quo mitsamt Zeitsprung seit dem Ende des letzten Films konstruiert wird. Dafür bekommen wir eine ganze Reihe von sehr gelungenen und alles andere als plumpen Anspielungen an die jeweiligen Comicvorlagen der Begegnungen mit ikonischen Schurkenfiguren. Was dann von Shang-Chi-Regisseur hervorragend herausgearbeitet wird, ist die Gefühlslage von Peter, der nunmal einerseits allein der große Held im Big Apple ist, andererseits aber extrem mit der selbsterwählten Einsamkeit hadert.
Natürlich ist dann die ganze Geschichte, die uns Brand New Day erzählt, auch ein Psychogramm der Hauptfigur, was in der Regel im Comic-Korsett mit allerlei Fallstricken einhergeht. Doch dank eines wirklich auch darstellerisch ungemein gereiften Tom Holland, einem Erzähltempo und Fokus, das die emotionalen Aspekte stark jederzeit im Auge hat und genau der richtigen Portion aus sentimentalen Momenten und Atempausen, ist dieser Spider-Man-Film tonal ziemlich nah dran an den ersten beiden Sam Raimi-Filmen mit Tobey Maguire, die auch deutlich weniger Comic-like waren als alles, was danach kam. Nach Thunderbolts* beweist hiermit dann auch ein weiteres Marvel-Projekt, wie man gleichzeitig psychologisch-aufgeladene Charaktergeschichten erzählen kann, ohne dass dies oktroyiert wirkt.
Viele Figuren – zum Glück nicht zu viele
Zu diesem Gelingen trägt mit Sicherheit auch bei, dass die Macher eine Reihe sehr guter Entscheidungen bezüglich der Zusammenstellung des Helden-Ensembles, der Comic-Lore und der Antagonisten getroffen haben. Ja, es sind viele Figuren und auch einige kommen trotz der Laufzeit von zweieinhalb Stunden für deren Fans womöglich zu kurz. Doch alle Hauptfiguren bekommen ihre Einzelmomente, verschiedene Figurenzusammenführungen gelingen dank der harmonierenden Besetzung mehr als gut und letztlich hat Brand New Day das, was zuletzt so oft in Comic-Verfilmungen kritisiert wurde: Echte Charaktere, die glaubhafte Entwicklungen durchmachen, wachsen und vielleicht auch leiden müssen, um eben nicht am Ende eigentlich noch genau dort zu sein, wo sie schon zu Beginn waren.
Schön ist insbesondere dann auch, dass M.J. (Zendaya) und Ned (Jacob Batalon) entgegen der Erwartung, sie würden nun noch weniger zu tun haben, weil sie ja „Fremde“ für Peter sind, ebenfalls richtig zentrale Szenen haben, wobei besonders Zendaya schauspielerisch zeigt, weshalb sie wahrscheinlich einer der größten Stars der Gegenwart ist: Selbst in einem Spider-Man – ohne despektierlich zu sein – spielt sie mit ihrer Mimik, als würde es um die nächste Oscar-Nominierung gehen.
Action: handgemacht, wuchtig, kleiner gedacht
Dass in diesem Comicfilm die Charakterentwicklung ganz klar vordergründig behandelt wird, hat fast schon logischerweise zur Folge, dass an anderer Stelle etwas kleine Brötchen gebacken werden. So ist die Action im Vergleich mit dem Gigantismus, den man von anderen Marvel-Blockbustern kennt, nun genauso so sehr zurückgefahren, dass man einerseits noch Szenen zum Staunen bekommt, aber andererseits im Gedächtnis eher andere Momente bleiben. Schön ist aber, dass endlich auch Tom Holland richtige Schwing-Sequenzen durch Manhattan bekommt, die vormals noch seinen Vorgängern vorbehalten waren – und diese sehen nochmal besser denn je aus!
Und auch die Kämpfe sind mitreißend, wobei hier doch – will man kritisch sein – eine der wenigen Schwachstellen des Films zu finden ist. Aber mir persönlich ist das, was Brand New Day actionseitig bietet, absolut genug – und wesentlich lieber als eine weitere CGI-Orgie, bei der man drunter und drüber nicht mehr unterscheiden kann. Der Kampf gegen einen alten Avengers-Bekannten – ohne zu viel zu verraten – hat Wucht und ist mit einigen cleveren Idee zum Umgang mit den Spinnenkräften gespickt; die Eigenarten der Hand-Ninjas werden cool in Szene gesetzt und im Rahmen der jugendfreien Möglichkeiten bekommt auch der Punisher ein paar ansehnliche Kloppereien auf den Leib geschrieben.
