Eli Roth ist immer für eine Überraschung gut. Nur meistens im negativen Sinne. Mit Ice Cream Man hat er nun seine neueste Schlachtplatte am Start. Ohne Kontroversen kommt Herr Roth bekanntlich nicht aus. Doch reicht das auch für einen guten Film?

Darum geht’s in Ice Cream Man

Ein idyllischer Sommer in der US-Kleinstadt Bayleen Bay nimmt eine unheilvolle Wendung, als ein geheimnisvoller Eisverkäufer (Ari Millen) seine Süßigkeiten an die Kinder verteilt. Was zunächst wie eine harmlose Geste wirkt, entwickelt sich schon bald zu einer tödlichen Bedrohung. Kurz nach dem Verzehr des Eises häufen sich verstörende Vorfälle, die den Alltag der Bewohner erschüttern und die friedliche Kleinstadt ins Chaos stürzen. Die Kinder, die von den Leckereien gegessen haben, verwandeln sich in mordlustige Bestien und greifen ihre Mitmenschen an. Mit jeder neuen Gewalttat wächst die Verzweiflung der Einwohner, während sich die Ereignisse immer weiter zuspitzen. Aus dem unbeschwerten Sommer wird ein Albtraum, der Bayleen Bay an den Rand des Zusammenbruchs bringt und die Bewohner mit einer kaum begreiflichen Gefahr konfrontiert.

Key-Art © Studiocanal

Glücksgriff oder Grenzgänger?

Was die Filmografie von Eli Roth anbelangt, könnte sie kaum eintöniger sein. Abseits des Blindgängers Das Haus der geheimnisvollen Uhren, der sich ausgerechnet als Kinderfilm und ironischerweise „bester“ seiner Beiträge erweist, geraten seine Regieausflüge ansatzlos ins Stocken. Zwar haben Cabin Fever, die Hostel-Beiträge, der Grindhouse-Short Thanksgiving und dessen Langfilmadaption, sowie Bodensatz-Horror wie The Green Inferno ein gewisses Cult-Following entwickelt. Doch schnell zeigt sich: Mehr als unbegründete Härte haben seine Filme nicht zu bieten – und mehr scheint Eli Roth auch nicht liefern zu können. Sadistische, ungezügelte Gewaltspitzen werden unweigerlich zum eigentlichen Markenzeichen seiner Werke. 

Die logische Konsequenz seiner Schaffenskrise 

Somit sollte es kaum noch verwundern, dass Thanksgiving und Ice Cream Man den aktuellen Entwicklungsstand seiner filmischen Fähigkeiten markieren. Eli Roth verstand sich schon immer als Filmemacher, der Grenzen auslotete, sich in Kontroversen suhlte und Mut zur Lücke bewies. Das funktioniert mal mehr, mal weniger erfolgreich – und ist nicht selten ein Schuss ins Leere. Nun scheint Roth den Höhepunkt in Sachen Karriere-Opferbereitschaft erreicht zu haben – wohlgemerkt zulasten des Publikums. Er hatte sich anfänglich noch gegen die Nutzung von künstlicher Intelligenz ausgesprochen, im Rahmen der Pressetour nun jedoch Gegenteiliges behauptet und vielmehr sogar bestätigt, dass sein neuester Horrorfilm entsprechende generative Elemente enthält. Diskussionen über deren Annehmbarkeit sind demnach wenig überraschend. Rückblenden, Animationen und Denkblasen der Kinder, brennende Autos, sogar Actionszenen, in denen Menschen von Dächern oder Klettergerüsten springen und durch zerstörte Wohnsiedlungen fahren, sind sichtbar durch generative AI unterstützt, wenn nicht sogar vollständig auf diesem Weg erzeugt.

Ob man diesen Einsatz nun mit dem geringen Budget rechtfertigt und wie man die Nutzung von AI im Medium Film grundsätzlich bewertet, muss jeder für sich entscheiden. Ins Auge fällt sie jedoch allemal und wirkt sich dadurch schwerwiegend auf das Gesamtbild aus, da sie die visuelle und qualitative Erscheinung erheblich schmälert. Gerade bei diesem verhältnismäßig kleinen B-Movie ist das fast ein Totschlagargument und hinterlässt einen mehr als faden Beigeschmack.

Ari Millen ist der Ice Cream Man © Studiocanal

Die Antwort auf Weapons?

Ice Cream Man ist verglichen mit Roths sonstigen Filmen – und trotz des Wissens um seine Entstehung – ein recht geradliniger und angenehm kleiner Film, der sich auf ein Kernelement stützt und dieses in vollen Zügen auskostet. Viel mehr als Dawn of the Dead mit Kindern oder eine Anlehnung an Weapons ist zwar nicht zu holen. Doch das reicht aus: ein ikonisch auftretender Eiscremeverkäufer, der, ähnlich wie Tante Gladys, erst spät in Erscheinung treten darf, übernimmt die Kontrolle über Kinder, die analog dazu wie Zombies gesteuert werden. Sie formen das Schurkenabbild, das gegen eine kleine Gruppe „Überlebender“ – in diesem Fall Laktoseintoleranter – antritt. Grundsätzlich durchaus sehenswert.

