Nach Streaming-Titeln wie Neues aus der Welt mit Tom Hanks und The Lost Bus mit Matthew McConaughey meldet Paul Greengrass ein Lebenszeichen zurück im Kino – erstmals seit geschlagenen zehn Jahren! Doch wird sein Historien-Epos mit Spider-Man-Star Andrew Garfield auch der großen Bühne gerecht oder doch eher ein Fall für den nächsten Streamingdienst?
Darum gehts in The Uprising
England im 14. Jahrhundert: eine verheerende Pestwelle hat große Teile der Bevölkerung ausgelöscht. Die Menschen leiden unter der erdrückenden Steuerlast und sozialer Ungerechtigkeit. Wut und Verzweiflung über die tyrannische Herrschaft des jungen Königs Richard II. breiten sich immer mehr im ganzen Land aus. Der einfache Bauer Ploughman (Andrew Garfield) gerät ins Zentrum des Bauernaufstands von 1381, als er sich einer Gruppe von Rebellen anschließt. Angeführt werden sie von Wat Tyler (Cosmo Jarvis) und dem charismatischen Prediger John Ball (Jamie Bell), die das Volk zum Widerstand gegen die Krone aufrufen. Gemeinsam ziehen die Aufständischen nach London, wo sich der Zorn über die korrupten Machthaber in brutalen Kämpfen entlädt. Angesichts der eskalierenden Gewalt sieht sich der König gezwungen, Verhandlungsbereitschaft zu zeigen. Wird es den Bauern gelingen, den Kampf für Freiheit und Gleichheit zu gewinnen?
Für das Volk
Greengrass Filme sind immer für eine Überraschung gut. Seine eigensinnige Handschrift aus wackeliger Kamera, unruhigem Schnitt und permanenter Bewegung ist nichts für schwache Nerven. Zwar brachte ihm diese bereits einige Preisnominierungen ein und prägte stilistisch sogar ganze Ären des Films – insbesondere die Zeit rund um das Action-Thriller-Kino von Jason Bourne –, doch eines blieb immer gleich: Das Aufwühlende, das Gefühl, mittendrin zu sein, das permanente Schaukeln und Mitgehen erzeugten einen faszinierenden Sog, der sich hervorragend auf verschiedenste Genres adaptieren ließ. Besonders seinen Ausflügen wahrer Begebenheiten – von Bloody Sunday über Flug 93 und Captain Phillips bis hin zu dem hervorragenden The Lost Bus – tat diese Stilistik gut. Sie sorgte für Atmosphäre, Terror und Unruhe und war damit definitiv nicht für jeden gemacht.
Verkündet die Botschaft!
Sein Gespür für hochspannende Thriller bleibt erhalten, doch mit The Uprising wagt er sich auf bislang ungewohntes Mittelalter-Terrain vor. Themen wie Aufstände des Pöbels, Hunger- und Pesttote, Revolten gegen den König und der Einsatz Einzelner für das Volk, wie es beispielsweise ein Robin Hood tat, wurden bereits in jeglichen Ausführungen, Epochen und Qualitätsvariationen behandelt. Grundsätzlich also kein Stoff, der sich von vergleichbaren Vertretern abhebt. The Uprising folgt dabei vielmehr einem vertrauten und geradlinigen Verlauf, dessen realer Ursprung nur wenig Raum für narrative Freiheiten und ausgefallene Ideen lässt. Warum hat sich Greengrass also ausgerechnet dafür entschieden?
Eine Antwort darauf ist überraschend simpel: Er nutzt die überschaubare Ausgangslage nicht, um daraus Charakterstudien geschichtlicher Größen aufzuarbeiten und historische Akkuratesse oder simple Schwarz-Weiß-Mechaniken von Gut und Böse zu entwickeln. Stattdessen formt Greengrass daraus einen formal reduzierten Thriller, in dem Aufständische innerhalb mehrerer Tagesmärsche England durchqueren, um den König in London zur Rechenschaft zu ziehen und erträglichere Lebensbedingungen für das Volk zu erwirken. Doch gerade die Reduktion auf das Wesentliche nutzt Greengrass, um mit Grautönen und Ambivalenzen zu arbeiten. Selbst die Abweichungen von den wahren Begebenheiten werden nicht weiter problematisiert, sondern der übergeordneten Message untergeordnet.
Ein Aufstand…
All das geschieht in einem Tempo, das kaum Raum für Anderes zulässt. Figuren dienen als bloße Fassade und Sinnbilder politischer Diskurse. Sie werden nebensächlich eingeführt und ebenso schnell wieder abgehakt. So gewährt man Garfields gespieltem Ploughman zwar ein solides Porträt eines gebrochenen Mannes, getrieben von Rache und Eingeständnisfantasien, der mit dem Ableben seiner Familie längst seinen Platz in der Gesellschaft verloren hat. Tiefgründiger geht Greengrass jedoch nie vor – möchte es aber auch gar nicht. Schon früh macht er deutlich: Sie alle sind entbehrlich und austauschbar, lediglich Räder im System und Marionetten des Königs. Auch deshalb findet sich The Uprising immer wieder in den Extremen wieder, um Erwartungen zu wecken und bewusst zu unterlaufen. Explizite Härten, viel Wut und Trauer sowie inhaltliche Entwicklungen stauen sich an, wirken mitunter diabolisch und nehmen einem mehrfach die ohnehin schon verschmutzte Luft zum Durchatmen.
