Barbie-Puppen für die Mädchen, Matchbox-Autos für die Jungen – das war in den Neunzigern Kinderzimmer-Standard, ist aber heute eigentlich überholt. Kommt entsprechend ein Matchbox-Film zu spät oder löst auch dieser Actionfilm Dank intelligentem Umgang mit der Materie nostalgische Gefühle aus?
Darum geht’s in der Spielzeug-Verfilmung
Die Leben einer Gruppe von Freunden seit ihrer Kindheit wird auf den Kopf den Kopf gesetzt, als Undercover-CIA-Agent Sean (John Cena), ihr lang abwesender ehemaliger Anführer, in ihre kleine Stadt zurückkehrt und sie unwissentlich in ein hektisches internationales Rennen um die Rettung der Welt verwickelt.
Kindheit, Nostalgie und Stunt-Fantasie
Zugegeben: Als zum ersten Mal angekündigt wurde, dass es zu den kleinen Modellautos der Marke Matchbox nun auch einen Film geben soll, hielt sich mein Interesse erstmal in Grenzen. Einerseits stellt sich dabei die Frage, welche Bedeutung dieses Spielzeug heute überhaupt noch hat und andererseits, warum man einen mutmaßlich generischen Auto-Actionfilm überhaupt unter dieses Label packen muss. On top kommt der aktuell ohnehin schwere Stand PS-Blockbustern, da sogar das Milliarden-Franchise Fast and Furious seit dem aktuellsten Teil ohne jeden Zweifel aus der Kurve geflogen ist und derzeit im Fangnetz darauf wartet, ob man nochmal zurück auf die Rennstrecke oder doch auf den Schrottplatz kommt.
Nun aber kann man als Pro-Argumente, dem Projekt eine Chance zu geben auch einiges in die Waagschale werfen: So hat Apple, das auch hinter diesem Film steht, seine PS im Formel 1-Film mit Brad Pitt mehr als nur auf die Straße gebracht und damit wohl Benzin geleckt.
Dann kommt dazu, dass man auch mit dem unerwarteten Ansatz im Barbie–Film frühere Skeptiker später überzeugen konnte, dass so eine vermeintlich auserzählte Marke auf der Leinwand mit dem richtigen Personal funktioniert. Und wenn man sich nun ansieht, wer vor, vor allem aber auch hinter der Kamera bei Matchbox: Der Film beteiligt ist, dann sollte man zumindest einmal die Bedenken in die Boxengasse schicken. Vor allem ein Name sorgt hier für Neugier auf Launch Control: Für einen vermeintlich für die ganze Familie gedachten Autospielzeug-Film den Extraction-Regisseur und Stunt-Spezialisten Sam Hargraves ins Rennen zu schicken, ist eine Ansage. Kann diese aber nun gehalten werden?
Story: vorhanden, Innovation: Fehlanzeige
Schon Extraction war jetzt Drehbuch-technisch nicht gerade eine Offenbarung, weshalb keiner vom Matchbox-Film erwarten wird, dass hier nun eine komplexe, mehrdimensionale, tiefgründige und nachhallende Story erzählt wird. Doch welcher Actionfilm hat das überhaupt? Am ehesten könnte man, was vielleicht auch nicht überraschend ist, diesen Film nun tonal mit Fall Guy vergleichen, bei dem ja auch die Stunt-Unit deutlich mehr in den Mittelpunkt als üblich gerückt wurde.
So wird nun hier von einer Gruppe von Jugendfreunde erzählt, die einst durch ihr Interesse an Matchbox-Autos verbunden waren – und durch die gemeinsame Bekanntschaft zu einem Mann, der nun zu Beginn des Films im Heute stirbt, wodurch die nun erwachsenen Kinder nach Jahrzehnten wieder aufeinandertreffen. Die John Cena-Figur ist dann natürlich zum CIA-Agenten geworden und Zack! wird die ganze Clique in ein Spionageabenteuer gezogen, wodurch die fachfremden Erwachsenen gemeinsam erstmal unbeholfen durch die Gegend stolpern, was wiederum an Jumanji und Co. erinnert. Das ist dann alles in allem extrem ausgenudelt konstruiert, kaum ein Gag wirkt frisch oder zündet überhaupt und auch die Figuren sind sehr dürftig geschrieben und repräsentieren nur eine typische Klischeegruppe solcher Art von Buddy-Filmen.
