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    Baggio: Das göttliche Zöpfchen

    Bernd Wetzlvon Bernd Wetzl30. Mai 2021Keine Kommentare5 min Lesezeit
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    Das Markenzeichen von Roberto Baggio - sein "göttliches" Zöpfchen. © Netflix
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    Die Fußball-Europameisterschaft steht an! Pünktlich zum Fußballfest veröffentlicht Netflix mit Baggio: Das göttliche Zöpfchen ein Biopic über die italienische Fußball-Ikone Roberto Baggio. Nutzt der Film die Vorlage oder vergibt er die Chance? Mehr in unserem Review!

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    Die Handlung von Baggio: Das göttliche Zöpfchen

    „Baggio ist hochkonzentriert, er geht langsam zum Elfmeterpunkt, er legt sich den Ball zurecht. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Im Stadion ist es totenstill. Baggio geht ein paar Schritte zurück. Baggio läuft an…

    Man mag es noch aus seiner eigenen Kindheit kennen. Fürsorglich wird der Ball platziert, die Augen geschlossen, noch einmal durchgeatmet, angelaufen und – Schuss! Tor! Der Ball sitzt, das imaginäre Publikum im Stadion jubelt zu zehntausenden und man selbst ist vor allem eines: ein Held.
    Roberto Baggio hatte hingegen beides: zum einen seine Kindheitsfantasie und zum anderen tatsächlich eine ähnliche Gelegenheit im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 1994, in dem er zum tragischen Held wurde und den entscheidenden Elfmeter in den Himmel von Pasadena schoss. Daraufhin zerplatzte der Traum vom großen Triumph – vom Weltmeistertitel – wie ein Luftballon.

    Ein Ballon, der aber nichtsdestotrotz in Person von Baggio zu einer Ikone des italienischen Fußballs aufgestiegen ist und dessen Leben und Karriere nun im Netflix-Biopic Baggio: Das göttliche Zöpfchen erzählt wird. Von der schwierigen, leistungsorientierten Beziehung zu seinem Vater und seinen Problemen mit diversen Trainern über seine schwere Verletzung, die schon früh drohte seine Karriere zu gefährden, bis hin zu seiner buddhistischen Religionszugehörigkeit. Als dramaturgischer Höhepunkt des Films darf die WM 1994 natürlich auch nicht fehlen, bevor auf die Endphase seiner Karriere beim kleineren Verein Brescia Calcio eingegangen wird. Dabei immer mit von der Partie: Frau Adreina und die Familie des profilierten Stars sowie sein Markenzeichen, der hinten zusammengebundene Zopf. Dieser verlieh ihm den Spitznamen „Il Divin Codino“ oder auf deutsch: das göttliche Zöpfchen.

    Roberto Baggio - das göttliche Zöpfchen (Andrea Arcangeli) bejubelt ein von ihm erzieltes Tor und reckt seinen Finger in die Höhe. Dabei trägt er das Trikot der italienischen Nationalmannschaft mit der Nummer 10. © Netflix
    Er kam, sah und traf – wie so oft in seiner Karriere. Roberto Baggio (Andrea Arcangeli) © Netflix

    Vom Kindheitstraum in die harte Realität

    Obiges Zitat stellt die Einstiegsszene von Baggio: Das göttliche Zöpfchen dar und begleitet den jungen Roberto Baggio beim Fußballspiel in der Scheune. Mittels einer Parallelmontage wird der Schuss des Jungen mit Bildern aus der späteren Karriere vermischt. Später als Baggio (Andrea Arcangeli) dann den Elfmeter gegen Brasilien verschießt, greift der Film erneut auf diese Kombination aus Einstellungen zurück. Nur der Jubel, der fehlt. Stattdessen ein lautes Klirren der Fensterscheibe, die soeben zu Bruch gegangen ist und ein am Boden zerstörter Pechvogel. Danach aufgebaut, gefördert und auch gefordert wird Baggio von seiner Familie. Darunter zählen neben seiner Frau (Valentina Bellè) natürlich auch seine Eltern Florindo (Andrea Pennacchi) und Matilde (Anna Ferruzzo) sowie sein Manager Vittorio (Thomas Trabacchi), die von den einzelnen Darsteller:innen durchaus gefällig gespielt werden.

