The Social Network war ein Oscar-Hit und hievte Jesse Eisenbergs Karriere nochmal auf ein neues Level. Außerdem zeigte damals Sieben-Regisseur David Fincher mit dem Aaron Sorkin-Skript völlig neuen Seiten seines Schaffens. Doch die Geschichte von Facebook und Gründer Mark Zuckerberg ging danach weiter – und wurde nicht minder erzählenswert. Deshalb meldet sich nun der Autor des Oscar-Erfolgs mit dem Sequel zurück. Doch kann The Social Reckoning auch ohne Fincher und mit komplett neuer Besetzung überzeugen?
The Social Reckoning – Darum geht’s
Inspiriert von wahren Begebenheiten und der Whistleblowerin, die die Abrechnung mit dem Social-Media-Giganten Facebook ins Rollen gebracht hat, schlägt dieses Originaldrehbuch von Aaron Sorkin das nächste Kapitel zum Erfolgsfilm „The Social Network“ auf. In dieser wahren David-gegen-Goliath-Geschichte wendet sich die junge Facebook-Ingenieurin Frances Haugen (Mikey Madison) an Jeff Horwitz (Jeremy Allen White), einen Reporter des Wall Street Journal. Sie begeben sich auf eine gefährliche Reise, die schließlich dazu führt, dass die bestgehüteten Geheimnisse des sozialen Netzwerks aufgedeckt werden.
The Social Sequel
Kurz und schmerzlos vorab: The Social Reckoning ist nicht gelungen. Dass Aaron Sorkins Talent, sich vor allem auf das geschriebene Wort zu beschränken und nicht etwa auch Bildgewalt oder Stilsicherheit abzudecken, ist bereits seit seinen vorherigen Regiearbeiten kein Geheimnis. Ein feuerwerkartig abgeschossener Dialog dieses Autoren fühlt sich für gewöhnlich verschwendet an sein tölpelhaftes Auge an. Seine aalglatte Kameraarbeit, für die sogar der heimische Netflix-Bildschirm zu kinoreif wirkt, fängt regelmäßig reißerisch inszenierten Kitsch ein und unterstreicht die schlimmsten Tendenzen der vorliegenden Skripte. Sorkins Wortgewalt ist dort am besten aufgehoben, wo ein kompetenter Regisseur sie in Schach hält. In den Händen eines Dilettanten kann sie nahezu unerträglich erscheinen.
Eine geschmackvolle Adaption gelang 2010 David Fincher mit The Social Network. Er gab den hitzigen Wortgefechten und den cleveren Sprüchen seines Autoren gerade genug Raum, um nicht die Atmosphäre des Films leerzuatmen, und ging mit visuell stilgenauem Blick vor. Einen Gefallen tut sich Sorkin mit diesem spirituellen Sequel zu seiner oscarprämierten Arbeit, nun von ihm höchstselbst umgesetzt, also nicht. Nicht nur verliert er diesen inhärent gegebenen Vergleich haushoch, er macht zudem auch noch den Fehler, ihn selbst immer weiter anzuregen. Stolpernd zusammengeschustert und erzwungen scheinende Referenzen auf Kernmomente des Vorgängers und die schüchternen Verweise auf die ikonische Musik von Trent Reznor und Atticus Ross suchen The Social Reckoning über die gesamte Laufzeit heim. Ohne The Social Network existieren kann dieser Film nicht, daneben jedoch noch weniger.
Sorkin galore
Das ständige Nicken in Richtung Finchers titanenhafter Arbeit verdeutlicht jedoch nicht nur den Unterschied zwischen den beiden Regisseuren. Schlimmer noch – es verdeutlicht Sorkins Rückschritt als Autor. Dieses Drehbuch fährt jeden Regler bis zum Maximum in die Höhe. Namedropping, Popkultur-Anspielungen und betont geistreiche Spitzen beeinflussen nicht mehr den Dialog, sie sind der Dialog. So spricht der überforderte High-School-Vater gleichermaßen wie der medientrainierte Tech-Milliardär so, als wolle er zu jeder Sekunde der Schlauste im Raum sein. Beide reden sie mit Sorkins Stimme. Dieser hat Maschinengewehr-Schlagabtäusche zu seinem Markenzeichen gemacht und melkt diese Marke nun, ohne das Warum zu beachten, für das dieser Stil zu gebrauchen ist. Das Ergebnis ist ein Buch, das näher an einer Parodie auf The Social Network ist als an The Social Network.
