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    Possible Love

    Luca Mattysvon Luca Mattys28. September 2026Keine Kommentare6 min Lesezeit
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    Possible Love © Netflix
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    Überraschung! Statt erst im November im Streaming zu erscheinen, wird der koreanische Oscar-Beitrag Possible Love von Netflix bereits im Oktober in (ausgewählten) Kinos veröffentlicht. Wir sagen euch, ob man auch größere Strecken dafür in Kauf nehmen sollte!

    Darum geht’s in Possible Love

    Eine Geschichte über zwei verheiratete Paare – ein entlassener Arbeiter und seine Ehefrau sowie eine Dokumentarfilmerin und ihr Ehemann. Ihre Wege kreuzen sich, als sie einen Dokumentarfilm drehen wollen; dabei sehen sie sich mit ihren unterschiedlichen Lebenswegen und verborgenen Sehnsüchten konfrontiert.

    Possible Love © Netflix

    Die lang erwartete Rückkehr

    Mehr als acht Jahre ist es her, seit Lee Chang-dong mit Burning seinen letzten Spielfilm veröffentlichte. Seitdem kämpfte der koreanische Meister um die Produktion seines Nachfolgewerks. Fast wirkte es, als wäre Possible Love verloren, als zunächst kein Studio anbiss und schließlich auch das Korean Film Council, die südkoreanische Filmförderungsanstalt, die Finanzzuschüsse zurückzog. Dass ausgerechnet Netflix sich bereiterklärte, Lee die nötigen Gelder zur Verfügung zu stellen, um sein Traumprojekt dennoch zu realisieren, mutet ironisch an. Denn weiter entfernt von einer glattgeleckten Streamingproduktion könnte dieser zutiefst eckig-kantige Film, der seine Wirkung kaum über direkte Reize und vielmehr über tiefschürfende Ideen entfaltet, kaum sein. So ausgedehnt sich die acht Jahre seit Burning auch angefühlt haben mögen, für eine Rückkehr mit solch thematischer Dichte erscheinen sie beinahe kurz.

    Lee füllt die beträchtliche Laufzeit von zwei Stunden und 44 Minuten mit einer Menge Fleisch. Dabei belohnt er das aufmerksame Publikum, das auch während ausschweifender Dialogszenen an den Lippen der Darsteller:innen haftet. Gut, dass Netflix sich auch hierzulande erbarmt hat, Possible Love einen Kinostart zu gewähren. Die stille Weisheit, die ihm innewohnt, wäre im zweiten Tab von abgelenkten Frühjahrsputzer:innen völlig verloren gegangen.

    So aber erhält das begnadete Buch, von Lee selbst mit Burning-Co-Autorin Oh Jung-mi verfasst, diejenige Bühne, die es verdient. Auch ohne sämtliche Kenntnisse im Koreanischen lässt sich die Poesie aus dem Wortklang des Ensembles spielend leicht heraushören. Obgleich sich Rhythmus und Melodie unmöglich in einen Untertitel übersetzen lassen, sei also die Vorstellung im Originalton empfohlen.

    Alte und neue Gesichter

    Ein weiterer Grund hierfür ist zweifelsohne der geniale Cast, bestehend aus einigen von Koreas schauspielerischen Aushängeschildern. Abgesehen von Zo In-sung, zuletzt selbst im Monster-Thriller Hope positiv aufgefallen, durften sämtliche Mitglieder bereits in gefeierten Filmen mitwirken. Cho Yeo-jong, welche hier die mit einem wohlhabenden Mann verheiratete und etwas der Realität enthobene Dokumentarfilmerin spielt, erfüllte eine oberflächlich ähnliche Funktion bereits in Bong Joon-hos Oscar-Erfolg Parasite. Dort gab sie die naive Mutter der Familie, in deren Haus die Hauptfiguren sich nach und nach einschleichen. Die Parallelen zwischen den Rollen enden jedoch bei der fehlenden Reflexion über den eigenen Wohlstand, denn die fantastische Cho legt sie derartig unterschiedlich an, dass man leicht vergessen kann, dass es sich dahinter überhaupt um dieselbe Person handelt.

    Jeon Do-yeon als Mi-ok © Netflix

    Die Protagonist:innen von Possible Love indes werden beide von Darsteller:innen interpretiert, mit denen Regisseur Lee eine persönliche Geschichte verbindet. So ist dieser bereits der dritte Film, den er mit Sul Kyung-gu gemeinsam dreht. Zuvor kollaborierten beide 1999 für Peppermint Candy und 2002 für Oasis, jeweils mit Sul in der männlichen Hauptrolle. Jeon Do-yeon gewann für ihre brachiale Leistung in Lees Secret Sunshine 2007 hochverdient den Preis für die beste Darstellerin in Cannes. Nahtlos knüpft sie hier an diese Errungenschaft an und herrscht mit ihrer herzzerreißenden Mimik, durch die ihre Augen ganze Welten widerspiegeln können, über den ganzen Film.

