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    Barbie

    Jan Wernervon Jan Werner20. Juli 2023Keine Kommentare6 min Lesezeit
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    Jeder kennt sie, die berühmteste Puppe der Welt. Nach etlichen Anläufen gibt es nun einen Kinofilm, der sich der Spielzeug-Berühmtheit widmet. Doch Greta Gerwig auf dem Regiestuhl verspricht, dass die Annäherung an das Thema anders als erwartet sein wird. Entmystifizierung, Hommage oder Abrechnung mit einem Kult? Was ist Barbie geworden?

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    Das Poster zu barbie zeigt die Protagonisten auf einem großen, pinken B.
    Das Poster zum Kinofilm © 2022 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

    Die Story von Barbie

    Die stereotypische Barbie (Margot Robbie) lebt in Barbieland. Alles ist perfekt, alles ist pink – solange man sich eben an die Regeln hält. Margot Robbies Barbie ist nicht die einzige Barbie, aber eine der einflussreichsten im Land und sie wird vom platinblonden Schönling Ken (Ryan Gosling) angehimmelt. Dann aber beschleichen sie immer wieder Gedanken an den Tod. Ein absolutes No-Go im Barbieland, wo jeder Tag doch einfach nur perfekt sein sollte.

    Ihre einzige Hoffnung ist die seltsame Barbie (Kate McKinnon), die außerhalb des Barbielands ein Einsiedler-Dasein führt. Diese offenbart ihr, dass der Ursprung ihres merkwürdigen Verhaltens in der echten Welt zu finden ist. Nun muss sie die Person aufspüren, die mit ihr spielt. Also brechen Barbie und Ken gemeinsam in die Realität auf. Doch Überraschung! Hier gelten plötzlich ganz andere Regeln als im Barbieland. Während Barbie sich den neuen Herausforderungen stellt und dabei mehr als einmal mit dem Gesetz in Konflikt kommt, entdeckt Ken das Patriarchat für sich…

    Greta Gerwig + Barbie? It’s a match!

    Viele – der Rezensent eingeschlossen – konnten sich, als erste Informationen zu diesem Film durchsickerten, nicht wirklich eine Vorstellung davon machen, wie die Handschrift, die Ambition und die Stoffauswahl von Greta Gerwig, die mit Lady Bird und Little Women in eine ganz andere Kerbe schlug, zusammenpassen sollen. Doch die Regisseurin hat mit Barbie etwas geschafft, was wohl kaum jemand erwartet hat. Denn eines kann man, selbst wenn man mit dem schrillen Ansatz und dem eigenwilligen Meta-Humor nichts anzufangen weiß, der Verfilmung nicht unterstellen: Einen Mangel an Kreativität und Mut.

    Barbie als Puppe war bei ihrer Veröffentlichung im Jahr 1959 tatsächlich progressiv. Dann kamen immer mal wieder Wellen politischer Einflüsse, die mit Kritik einhergingen, sei es am vermittelten Körperbild oder der Tatsache, dass die Puppe auch immer ein Konsumprodukt bleibt, ganz egal, wie sehr man versucht über sie Botschaften zu vermitteln. All dessen ist sich Gerwig bewusst, all dies thematisiert der Film.

    Doch Barbie tut dies auf eine Art und Weise, die intelligenter nicht gewählt sein könnte. Oberflächlich betrachtet ist vieles extrem plump, die Message on the nose, die Kritikpunkte, beispielsweise im Bezug auf das Patriarchat, plakativ, wenig subtil und vorhersehbar. Man kann dies so abstempeln, würde aber dann mindestens die zweite und dritte Ebene, die vielen Szenen und Gags innewohnt unter den Teppich kehren. Denn ungeachtet dessen, dass man überhaupt erstmal schaffen muss, einen Barbie-Film zu kreieren, der zur Diskussion anregt und Denkanstöße liefert, ist es die Ambivalenz in den Botschaften, die dem Gesamtkonstrukt innewohnt – und die diesen Film zur wohl größten Überraschung des Kinojahres 2023 machen dürfte.

    Popkultur, Barbie-Historie, Musical

    Schon die Eröffnungsszene als Anspielung auf Kubricks 2001 stellt klar, dass Gerwig als ein sich durchziehendes Stilmittel auserkoren hat, sich innerhalb der knappen zwei Stunden auch quer durch die Filmgeschichte zu zitieren. Da steckt dann was von Matrix drinnen, während die Prämisse auch an den recht neuen Free Guy oder an die Truman Show erinnern mag. Mit diesen Referenzen wendet sich der Film selbstredend dann an das erwachsene, typische Arthaus-Publikum, das Gerwig mit ihren Werken sonst so anspricht. Doch die Filmemacherin hat es nicht versäumt, sich dessen bewusst zu sein, dass die Puppen auch heute noch für Mädchen weltweit als Spielzeuge fungieren und damit mit Sicherheit auch etliche Kinder in den Film gehen werden, die die Meta-Ebene hier nicht verstehen werden. Die Grundbotschaft hingegen, die ist so geschickt formuliert, dass auch die Mädchen unter zehn etwas mitnehmen werden.