In der Medienanalyse spricht man von „Flanderization“, wenn eine fiktive Figur, je länger sie existiert, mehr und mehr auf ihre grundlegenden Eigenschaften heruntergebrochen wird. Diese werden simplifiziert und fast karikaturesk überzeichnet. Der Name geht zurück auf den freundlichen Nachbarn der Zeichentrickfamilie Simpson, der sich im späten Verlauf der Serie von einem bibeltreuen Christen mit jeder Episode mehr zu einem religiösen Fanatiker entwickelte. Auch Aaron Sorkins Schreibstil ist nun Opfer seiner eigenen Flanderization geworden. Sein ehemals flotter Dialog ist inzwischen Flotter Dialog; ein selbstzweckmäßiges Klischee ohne Gespür für Maß oder Intentionalität. Statt eines cleveren Skripts verfasst er ein Skript, das verzweifelt als clever empfunden werden möchte und dafür wirklich alles tut. Außer tatsächlich clever zu sein.
Von Eisenberg zu Strong
Bereits vor Veröffentlichung des Films sorgte neben der Rückkehr von Sorkin als Drehbuchautor insbesondere die Neubesetzung von Mark Zuckerberg für Furore. Wo Jesse Eisenberg 2010 als sozial inkompetenter Nerd preisverdächtig aufwartete, übernimmt nun Succession-Alumnus Jeremy Strong die Rolle. Er und Sorkin kollaborieren nun zum dritten Mal; außer an Being the Ricardos wirkte er an sämtlichen Filmen mit, die der Regisseur inszeniert hat. Nach all der Aufregung scheint die tatsächliche Beteiligung Strongs am fertigen Film fast lächerlich. Sein Zuckerberg ist bewusst als Nebenfigur angelegt und darf nur wenige prägnante Szenen pflichtbewusst herunterperformen. Das oberflächliche und kalkulierte Spiel erreicht zu keiner Sekunde Eisenbergs nuanciertes Charakterverständnis, hatte darauf aber auch nie eine wirkliche Chance. Unter dem Strich hätte der Auftritt dieser Figur lückenlos aus The Social Reckoning gestrichen werden können, ohne dass es irgendeinen Unterschied gemacht hätte.
Auch Mikey Madison und Jeremy Allen White, mit denen die Hauptrollen besetzt wurden, bleiben eher unauffällig. Sorkin versucht, beiden Marotten zu verleihen, die sie menschlicher und weniger roboterhaft anmuten lassen, als der stocksteife Dialog vorgibt. So richtig gelingt das aber nie. Gerade Madison erscheint als Mauerblümchen vollständig fehlbesetzt und legt eine Unnatürlichkeit in ihrem Bewegungsapparat an den Tag, die auf halbgare Regiearbeit zurückzuführen sein muss. Diese Leistung ist kein Vergleich zu ihrer stets vollständig nachvollziehbaren Darbietung in Anora. Schauspielerisch aus der Masse hervor ragen vor allem die knappen, aber denkwürdigen Auftritte von Bill Burr und Billy Magnussen. Beide sind wohldosiert eingesetzt und perfekt für ihre Rollen gecastet. Gerade Burrs comedyerprobte Delivery verkauft auch zweitklassige Sorkin-Arbeit überzeugend.
© Sony Pictures Germany
Unser Fazit zu The Social Reckoning
Nicht immer sind die besten Rezepteschreiber:innen auch die besten Köch:innen. Aaron Sorkin vermag es wunderbar, fähigen Händen die korrekten Zutaten zu reichen. Sobald er aber selbst vor dem Herd steht, überwürzt er die Zutaten gnadenlos und versalzt sich so schlussendlich die eigene Suppe. Dem zurecht als Klassiker gehandelten Original hätte wohl nicht mal eine Fortsetzung von Fincher selbst das Wasser reichen können. So aber würde sich der Vergleich unfair anfühlen, wäre er nicht so offensichtlich erwünscht. Egal ob auf dem Papier oder auf der Leinwand, The Social Reckoning tritt mit Babyschühchen in die Fußstapfen eines Riesen und wird restlos vergessen sein, bevor die Jahreszahl auf einer Sieben endet.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.