Ein strauchelnder Regisseur bekommt mit Star-Cast von Netflix die Chance sich in einem neuen Genre neu zu erfinden. Nutzt Leterrier diese mit The Last House?
Um was gehts in The Last House?
Eine vierköpfige Familie wird plötzlich in ihrem Haus eingesperrt und muss zusammenarbeiten, um einen Ausweg zu finden. Dabei schwinden ihre Vorräte und sie müssen einer mysteriösen, drohenden Gefahr standhalten, die sie nicht entkommen lässt.
Hat sich Leterrier rehabilitiert?
Louis Leterrier ist einer der Regisseur aus Frankreich, die es ohne lange Anlaufzeit im Heimatmarkt direkt in Hollywood geschafft haben, Fuß zu fassen. The Transporter war nicht nur das Sprungbrett von Jason Statham von der britischen Insel nach Übersee sondern auch die Eintrittskarte Leterriers in den Zirkus der großen Franchises: Der unglaubliche Hulk, der erste Teil von Now You See Me, dann noch der eher unterwältigende zehnte Teil der Fast and Furious-Reihe – wirkliche qualitative Ausrufezeichen konnte er aber in den US-Produktionen dann nie setzen.
Dass er aber durchaus ein Gespür für Atmosphäre und fantastische Bilder hat, hat er mit seinem Mitwirken an der Netflix-Serie Der Dunkle Kristall gezeigt. Diese Partnerschaft wird nun also mit dem ersten eher im klassischen Psychothriller-/Horror-Metier angesiedelten Projekt des Franzosen reaktiviert.
Das Skript von The Last House stammt dann wiederum von Matthew Robinson, der mit Love and Monsters ebenfalls Netflix-Connections hat, vor allem aber wegen seiner Mitarbeit am neuen Gore Verbinski-Streifen Good Luck, Have Fun, Don’t Die die Aufmerksamkeit auf sein Folgewerk lenken wird. Kann also dieses Gespann einen Sommerhit für ihren Streaming-Arbeitgeber landen? Am Cast wird es mit mehreren Award-Nominierten nicht scheitern.
Tag der geschlossenen Tür
Und plötzlich kommt man nicht mehr raus: Draußen regnet es fast sintflutartig, drinnen streiten sich klischeehaft die beiden Geschwister, die Eltern führen lockeren Smalltalk, aber von jetzt auf gleich ändert sich für die Bewohnerfamilie rund um Jason (Moura) alles. Denn weder Türen noch Fenster lassen sich noch öffnen, nicht mal Fensterscheiben einschlagen. Auch Gewalt bringt gar nichts. Das Szenario, das sich in The Last House nach wenigen Minuten auftut, ist denkbar simpel und erinnert natürlich an andere Geschichten vom Eingesperrtsein. Die Stimmung erinnert klar an Birdbox oder A Quiet Place, was vor allem daran liegt, dass das größte Mysterium neben der Ursache und – auch für uns als Publikum -lange Zeit ist, ob es sich um etwas Übernatürliches, etwas Außerirdisches oder doch etwas irgendwie Erklärbares handelt.
Erfreulich ist dabei vor allem das Tempo, dass der Film anfangs an den Tag legt. Viele ähnlicher Thriller halten sich viel zu lange mit der Einführung von Personen auf, hier geht es direkt in die Krise hinein. Erst innerhalb der Bedrohungslage werden dann peu à peu auch die Hauptfiguren charakterisiert, was ebenfalls dem Tempo zugutekommt. Ob es glaubwürdig ist, wie schnell sich die Familie Delgado mit dem Szenario arrangiert, steht hingegen auf einem anderen Blatt.
Der Umgang mit der Isolation und wie sich die Familiendynamik entwickelt, hält dann auch nachdem das Anfangstempo sehr verschleppt wird, bisweilen das Interesse. Doch eigentlich wartet man nur darauf, zu wissen, was eigentlich los ist, auch wenn der „Alltag“ wirklich schön montiert und glaubhaft inszeniert wird.
Formelhaft und mit unbefriedigendem Schlussdrittel
Aus seinem Cast holt The Last House leider nicht das raus, was man sich erhofft. Das liegt zum einen daran, dass die Figuren per se schon mal alles andere als komplex gezeichnet sind und alles in allem den typischen Charakteren entsprechenden, die in derlei Filmen eigentlich immer vorkommen. So fühlt man sich unweigerlich immer wieder an besagte Vergleichsfilm, A Quiet Place oder Birdbox erinnert, wobei vor allem bei ersterem ja die große Stärke war, dass man mit der Familie im Mittelpunkt so exzellent mitfühlen konnte. Hier wiederum sind zwar die Einzelfiguren okay verkörpert, aber eine authentische Familien-Atmosphäre geht speziell ab einem gewissen Handlungspunkt mehr und mehr verloren, weil jede Person in mindestens eine Klischeefalle tappt, in die man Anno 2026 eigentlich nicht mehr stolpern darf…
Neben der nur bedingten emotionalen Bindung zu den Handlungsträgern ist es dann die Enthüllung des „Warum“ und alles, was sich dem noch anschließt, was maximal unbefriedigend fürs Publikum ist, weil zum einen ein Aha-Moment, der für solche Filme nahezu unabdingbar ist, fehlt und zum anderen der Schlussakt dramaturgisch verglichen mit dem Mittelteil zu abrupt abgehandelt wird, sodass erst gar keine Spannung und Fallhöhe zur Geltung kommen kann. Allenfalls in Sachen Schnitt und Inszenierung des Hauses, in dem der Thriller zu 99 Prozent spielt, sammelt Leterrier hier noch Ehrenpunkte.
© Netflix
Unser Fazit zu The Last House
Alles in allem überwiegt nach der doch fast zweistündigen Sichtung von The Last House die Ernüchterung, weil man mit dem Gefühl entlassen wird, dass in dieser Prämisse, mit diesem Cast und mit vielleicht einem anderen Regisseur ein besserer Film gesteckt hätte. Das was Leterrier daraus gemacht hat, ist nicht Fisch, nicht Fleisch, emotional trotz des familiären Fokus unterkühlt und als Mystery-Film halbgar und uninspiriert. Keine Vollkatastrophe, weil über zwei Drittel doch das Interesse gehalten werden kann und die Kammerspielansätze schon spannend sind, aber auch nur bedingt eine Empfehlung, weil Netflix einmal mehr schafft, mit großem Potenzial nur Mittelmaß zu produzieren.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.