H wie Habicht von Helen Macdonald gilt als moderner Klassiker der Nature Writing-Literatur. Die Kinoadaption bringt diese außergewöhnliche Geschichte nun auf die Leinwand. Wie ist die Umsetzung mit Claire Foy geworden?
Darum geht’s in H wie Habicht
Als Helens (Claire Foy) geliebter Vater (Brendan Gleeson) stirbt, wird sie von tiefer Trauer überwältigt und verliert sich in Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit beim Beobachten von Vögeln und beim Erkunden der Natur. Besessen von der Idee, selbst einen Habicht abzurichten, holt sie den imposanten Vogel Mabel zu sich nach Cambridge. Fest entschlossen, sich dem mühsamen Prozess der Zähmung eines der wildesten Tiere zu stellen, füllt Helen ihren Gefrierschrank mit Futter und schaltet ihr Telefon aus. Doch während sie versucht, Mabel das Jagen und das eigenständige Fliegen beizubringen, erkennt sie, wie sehr sie ihre eigenen Gefühle und ihr Leben vernachlässigt hat.
Trauerbewältigung kommt auf Flügeln daher
H wie Habicht ist auf seine Ausgangslage bezogen fast schon ein „alter Hut“ beziehungsweise eine Geschichte, die man so mit leicht abgewandelten Komponenten schon zuhauf erzählt und verfilmt hat: Ein Mensch tut sich nach einem Schicksalsschlag schwer und statt Trost und Halt im sozialen Umfeld zu finden, findet man er dies dadurch, dass er beispielsweise einer Person, von der er Abschied nehmen musste, darüber glaubt noch nahe sein zu können, in dem er sich in eine gemeinsame oder eben der verschiedenen Personen lieb gewonnene Leidenschaft vertieft.
Auch die Komponente „Tier“ hat man in dieser Konstellation immer wieder integriert. Doch was H wie Habicht – der Titel sagt es ja schon – wirklich zu einer bis dato unverbrauchten Variation des klassischen Trauerbewältigungs- und Selbstfindungs-Sujet macht, ist, dass die Protagonistin hier die doch erstmal skurrile Flucht in die Falknerei sucht.
Es ist dann aber nicht nur die filmische Umsetzung eines auf realen Hintergründen basierenden biografischen Romans, sondern auf vielen Ebenen eine außergewöhnliche filmische Erfahrung, wenngleich man auf der Inszenierungsebene hier keine besonderen Kniffe erwarten darf. Rein dramaturgisch verlässt dieser Film die gewohnten Wege nie, einzelne Stationen innerhalb der Entwicklung der Protagonistin werden wie erwartet abgehandelt und am Ende kommt man dort an, wo man es antizipiert.
Besondere Konstellationen bedingen besondere Eindrücke
Da ist dann aber zum einen schon mal die außergewöhnlich nahegehende Darbietung von Claire Foy, die schon als Mutter der Hauptfigur in All of Us Strangers ihre Fähigkeiten als Darstellerin in leicht melancholisch-träumerischen Geschichten eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat und hier nun noch mehr ins Zentrum des Geschehens rücken darf. Die Szenen mit Brendan Gleeson (Banshees of Inisherin) – seien es die Rückblenden oder die tagträumerischen Dialogsequenzen – zeugen von einer absolut herzergreifenden, emotionalen Harmonie zwischen Filmvater und -tochter, sodass man allein deswegen schon ihre traumatisierte Schockstarre und ihre psychischen Probleme gut nachfühlen kann.
Zum anderen aber ist es dann ihre Beziehung zu Mabel, dem Habicht, der etwas leicht Magisches innewohnt, aber die man als Zuschauerin oder Zuschauer komplett spüren kann. Gern bezeichnet man ja den Hund als besten Freund des Menschen, aber auch die Verbindung zu einem Greifvogel kann weit mehr als die zwischen ein Tierhalter und seinem Schützling sein.
Das alles wird in den rural-romantischen lokalen Kontext des ländlichen Englands eingebettet und bringt einige exzellent fotografierte Szenen mit sich, die die Vorzüge dieses idyllischen Lebens abseits des Großstadtlärms wirklich schmackhaft machen – in London oder Manchester wäre es barbarische Tierquälerei, einen Greifvogel in den eigenen vier Wänden zu halten, aber hier auf dem Land wirkt diese Schicksalsgemeinschaft aus Helen und Mabel vollkommen logisch.
Symbol oder Flucht-Reflex?
Natürlich wohnt dieser ganzen Geschichte etwas Tieferes inne. H wie Habicht ist eine Parabel über Selbsterkenntnis über verquere Umwege, über klassische psychologische „Baustellen“ wie das Loslassen, das Abschließen, das Nachtrauern, den Blick nach vorn.
Claire Foy’s Helen wird von Beginn an als Eigenbrötlerin dargestellt, aber eben eine, die sich nicht komplett der Gemeinschaft verweigert, eben nur eine, die den Extra-Schubs braucht. Vorübergehend scheint es, als verliere sie sich dadurch, dass sie ihren Perfektionismus nun voll und ganz im neuen „Hobby“ auslebt. Doch parallel zum Training von Mabel entwickelt sich dann auch die zurückgezogene Frau, lernt die Perspektive zu wechseln – man könnte sagen, wie ein Vogel mal von oben herab auf die Gesamtsituation zu blicken. Das ist dann am Ende zwar keine Geschichte, die man, wie gesagt, so noch nie gesehen hat, aber durch die individuelle Leistung von Foy, Gleeson, aber auch von Denise Gough (Andor) als Christina und durch die authentische mystische Mensch-Vogel-Beziehung wird das Drama doch zu einem Geheimtipp für Fans von Geschichten über die Kraft der Natur.
© DCM
Unser Fazit zu H wie Habicht
H wie Habicht ist ein psychologisches Drama mit einem Duo im Mittelpunkt, das aus dem Einheitsbrei hervorsticht: Trauernde Eigenbrötlerin und majestätischer Greifvogel. Ruhig, inspirierend und mit einem leicht mystischen Anstrich ist hiermit Entschleunigung mit einer starken Schlusspointe geboten.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.