Ryan Reynolds kennt sich im Buddy-Segment bestens aus. Doch sein Spielpartner in Mayday hat eher als Solist oder Antagonist bislang Meriten gesammelt. Wie also harmoniert Kenneth Branagh mit dem Deadpool-Star?
Darum geht’s in Mayday
Der heißblütige Marinepilot Lieutenant Troy „Assassin“ Kelly (Ryan Reynolds) wird auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges auf eine streng geheime Mission auf russisches Territorium geschickt, die Operation implodiert und lässt ihn hinter den feindlichen Linien gestrandet zurück. Entdeckt von Nikolai Ustinov (Kenneth Branagh), einem mürrischen Ex-KGB-Agenten mit einer Vorliebe für die amerikanische Kultur, glaubt Troy, dass er am A**** ist – aber könnte eine unwahrscheinliche Allianz zwischen den beiden zu Troys Rettung und einer Bindung führen, die keiner von beiden kommen sah?

Buddy-Comedy im Kalten Krieg?
In den Achtzigern wurde ja quasi die Formel des bis heute gängigen US-Buddy-Actionfilms mit beispielsweise Nur 48 Stunden oder Lethal Weapon kreiert. Doch obgleich damals die Welt vom Kalten Krieg in vielen Bereichen beeinflusst war, auf dieses Actionfilm-Subgenre schlug sich das nicht nieder. Warum eigentlich nicht, muss sich nun jemand bei Apple TV gedacht haben und der Streamingdienst holt es Mayday nun nach. So wendet der 2026er-Film nun die althergebrachte Formel in einem Achtzigerjahre-Setting mit einem US-Piloten und einem Sowjet an, die sich in typischer Hassliebe-Manier gegen die gemeinsamen austauschbaren/entbehrlichenGegner behaupten müssen und dabei peu à peu zusammenwachsen.
Kein Senkrechtstarter
Einmal mehr versucht nun also Apple TV mit einem Direct-to-Stream-Film diese angreifbare Flanke im Portfolio seines Streamingdienstes zu stärken. Einmal mehr setzt man auch Namen, die auch gut und gerne heute noch Leute in die Kinosäle locken würden. Und einmal mehr kommt am Ende dann doch nur ein Machwerk raus, das weder qualitativ den Apple-eigenen Ansprüchen genügen darf und soll noch in der Popkultur mehr Spuren hinterlassen wird als es der wöchentliche Netflix-„Topstart“ im Gros tut.
Doch mehr denn je sind die Probleme hier hausgemacht, weil man vielleicht schlicht die eigenen Möglichkeiten überschätzt. Wenn man beispielsweise einen Film über einen Kampfpiloten macht und mit breiter Brust auch mit Luftkampf-Szenen in die Story einsteigt, dann sollte das in Zeiten von Top Gun: Maverick – und wenn man dann auch noch mit der Liebe zum Original Top Gun spielt – schon ein bisschen eindrucksvoller rüberkommen. Wie gesagt, ist das eine bewusste Entscheidung, einen Wannabe-Action-Kracher mit einem solchen Auftakt zu versehen. Der erste Eindruck ist dann bei Mayday schon mal genauso eine Bruchlandung wie die, die die Ryan Reynolds-Figur dann im Folgenden hinlegt.
… aber dann!
Doch wenn es zum Kernstück dieser Produktion kommt, also dem Buddy-Action-Part zwischen Kenneth Branagh und Ryan Reynolds, schafft es Mayday doch recht schnell, diesen verkorksten Start auszugleichen. Und um es vorweg zu nehmen: Das liegt nicht garantiert nicht an Reynolds, der einmal mehr nur seine typische Deadpool-like Variation aufträgt und langsam aber sicher allen Kritikern den Beweis erbracht haben sollte, dass er wirklich nur diese eine Nummer drauf hat. Doch da genau diese Nummer im Kontrast zu der Performance von Branagh genauso gut funktioniert wie seine schräge Bromance-Show in Deadpool and Wolverine mit Hugh Jackman, erfüllt der Actioner dann eben doch fast mühelos sein Soll. Zwar keinen Deut mehr, aber das zu verlangen wäre bei einem „Streamingfilm“ dann ja auch vermessen gewesen.