    Regenbogenfarben im Wasser

    Jeons Mi-ok, unverhoffte Kernfigur einer Dokumentation, durch die sie in Kontakt mit vermögenden Kreisen kommt, erinnert sich zu Beginn von Possible Love an einen Schnipsel ihrer Kindertage. Dort erhielt sie von ihrer Mutter unerwartet Schelte, nachdem diese sie beim Spielen mit einem Wasserschlauch erwischte. Erst als Erwachsene, die es im Lieben nie über das Segment der Geringverdiener:innen hinausgeschafft hat, kann sie diesen Ärger verstehen. Die Mutter, selbst unterbezahlte Arbeiterin in einer Autowaschanlage, wurde Zeugin, wie sich ihre Tochter in jungen Jahren in die romantisierte Vorstellung der Arbeit verliebte, und erkannte den damit verbundenen Kreislauf. Umso schwerer trifft es das Publikum, wenn das Bild des Schlauchs, dessen Strahl in der Luft hübsche Regenbogen-Reflektionen hinterlässt, später im Film zurückkehrt. Der Kreislauf ist real, und er ist ein Strudel.

    Auch die Scham, die mit Versagen auf dem Arbeitsmarkt – nicht nur in Korea – assoziiert wird, porträtiert Lee durch einige Schlüsselszenen. Insbesondere diejenigen, in denen Ho-seok ehemaligen Kollegen aus der Fabrik begegnet, aus der er entlassen worden ist, geben Schauspieler Sul die Chance, die soziale Ausgrenzung seiner Rolle zu realisieren. Als er nach einer durchzechten Nacht im Ferienhaus der reichen Lees sturzbetrunken versehentlich in die Badewanne pinkelt, stößt der nicht weniger alkoholisierte Sang-woo hinzu. Er entdeckt das Malheur, amüsiert sich darüber und uriniert daneben. Was für den einen Mann die ultimative Entwürdigung und den Aufprall auf dem harten Boden darstellt, ist für den anderen nichts als ein Scherz, den er sich leisten kann.

    Durch das Auge der Kamera

    Auch seine Gatting Ye-ji hat keine Ausgrenzung zu befürchten. Wenngleich sie als Kunstschaffende theoretisch besonders abhängig von den Launen von Fördereinrichtungen ist (man beachte ihre Namensgleichheit mit Lee Chang-dong selbst), verfügt ihr Ehemann über die nötigen Mittel, ihre Projekte zu finanzieren. Für Unterstützungsprogramme bewirbt sie sich selbstverständlich trotzdem. Ihre Dokumentation über gekündigte Arbeiter:innen führt sie in eine Welt, die sich nicht nachvollziehen kann.

    An einer Mischung aus Kapitalismuskritik und Meta-Narrativ über Filmproduktionen versuchte sich mit Gael García Bernals Hombre al agua 2026 noch ein weiterer Titel im Programm der Filmfestspiele von Venedig. Doch Bernal scheiterte, wo Lee die Verknüpfung fand. Seine Ye-ji versucht, ihr unverständliche Grenzen aufzulösen, wenn sie sie selbst nicht erkennt. Fiktion und Realität, Armut und Wohlstand – sie möchte die Unterschiede nicht akzeptieren. Dabei ist ihr Eingriff der Deckel auf einem Kessel, der überzukochen droht.

    Zo In-sung als Sang-woo, Jeon Do-yeon als Mi-ok in Possible Love © Netflix

    Interessant ist an dieser Stelle auch der stilistische Ansatz, mit dem Lee an den Dokumentar-Aspekt von Possible Love herangeht. Auf den ersten Blick ist dies vielleicht sein inszenatorisch unaufgeregtester Film. Gerade als Nachfolger von Burning, einem formvollendeten Lehrstück in Sachen Beleuchtung und Kameraarbeit, mag das enttäuschend wirken. Dafür versteht sich Kameramann Kim Ji-yong vollends auf das Spiel mit Perspektive. So wechselt der Film gelegentlich unangekündigt zum Blick der Kameralinse; wir sehen, was die diegetische Dokumentation einfängt. Was schwächere Regisseure durch übertriebene Wackelbilder oder eingeblendete Akkuanzeigen visualisiert hätten, bleibt hier subtil suggeriert. In puncto geschmackvolle Präsentation machen es schließlich nur die wenigsten wie Lee Chang-dong.

    © Netflix

    Unser Fazit zu Possible Love

    4.0 Fantastisch

    Jedes einzelne der acht Jahre Wartezeit war diese Wiederkehr wert. Wie nicht anders zu erwarten ist die Rückkehr des Großmeisters eines der absoluten Kino-Highlights des Jahres. Wer oberflächlich ästhetische Bilder erwartet, die primär zum Einrahmen und Aufhängen gemacht zu sein scheinen, ist zwar an der falschen Adresse. Doch ein geduldigeres Publikum wird sich mit Sicherheit verlieben in die detailreichen und bedeutungsschwangeren Einstellungen. Diese brennen sich subtil ins Gedächtnis und dienen zu einhundert Prozent der Geschichte und ihren Figuren. Fast drei Stunden und doch keine Minute zu lang – Possible Love ist ein weiterer Volltreffer von Lee Chang-dong und wäre vermutlich ein würdiger Träger des Goldenen Löwen von Venedig gewesen. Am Ende reichte es lediglich für den Großen Preis der Jury. Der Nachwirkung dieses Werkes dürfte das kaum Abbruch tun.

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    Luca Mattys

    Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.

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