Christopher Nolan gilt als einer der besten Regisseure unserer Zeit. Jedes Projekt wird mit Spannung erwartet – und bislang kamen seine Filmen nicht selten mit einem speziellen Kniff ums Eck. Nun kommt mit Die Odyssee die Adaption eines der bekanntesten historischen Epen auf die Leinwand. Was hat sich der Filmemacher dafür wohl einfallen lassen?
Darum geht es in Die Odyssee
Die Odyssee folgt Odysseus, dem legendären griechischen König von Ithaka, auf seiner langen und gefährlichen Heimreise nach dem Trojanischen Krieg und schildert seine Begegnungen mit mythischen Wesen wie dem Zyklopen Polyphem, den Sirenen und der Hexengöttin Circe, während er versucht, wieder mit seiner Frau Penelope zusammenzukommen
Eine epische Reise als Filmexperiment?
Christopher Nolan gilt seit Jahren als ein Regisseur, der mit jedem neuen Werk versucht, die Grenzen des Kinoerlebnisses zu verschieben. Mit einem geschätzten Budget von rund 250 Millionen US-Dollar wagt sich der britische Filmemacher nun an das bislang teuerste Experiment seiner Karriere. Gemeinsam mit seinem langjährigen Kameramann Hoyte van Hoytema überwindet er technische Hürden, die lange Zeit als kaum realisierbar galten. Die Odyssee ist der erste Blockbuster der Filmgeschichte, der vollständig auf analogen IMAX-70-mm-Kameras gedreht wurde, ein Verfahren, das zuvor lediglich für einzelne Sequenzen zum Einsatz kam.
Um dieses Vorhaben überhaupt umsetzen zu können, mussten nicht nur die Produktionskosten steigen, sondern auch zahlreiche technische Lösungen entwickelt werden, um die Dreharbeiten praktikabler zu gestalten. Dazu zählen eigens konstruierte Spiegelvorrichtungen für Dialogszenen oder der sogenannte „Blimp“, ein schallgedämmtes Kameragehäuse, das es ermöglicht, den Originalton direkt am Set aufzuzeichnen. Selbst Hoyte van Hoytema demonstriert seinen kompromisslosen Ehrgeiz, indem er die tonnenschwere IMAX-Kamera – unterstützt von seinem Team – stellenweise sogar als Handkamera einsetzt.
Der enorme Aufwand zahlt sich vor allem in visueller Hinsicht aus. Nolans nahezu vollständiger Verzicht auf Greenscreens sowie die Entscheidung, an realen und teils extremen Schauplätzen rund um den Globus zu drehen, verleihen Odysseus‘ beschwerlicher Reise eine bemerkenswerte Körperlichkeit. Streckenweise entwickelt der Film sogar einen beinahe dokumentarischen Charakter. Gleichzeitig orientiert sich Nolan deutlich an der Ästhetik klassischer Hollywood-Sandalenfilme. Schlachtfelder, Kostüme und Rüstungen erinnern bewusst an das monumentale Historienkino vergangener Jahrzehnte. Diese Inszenierungsweise lässt die Welt greifbarer und imposanter erscheinen, geht jedoch, wie viele ihrer Vorbilder, zulasten der historischen Genauigkeit.
Ebenso hervorzuheben ist Nolans konsequente Entscheidung, fantastische Elemente möglichst mit praktischen Effekten umzusetzen. Für die Darstellung des Zyklopen Polyphem kamen erzwungene Perspektiven, ausgeklügelte Licht- und Schattenspiele, unterschiedlich große Kulissen sowie ein animatronisches Auge zum Einsatz, um eine überzeugende Illusion zu erschaffen. Auch bei Skylla zeigt sich Nolans zurückhaltender Umgang mit dem Fantastischen. Die vierköpfige Kreatur wird nie vollständig enthüllt; stattdessen konzentriert sich die Inszenierung auf ihre bedrohliche Präsenz und die Atmosphäre, während sie Odysseus‘ Männer nach und nach in den Tod reißt.
Nicht jede gestalterische Entscheidung erweist sich jedoch als gleichermaßen gelungen. Gerade die Darstellung Trojas wirkt stellenweise zu künstlich und erinnert eher an eine Studiokulisse als an eine lebendige antike Metropole. Hier offenbart sich die Kehrseite der bewusst gewählten Old-Hollywood-Ästhetik. Insbesondere der nächtliche Eroberungszug entfaltet architektonisch nie jene Wucht, die das historische Ereignis erwarten lässt. Deutlich überzeugender gelingt hingegen die Inszenierung des Trojanischen Pferdes, das mit großer Detailverliebtheit gestaltet und wirkungsvoll in die Handlung integriert wurde. So zeigt sich trotz Nolans perfektionistischer Handschrift, dass nicht jede kreative Entscheidung gleichermaßen aufgeht. Immer wieder entsteht ein spürbarer qualitativer Kontrast zwischen der herausragenden Kameraarbeit, den Kulissen und einzelnen Ausstattungsdetails.