Überhaupt sieht dieser Comic-Blockbuster endlich mal wieder hochwertig aus und nicht wie die Vorstufe von KI-Overkill. Man erkennt die richtige Stunt-Arbeit, das Herzblut, das in die Choreos gefloßen ist, die Größenverhältnisse, die man noch immer nur mit dem Drehen vor Ort erreicht und die keine Volume- oder Greenscreen-Technik imitieren kann. In diesem Punkt ist Brand New Day im Vergleich zum Vorgängerfilm genau richtig gesundgeschrumpft, weil bestimmte Momente, die durch digitale Technik in No Way Home erst ermöglicht wurden, weder nochmal wiederholt werden konnten, noch für die nun vorherrschende Stimmung zuträglich gewesen wären.
Schwächen, die man als Fan gern verzeiht
Von diesem Punkt an wird es jetzt noch ein Stück persönlicher/subjektiver: Wenn wir schon beim No Way Home-Vergleich sind, dann ergeben sich für mich aus der Perspektive eines Spidey-Fans seit Kindsheitstagen auf der emotionalen Ebene doch einige Parallelen. Auch das Generationen-Treffen der Spinnenmänner war recht nüchtern betrachtet auf der inhaltlich-logischen Ebene weit entfernt von Makellosigkeit. Doch wenn dann eben durch bestimmte Dialoge das Fanherz weichgeklopft wird, wenn sich ein Gänsehautmoment an den nächsten reiht und die – zugegeben – manipulativen Tränendrüsen-Szenen voll ins Schwarze treffen, dann weiß man, dass hier nicht die „normalen“ Maßstäbe angesetzt werden können. Das war nun 1:1 auch in Brand New Day für mich der Fall.
Ja, viel passiert hier mit einem Maß an Plot Convenience und Deus-Ex-Machina-Effekten, dass einem als kritischem Zuschauer die Spinnensinne komplett durchdrehen würden. Das aber können beispielsweise die fantastischen von einer demütigen Ehrlichkeit durchzogenen Dialoge zwischen Peter und M.J., zwischen Peter und Frank oder auch zwischen Peter und der Sadie Sink-Rolle mehr als aufwiegen. Und das gewisse Figuren-Entwicklungen ziemlich vorhersehbar sind, wenn man auch nur den Hauch von Berührung mit Comicfilmen mitbringt, gleichen wiederum die Anspielungen auf die Reihen-immanenten Highlight-Momente und die essenziellen Versatzstücke von Spider-Man-Geschichten aus.
Dass in diesem Film auch jeder – es sind bei weitem nicht so viele, wie in vielen anderen Marvel-Filmen – Gag sitzt, ist dann noch die Kirsche auf der Sahnetorte. Die Balance zwischen Helden-Abenteuer, Selbstfindung verschiedener Figuren, einer Brise Selbstironie und der Grundschwere des in Spider-Man so elementaren Themas „Verantwortung“ gelingt sogar noch einen Tick besser als in No Way Home. Wie Tom Hollands Spidey nach seiner ersten Trilogie die Kindlichkeit abgelegt hat und nun die Spinnen-Pubertät durchmachen musste, ist auch das Spidey-Franchise mit diesem Film eine Stufe näher ans Erwachsensein herangekommen. Hoffentlich nimmt man sich für kommende MCU-Projekte hieran und an der neuen Tonalität, die man schon in Thunderbolts* so eingeführt hat, ein Beispiel. Dann vertagt Disney die Superhelden-Fatigue ein weiteres Mal und stellen die Uhren zurück auf Brand New Day.
© 2026 CTMG. All Rights Reserved. MARVEL and all related character names: © & ™ 2026 MARVEL.
Unser Fazit zu Spider-Man: Brand New Day
Wie No Way Home ist auch Brand New Day ein Film, der vor allem Fans der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft ansprechen wird. Doch auch unabhängig davon hat Destin Daniel Cretton ein sensationelles Ensemble durch eine Geschichte mit viel Herz orchestriert. Pacing, Fokus und Charakterentwicklung gehen so konsequent Hand in Hand, dass man die inhaltlichen Leerstellen und Ungereimtheiten einfach ausblendet und sich auf eine zweieinhalbstündige emotionale Reise mit den liebgewonnenen Figuren begibt, die nachhallt - obwohl es eben kein Film der lauten Töne ist.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.