Mit Beware Boiúna schlängelt sich nach Anaconda (2025) der nächste Schlangenfilm ins Kino – nur ohne großes Budget, Paul Rudd oder Jack Black im Gepäck. Doch sollte man diesem Dschungelabenteuer vertrauen schenken – oder doch eher die Finger davon lassen?
Darum gehts im Horrorfilm
Ein junges Ärzteteam reist im Rahmen einer humanitären Mission mit einem Schiff tief in den Amazonas-Regenwald und macht sich damit nicht nur Freunde. Ihr Besuch ruft eine uralte Jägerin auf den Plan: die Boiúna. Diese mythische, aus dem kolumbianischen Volksglauben stammende Riesenschlange kehrt zurück, um ihr Territorium zu verteidigen. Sie entscheidet, wer lebt und wer stirbt. Mitten im dichten Dschungel entfacht ein unerbittlicher Kampf ums Überleben, in dem die Grenzen zwischen Jäger und Gejagtem immer mehr verschwimmen.
Ein Mann, ein Wort
Er schaffte den letzten Wrong Turn, einen Freitag-der-13.-Fanfilm, eine gelungene V/H/S-Episode und das Silent Night, Deadly Night-Remake – nun werkelt er an der Staffelstabübergabe zum nächsten Saw-Ableger. Fast mühelos arbeitet sich Regisseur Mike P. Nelson von kleinen B-Movies zu den großen Blockbuster-Reihen vor. Nicht ohne Grund wird sein Name dabei immer mehr zum Begriff. Er versteht es, wenig nach viel aussehen zu lassen, ein markantes Handwerk an den Tag zu legen und selbst aus den geringsten Mitteln das Maximum herauszuholen. Zwar hatte sein Wrong-Turn-Versuch noch einige Störstellen zu viel, doch Besserung folgte schleunigst. Bereits sein nächster Titel setzte als Weihnachtsslasher dort an, wo Terrifier 3 scheiterte, und bespielte mit viel Liebe zum 80er-Jahre-Videotheken-Ramsch die gesamte Horrorklaviatur. So gelang ihm ein überraschend zielsicheres Kult-Remake, das durchaus das Zeug zur jährlichen Weihnachtstradition mitbringt.
Ein Schlangenfilm mit Bärendienst
Beware Boiúna folgt nun selbigem Konzept und bespaßt sein Publikum an den verregneten Herbsttagen mit einem tollen Schlangen-Horrorfilm, der besonders Anaconda-Fans eine unterhaltsame Zeit bescheren dürfte. Mussten sich diese in vergangenen Jahren noch mit viel Klamauk, schlechten B-Movies und katastrophalen Effekten herumschlagen, folgt nun die volle Breitseite an Qualität in Form von schwitzigem, spürbar giftigem und dreckigem 80er-Trash. In Erinnerung an Filme wie Cannibal Holocaust und andere bekannte Vertreter des Horrorfilms, die man regelrecht hautnah miterleben musste, rollt Nelson die gesamte Genrevielfalt aus. Dabei wirkt das Geschehen angenehm aus der Zeit gefallen, irgendwo zwischen Hommage und Neukreation. Eine Zeit, in der grisseliges Filmkorn, die Flucht in die Imperfektion und eine hektische Kamera überhandnahmen. In der der Look-and-Feel der Video Nasties als Anlaufstelle dient, die Nelson mit inszenatorischen Anspielungen auf die French-Extremity-Welle erweitert, um daraus seinen eigenen Vibe zu entwerfen.
Der beste Anaconda, den wir nie hatten
Beware Boiúna macht dabei grundsätzlich wenig neu. Die Plotstationen sind bekannt, die Konflikte schablonisiert, die Figuren zweckdienlich und bis das titelgebende Tier in Erscheinung tritt, muss einiges an Sitzfleisch mitgebracht werden. Und selbst wenn es schließlich auf der Speisekarte steht, bedient sich der Spannungsaufbau fast dreist bei Anaconda, was naheliegend ist. Damit bewegt sich Nelson auf einem ähnlich schmalen Grat, wie es die Rip-offs dieser Titel zu ihrer Zeit taten, und erzeugt einen wesentlich brutaleren und expliziteren Eindruck, als er womöglich ist. Und doch versiegelt er all das zu etwas Eigenem. Er schafft einen Film, in dem die kritikanfällige Dramaturgie und Inszenierung tatsächlich zur großen Stärke wird. Entgegen dem stereotypischen Narrativ von Forschern auf Tierexpeditionen, die davon überrascht werden, auf das titelgebende Tier zu stoßen, das es eigentlich zu untersuchen gilt, investiert Nelson viel Zeit in eine glaubwürdige Ausgangslage, aus der sich der Horror folgerichtig und feinfühlig entwickelt.