Eine Neuinterpretation nach Emily Wilson?
Das Drehbuch bedient sich maßgeblich der modernen Übersetzung der Altphilologin Emily Wilson, die als erste Frau Homers Odyssee ins Englische übertrug. Wilson löst sich bewusst vom altertümlichen Englisch und den pathetischen Formulierungen früherer Übersetzungen, um das Epos zugänglicher und weniger akademisch wirken zu lassen. Nolan greift diesen Ansatz auf und geht stellenweise sogar noch weiter, indem er eine zeitgenössische Alltagssprache verwendet – eine Entscheidung, die bereits im Vorfeld kontrovers diskutiert wurde, etwa anhand der Verwendung des Wortes „Dad“. Im Kern versteht Wilson Odysseus als einen zutiefst widersprüchlichen Menschen. Sie rückt ihn vom Sockel des unfehlbaren Helden herunter und zeichnet ihn als innerlich zerrissene, fehlerhafte und vielschichtige Figur, ohne ihn dabei entweder zu glorifizieren oder moralisch zu verdammen. Gerade der Verzicht auf ein eindeutiges Urteil macht ihre Interpretation zur idealen Grundlage für Nolans Figurenkonzeption.
Matt Damon verkörpert diesen Odysseus als moralisch ambivalente Persönlichkeit: einen liebenden Ehemann, der nichts sehnlicher möchte, als zu seiner Familie zurückzukehren, zugleich aber auch einen kompromisslosen Kriegsherrn, dessen Entscheidungen unermessliches Leid und Zerstörung hinterlassen haben. Mit diesem Vermächtnis ringt er während seiner gesamten Heimreise. In Nolans Inszenierung wirkt Odysseus wie ein Mann, der sich selbst ins innere Exil verbannt hat, an seiner Vergangenheit zerbricht und kaum noch daran glaubt, jemals wieder wirklich in seiner Heimat ankommen zu können. Jede seiner Entscheidungen trägt ein enormes Gewicht, weil sie stets das Leben seiner Gefährten aufs Spiel setzt. Damon trifft den Kern dieser Figur und liefert eine beeindruckende Darbietung. Dennoch stellt sich die Frage, ob die innere Zerrissenheit seines Odysseus das Publikum tatsächlich emotional erreicht oder eher auf bewundernde Distanz hält.
In Ehrfurcht erstarrt?
Genau darin liegt eine der größten Schwächen des Films. Auf dem Papier funktionieren die Figurenkonstellationen hervorragend, emotional entfaltet Odyssee jedoch nur selten jene Kraft, die notwendig wäre, um dauerhaft mit den Figuren mitzufühlen. Stattdessen bleibt man häufig Beobachter:in eines imposanten Schauspiels, das zwar Ehrfurcht erzeugt, aber nur selten wirklich berührt.
Besonders deutlich zeigt sich dabei erneut eine bekannte Schwäche Nolans: die Ausgestaltung seiner weiblichen Figuren. Emily Wilsons Übersetzung eröffnet insbesondere Penelope und ihrer familiären Tragödie deutlich mehr erzählerischen Raum, doch der Film nutzt dieses Potenzial nur eingeschränkt. Anne Hathaway (Der Teufel trägt Prada 2) pendelt als Penelope häufig zwischen aufrichtiger Trauer und einem Pathos, das bisweilen allzu offensiv auf eine Oscar-Nominierung abzuzielen scheint. Auch die im Vorfeld viel diskutierten Besetzungen von Lupita Nyong’o und Elliot Page entpuppen sich letztlich als Randfiguren, die kaum Gelegenheit erhalten, einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Charlize Therons Kalypso erfüllt vor allem ihre narrative Funktion als Versuchung und Hindernis auf Odysseus‘ Heimweg, während Zendayas Athene trotz ihrer zentralen mythologischen Bedeutung erstaunlich wenig Präsenz erhält, ähnlich wie ihre Rolle im ersten Dune-Film von Denis Villeneuve.