Man kann eben von Kenneth Branagh halten was man will, aber wenn er sich fast comicartig in seine Charaktere verwandelt, dann hat das fast ausnahmslos Sinn und Verstand. Ob als Hercules Poirot, einstmals als Gilderoy Lockhart oder als russischer Bond-Villain-like Gegenspieler in Tenet: Die extrem dürftige Range vieler aktueller Topstars gleicht Branagh mit aufwendigen Masken und vor allem seinen Mut zur Selbstironie mehr als aus. In Mayday ist er jetzt ein Sowjet, der in den Achtzigern ein glühender Fan der US-Popkultur ist. Und da er inzwischen so viel Erfahrung im Fälschen von russischem Akzent mit sich bringt und zudem auch von der Optik her gut als Osteuropäer durchgeht, braucht es nur wenige Sekunden und man kauft ihm auch diese Rolle wieder zu einhundert Prozent ab.
Bislang selten genutzte Qualitäten als Actionfigur hat er dann aber sogar auch noch: Während es mehr und mehr schwerfällt, den alternden Kollegen, die erst im Spätwerk das Action-Genre für sich entdeckt haben, die Agilität noch abzukaufen (Ja, Liam Neeson, ich meine dich!), schaffen es hier die Kamera und die Choreografie Branagh tatsächlich glaubwürdig als verkappte Allzweckwaffe zu verkaufen. Direkt der erste – zugegebenermaßen ziemlich vorhersehbare – Kampf in einer Spelunke setzt die Fähigkeiten in ein spaßig-wildes Licht, sodass man von da an dank offener Karten vorfreudig wartet, dass sich irgendjemand wieder mit „dem Falschen“ anlegt.
Verspielt, rasant und selbstironisch
Die Macher von Mayday haben ja mit dem gelungenen Dungeons & Dragons-Film schon unter Beweis stellen dürfen, dass sich leichtfüßig Abenteuer-Action ohne Leerlauf draufhaben. Hier erweisen die Regisseure sind entsprechend als absoluter Gewinn, weil sie aus dem eigentlich ziemlich unspektakulären, nahezu belanglos-unkreativen Konstrukt den maximalen Effekt rausholen.
Damit ähnelt dann dieser Film vom Vibe und Tempo her sehr an den Präsidenten-Buddy-Actionfilm Heads of State mit der ebenso unwahrscheinlichen Kombi aus Idris Elba und John Cena. Und auch die kleinen Pointen sitzen ähnlich, beide Streaming-Starts haben zwar ein – zwei Härten, sind aber im Endeffekt fast Familienfilme und auch in der Dramaturgie gibt es erstaunliche Parallelen. Kurzum: Wer also den Duktus des Konkurrenten von Prime-Video im letzten Jahr schätzte, wird hiermit quasi das filmgewordene Dessert zu einem gut sättigenden Hauptgang bekommen: Entweder es ist noch Platz im „Magen“ für etwas, was eigentlich keiner braucht – oder man quält es sich aus Anstand irgendwie rein und hat am Ende am ganzen Körper Schmerzen.
Wenn dann mit einem alten Lada zu Springsteen’s „I’m on Fire“ in einer Montage durch das ländliche Osteuropa gefahren wird, hat Mayday sogar etwas angenehm Melancholisches. Und überhaupt kann man sagen, dass den Machern das zeitliche Setting schon sehr gut gelingt, wobei der Look dann insgesamt schon dem aktuellen Streaming-Standard entspricht, was vielleicht für den ein oder anderen eine Kröte ist, die man schlucken muss, wenn man bedenkt, wie es beispielsweise in Tetris oder Atomic Blonde gelungen ist, nicht nur mit der Ausstattung sondern auch mit den Bildern ein authentisches Kalter-Kriegs-Gefühl herzustellen.
© Apple TV
Unser Fazit zu Mayday
Mayday ist exakt das, was man sich von einem Buddy-Actionfilm mit dem Deadpool-Star und dem Hercules Poirot-Darsteller verspricht: Ziemlich dünnes Skript, aber vor allem Kenneth Branagh hält durch eine mal wieder grenzwertig selbstironische Performance das Interesse fast im Alleingang aufrecht. Dazu sitzen die Gags in der Mehrzahl, die Action hat mehr Drive als die meisten Streaming-Produktionen und die Laufzeit ist auch dankenswerterweise genau dem Niveau angemessen.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.
