Ob als Mordangeklagte oder Gräfin, Weltraum-Wissenschaftlerin oder Kriegsverbrecherin – der Name Sandra Hüller ist in aller Munde. Nun feierte die deutsche Exportsensation mit ihrem neuesten Film in Cannes Premiere; erneut kursieren Oscar-Gerüchte. Was ist dran an dem Getuschel um Vaterland? Hier erfahrt ihr es!
Vaterland – Darum geht‘s
Der renommierte Schriftsteller Thomas Mann (Hanns Zischler) kehrt 1949 nach Deutschland zurück, um dort zwei große Preise entgegenzunehmen. Einer davon soll ihm in Frankfurt verliehen werden, das unter der Kontrolle der USA steht, der andere im von der Sowjetunion kontrollierten Weimar. Gemeinsam mit seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) tritt er eine Reise durch die Bundesrepublik an, bei der er dem Ausmaß deren Zerstörung mehr und mehr gewahr wird. Während dieses Trips erreicht ihn auch noch die Schreckensnachricht über den Suizid seines Sohnes Klaus (August Diehl). Dennoch möchte Thomas diese Tour um jeden Preis beenden – ganz zum Leidwesen seiner Tochter, die mit dem Tod des Bruders schwer zu kämpfen hat.

Der Katermorgen nach dem Krieg
Hohe Decken, prunkvolles Mobiliar und Presserummel begrüßen Thomas Mann auf seiner Preistournee. Setzt er den Fuß vor die Tür, so erwarten ihn Schutt, Asche und bis auf die Grundmauern zerstörte Gebäude. Die zwei Gesichter des zerbombten Nachkriegsdeutschlands bilden den Hintergrund von Paweł Pawlikowskis knackigem Drama über die Rolle der Kunst in einer Gesellschaft, die sich mit ihrem grausigen Spiegelbild konfrontiert sieht. Wie an einem Katermorgen nach einer durchzechten Nacht ist die Nation erwacht und muss sich mit ihren Gräueltaten zu arrangieren lernen. Mann selbst hat viele Jahre im Exil gelebt; rechtzeitig zum Erstarken der NSDAP kehrte er seiner Heimat den Rücken. Aus seiner Perspektive gelingt Regisseur Pawlikowski ein fassungsloser Blick auf ein entgleistes Land durch die Augen eines Mannes, der dem Zug rechtzeitig entsprungen ist. Er bespricht die Machtlosigkeit der Kunst und das Aufgeben der Künstler:innen im Angesicht eines aufkeimenden Faschismus, von dem wir nie wissen werden, ob er aufzuhalten gewesen wäre.
Als Erika auf einer Gala ihrem Ex-Mann Gustaf Gründgens begegnet, der sich im Dritten Reich Rang und Namen machen konnte, schlägt sie ihm zum Schock der anderen Gäst:innen ins Gesicht. Kurz zuvor erbeten die Enkelkinder des kontroversen Komponisten Richard Wagner bei Thomas eine Rehabilitation des Rufs ihres mit Nazis sympathisierenden Großvaters. Nach wie vor krabbelt der Faschismus aus den Trümmerbrocken der deutschen Kunst- und Kulturbranche hervor, betrinkt sich auf Galen und nimmt sich jeden Millimeter, den er kriegen kann. Der Künstler, der die Gefahr zeitig erkennt, steht ihr chancenlos entgegen. Pawlikowski formuliert hier bisweilen recht schwammige und wenig konkret ausformulierte, aber provokante Ideen über Verantwortung und Mittäter:innenschaft aus und überträgt sie auf reale Geschehnisse.
Ein wenig erfunden
Einen faden Beigeschmack hinterlässt hierbei die Tatsache, dass sich der polnische Regisseur diverse Freiheiten bei der Fiktionalisierung jener Geschehnisse erlaubt. Dies ist selbstredend nicht ungewöhnlich und sogar schlicht unvermeidbar, passiert jedoch in einem solchen Ausmaß, dass einige der aus der Geschichte gezogenen Schlussfolgerungen vor dem historischen Kontext nicht mehr stichhaltig wirken. So wurde Thomas Mann auf seiner Reise durch die Bundesrepublik tatsächlich nicht von seiner Tochter begleitet, sondern von seiner Frau Katia. Vom Freitod seines Sohnes Klaus erfuhr er nicht etwa während des Trips durch das zerstörte Land im Juli, sondern bereits in Stockholm auf einer Tour durch Europa im Mai.

