Tom Cruise geht All in für seine Rolle im neuen Film von Alejandro G. Iñárritu. Digger schlägt seit Monaten schon Wellen. Jetzt läuft er – und wir sagen euch, ob hier nur viel Wind um Nichts gemacht wurde oder ob Cruise tatsächlich ins Oscar-Rennen einsteigt.
Darum geht’s in Digger
Der in die Jahre gekommene, verschrobene, milliardenschwere Erdölmagnat Digger Rockwell (Tom Cruise) hat durch seine skrupellosen Geschäftstaktiken eine Umweltkatastrophe verursacht, die unter anderem das ewige Eis der Polarkappen schmelzen lässt und Tsunamis verursacht, die wiederum Atomkraftwerke beschädigen. Nun steht die Menschheit kurz vor dem Aus, die Welt versinkt im Chaos, alle bereiten sich schon auf die kurz bevorstehende Apokalypse vor, einzelne Nationen bringen Truppen in Stellung. Nun verlangt der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (John Goodman) von Digger Rockwell, die Suppe, die er allen eingebrockt hat, selbst auszulöffeln und den Planeten zu retten. Dieser nimmt die Herausforderung an, denn als Egomane käme es ihm ganz recht, als großer Retter der Menschheit dazustehen.
Cruise at his best?
Seit der ersten Ankündigung von Digger ist für viele eine Oscar-Nominierung für Tom Cruise fast in Stein gemeißelt. In diesem Jahr erhielt er seinen Ehrenoscar, seit dem Jahr 2000 war er für keine Performance mehr nominiert. Für einige in der Branche zählt Cruise zu den letzten gestandenen Filmstars, auch wenn die jüngsten Ergebnisse an den Kinokassen möglicherweise etwas anderes suggerieren könnten. Der Topgun-Star verfügt weiterhin über eine besondere Aura, sodass es geradezu natürlich erscheint, dass er in Kombination mit einem mehrfachen Oscarpreisträger als Regisseur die Pole Position für den besten Hauptdarsteller einnehmen sollte.
Er gehört zudem nämlich zu einer eigenen Klasse von Darstellern, die als überfällig für einen Darsteller-Oscar gelten und die Rolle als Digger Rockwell als Rückkehr ins Arthouse-Kino ergibt ebenfalls Sinn. Wie Cruise selbst ist Digger eine schwer zu durchdringende Figur, die sich in ihren eigenen Widersprüchen verstrickt – zwischen ihren Ambitionen in der Außenwelt und den Konflikten innerhalb ihrer eigenen Welt. Zudem stellt Rockwell einen spannenden Bruch mit Cruises sonstiger Rollenauswahl dar, da dieser normalerweise den coolen Actionhelden mimt, der sich über die Grenzen der Staatsgewalt hinwegsetzen muss, um die Welt vor dem Desaster zu retten. Nun ist er selbst der Hauptverursacher einer solchen Katastrophe und muss die Suppe auslöffeln, um sein eigenes Image zu retten.
Maskiert, um „echt“ alt auszusehen
Tom Cruise geht für diese Persönlichkeit auch schauspielerisch in die Vollen. Er versteckt sein Gesicht unter Make-up – ironischerweise um glaubhaft wie ein Mann über 60 auszusehen – und bringt die Absurdität seiner Figur sehr deutlich auf den Punkt. Sei es seine überfürsorgliche Liebe zu seiner sterbenden Katze, seine Ignoranz gegenüber Expertenmeinungen oder seine vollkommene Entfremdung von jeglicher Realität: Cruise stellt glaubhaft einen desillusionierten Wirtschaftsmagnaten dar, der die Mechanismen der Wirtschaft bestens versteht, um sein Vermögen zu steigern, die Konsequenzen seines eigenen Handelns jedoch weder greifen noch einsehen möchte.