Spaß auf der Überholspur
Recht viel mehr braucht man eigentlich auch zum Inhalt nicht zu sagen. Aber wie gesagt: Wenn Hargraves hinter einer Produktion steht, dann stehen andere Werte im Vordergrund – und hier kann dieser generische Action-Quatsch dann doch Punkte machen. Die Stuntarbeit ist mehr als ordentlich, vor allem alles mit Autos ist mit Sinn und Verstand inszeniert, weshalb man sagen muss, dass der Matchbox als Auto-Blockbuster genau da überzeugt, wo man es erwartet. Die Verfolgungsjagden sind sehr dynamisch gefilmt, die Kameraarbeit allgemein auf einem starken Level und wenn es dann mal kracht – und das tut es wirklich oft – dann hat das wirklich Wucht.
Wenn dann hier die Helden beispielsweise in einem gestohlenen Krankenwagen durch eine marokkanische Innenstadt vor Killern fliehen und einer von ihnen im Auto in Brand gerät, dann wirkt das natürlich komplett so, als würde man einem Stunt-Showcase beiwohnen. Doch diese Vorstellung macht unheimlich Spaß, vor allem weil auch die Stars sichtlich Spaß bei diesem Unfug hatten. Die Alibi-Story muss dabei dann nur irgendwie die Stunt-Setpieces verbinden und von einem Action-Showcase zum nächsten überleiten. Und hierfür ist die zweckdienliche Abenteuergeschichte schon noch einigermaßen ausreichend.
Matchbox-Gang > F&F-Familie
Auch die Chemie der „Gang“ stimmt, wobei die kleinen Streitigkeiten wiederum dem absoluten Klischee solcher Gruppendynamik im Film entsprechen. Aber weder wird hieran jemand höhere Ansprüche haben, noch tut dies der Dynamik in den rasanten Szenen einen Abbruch. Denn im Gegensatz zur „Family“ in Fast and Furious, bei der man von Teil zu Teil immer weniger echte Harmonie spürt, nimmt man den Schauspielerinnen und Schauspielern hier noch voll ab, eine Gruppe von Freunden seit der Kindheit zu verkörpern.
Die verschiedenen Charaktertypen werden jeweils gut gespielt, wobei das wohl größte Kompliment bei einem solchen Film heutzutage ist, wenn man niemanden unerträglich nervig findet. Zwar gibt es in Matchbox eine Reihe von Figuren, die haarscharf dran kratzen, in diese Nervtöter-Kategorie zu fallen, aber diejenigen haben entweder nur wenig Screentime oder gleichen die nervigen Momente mit herzlichen Szenen oder durch Comedy-Timing aus.
John Cena ist als Protagonist einmal mehr ein absoluter Gewinner, weil er schlicht nicht unsympathisch sein kann. Und die Chemie – vor allem mit Jessica Biel – macht die emotionalen Szenen bei all dem Quatsch dann sogar noch sehenswert.
© Apple TV
Unser Fazit zu Matchbox: Der Film
Wer mit der richtigen Erwartung an einen Matchbox-Film herangeht, wird nicht enttäuscht werden. Die Action ist bildstark inszeniert, die Schauspielenden lassen den Spaß aufs Publikum überspringen und Nichts und Niemand nimmt sich hier zu ernst. Dass der Film sich inhaltlich wirklich überhaupt keine Mühe gibt und trotzdem über zwei Stunden lang ist, trübt den Spaß - aber nur marginal.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.