Kaum eine Schauspielerin ist 2026 auf der Leinwand so präsent wie Anne Hathaway. Für The End of Oak Street reist sie nun gemeinsam mit Ewan McGregor in die Zeit der Dinosaurier zurück. Das klingt, als könnte nichts schiefgehen. Oder?
Darum geht’s in The End of Oak Street
Die mittelständischen Platts führen ein scheinbar perfektes US-amerikanisches Vorstadtleben im Jahr 1982. Vater Greg (Ewan McGregor) bringt das Geld nach Hause, Mutter Denise (Anne Hathaway) arbeitet an kleineren Projekten im Haus. Tochter Audrey (Maisy Stella) und Sohn Brian (Christian Convery) ergänzen zusammen mit dem Hund Starbuck die Bilderbuchfamilie. Doch unter dem makellosen Äußeren tun sich tiefe Risse auf. Eines Nachts blinken unheimliche Lichter durch die Nachbarschaft, und als die Platts am nächsten Morgen erwachen, scheint ihr gesamter Block Millionen von Jahren in die Vergangenheit geschleudert worden zu sein. Schnell wird das Haus verrammelt, um Angriffe durch urzeitliche Raubtiere zu verhindern. Die Familie muss lernen, wieder zueinanderzufinden, um es lebendig zurück nach 1982 zu schaffen.
Zurück in die Vergangenheit
Gewiss mag schon die Inhaltsangabe des Filmes Assoziationen zum Werk Steven Spielbergs wecken. Dieser definierte zunächst in den 1970ern mit Der weiße Hai den modernen Blockbuster und sollte in den kommenden Jahrzehnten das familienfreundliche Abenteuergenre entscheidend formen. Und tatsächlich scheint Regisseur David Robert Mitchell hier penibel darauf bedacht zu sein, den Stil des Großmeisters und seiner Wegbegleiter wie George Lucas einzufangen. Bereits die ersten angespielten Noten der Filmmusik von Michael Giacchino versprechen eine Reminiszenz an das Kino der 80er Jahre. Statt moderner Schnittgewitter verlässt sich Mitchell in temporeichen Actionszenen auf weiche Kamerabewegungen mit kompetent ausgeführtem Blocking, bei dem das vollständige Bild befüllt wird. Auch Ausstattung und Kostümdesign wirken buchstäblich aus der Zeit gefallen. Selten ist ein Objekt vor der Linse platziert, das die Dekade nicht einwandfrei repräsentiert. Außer der qualitativ schwankenden CGI-Effekte ist hier alles aggressiv 1982.
Dies mag konzeptionell nett gedacht sein, lässt aber Authentizität vermissen, ohne die das Projekt auf einer Laufzeit von 100 Minuten weniger stilsicher als stilimitationssicher erscheint. Mitchell emuliert die Mechaniken der Zeitspanne beachtlich, doch er versteht nicht, dass dieser Prozess zwangsweise mit einem Rückblick verbunden ist. Die vollständige Treue zu Signifikanten der 1980er erschafft keinen Film, der in dieser Periode entstanden sein könnte; sie erschafft einen Film, der diese Periode persifliert. Der Regisseur verknetet Klischees und Tropen zu einer Masse, die an diejenigen Werke erinnern soll, welche jene Klischees und Tropen erst etabliert haben. Mehr als gelungene Satire, jedoch ohne greifbaren Kern oder echtes Herz, kann er so nicht erfassen.
Mein erster Zeitreise-Film
Während David Robert Mitchell inszenatorisch selbst einen Sprung in die Vergangenheit wagt, scheint er als Drehbuchautor gänzlich uninteressiert an den Mechaniken der Zeitreise zu sein. Familie Platt versteht ebenso wenig wie das Publikum, was ihnen zugestoßen sind, ob und wie es wieder rückgängig zu machen ist und welche Konsequenzen ihr Handeln auf die Zukunft haben wird. In einem von Augenzwinkern befreitem Film wie diesem ist das mit Sicherheit auch keine schlechte Idee. Lockerere Zeitreise-Späße haben die Möglichkeit, über inkonsequente Regelsetzung mit Schulterzucken hinwegzutäuschen. Logiklücken können dort Teil des Spaßes selbst sein. Eine ernste Geschichte wie The End of Oak Street kann sich dies nicht erlauben. Jede überflüssige Erklärung des Prozesses würde einen genauen prüfenden Blick einladen. Mitchell umschifft sie weitläufig und rückt das Dinosaurier-Spektakel dort in den Vordergrund, wo andere Filmschaffende ihre Figuren Pläne schmieden lassen.