Immerhin kleidet Roth seine Bilder endlich wieder in grelle, bunte Farben, überdreht die Soundkulisse bis ins Lächerliche und lässt die Horde eisschleckender Jugendlicher als wandelnde Horrorparade durch die Kleinstadt wüten: Sie springen mit Gedärmen Seil, zertrümmern Lehrern die Köpfe oder schlagen Fahrradfahrer mit Baseballschlägern von ihren Rädern. Ice Cream Man verbindet ein Narrativ wie aus den 80ern mit einer Optik wie aus den 00ern und Diskursen der 2020er. Damit zeigt sich: Roth hat Freude am Genre-Trash und lebt ihn diesmal vollständig aus. Er ist ein großer Genrefilmfan – von Alfred Hitchcock, George A. Romero und Zach Cregger – und das zeigt sich, auch wenn er selbstverständlich nie an die Klasse der Idole heranreicht.

Zwischen Kulturschock und Fiebertraum

Immer dann, wenn Ice Cream Man eine eine farbenfrohe, völlig aus der Zeit gefallene Idylle und das vermeintlich amerikanische Kleinstadtideal skizziert, offenbart sich erst im Subtext der kulturelle Wandel einer Jugend, in der nicht mehr Fangen gespielt, sondern vor Handys getanzt wird. Eli Roth inszeniert diese Momente ähnlich subtil wie seine Härtespitzen gegen Erwachsene – Spoiler: gar nicht – und zieht aus dieser offensichtlichen Realitätsflucht einen erstaunlich treffsicheren Humor, der seine eigentliche Zielgruppe zwar gänzlich verfehlt, gerade deshalb aber immer wieder zum Lachen bringt.

Roth vermengt den jugendlichen Zeitgeist mit hemmungsloser Härte und erzeugt daraus einen regelrechten Kulturschock. Fortnite-Tänze, Social Media, (Cyber-)Mobbing, OnlyFans, TikTok-Influencer und reihenweise missverstandene Jugendsprache, geschrieben von einem über 50-Jährigen, überfluten das Drehbuch. Reizvoll ist das Geschehen aber genau deswegen: denn Roth spricht seinen Figuren selbst aus dem Mund, während die Kinder schlimmste Dialoge vortragen müssen und darstellerisch nur selten überzeugen. Das Resultat ist eine Form von Comedy, die vermutlich nie so beabsichtigt war – aber gerade deshalb umso besser funktioniert.

Ein Kinderspiel © Studiocanal

Eine Mainstream-Mutprobe

Die Grenzen der Annehmbarkeit werden ausgereizt, der Spaß körperlicher Grenzüberschreitung mit der kindlichen Begeisterungsfähigkeit kontrastiert. Aus diesem untypischen Widerspruch zieht er noch sein größtes Potenzial und schafft sich eine Terrifier-eske Bühne. Zwar fühlt sich die Verspieltheit etwas wie mit angezogener Handbremse ausgeführt an, doch im aktuellen Mainstream dürfte Ice Cream Man in Sachen Härte und Fun-Faktor kaum Konkurrenz haben. An das Niveau Damien Leones reicht Roth trotzdem nie heran. Doch sein Genrebeitrag darf zumindest als äußerst brutales, gut getrickstes und halbwegs amüsantes Schlachtfeld durchgehen, das seinem Publikum mit einigen ordentlichen Ekelmomente für die aufgelisteten Schwächen entschädigt.

© Studiocanal

Unser Fazit zu Ice Cream Man

2.0 Vergebene Chance

Gemessen an dem, was alles hätte schiefgehen können, stellt sich Ice Cream Man als erstaunlich unrot(h)zig und sein vielleicht geradlinigster Horrorfilm heraus. Abseits der AI-Gräueltaten liefert der Genrebeitrag viel Bewährtes, Bekanntes und Gehasstes und füllt seine mehr oder weniger kurzweiligen 86 Minuten mit handgemachtem Gore, der sich zwischen skurrilem Humor und soliden Horrorspitzen angenehm rund in die Struktur einfügt. Eli Roth gelingt damit ein angemessener, absurd-trashiger, aber ebenso austauschbarer Genrebeitrag. Ice Cream Man zieht seine Essenz aus provokanter Mittelmäßigkeit, vor allem auch bezüglich der Schauspielerei. Trotzdem schießt der Möchtegern-Skandalregisseur nie über das Ziel hinaus. Und das ist vielleicht schon das Positivste, was man über diesen Trash-Horrorfilm sagen kann.

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Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“

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