… gegen das eigene Publikum
Denn: Greengrass inszeniert die Menschenmassen wie gesichts- und identifikationslose Hüllen – und entscheidet sich konsequent gegen klassisches Framing und heroische Heldenideale in klar strukturierten Bildern. Die Aufständischen drohen in der Tiefenunschärfe und Weite des Landes immer wieder zu verschwinden und vergessen zu werden, verschmelzen mit dem endlosen Grau aus Feldern, Wolken, Nebelschwaden und Kleidern, ehe einzelne Figuren sporadisch herausstrahlen. Erneut findet Greengrass Schönheit im Grässlichen und kreiert Frames von enormer Wirkung. So wird die verunglimpfte und überwiegend gesichtslose Horde zunächst nur fragmentarisch zu einem Ganzen. Eine Flucht in die Imperfektion, ins sichtbar Digitale, aber auch ins greifbar Echte.
Kameramann Pål Ulvik Rokseth ersetzt dabei gezielten Fokus durch ungreifbare Silhouetten und nutzt digitale Effekterweiterungen, um den Raum kleiner wirken zu lassen, um jegliche Orientierung zu nehmen und für ständige Verwirrung zu sorgen. Lange Kamerafahrten und schnelle Schnitte geben sich dabei selbstverständlich die Hand und setzten die Zuschauer permanent unter Strom. The Uprising geht es dabei weniger um das reine visuelle Erzählen als darum, sein Publikum auf diese rauschhafte Reise mitzunehmen und sich bewusst stressen zu lassen. Diese Erkenntnis stellt er über banales Actionspektakel und formt seinen Thriller zu einer Momentaufnahme verschiedener Stimmungen, die nicht bloß beobachtet, sondern hautnah miterlebt werden. Damit gelingt The Uprising eine greifbare Perspektive, die den Bauernaufstand tatsächlich nur als Aufstand wahrnimmt – und diesen radikal, nahezu rücksichtslos ins Zentrum rückt.
Vom anonymen Retter zum maskierten Held
Charaktere werden dabei auf einzelne Werte und Schlagworte reduziert, Machtfiguren als Ketzer abgestraft und Glaubensfragen nach der Existenz und dem Nutzen eines Gottes aufgeworfen, während selbst große Symboliken und letzte Hoffnungsschimmer in Trauer, Flammen und Tristesse ertränkt werden. Andrew Garfield, Jamie Bell, Tom Hollander und Thomasin McKenzie spielen ihre Persönlichkeiten dabei mit absoluter Zielsicherheit. Glaubwürdig, souverän und packend. Je näher sie dem König kommen und zu einer ernstzunehmenden Bedrohung werden, desto deutlicher skizziert Greengrass ihre Macht- und Einflussquelle. Zunehmend lässt er sie brutaler, radikaler und unberechenbarer werden und schiebt sie immer weiter in den Mittelpunkt. Und für einen kurzen Moment entsteht dadurch tatsächlich so etwas wie Zuversicht für die Charaktere, die sich gegen die damals gängige Ausbeutung des Volkes stellen, die für Entlastungen plädieren. Doch Greengrass lässt diese Hoffnung nicht lange bestehen und macht ihre vermeintliche Blauäugigkeit – und die der Zuschauer – unmittelbar zunichte.
© Leonine Studios
Unser Fazit zu The Uprising
Gemessen an dem, was Greengrass sonst an Qualitätskino abliefert, bildet auch The Uprising keine Ausnahme. Auch wenn keineswegs alle Ideen aufgehen und sich die letzten Minuten in einer Ikonisierung à la Robin Hood verlieren, geht The Uprising wesentlich tiefer in den Kaninchenbau des Historien-Epos hinein: Ohne ein neuer Robin Hood oder Braveheart zu sein, stellt Greengrass seine klare Vision, seinen ehrgeizigen Stil und die dichte Atmosphäre über alles andere. Der Thriller bleibt damit ein Warnhinweis für all jene, die mit Hektik und anderen formal-ästhetischen Störgrößen ihre Probleme haben – und ein Ritterschlag für diejenigen, die schon lange Zugang zu dieser Art von Kino gefunden haben. Dreckig und ohne jegliche Lebensfreude, voller Krankheiten und Krieg, ist The Uprising hervorragendes Ensemble-Theater, das sein übergeordnetes Ziel konsequent über die Figuren und deren Innenleben stellt – ohne dabei den Blick für einen hochspannenden Thriller zu verlieren, dessen zentrale Themen damals wie heute nichts an Relevanz eingebüßt haben.
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“