Zu den positiven Überraschungen zählt dagegen Tom Holland als Telemachos. Er verleiht Odysseus‘ Sohn eine glaubwürdige Verletzlichkeit und nutzt die Gelegenheit, sich fernab seiner bekannten Superheldenrolle als ernstzunehmender Charakterdarsteller zu präsentieren. Die eigentliche Szenendiebin ist jedoch Samantha Morton. Obwohl Circe für die Verfilmung gegenüber der literarischen Vorlage spürbar an Komplexität einbüßt, gelingt es Morton, ihrer Figur in wenigen Minuten eine enorme Präsenz und Faszination zu verleihen. Sie nutzt jede Szene konsequent aus und hinterlässt einen der nachhaltigsten Eindrücke des gesamten Ensembles.
Komplex statt kompliziert?
Die fast dreistündige Laufzeit wird dankenswerterweise von einer klaren Struktur getragen, die auch Zuschauer:innen ohne Vorkenntnisse des Stoffes nicht aus den Augen verliert, sondern sie stringent von einem Handlungsabschnitt zum nächsten führt. Zunächst verbringen wir viel Zeit mit Telemachos und begleiten seine Entscheidung, sich auf die Suche nach seinem Vater zu begeben. Parallel verfolgen wir Penelope bei ihrem Versuch, Ithaka nicht an machthungrige Freier wie Antinoos zu verlieren. Den größten Teil der Laufzeit verbringt das Publikum jedoch mit Odysseus auf Kalypsos Insel, wo er die einzelnen Stationen seiner Reise Revue passieren lässt.
Cutterin Jennifer Lame verleiht dem Film den nötigen Rhythmus, um eine starre Erzählweise zu vermeiden, in der das Publikum zu hastig von einer Station zur nächsten eilt. Stattdessen schafft sie ausreichend emotionalen Raum, damit wir Odysseus‘ Schuld und Reue nachempfinden können. Gleichzeitig setzt sie Flashbacks und gezielt platzierte Informationsfragmente klug ein, um den Trojanischen Krieg aus unterschiedlichen Perspektiven von Odysseus zu beleuchten.
Lames Stil, den sie bereits in Manchester by the Sea eindrucksvoll etablierte, harmoniert hervorragend mit Nolans Regiehandschrift. Anders als noch bei Tenet ergänzt sich ihre Montage hier ausgezeichnet mit seiner sonst so verschachtelten Erzählweise. Das Ergebnis ist ein deutlich zugänglicherer und zugleich flüssiger erzählter Film.
Ein bisschen wenig Herzblut?
In der Gesamtbetrachtung wirkt Nolans Version der Odyssee inhaltlich fast schon zu unkompliziert, wodurch sie die Türen für ein breites Publikum sperrangelweit öffnen dürfte. Andere werden sich möglicherweise eine mutigere Erzählweise wünschen, die sich weniger stringent und zielgerichtet anfühlt. Nolan gelingt es, seinen technischen Größenwahn mit einer vergleichsweise zugänglichen Erzählstruktur zu verbinden.
Wie bereits häufiger in der Vergangenheit büßt der Film jedoch an Emotionalität ein. Dieses Mal steht zudem kein Cillian Murphy als Oppenheimer im Zentrum, der mit seinem Charisma selbst kleinere Schwächen überstrahlen und jede erzählerische Unzulänglichkeit ins Wanken bringen konnte. Es fehlt am Ende der große Schlag in die Magengrube, jener prägende Moment, der Oppenheimer auf eine andere Ebene hob und der Nolans neuestem Werk weitgehend fehlt.
Die Odyssee fühlt sich groß und spektakulär an – geschaffen für die größtmögliche Leinwand. Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg kompetent und dürften sicherlich auch bei den Oscars eine Rolle in den Diskussionen spielen. Dennoch fehlt die emotionale Tiefe und moralische Ambivalenz, die zwar gegen Ende noch geschickt aufgegriffen werden, aber zu spät einsetzen, um die gesamte Tragik der Geschichte vollständig zu entfalten.
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Unser Fazit zu Die Odyssee
Die Odyssee bietet viel Raum für unterschiedliche Zugänge und wird ein vielseitiges Publikum zum Entdecken einladen. Während einige Momente nachhaltig faszinieren, werden andere mit Fragezeichen zurücklassen. Letztendlich bleibt jedoch ein brachiales und visuell beeindruckendes Stück Blockbuster-Kino, das zugleich die Grenzen eines Visionärs aufzeigt, wenn der Fokus stärker auf dem Spektakel als auf der erzählerischen Essenz liegt. Aufregung und Anspannung sind Emotionen, die ein Film dieser Größenordnung konstant bedienen muss, andernfalls bleibt selbst das größte Spektakel wie ein leeres Theater zurück.