Die Parallelen zwischen einer zerrütteten Familie und einem innerlich wie äußerlich zerbombten Land erscheinen wenig schlüssig, wenn sie vom Autoren-Duo aus Pawlikowski und Hendrik Handloegten zusammengeschummelt werden. Das Problem ist hierbei weniger die Akkuratesse der Adaption – tatsächlich gelingt die Verarbeitung der politischen Lage deutlich besser als die des Familiendramas –, sondern eine falsche Äquivalenz, die auf einer derart gravierenden Verzerrung beruht, dass die Drehbuchschreiber sich direkt eine völlig fiktive Figur hätten ausdenken können.
Gerade die an vielen Stellen fast schon beiläufig eingestreut wirkende persönliche Fallhöhe der Mann-Sippe offenbart außerdem ein seltenes Problem von Vaterland: Dieser Film ist schlicht zu kurz. Wo ein Großteil moderner Kino-Releases im Schnitt mit Sicherheit eine Viertelstunde ihrer Laufzeit absägen dürften, hätten diesem Werk einige Zusatzminuten nicht schlecht getan. Wirklich tief geht die Besprechung der erzwungenen emotionalen Distanz, die Mann zum Tod seines Sohnes aufbaut, nämlich nicht. Seine Reibungspunkte mit Erika werden lediglich angedeutet, die emotionale Katharsis zum Schluss entfaltet sich eher durch effektive Regietechnik und cleveren Musikeinsatz als durch inhaltliche Finesse.
Die Macht des verschwiegenen Wortes
Nun gehört inszenatorisches Geschick natürlich mindestens ebenso zu den Werkzeugen eines gelungenen Films wie das geschriebene Wort. Und so sehr das Skript sich dagegen sträubt, die tatsächlichen Abgründe seiner Themen zu erforschen, so glänzend gelingt es Pawlikowski, eine Stimmung einzufangen, die der Schwere des historischen Hintergrundes dennoch gerecht wird.

Ein besonderes Lob gebührt dafür nicht nur dem Kameramann Łukasz Żal, oscarnominiert für beide vorherigen Kollaborationen mit diesem Regisseur, sondern allen voran den Szenenbildner:innen Katarzyna Sobańska und Marcel Sławiński. Deren atemberaubende Ausstattung porträtiert die Zerrissenheit der Nation, in der Kinderchöre den Glanz des Vaterlandes besingen dürfen, während vor den Türen erfolglos entnazifiziert wird, brillant. Ebenfalls exzellent ist die Filmmusik von Marcin Masecki, welche sich durch düstere Orgelklänge auszeichnet, die in einer interessanten Schlussszene Einzug in die Diegese finden. Seine größte Kraft entfaltet dieser Streifen, wenn er kommuniziert, ohne den Mund zu öffnen.
© Neue Visionen Filmverleih
Unser Fazit zu Vaterland
In gerade einmal 82 Minuten beleuchtet Paweł Pawlikowski atmosphärisch die Spuren des Nationalsozialismus, die sich auch lange nach dessen angeblichem Ableben durch die deutsche Kulturlandschaft ziehen. Böse Zungen könnten behaupten, dass die Spätfolgen dieser fehlgeschlagenen Tötung sich auch heute noch abzeichnen. Wenngleich wünschenswert wäre, dass die Figuren in dieser Analyse als Charaktere ebenso gelungen wären wie als Bedeutungsträger:innen, gelingt dem Regisseur eine recht bissige Anklage an Künstler:innen, die sich dem Gewicht ihrer Waffe nicht bewusst sind. Sandra Hüller macht ihren Job gut, doch Hanns Zischler als der legendäre Autor Mann und Ein-Szenen-Wunder August Diehl als dessen Sohn laufen ihr schauspielerisch den Rang ab. Der Nebencast ist bis in die kleinste Rolle gut besetzt; sogar Joanna Kulig, Hauptdarstellerin von Pawlikowskis Vorgängerwerk Cold War, erhält einen Gastauftritt. Vaterland ist kein unfassbar tiefgehender, aber schlussendlich doch ein runder Film und setzt den Trend starker politischer polnischer Werke aus vergangenen Jahren nahtlos fort.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.