    Nur das Publikum, dem fehlt die Unterstützung, wenn es sich in der stark fragmentarisch erzählten Handlung zurechtfinden muss. Als jemand, der die Karriere von Baggio nicht bis ins kleinste Detail kennt, fühlt man sich oft verloren. Ein paralleles Lesen des Wikipedia-Artikels ist eigentlich Pflicht. Oft springt die Handlung mehrere Jahre in die Zukunft, wichtige Eckpfeiler werden entweder gar nicht oder nur rudimentär erwähnt, während man Kleinigkeiten über-inszeniert. Daraus folgt eine leider nur oberflächliche Erzählung, die nie so richtig ihr Kernthema findet und sich zu oft in ihrer disharmonischen Erzählweise verheddert. Hier wird leider einiges an Potential verschenkt.

    Roberto Baggio (Andera Arcangeli) wird zum Ende seiner Karriere bei Brescia Calcio von seinen Mitspielern gefeiert. Diese heben ihn zusammen in die Luft empor, nachdem er ein wichtiges Tor erzielt hat. Baggio - Das göttliche Zöpfchen ® Netflix
    Auch gegen Ende seiner Karriere stellt Baggio seine Wichtigkeit unter Beweis. © Netflix

    Italienisches Catenaccio

    Stattdessen nimmt sich der Streifen viel Zeit, um auf den familiären Hintergrund von Baggio einzugehen. Im Grunde wäre dieser Fokus nicht so schlecht, sofern er genutzt wird, um den realen Protagonisten zu ergründen, seine Entscheidungen durch seine Sozialisation greifbar zu machen. Allerdings passiert auch dies nur in sehr banaler Form. In 90 Minuten Lauflänge kann nicht sowohl der Mensch als auch die Fußballikone Roberto Baggio adäquat betrachtet werden. Deshalb scheitert Baggio: Das göttliche Zöpfchen vor allem am fehlenden roten Faden. Sich auf einen der beiden Lebensaspekte zu konzentrieren, hätte dem Biopic besser zu Gesicht gestanden. Dadurch, dass Baggio Privatleben ehrlicherweise nicht ganz so spektakulär ist, wäre ein reiner Fußball-Fokus sicherlich die bessere Wahl gewesen.

    Gleichermaßen oberflächlich wirkt die lieblose Inszenierung. Zu defensiv, zu brav bleibt keine einzige Einstellung in Erinnerung. Bereits tausendmal gesehen hat man Close-Ups mit geringer Tiefenunschärfe, den typischen Spiegelreflexkamera-Look. Überdies wirken die Fußball-Szenen durch ihre computergenerierte Kulisse und den orangenen Filter stark künstlich und lassen wenig Atmosphäre aufkommen. In diesem Zuge bestand bei der Produktion wohl wenig Zugang zu Archivaufnahmen, sodass Schlüsselmomente oft mit Andrea Arcangeli neu gedreht wurden. Mit originalen Videoschnipseln hätte man gewiss einen emotionaleren Eindruck hinterlassen. Aus dieser Vielzahl an fußballerischen Hochs und Tiefs bleibt neben der Erzählweise also auch eine ziemlich generische Gestaltung. Vorsichtig und ohne filmische Höhepunkte, in deren Fehlen sich leider auch der schlecht gewählte und ziemlich emotional manipulative Soundtrack einreiht.

    Roberto Baggio im Profil. Hochkonzentriert starrt er auf dem Feld ins Leere und wartet auf den Anpfiff.
    Hochkonzentriert bis zum Abpfiff – das göttliche Zöpfchen. © Netflix

    Unser Fazit zu Baggio: Das göttliche Zöpfchen

    Insgesamt bietet sich ein Vergleich zwischen Baggios realem schicksalhaftem Elfmeterschuss und dem gleichnamigen Netflix-Biopic durchaus an. Sie war da, die große Gelegenheit am „Zöpfchen“ zu packen und den Hype zur Fußball-Europameisterschaft mitzunehmen, aber beide haben ihre Chance leider vergeben. Im Ganzen zu konfus und nicht fokussiert genug, bleibt nur der attestierte Misserfolg. Dies ist durchaus schade, denn Fußball-Filme sind eine Sparte, in der wenig qualitative Vertreter existieren und auch Baggio: Das göttliche Zöpfchen konnte die Erwartungen leider nicht erfüllen. Wenn man großer Fan des italienischen Fußballs ist und Baggios Karriere verfolgt hat, kann man allerdings durchaus mal reingucken. Denn auch ein unspektakuläres und vorsichtiges Spiel kann mitunter unterhalten.

    Baggio: Das göttliche Zöpfchen ist seit dem 26. Mai 2021 auf Netflix verfügbar.


    © Netflix

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