Was als brutaler Akt beginnt, entfaltet sich zu einem wilden, visuell überwältigenden Trip zwischen Glaube und Wahnsinn, Performance und Wirklichkeit, Erlösung und Opfer: Sacrifice ist das US-Debüt eines Franzosen, der mit seinem letzten Film einen Hit bei Netflix gelandet hat. Kann er es auch mit Stars?
Darum geht’s in Sacrifice
Nach dem feurigen Tod ihrer Mutter folgen Joan (Anya Taylor-Joy) und ihre Geschwister einer rätselhaften vulkanischen Prophezeiung: Sie glauben, es sei ihre Bestimmung, die Erde zu reinigen. Ihr Weg führt sie zu einem glamourösen Charity-Galadinner, das sie mit ihrer radikalen Gruppe überfallen – und drei unerwartete Geiseln für ein grausames Ritual nehmen: ihren Helden, Filmstar Mike Tyler (Chris Evans); ihren Schurken, den eiskalten Milliardär Ben Bracken (Vincent Cassel); und ihre Geliebte, die unglückliche Performerin Katie (Ambika Mod).

Unerwartet
Wow! Was für eine Urgewalt! Das war nicht nur meine Stimmungslage nachdem ich vor etwa drei Jahren den französischen Netflix-Film Athena, die dritte Spielfilm-Regiearbeit des Musikvideo-Spezialisten Romain Gavras, genießen durfte. Die Shakespeare-eske Brüdertragödie und Milieustudie der Pariser Banlieus war eine technische Tour de Force, bildgewaltig, rauschhaft, gleichzeitig niederschmetternd und fassungslos stimmend. Dachte man nun aber, der Filmemacher würde ähnlich wie sein Kollege Ladj Li auch mit dem Folgeprojekt im ähnlichen Terrain bleiben, wird womöglich erstaunt sein, wie krass Gavras sich nun mit Sacrifice vom vorangegangenen Projekt entfernt hat.
Oberflächlich betrachtet verbindet die Werke des Sohns von Regielegende Constantin Costa-Gavras nur die grundsätzlich kulturpessimistische Stimmung und die Kritik an sozialer Ungerechtigkeit und Klassengesellschaften. Doch während es in Athena nicht den Hauch von Komik gab, soll Sacrifice nun doch augenscheinlich als Satire funktionieren, womit Gavras unverhohlen in die Richtung geht, die man bisweilen vor allem mit Ruben Östlund verbindet.
Make Earth Cool Again
Ähnlich wie nun also bei Östlunds Werken The Square und mehr noch bei Triangle of Sadness versammelt Romain Gavras hier nun eine Gruppe an Stellvertretern der offensichtlich angeklagten, reichen Elite in einem Klischee-Setting, um dort dann dort mit seiner plakative Story einer möglichst entlarvenden Eskalation beizuwohnen. Statt Vernissage mit Live-Performance oder Kreuzfahrtschiff ist es hier nun also eine Charity-Gala in einem zwar spektakulären Setting, das jedoch von Beginn an eine bloße Kulisse bleibt.
Was aber nach einem Anfang, der tonal sogar an die charaktereinführenden Auftaktszenen von so etwas wie Knives Out oder The White Lotus erinnert, dann ab dem Zeitpunkt, wo die Ökoterroristen die Gala in Geiselhaft nehmen, hier passiert, ist schwer zu dechiffrieren. In welche Richtung will Gavras hier eigentlich austreten, lautet die ständig mitschwingende und bis zum Ende schwer zu beantwortende Frage.

