Staffel 1 von MobLand war ein Riesenhit für Paramount und unterhielt auf eine schwarzhumorig-brutale Weise wie zu Guy Ritchies besten Zeiten. Kann nun die Fortsetzung an die solide Auftaktstaffel anknüpfen?
Darum geht’s in Staffel 2
Das zerrüttete kriminelle Imperium der Harrigans gerät zunehmend unter Druck. Aufstrebende Rival*innen bedrohen die ohnehin fragile Machtposition der Familie, der es zunehmend schwerer fällt, eine geschlossene Front zu zeigen. Für Harry da Souza, ihren durchsetzungsstarken und cleveren Vermittler, beginnt ein gefährlicher Drahtseilakt, während die Spannungen innerhalb des Clans eskalieren. In einem erbitterten Kampf um die Macht brechen alte Loyalitäten, Sicherheit wird zur Illusion und für Gnade bleibt kein Raum.
Previously on…
Es ist ziemlich genau anderthalb Jahre her, da lief die erste Staffel von Mobland bei Paramount Plus und ließ mich am Ende resümieren, dass ich zwar schon viel Spaß mit dem wilden Mix aus den Altstars Pierce Brosnan und Helen Mirren im kompletten Over-Acting, Tom Hardy mit dem Fuß auf der Bremse und viel Gangster-Einmaleins hatte. Und auch wenn ich damals nicht vollkommen geflashed vom großen Ganzen war, so hinterließen die ersten zehn Folgen doch so einen Eindruck, dass ich zum einen noch genau wusste, wie die Staffel endete – Familienoberhaupt wird Knastoberhaupt, ein Großkonkurrent wurde ausgeschaltet, der neue befindet sich schon im Anflug und Harry Da Souza befindet sich zwischen den Fronten beziehungsweise nun auf der Zielscheibe aller – und andererseits hatte ich auch wirklich Lust auf das für heutige Verhältnisse schnelle Wiedersehen, weil der Cast sich zum Ende der Pilot-Season doch immer besser eingespielt hatte und neben den Wiederkehrern auch ein paar interessante Neuzugänge für Staffel 2 angekündigt wurden.
Interessant ist überdies nun aber auch der Veröffentlichungszeitpunkt, den Paramount für die neuen Folgen seines Guy-Ritchie-Hits gewählt hat, ist dessen direktes Parallelprojekt bei Netflix The Gentlemen im gleichen Monat ebenfalls mit der zweiten Staffel zurückgekehrt. Einerseits könnte man sagen: Gute Zeiten für Ritchie-Gangsterstyle-Fans, da die beiden Formate doch mehr als nur minimale Schnittpunkte verbindet. Andererseits aber kann man das auch als Frontalangriff im Buhlen um die Abonnentengunst werden. Ich für meinen Teil jedenfalls kann dann entsprechend – nachdem ich die neue Folgen der Netflix-Spin-off-Serie zum 2019er-Kinohit innerhalb von zwei Tagen gebingewatched habe – direkt im Milieu, in London und im Ritchie-Duktus bleiben. Und natürlich im direkten Gegenüber noch besser herausarbeiten, welcher der beiden nun etablierten Serien man eventuell auch als Neueinsteiger auf Basis von zwei Staffeln den Vorzug gewähren sollte.
Mobsters versus Gentlemen
Da ich bereits die grundlegende Stimmung, die „hard acts“ und das größtenteils gleichgebliebene Ensemble im Zuge der Review der ersten Staffel besprochen hatte, soll es nun in diesem doch etwas anderen Kritiktext eben um die Einordnung im aktuellen Gangsterserien-Dschungel und nur am Rande um den Vergleich mit der Auftaktstaffel gehen. Dabei muss natürlich darauf hingewiesen werden, dass nicht nur die beiden von Ritchie verantworteten Stoffe derzeit die Streamingdienste bereichern, sondern dass man mit den drei Staffeln Gangs of London bei Sky/Wow und auch dem Sky-Underdog This City is Ours noch weitere Alternativen in einem sehr ähnlichen Setting hat: Englisches Großstadtmilieu, streitende Clans, dicke Karren, coole Sprüche, verrückte, überzeichnete Gangsterbosse und auch in der Härte nehmen sich besagte Serien nicht viel.
Wie also entscheiden?
- Nun, Gangs of London ist von den vier Serien mit Abstand die brutalste, hat wahrscheinlich auch die Shakespeare-eskeste Story und ist entsprechend das plakativste, reißerischste Serienformat, was man im TV-Bereich des Gangster-Genres sehen konnte. Vor allem die Handschrift von Gareth Evans in der ersten Staffel hat damals Fans von Heroic Bloodshed und The Raid zum Zungeschnalzen gebracht. Außerdem ist die Konstellation zwischen Joe Cole und Sope Dirisu über die drei Staffeln hinweg ziemlich abwechslungsreich und Dreh- und Angelpunkt der Faszination. Um die bereits angekündigte vierte Staffel ist es zuletzt jedoch ruhig geworden, man kann aber mit dem Ende von Staffel 3 auch gut leben. Action-Ballett in einer Unterwelt Londons, die an die Häuser aus Game of Thrones erinnert.
- This City is Ours teilt sich damit die Nachfolgesuche-Thematik, findet wiederum aber in Liverpool statt London statt und ist beileibe nicht so blutrünstig und explizit. Gefangene werden aber auch dort nicht gemacht und die Ränkespiele muten etwas durchdachter und verworrener an, während es in Gangs of London schon immer wieder das alte „Wir gegen alle“-Schema gibt. Die zweite Staffel kommt übrigens hier auch noch in diesem Jahr zu Sky und dann dürfte sich herauskristallisieren, ob ein ernsthafter Konkurrent für die Ritchie-Shows heranwächst, denn die erste Staffel war zwar schon okay, aber ein bisschen sucht man dort noch nach dem gewissen Alleinstellungsmerkmal. Die wohl einstiegsfreundlichste Gangster-Ballade der 2020er Jahre.