Leider bleibt er diesem Vorsatz nicht endgültig treu. Schlussendlich tappt er doch in seine eigene Falle, wenn The End of Oak Street sein Finale vollends auf brüchige Plot-Logik stützt. So solide die Action und die Schauwerte bis zu diesem Zeitpunkt umgesetzt waren, so wenig funktioniert ab hier noch irgendetwas. Der Film schließt mit seinen mit Abstand schwächsten 15 Minuten und eröffnet durch seine Version von Zeitreisen Implikationen, die Mitchell entweder nicht klar waren oder die er gekonnt ignoriert hat. Beides wäre gleichermaßen eine Bankrotterklärung. Die durch Kitschmusik angedeutete Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität des Endes zerfällt, sobald ein Gedanke daran verschwendet wird, was sich gerade eigentlich zugetragen hat. Der Schnitt zu den Credits hinterlässt das aufmerksame Publikum dadurch frustriert, verwirrt und entnervt.
Szenen einer Ehe
Besser funktioniert das Skript, wenn es die zerrissene Ehe-Dynamik zwischen Denise und Greg schildert. Die beiden Figuren, ansehnlich durch Anne Hathaway und Ewan McGregor zum Leben erweckt, sind überraschend scharf gezeichnet und offenbaren durch ihren Umgang mit der plötzlichen Dinosaurier-Problematik tiefersitzende Probleme in ihrer Vorstellung von Beziehungen. Insbesondere Gregs Umgang mit Rückschlägen oder Schwierigkeiten ist klar definiert. Er ignoriert die Konsequenzen einer unfreiwilligen Zeitreise in ein tödliches Umfeld ebenso wie das Unglück seiner Frau, die praktisch auf gepackten Koffern sitzt. Er wisse nicht, was der Ausweg ist, so sagt er seinen Kindern zur Beruhigung, doch es werde schon einen geben.
Die lösungsorientierte Denise kann dagegen nicht anders, als ihre Sorgen anzusprechen. Weil ihr Ehemann nicht zuhören will, fließen sie stattdessen in das Manuskript ihres Buches, das sie im Keller der Wohnung tippt. Als dieser Keller durch den Zeitsprung überflutet wird, verschwindet ihre letzte Möglichkeit zur Verarbeitung ihres Unglücks. So kommuniziert Mitchell wortlos und effektiv den Druck auf dem Kessel dieses Paares.
Leider investiert er in die Handlungsstränge der Kinder nicht dieselbe Mühe, weshalb diese recht dünn erzählt werden. Brians Flucht vor einem Schulrüpel entwickelt sich trotz einiger Versuche nie zu mehr als einer weiteren 80er-Jahre-Trope, und obwohl Audreys aufkeimende Beziehung zur Nachbarstochter zumindest irgendeinen Bruch mit den Klischees des Settings darstellt, wird sie nur derartig hintergründig ausgearbeitet, dass sie schlussendlich auch einfach ganz hätte weggelassen werden können. Hierzu kommt, dass keine:r der Jungdarsteller:innen das Niveau von Hathaway oder McGregor erreichen kann und Szenen, die ohne Erwachsene auskommen, darum selten funktionieren.
© Warner Bros. Pictures
Unser Fazit zu The End of Oak Street
So laut Steve Winwood auch aus dem Kassettenplayer des plattschen Familienautos dröhnt, er kann den 2020er-Blick von David Robert Mitchell nicht übertönen. Der Regisseur, der durch die abgedrehten Indie-Perlen It Follows und Under the Silver Lake Bekanntheit erreichte, inszeniert seinen ersten Film für die breite Masse und beweist, dass er in der Welt des Kuriosen besser aufgehoben ist. Seine Persiflage eines Spielberg-Projekts ist für eine Dinosaurier-Geschichte erschreckend zahnlos und stürzt ein, sobald er die zusammenimitierten Ideen zu etwas Eigenem verknüpfen muss. Mitchell hat sich vorgenommen, einen seiner Zeit enthobenen Film zu machen. Dies ist ihm gelungen, doch leider völlig anders, als er es sich vorgestellt hat. The End of Oak Street schaut zurück und nicht nach vorne und ist zu sehr in die Klischees seiner Vorgänger verliebt, um sie umdrehen oder weiterentwickeln zu können. Umso unverzeihlicher ist es, dass er am Ende mit einem Bauchklatscher landet, der jeden verbliebenen guten Willen für dieses Projekt zunichtemachen dürfte.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.