Zwar sind auch in Beware Boiúna Experten auf Austausch, jedoch spielt sich das „Jäger-Gejagten“-Szenario schon wesentlich früher über einen zwischenmenschlichen Konflikt aus. Was daraus resultiert, ist ein Film, der in der ersten Hälfte ganz ohne Schlange auskommt, dank dieser Grundanspannung und ereignisreichen Hatz jedoch unweigerlich im Terrain des übergeordneten Antagonisten gipfelt. Nelson beweist dabei Freude daran, große Fährten auszulegen, um diese anschließend umso wirkungsvoller zu besetzen. Ist die Schlange einmal eingeführt, müssen die Seiten von Gut und Böse unweigerlich verschwimmen. Auf einmal gibt es keine Schablonen mehr, keine klassischen Pro- und Antagonistenbilder, keine sicheren Hauptfiguren. Es geht um Koexistenz und das nackte Überleben. Daraus entsteht ein erstaunlich rachsüchtiger und diabolischer Genrebeitrag, der immer wieder Erwartungen konsequent unterwandert und aus dem anfänglich simplen Aufbau einen unerwartet komplex gedachten Tierhorrorfilm formt, der kaum Gefangene nimmt.
Welcome to the Jungle…
So wird der Dschungel wohl oder übel zum eigentlichen Hauptcharakter des Films. Überall kreucht und fleucht es, alles ist darauf aus, die Charaktere beißen, stechen oder verschlucken zu wollen, während links und rechts exotische, unheimliche, wenn nicht sogar tödliche Tiere umherkriechen und fliegen. Nelson macht aus diesem Gelände eine regelrechte Todeszone, die mit der immer größer werdenden Bedrohung zunehmend kleiner zu werden scheint. Beware Boiúna schafft dadurch ein erstaunlich unangenehmes, ereignisreiches und geradezu florierendes Setting, das unter die Haut geht. Ungewollt verschmelzen die Figuren mit ihrer Umgebung, in der letztlich alles darauf aus ist, die Menschen darin zur Strecke zu bringen. Stechende Tiere, giftige Bäume, Treibsand oder krabbelnde Spinnen sind plötzlich nur noch schauriges Beiwerk, ein weiterer Dorn im Auge. Nelson gelingt dadurch ein nahezu klaustrophobisches Gefühl, das mit tief verankerten Urängsten spielt.
… oder doch Jurassic Park?
Parallel greift Nelson Themen wie Kolonialismus, Klimawandel, Artenaussterben und die Rodung des Waldes auf und baut zugleich die Mythologie um Boiúna weiter aus. Nicht jeder Ansatz geht dabei auf, vieles bleibt eher Behauptung und geht im Horrorspaß zwischen lauten Jumpscares, brutalen Kills und respektablen Effekten unter. Und doch ist diese Herangehensweise schätzenswert. Zwischen bissiger Action, spürbarem Nervenkitzel und atmosphärischem Genre-Trash, der gegen Ende mit dem gelben Bagger in bester Aliens-Manier zum Schlag ausholt, schafft Nelson den Spagat, genügend Subtext und Ernsthaftigkeit einzubringen und zugleich eine Konfrontationsbasis im Stile von Jurassic Park zu kreieren – beides erstaunlich zufriedenstellend vereint. Beware Boiúna hält dabei eine konstante Grundspannung aufrecht. Und doch verzettelt sich Nelson in seinem Finale etwas zu sehr. Zu routiniert und mutlos sorgt dieses für einen negativen Beigeschmack hinsichtlich der übergeordneten Message und führt seinen Mythologie- und Gott-Gedanken letztlich zu unklar aus, sodass einige Fragen offenbleiben.
© Constantin Film
Unser Fazit zu Beware Boiúna
Trotz der Makel, bekannter Stellschrauben und weniger neuen Ideen schafft Nelson mit Mut zur Materie das, woran viele scheiterten. Er liefert auf Kosten der Laufzeit einiges an Vorarbeit für Prämisse, Figuren und Konflikte und lässt diese anschließend auf die Riesenschlange los. Damit kreuzen sich zwei grundverschiedene Filme mit einem identischen Konflikt, die im Dschungel, der eigentlichen Hauptfigur, kulminieren. Und diese Entscheidung zahlt sich aus. Nelson sorgt mit Beware Boiúna für spaßigen Schlangenhorror ohne großes Budget und ohne Comedy-Quatsch. Der Thriller ist ein toll inszenierter, angenehm unübersichtlicher, schnörkelloser und bisweilen sehr gut gespielter Retro-Horror. Die Fehler, gerade im Finale, tun dem Gesamteindruck jedoch nur wenig Abbruch. Zumindest lässt sich jetzt sagen: Saw ist in guten Händen!
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“