Die einzigen, die bei One Night Only mit Abstinenz glänzen, sind Zuschauer:innen. Ein Blick auf die bisherigen Einspielergebnisse könnte zu der Annahme führen, dass die neueste Komödie von Regisseur Will Gluck (Wo die Lüge hinfällt) only one night im Kino lief. Scheitert die Purge übers Poppen an einem prüden Publikum oder sind am Ende doch inhaltliche Mängel die Stimmungskiller?
The Purge – nur eben mit Sex?
Was machst du, wenn du in der unromantischsten Nacht des Jahres auf der Suche nach echter Liebe bist? Allie ist hoffnungslos romantisch, Owen wurde frisch abserviert. Sie begegnen sich in New York während der einen Nacht im Jahr, in der Singles in den USA legal Sex haben dürfen. Während sich um sie herum scheinbar alle anderen der kurz währenden Freiheit hingeben, tun sich die beiden erst sehr schwer, die richtige Person zu finden, die vielleicht für mehr geeignet ist als für ONE NIGHT ONLY …
Nackte Tatsachen nach links Swipen
In einem Interview verrät Regisseur Will Gluck, dass er sehr viel nackte Haut aus seinem neuesten Werk entfernen ließ, da sie das Testpublikum mehr ab- als antörnte. Seinen Beobachtungen zufolge fühlen sich viele Kinobesucher:innen mittlerweile unwohl, wenn sie in einer großen Gruppe intime Szenen betrachten. Im Streamingzeitalter gäbe es schließlich genügend Möglichkeiten, leidenschaftliche Liebschaften im Schutz der eigenen vier Wände zu genießen.
Ganz unrecht hat er mit seiner Analyse nicht. Während Serien wie Dying for Sex deutlich freier mit dem Thema umgehen, ist die große Zeit der Teenie-Sexklamotte im Kino lange vorbei und auch im Erwachsenensektor findet sich im Mainstreambereich wenig Explizites. Erotik-Thriller, die bis in die 2000er eigentlich immer für einen Kassenerfolg gut waren, sind rar gesät. Selbst der durch Fifty Shades of Grey ausgelöste Kink-Hype weicht den seichten Hausfrauenfantasien einer Colleen Hoover oder Freida McFadden. Andererseits zeichnen die finanziellen Erfolge von The Substance, Anora oder Poor Things ein deutlich anderes Bild. Doch wer sich bei diesen Kritikerlieblingen in den Kinosaal traut, verirrt sich wohl kaum in One Night Only.
Narrativer Coitus interruptus
Glucks Testpublikum störte sich jedenfalls erheblich am Erzählfluss, der immer wieder durch unnötige zwischenmenschliche Interaktionen unterbrochen wurde. Wie schon bei seinem Publikumserfolg Wo die Lüge hinfällt fügt er sich dem Willen eines Publikums, dessen verklemmte Denkmuster er offensichtlich ablehnt. In seiner zweiten Regiearbeit Einfach zu haben zeigt er sehr deutlich, was er von starren Strukturen, Doppelmoral und religiös geprägten Denkweisen hält. Obwohl One Night Only auf den ersten Blick wie ein geistiger Nachfolger wirkt – statt ein paar Schülern leidet nun die ganze Bevölkerung unter dem Einfluss der christlichen Rechten –, wird der Mittelfinger in Richtung Trump und seinem gottesfürchtigen Gefolge wortwörtlich in den Hintergrund verbannt. Es lohnt sich daher, die Leinwand nach kleinen Details abzusuchen oder den Text des totgeduldeten Pop(p)songs A Thousand Miles einmal genauer anzuhören. Dadurch erweisen sich auch altgediente Gags wie ein notdürftig bedecktes Gemächt als erstaunlich tiefgründig.
Vordergründig passen sich Gluck und sein Autor Travis Braun – stellvertretend für Hollywood – dem Konservatismus stärker an, als dieser es umgekehrt zu tun bereit wäre. Gleichgeschlechtliche Beziehungen werden zwar geduldet, aber niemals gezeigt. Sex findet ausschließlich heteronormativ und mit formschönen Menschen statt. Wer aus dem Raster fällt, sich zum Geschlechtsverkehr die Hose auszieht – was für eine absurde Idee –, oder sich der Missionarsstellung verweigert, wird zur Lachnummer. Natürlich werden auch sämtliche negativen Auswirkungen, die ein solch prüder Parlamentsbeschluss nach sich ziehen würde, ignoriert oder als Gag ausgespielt. Am Ende ist Glucks Idee von Sex so romantisiert und verkitscht, dass sie die Lust wirkungsvoller killt als jedes Verbot. Das Einzige, was wenigstens etwas Würze in die Beziehung bringt, sind die Kurzauftritte bekannter Stars. Im Gegensatz zur Inszenierung sorgen diese für die ein oder andere Überraschung.
Schlucken oder Spucken?
Um wenigstens ein bisschen Spaß an der lustlos routinierten Nummer zu haben, muss man neben der Anbiederung an miefige Moralvorstellungen auch die Grundidee schlucken. Diese hält, genau wie mein Tinder-Profil, keinem Realitätscheck stand und fällt schneller in sich zusammen als ein erschlaffendes männliches Genital. Obwohl diese eine Nacht für viele von großer Bedeutung ist, sind alle unvorbereitet. Kondome kaufen, ein Zimmer mieten oder sich nach einer Begleitung umsehen könnte schließlich auch schon im Vorfeld stattfinden. Doch dann würden unsere beiden Protagonisten Owen und Allie, gespielt von Callum Turner (einer der heißesten Kandidaten für die neue Bond-Besetzung) und Monica Barbaro (A Complete Unknown), nicht von einer peinlichen Situation in die nächste rennen. So gut ihre Chemie auch ist, ihre Sexpannen passen eher zu unerfahrenen Teenagern als zu aufgeklärten Erwachsenen.
Wie Gluck und sein Autor wagt auch niemand, das System öffentlich zu kritisieren oder gar gegen die Regierung aufzubegehren, obwohl die Menschen offensichtlich mit deren Machenschaften unzufrieden sind. Sie ordnen sich lieber brav den Sitten der radikalen religiösen Randgruppen unter. Gluck braucht dringend einen Freifahrtschein, damit er es filmisch endlich mal wieder richtig krachen lässt. Nicht nur sein kleiner Freund würde es ihm danken.
© Universal Studios. All Rights Reserved
Unser Fazit zu One Night Only
Vorehelichen Sex gesetzlich zu verbieten, ist wohl der trockene Traum sämtlicher christlich angehauchter Rechten Amerikas. Gluck verabscheut diese Denke, traut sich in One Night Only aber nicht, ihr vollständig entgegenzutreten. Auf der einen Seite hat er den Hintern in der Hose, die biedere Moral eines konservativen Amerikas zu kritisieren. Auf der anderen Seite ist er aber zu feige, diesen den Sittenwächtern ungeschönt entgegenzustrecken. Herausgekommen ist ein Hybrid, der weder Konservative noch Liberale und schon gar nicht Fans von R-Rated-Comedys befriedigen wird. Allenfalls hoffnungslose Romantiker kommen in dieser einen Nacht zum Schuss, obwohl sie es eigentlich gar nicht möchten. Kein Wunder, dass im Kinosaal bei jeder Vorstellung tote Hose herrscht.
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.