In Cannes gefeiert, rückt Jane Schoenbrun in ihrem neuen Spielfilm Teenage Sex and Death at Camp Miasma die Faszination für den Slasher-Horror ins Zentrum. Mit MUBIs Produktion widmet sie sich den Ikonografien des Genres und verbindet diese mit ihrer ganz eigenen Handschrift. Entsteht hier der nächste Kultklassiker des modernen Horrorkinos?

Darum geht’s in Teenage Sex and Death at Camp Miasma

Nach Jahren liebloser Fortsetzungen und schwindender Fanbasis wird das Slasher-Franchise Camp Miasma einer ambitionierten jungen Regisseurin zur Wiederbelebung überlassen. Als sie den einstigen Star der Originalfilme besucht, eine mittlerweile zurückgezogen lebende Schauspielerin, die von Geheimnissen umgeben ist, geraten die beiden Frauen in eine blutgetränkte Welt voller Begehren, Angst und Wahnvorstellungen.

Key-Art © MUBI/Plan B

Liebe für den Camp-Slasher

Der Film eröffnet mit einer sorgfältig komponierten Montage, die die Geschichte des fiktiven Camp-Miasma-Horrorfranchises nachzeichnet. Wie zahlreiche Camp-Slasher während des Booms der 1980er-Jahre brachte auch dieses Franchise nach seinem erfolgreichen ersten Teil unzählige Fortsetzungen hervor und wurde bis zur Erschöpfung ausgeschlachtet, ehe das allgemeine Interesse am Slasher-Genre nachließ und sich dies zunehmend an den Kinokassen bemerkbar machte. Auf diese Weise reflektiert Schoenbrun äußerst wirkungsvoll die Reproduzierbarkeit kostengünstiger Horrorfilme, die ständige Wiederholung ihrer Tropen und das langsame Verschwinden einstiger Popkultur-Ikonen. Der „Little Death“ fungiert dabei als Schoenbruns Pendant zu Jason Voorhees aus Freitag der 13. oder Angela Baker aus Sleepaway Camp (Blutiger Sommer).

Bereits nach wenigen Minuten wird deutlich, mit wie viel Ambivalenz und persönlicher Leidenschaft Schoenbrun ihre eigenen Erfahrungen und ihre Liebe zum Horrorgenre in die Gestaltung von Camp Miasma einfließen lässt. Vertraute Schauplätze des Slasher-Kinos treffen auf grelle, farbintensive Hintergründe und eine überraschende Schneelandschaft, die Hauptfigur und Regisseurin Kris durchquert, um Billy zu begegnen. Gemeinsam mit Kameramann Eric K. Yue (I Saw the TV Glow) und Produktionsdesigner Brandon Tonner-Connolly (I Saw the TV Glow, The Big Sick) schlägt Schoenbrun einen eigenständigen visuellen Weg ein, der Teenage Sex and Death at Camp Miasma eine unverwechselbare Identität verleiht. Die Welt erschöpft sich nicht in nostalgischer Rückschau, sondern wirkt gleichermaßen fantasievoll, immersiv, vertraut und befremdlich. Gerade dadurch trifft Schoenbrun den Kern jener Faszination, die das Sommercamp seit Jahrzehnten zu einem der prägendsten Schauplätze des Horrorgenres macht.

Die Schnittstelle zwischen Sex und Horror 

Sex war schon immer ein zentrales Element des Slasher-Genres, insbesondere als erzählerisches Mittel zur Vorbereitung der Morde oder als Indikator dafür, wer das sogenannte „Final Girl“ sein könnte. Es gehörte lange zur Genrekonvention, dass Jugendliche nach dem Geschlechtsverkehr im Sommercamp wenig später dem Killer zum Opfer fielen. Ebenso wurden die Verfolgungsjagden leicht bekleideter junger Frauen durch den – zumeist männlichen – Mörder immer weiter zugespitzt. Schoenbrun macht keinen Hehl daraus, wie misogyn, homo- und transfeindlich historisch viele dieser Inszenierungsstrategien aufgeladen waren. Gleichzeitig zeigt der Film aber auch, weshalb gerade Frauen und queere Menschen eine besondere Faszination für das Horrorgenre entwickeln konnten – nicht zuletzt wegen seiner phallischen Symbolik und seiner engen Verknüpfung von Sexualität und Gewalt.

Hannah Einbinders Kris gehört zu jenen Figuren, die die problematischen Aspekte dieses Franchises klar erkennen, zugleich aber auch ihr eigenes sexuelles Erwachen damit verbinden. Genau diese Ambivalenz nutzt Schoenbrun geschickt aus, indem sie Kris und Gillian Andersons Billy permanent in ein unterschwelliges Spannungsverhältnis setzt. Ihre Chemie lebt von kleinen, subtilen Interaktionen, die die sexuelle Spannung kontinuierlich steigern. Gleichzeitig reduziert das Drehbuch ihre Beziehung nie ausschließlich auf diese Ebene, sondern verleiht ihr emotionale Tiefe und schafft immer wieder humorvolle Momente. Besonders einprägsam ist die Szene, in der beide Frauen gemeinsam ein KFC-Abendessen zelebrieren. Ein wunderbar skurriles Beispiel dafür, wie Schoenbrun Erotik und Komik miteinander verschmelzen lässt.