- The Gentlemen ist hier im Feld die stylischste Show, vermutlich auch die bestproduzierteste, bestaussehende und auch die mit dem besten Ensemble. Man muss aber die Ritchie-Coolness und die Popkultur-Einsprenksel abkönnen und im schier riesigen Figurenkabinett gibt es immer wieder extrem nervige Charaktere. Nichtsdestotrotz ist die Ausgangslage, die sich mit der des Films deckt, im Gangster-Bereich die innovativste, abwechslungsreichste. Brutaler sind die anderen, aber so witzig und pointiert ist kein Konkurrent. Und dann ist schlicht auch der Protagonist hier der spannendste und die englischen Herrenhäuser sind im Vergleich mit den Settings der anderen Serien ein wahrer Augenschmaus. Kurzum: The Gentlemen ist wahrscheinlich Ritchies bestes Projekt des letzten Jahrzehnts und das hat die zweite Staffel eindrucksvoll zementieren können. Der spannendste und stylischste Land Rover Werbefilm aller Zeiten.
- Nun aber zur zweiten Staffel von MobLand: Also gut, beim Cast begegnen sich die beiden Ritchie-Formate schon mal auf Augenhöhe. Während er jedoch bei den Gentlemen auf alte Weggefährten und Allzweckwaffen wie Ray Winstone und Vinnie Jones setzt, hat der vielbeschäftigte Regisseur und Serienmacher für MobLand vor allem mit Helen Mirren und Pierce Brosnan zwei Namen ins Boot geholt, die man wohl mit Gangster-Stoffen nicht zuvorderst in Verbindung bringen würde, handelt es sich bei den beiden schließlich um die ehemalige Königin von England und einen Ex-Bond. Damit sind wir auch schon beim Clou dieser Serie, denn MobLand kitzelt aus diesen beiden Altstars derart absurde Performances raus, die allein schon für die Hälfte der Unterhaltsamkeit der Serie verantwortlich zeichnen. Die Krone setzt dem Ganzen nur noch die Kombination in gemeinsamen Szenen als Gangster-Ehepaar auf. Doch dann ist da natürlich weiterhin der sich eher zurückhaltend gebende Tom Hardy, der immer leicht trottelig wirkende Paddy Considine und als Gegenspieler Janet McTeer und Toby Jones, die sich hier auch mehr denn je für Nichts zu schade sind. Man kann also durchaus sagen, dass den speziellen Reiz dieser Serie ausmacht, dass man übertriebene, fast karikatureske Figuren bekommt, die über aller Maßen lächerlich wären, würden sie nicht von DIESEN Stars verkörpert werden. Eine Familie in einer höllisch unterhaltsamen Todesspirale.
Zwei Ritchies, zwei Geschmacksnoten
Die Artverwandtschaft sowie die Handschrift des Schöpfers kann man MobLand und The Gentlemen nicht in Abrede stellen. Doch während erstere Serie sich auch ziemlich nah an den Klassikern des Gangsterfilm-Experten anfühlt, merkt man bei zweiter auch die Einflüsse eines Mannes, der bei Paramount doch inzwischen über aller Maßen Einfluss innehat: Taylor Sheridan. Denn tatsächlich steckt die Produktionsfirma des Yellowstone-Machers hinter diesem Projekt, was man immer wieder erkennt, verfolgt man die aktuellen Stoffe Sheridans ebenfalls. Tonal erinnert MobLand daher nicht von ungefähr sehr an Tulsa King, wobei die englische Show sowohl in Sachen Brutalität als auch in Sachen überdrehtem Humor nochmal eine Schippe draufgelegt hat.
Eine weitere eher comicartig überzeichnete Darbietung liefert in Staffel 2 Johnny Flynn als Frankie, der nicht nur mit seinem Akzent auffällt, sondern auch als skrupelloser Soziopath. Es ist wirklich ironisch, dass ausgerechnet Tom Hardy, der unter anderem als Bane in The Dark Knight Rises, als Venom oder als exzentrischer Gegenspieler der Peaky Blinders jeweils die Rollen innehatte, die nah an der Schwelle zum kompletten Unfug waren, jetzt in einer Show voller Verrückter eines der Beine, das noch mit dem Boden verbunden ist, spielt. Als alleinige Erdung würde das jedoch nicht funktionieren, weshalb zum einen auch die Polizeiseite ziemlich seriös abgebildet wird und vor allem die Frauen abseits von Mirren jeweils mit Bodenständigkeit glänzen. Dieser spezielle, sich im Ensemble widerspiegelnde tonale Mix war schon in der ersten Staffel der USP von MobLand.
Aufwärtstrend mit kleinem Aber
Offenkundig hat man auch hinter den Kulissen erfasst, dass dies beim Publikum mitunter die meisten Punkte machen konnte und entsprechend den Aspekt für die neuen Folgen nochmal verfeinert. Somit kann man abschließend zur neuen Staffel sagen, dass sie verglichen mit der ersten einen Sprung nach oben gemacht hat, was Pacing, Ausgewogenheit und Ensemblespiel angeht. Leichte Abstriche gibt es aber dennoch, weil aus dem leicht zu folgenden Duell zweier verfeindeter Familien nun ein Vielfrontenkrieg geworden ist, der sich stellenweise in der eigenen Komplexität verstrickt.
© Paramount +
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.