    Die Eltern der jungen Barbie-Fans hingegen, die bereits selbst vor 30 Jahren mit dem Mattel-Klassiker gespielt haben, dürfen sich freuen, dass auch die Geschichte des Spielzeugs smart einbezogen wird, überwiegend für kurze, aber wirksame Gags. Was ebenfalls Generationen-übergreifend funktioniert: Jeder Zuschauer und jede Zuschauerin wird mindestens einen, wahrscheinlich sogar eine Handvoll an Ohrwürmern mit aus dem Kino nach Hause nehmen. Man könnte Barbie sogar als Musical durchgehen lassen, mit eingängigen, aber immer wahnsinnig pointierten Songs, die in herausragenden Choreografien vermittelt werden, bei denen sämtliche Stars ihre Können unter Beweis stellen dürfen.

    Margot Robbie als Barbie im gestreiften Badeanzug und vor orangem Himmel.
    Barbie – ausnahmsweise nicht in pink © 2022 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

    Erstaunlich viel Schauspiel …

    Denn die Herausforderung in diesen größtenteils Karikatur-esken Stereotypen-Rollen nicht zu Lachnummern zu verkommen, war groß. Die Diversität im Cast unterstreicht eine der zentralen Botschaften ohne zu sehr in den Vordergrund gerückt zu werden. Aber wie beispielsweise Gosling es schafft in dieser Rolle nicht aus der Rolle zu fallen, verdient genauso Respekt, wie das Spiel sämtlicher Barbie-Versionen, allen voran von Margot Robbie. Die Harley-Quinn-Darstellerin spielt bewusst mit dem eigenen Image und setzt es genau so ein, dass die gewünschte Wirkung erzielt wird. Ja, natürlich sind alle Performances hier komplett drüber, aber dies war eben der Ansatz, den Gerwig gewählt hat, um einen Barbie-Film zu machen, der etwas zu sagen hat.

    Die Handlung per se ist dabei nur Mittel zu Zweck, zwischen den Zeilen liegen die Stärken. Trotzdem muss man noch positiv herausstellen, dass es ein weiterer gelungener Einfall von Gerwig war, die Barbie-Erfinderin so hier quasi wieder zu beleben, wie sie es getan hat. Rhea Perlman sei dafür auch ausdrücklich gelobt.

    … in der Plastikwelt

    Und Lob verdient zum Abschluss auch der Look von Barbie. Insbesondere die Optik des Barbieland ist ebenfalls voll mit Anspielungen und  visuellen Gags, die dafür sorgen, dass der Film nahezu keinen Witz-Leerlauf hat. Viele Sprüche werden demnächst die Meme-Kultur prägen, einzelne Szenen werden out of context noch in vielen Jahren im popkulturellen Gedächtnis präsent sein, genau wie die titelgebende Puppe die Jahrzehnte durch Evolution überdauert hat. Der Film ist ein Fest des Detailreichtums, allein deswegen lädt er zum mehrfachen Schauen ein. Und gerade, dass gewisse Botschaften auch mehrdeutig verstanden werden können, macht dieses Werk ad hoc zu einem Kultfilm, denn genau darin liegt die entscheidende Message am Ende: Weder die eine noch die andere „Welt“ ist der Perfektion nahe. Denn nur die ständige Selbstreflexion und das Adaptieren des Zeitgeist führen zur Einsicht, dass es nur mit- und nicht gegeneinander nach vorne gehen kann.

    Unser Fazit zu Barbie

    Barbie ist wohl der Beweis, dass wenn etwas komplett unerwartete Wege geht, der Impact wesentlich größer ist. Denn zugegeben: wer hätte gedacht, dass ein Film über das Klischee-Spielzeug schlechthin, zu so einer zeitgemäßen Abrechnung mit antiquierten und modernen Geschlechterrollen und dem Status Quo der Popkultur sein kann?! Das perfekte Casting, die enorme Gag-Dichte, die Ohrwürmer, der schon jetzt ikonische Look und die Kurzweiligkeit machen Greta Gerwigs poppigen Ausflug in die pinke Parallelwelt zum Instant-Classic.

    Barbie startet am 20. Juli 2023 in den deutschen Kinos!


    © 2023 Warner Bros.

    Jan Werner

    Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

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