Allerdings wirkt die komödiantische Darbietung zunächst merkwürdig, atonal und nicht nachvollziehbar. Doch bevor das Publikum den Finger heben und Cruises satirische Performance als gescheitert bezeichnen kann, geschieht auf halber Strecke eine große Wendung, die eine neue Perspektive eröffnet und der Darstellung zusätzliche Tiefe verleiht. In diesem Kontext wirken die vorherige Handlung und Charakterisierung plötzlich anders, was automatisch zu einem Rewatch einlädt, um diese Szenen mit einem neuen Blick bewerten zu können.
Eine technische Meisterleistung
Wenn das Publikum Digger Rockwells Morgenroutine verfolgt, kann es nicht anders, als das Szenenbild für seine beeindruckende Kulisse, die Gestaltung der Innenräume und die ästhetisch eleganten Aufnahmen aus seinem Fenster heraus zu bewundern. Dennis Gassner (The Truman Show, Blade Runner 2049, Big Fish, Skyfall), eine Ikone des Produktionsdesigns, liefert eine oscarverdächtige Raumgestaltung ab. Sei es das Innere von Rockwells Anwesen, der kubricksche „War Room“ oder das Parlament, das durch seine entsättigte Farbpalette an die melancholisch-absurden Aufnahmen eines Roy Andersson (Über die Unendlichkeit, Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach) erinnert. Es ist eine meisterhafte Demonstration, wie stilsicher Digger in seiner Raumgestaltung und Außerweltlichkeit wirkt, um eine düstere, verdunstete und chaotische Zukunft darzustellen, die sich nur in ihren Details von unserer Realität unterscheidet.
Kamerameister Emmanuel Lubezki, der zwei seiner Goldjungen mit Iñárritu gewann, verwinkelt die Bilder geschickt, um die fehlende Verbindung der einzelnen Charaktere zur Außenwelt zu demonstrieren. Seine präzisen Platzierungen und unauffälligen Kamerafahrten funktionieren im Einklang mit der Distanz, die wir zu den überzogenen Figuren des Films empfinden, holen uns jedoch wieder mitten ins Geschehen zurück, sobald der Ernst der Lage immer deutlicher wird. Lubezkis Kamera unterstützt die Diskonnektivität des Publikums, wenn es um schlechte Nachrichten geht und überforderte politische Entscheidungsträger hohle Phrasen an die Öffentlichkeit hinausposaunen, um die Notwendigkeit und Dringlichkeit der Situation herunterzuspielen. Unterstrichen wird dies von der gräulichen Farbpalette, die jegliche Reize und Emotionen reduziert und das Gefühl der Entfremdung noch näher an uns heranträgt.
Wie retten wir mit Kunst die Welt?
An der Oberfläche bespielt Digger die inhärente Unzufriedenheit des Publikums mit dem Umgang der Machtträger mit weltumfassenden Katastrophen. Der Film demonstriert die Ignoranz und den Narzissmus politischer Mächte wie des von John Goodman verkörperten US-Präsidenten oder von Milliardären wie Digger Rockwell, die bereits nach wenigen Minuten an die großen Tycoons der realen Welt erinnern. Sie verdienen mit vermeintlich nachhaltigen Programmen und Projekten ein Vermögen, schaden der Menschheit langfristig jedoch in ihrer Gesamtheit. Die Frustration gegenüber diesen Akteuren wächst zunehmend, weil sie sich in ihrer eigenen Desillusionierung als vermeintliche Retter aufspielen, die die wahre Gefahr und wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren oder schlicht überfordert sind, weil ihr Handeln oder Nichthandeln erst zu den entsprechenden Konsequenzen geführt hat.
Das erinnert an Adam McKays satirische Überspitzung in Don’t Look Up, in denen die Wissenschaft keinerlei Beachtung findet und die Menschheit sich auf ihr unvermeidliches Ende vorbereiten muss. Auch in Digger wird die Wissenschaft von der Politik angezweifelt, weil das Höchstmaß an Katastrophen für die Verantwortlichen lange Zeit erträglich war und die Opfer kalkulierbar blieben. Die Mächtigen in Iñárritus Satire sind einseitig inkompetent und albern und formen eine erträgliche Narrative für die Öffentlichkeit, um das Ausmaß der Panik zu minimieren und sich selbst ins beste Licht zu rücken.