Dabei spielt Schoenbrun in Teenage Sex and Death at Camp Miasma gekonnt mit der Wahrnehmung des Horrorfilms als Projektionsfläche für sexuelles Begehren, um Themen wie Außenseitertum, Verlangen und sexuelles Erwachen zu verhandeln. Zugleich untersucht sie, weshalb der Begriff des „Little Death“ – als französischer Euphemismus für den Orgasmus – eine so enge Verbindung zu den Motiven des Slasher-Horrors eingehen kann und welche symbolische Bedeutung diese Verknüpfung für ihre Figuren besitzt.

Teenage Sex and Death at Camp Miasma © MUBI/Plan B

Sympathie für den Killer 

Während sich Jane Schoenbruns frühere Filme, We’re All Going to the World’s Fair (2021) und I Saw the TV Glow (2024), vor allem mit Fragen von Geschlecht, Identität und ihrer eigenen Transition auseinandersetzten, richtet Teenage Sex and Death at Camp Miasma den Blick auf das Leben danach. Zwar bleiben Geschlecht und Identität zentrale Themen, doch rückt Schoenbrun dieses Mal deutlich stärker Sexualität, Lust und körperliche Intimität in den Mittelpunkt.

Der Film beschäftigt sich mit dem dissoziativen Gefühl, in einem Körper festzustecken, der Unbehagen auslöst, und mit der Schwierigkeit, sich beim Sex vollständig fallen lassen zu können. Im Zentrum stehen das Trauma und zugleich das Erwachen, das mit sexuellen Erfahrungen einhergehen kann. Einen ähnlichen Prozess erkennt Schoenbrun auch in der Rezeption klassischer Slasherfilme, deren Bilder und Motive für viele Zuschauer:innen weit über bloße Schockeffekte hinausgehen.

Sexuelle Unsicherheiten und Geschlechtsdysphorie sind seit Jahrzehnten Bestandteile zahlreicher Horrorikonen und eröffnen bis heute ambivalente Lesarten. Figuren wie Buffalo Bill (Das Schweigen der Lämmer), Norman Bates (Psycho) oder Angela Baker (Sleepaway Camp) wurden immer wieder unter diesem Blickwinkel diskutiert. Während einer gemeinsamen Sichtung des ersten „Camp Miasma“-Films weist Kris sowohl Billy als auch das Publikum darauf hin, dass die Ursprungsgeschichte von „Little Death“ aus heutiger Perspektive durchaus als transfeindlich gelesen werden kann, ähnlich wie bei den genannten Figuren. Schoenbrun verdammt diese Werke jedoch keineswegs. Stattdessen macht sie deutlich, dass beide Perspektiven gleichzeitig ihre Berechtigung besitzen: Horrorfilme können für marginalisierte Gruppen problematische oder verletzende Bilder reproduzieren und zugleich für andere Menschen ein Ort des Wiedererkennens, der Selbstfindung und des persönlichen Erwachens sein.

„Little Death“ wird damit zur Schlüsselfigur eines Films, der die ambivalente Beziehung zwischen Slasher-Killer und Publikum untersucht. Gerade queere und trans Personen entwickeln häufig eine besondere Sympathie für solche Monsterfiguren, nicht trotz, sondern wegen ihrer Ausgrenzung. Wer selbst gesellschaftliche Ablehnung oder Gewalt erfahren hat oder als „anders“ wahrgenommen wurde, erkennt in ihnen mitunter ein Spiegelbild der eigenen Erfahrungen. Aus dieser Identifikation entsteht eine Verbundenheit, die weit über Angst oder bloße Schockwirkung hinausgeht. Gleichzeitig gelingt Schoenbrun mit „Little Death“ eine moderne Horrorikone: Das Charakterdesign ist markant, die Figur besitzt überraschende Vielschichtigkeit, und die Regisseurin inszeniert rund um sie eine der eindrucksvollsten Montagen des bisherigen Kinojahres.

© MUBI

Unser Fazit zu Teenage Sex and Death at Camp Miasma

4.5 Fast perfekt

Verglichen mit Schoenbruns bisherigen Werken garantiert Teenage Sex and Death at Camp Miasma vor allem eine gleichermaßen spaßige, romantische und humorvolle Kinoerfahrung. Das Slasher-Genre wird liebevoll parodiert, gleichzeitig aber auch aufrichtig gefeiert. Erneut beeindruckt Schoenbrun mit ihrer nuancierten Auseinandersetzung mit Medien, Sexualität, Lust und dem Selbstverständnis der Filmindustrie.
Camp Miasma verbindet seine unterschiedlichen Genres mühelos miteinander, streut abwechslungsreiche Meta-Ebenen ein und fühlt sich zugleich herrlich camp und unverkennbar sapphisch an, sowohl in seinen Dialogen als auch in seinen visuellen Entscheidungen. Dabei gelingt dem Film, dass es einem über Jahrzehnte ausgeschlachteten Subgenre neues Leben einhaucht und gleichzeitig erstaunlich reif über die Ambivalenzen des Horrorkinos und die Rolle einer Genre-Regisseur:in reflektiert. Das Ergebnis ist ein ebenso intelligenter wie verspielter Film, der seine Liebe zum Slasher-Horror in jeder Einstellung spüren lässt – und dabei vor allem ungeheuer viel Spaß macht.

  • User Ratings (0 Votes) 0
Hinterlasse einen Kommentar

Exit mobile version