Ein großes Kuddelmuddel der Ziellosigkeit
Die seltsame Gruppe von Kultistinnen glaubt an eine seltsame Prophezeiung vom Weltuntergang durch einen Vulkan und begibt sich auf eine skurrile Mission. Deren Anführerin Joan, gespielt von Anya Taylor-Joy, fängt dann eine Art Stockholm-Syndrom Liebelei mit der Chris Evans Figur an, der eigentlich geopfert werden soll, aber als Schauspielstar dann auch noch eine Sinnkrise und einen Geisteswandel durchmacht. Evans spielt den eitlen, leicht einfältigen „Helden“ Mike leicht trottelig bis treudoof, was zum schwer greifbaren Ton dieses Films noch ganz gut passt. Taylor-Joy hingegen macht als komplett overactende Fanatikerin und Psychopathin zwar einen gewohnt starken Job, aber ihre Figur ist irgendwie nicht voll ausgereift geschrieben, verhält sich immer wieder widersprüchlich und wie eine Parodie auf den typischen Sektenführer-Archetypus.
John Malkovich macht dann seinem Ruf alle Ehre und spielt in einem ohnehin kompletten Gaga-Szenario ein weiteres Mal einen Durchgeknallten. Vincent Cassel fällt zwar optisch mit Glatze diesmal besonders auf, hält sich im Vergleich zu den anderen sogar noch etwas zurück. Dass der Tech-Milliardär im kultischen Verständnis der Öko-Soziopathen, die sich selbst im Verlauf als Falschspieler entpuppen, der Schurke ist, ist natürlich alles andere als subtil. Ganz allgemein ist aber Sacrifice ohnehin jetzt kein sonderlich subtiler Beitrag, sondern eine absurde Groteske, die ihr Herz zu offen auf der Zunge trägt.
Man wird nicht schlau draus
Irgendwie will der Film aber weder als anprangernde Satire noch als Ökothriller, Charakterdrama über eine junge Frau mit seltsamem Verständnis von Trauerbewältigung oder gar als Allegorie mit Horrorelementen so richtig funktionieren. Wenn etwas noch im Gedächtnis bleibt, dann sind es ein paar wirklich gut fotografierte Momente, vor allem alles, was dann am Vulkan geschieht. Und auch ein paar Needle-Drops sind Gavras definitiv gelungen, wodurch man tatsächlich zu dem Schluss kommen kann, dass der Regisseur doch besser versuchen sollte, künftig wieder über die Audiovisualität zu erzählen und zu beeindrucken und nicht wie hier mit Biegen und Brechen Bedeutsamkeit einzuweben, ohne dabei zu wissen, was er eigentlich zu sagen hat.

Sacrifice feierte schon vor über einem Jahr in Toronto seine Premiere, doch lange Zeit fand sich kein Verleih für den wilden Genremix. Erst im Frühjahr darauf schlug Netflix für den US-Markt zu, in anderen Ländern wie auch hierzulande kommt der Film sogar noch ins Kino, wird dort aber mutmaßlich einen schweren Stand haben. Denn nachdem man dieses ziellose Durcheinander von Filmproduktion gesehen hat, erklärt, weshalb die Verleiher es nicht mal mit der Kneifzange anfassen wollten. Tatsächlich wüsste ich nämlich auch nicht, wie man diesen Film – außer mit direkter Adressierung der Fans der Stars – überhaupt verkaufen soll.
© DCM/ICONOCLAST, Mid March Media, Film4, Heretic
Unser Fazit zu Sacrifice
Sacrifice hat zweifelsohne Bilder, die im Kopf bleiben, ein paar Szenen, die durch ihre von einem Experten kreierte Musikvideo-Artigkeit überzeugen und den ein oder anderen Moment, der so skurril daherkommt, dass man erstmal entschlüsseln muss, was man eigentlich gesehen hat. Doch als Film funktioniert das Ganze nicht, weil hier plumpe Botschaften so verkompliziert vermittelt werden sollen, dass am Ende keiner - nicht mal der Macher selbst - mehr die Intentionen zu verstehen scheint. Da nützt auch nichts, dass die Stars sichtlich Spaß an dem Gaga-Projekt hatten. Tatsächlich ist der Nachfolge-Film des Regisseurs von Athena einer der Kategorie "Muss man gesehen haben, um zu glauben, dass es sowas gibt" - und das ist zumindest ein Anreiz die 100 Minuten zu investieren.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.