Die Albernheit transformiert sich allerdings nie in einen eigenständigen Humor, der tosendes Gelächter oder gar jene unangenehmen Lacher auslöst, die man sich schmerzlich verkneifen möchte. Stattdessen hinterlässt der Film lange Zeit eine gewisse Verwirrung, in der sich vor allem während der ersten halben Stunde die Frage aufwirft, welches Ziel das Drehbuch eigentlich verfolgt. Wie bereits beschrieben, ereignet sich im Film schließlich ein Moment, der die vorherigen Darstellungen in einen vollkommen anderen Kontext einbettet.
Ein Moment, der alles ändert
Die Geschichte konzentriert sich im Anschluss auf die Verantwortung von Kunst in Krisenzeiten. Sie stellt die Frage, in welcher Form zeitgenössische Kunst, allen voran Satire, die Sorgen und Ängste der Gesellschaft auf ihre Schultern nehmen kann und wie diese porträtiert werden sollten. Sobald sich Iñárritu um Selbstreferenzialität bemüht, zerfasern die Drehbuchseiten und eröffnen große Gedanken, denen die eigene Narrative nur schwer gerecht werden kann.
Der Film spielt mit der inhärenten Ambiguität satirischer Narrative, die entweder als Warnung, moralisches Urteil oder überspitzte Nacherzählung von Ereignissen fungieren, und fragt, inwieweit diese unterschiedlichen Herangehensweisen tatsächlich erfolgversprechend sind und zum Nachdenken anregen oder lediglich die eigene menschliche Verantwortung auf die Kunst abwälzen.
Welche Bedeutung hat es wirklich, wenn Digger Rockwell einen bissigen Monolog darüber hält, wie sich Menschen zwar über die Projekte von Milliardären empören, aber dennoch von ihnen profitieren oder das moderne Überleben von ihnen abhängig gemacht wird? Ist es eine wirkliche Kritik an der Heuchelei des Menschen oder an den fehlenden Innovationen seitens der Unternehmer, die die Umweltzerstörung zum Status quo erhoben und den Menschen jahrzehntelang eingetrichtert haben, dass die menschliche Existenz untrennbar mit der Zerstörung des Planeten verbunden sei? Was sagt Kunst am Ende damit aus, wenn man bereits am Siedepunkt angelangt ist – oder es vielleicht sogar schon zu spät ist?
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Unser Fazit zu Digger
Digger wird das Publikum spalten. Ähnlich wie bei Iñárritus Vorgängerfilm Bardo wird die Umsetzung der inhaltlichen Tonlagen eine entscheidende Rolle dabei spielen, wie die Rezeptionserfahrung insgesamt ausfällt. Oberflächlich lässt sich Digger wenig entgegensetzen: ein makelloses Szenenbild, hervorragende Kamera- und Schnittarbeit, Performances, die zwischen bestechend (Tom Cruise, Riz Ahmed) und zweckdienlich (John Goodman, Sandra Hüller) variieren, sowie ein fantastisches Sounddesign. In technischer Hinsicht könnte der Film bei den Oscars abräumen.
Ob Cruise und der Film selbst darüber hinaus bei den großen Preisen eine Rolle spielen werden, dürfte auch vom Diskurs abhängen, der sich um das Projekt entwickelt, und davon, wie sich der sehr besondere Film an der Kinokasse schlägt. Schließlich investierte Warner Bros. mehr als 100 Millionen Dollar in den Film.
Digger hinterlässt einige Fragezeichen, die sich bei einer wiederholten Sichtung womöglich ausmerzen lassen – allen voran, wenn die erzählerische Richtung beim zweiten Mal klarer wird. Dennoch bleibt das ambivalente Gefühl, dass sowohl der Weg als auch die letztendliche Landung zu chaotisch, inkohärent und unausgereift sind. Doch die Faszination lässt sich dadurch nicht ausradieren. Denn am Ende ist Digger ein radikales und ambitioniertes Projekt, wie wir es in dieser Form wohl kein zweites Mal in diesem Kinojahr erleben werden.