Pickleball kennt man hierzulande kaum, dabei ist die Rückschlag-Sportart durchaus beliebt und hat sich wie Paddle als Light-Variante vom klassischen Tennis etabliert. Fans des „richtigen“ Tennis ist das natürlich ein Dorn im Auge, was nun auch The Dink bei Apple TV thematisiert. Gelingt den Machern mit der Sportkomödie also ein Grand Slam oder kassiert man die in Tenniskreisen berüchtigte „Brille“ – die peinlichste Form einer Niederlage?
Darum geht es in The Dink
Das ehemalige Tenniswunderkind Dusty Boyd (Jake Johnson) wurde dazu verdonnert, widerspenstige Kinder im Country Club seines Vaters Chuck (Ed Harris) in der Vorstadt zu trainieren. Dürstend nach der Achtung seines Vaters unterstützt Dusty blind Chucks Vendetta gegen die neue Begeisterung, die den Club überrennt: Pickleball. Als sich eine alte Verletzung bei Dusty verschlimmert und ihm die Fähigkeit nimmt, Tennis zu spielen, greift er im Namen der Reha auf das Undenkbare zurück. Er probiert nicht nur Pickleball, sondern auch dank seiner bezaubernden neuen Partnerin Candace (Mary Steenburgen) genießt er es tatsächlich. Zwischen zwei Welten hin- und hergerissen, ist Dusty gezwungen, sich endlich den Geistern seiner vergangenen sportlichen Misserfolge zu stellen, einschließlich seines Kindheits-Erzfeindes Andy Roddick (gespielt vom „echten“ Andy Roddick). Letztendlich wird Dusty in einen verzweifelten Kampf um die Zukunft des Clubs, die Zuneigung seines Vaters und seine Identität hineingezogen.
Immer weiter in die Sportnische
Basketball (Swagger), Fußball (Ted Lasso) und Golf (Stick) hat sich Apple TV schon in fiktionalen Stoffen vorgenommen, nun geht es mit The Dink in einen Sport-Kosmos, der doch merklich weiter weg von „seriösem“ Mainstream-Sport ist: Pickleball. Aber sind wir mal ehrlich: in welchem Sportfilm oder welcher Sportserie geht es wirklich um den dezidiert abgebildeten Sport?! Eigentlich geht es doch um die Figuren und die charakterbildenden Effekte, die Sport auf Individuen und Gesellschaften hat. Muss man die Abseitsregel kennen, um sich von Ted Lassos Charme um den Finger wickeln zu lassen? Muss man ein Faible für den Boxsport mitbringen, um im finalen Akt eines Rocky-Films vor Spannung an den Nägeln zu kauen? Muss man schon mal selbst einen Golfschläger geschwungen haben, um zu erkennen, dass Happy Gilmore jetzt nicht gerade dem landläufigen Bild eines Golfers entspricht?
Zwischen typischen Mechanismen und unwiderstehlichem Charme
Entsprechend ist es hier nun auch nur ein kleiner Bonus, um persönlich noch mehr involviert zu sein, wenn man selbst Tennis spielt und dementsprechend der „Epidemie“ Pickleball extrem feindselig gegenüber eingestellt ist – so will es uns der Film zumindest verkaufen. Eigentlich aber geht es hier um einen ziemlich stereotypen Hauptcharakter, vergleichbar mit der Owen Wilson-Figur in Stick oder etlichen weiteren Beispielen, der für eine persönliche Niederlage, die mutmaßlich den großen Durchbruch verhindert hat, auch Jahre später noch kein Ventil gefunden hat, dem Ganzen nachtrauert und vor allem den kompletten Frust auf eine Einzelperson projiziert, sodass von Beginn an klar ist, dass hier auf diese eine Konfrontation hinauslaufen wird.
The Dink ist also trotz der speziellen Sportart ein ziemlicher Standardfilm – auf dem Papier zumindest -, den man auch mit einem gescheiterten Radfahrer, Taekwondoka oder Turmspringer hätte erzählen können. Doch wie so oft eben im Sportfilm holt man aus den simplen, vorhersehbaren Elementen dank eines veritabel sympathischen Ensembles und einer wahnsinnigen Trefferquote (sic!) bei den Gags so viel raus, dass daraus eine absolute Empfehlung im Wohlfühlfilm-Bereich wird!
Tolle Schauspielerführung
Schon in Barb and Star Go to Vista Del Mar hat Regisseur Josh Greenbaum eine sehr eigene humoristische Handschrift beweisen können, die zwar nicht ganz so surreal aber doch auch hier wieder zum Tragen kommen darf. In The Dink orchestriert er nun einerseits die Veteranen Ed Harris und Mary Steenburgen, die im Spätherbst ihrer Karrieren wohl erst ihr Plateau in Sachen Komik erreicht haben. Besonders Harris funktioniert mit viel Selbstironie bei einer weiterhin unnachahmlichen Aura exzellent, während Steenburgen genau dort anschließt, wo sie zuletzt schon in The Man on the Inside punkten konnte. Andererseits integriert er dann ein paar wirklich gute Cameos weltbekannter Tennisgrößen, die eben nicht im Wimpernschlag an einem vorbeiziehen können, sondern tatsächlich integraler Bestandteil der Story sind.
Und dann spielt er vor allem noch sehr gut damit, dass sein eigentlicher „Held“ im Prinzip von Beginn an alles dafür tut, um beim Publikum unsympathisch zu wirken, aber genauso ungewollt, wie er sich mehr und mehr in den neuen Sport verguckt, wächst einem jeden Zuschauer auch Jake Johnsons Dusty immer mehr ans Herz.
Kurzweilig wie ein Dreisatzsieg
Die hohe Kunst von derlei Comedies, zu denen auch The Dink gehört, ist es, sich mit Respekt über die vermeintlichen Außenseiter, die eine exotische Sportart wie Pickleball so ernst nehmen, lustig zu machen ohne sie lächerlich zu machen. Und genau dieser Spagat geht hier voll auf. Ebenfalls mit viel Fingerspitzengefühl und Selbstironie wird der Generationenkonflikt und das Thema Altern hier abgebildet, weil eben nicht einseitig Witze über die Älteren gemacht werden, sondern immer wieder auch auf Kosten der Jungen, denen bestimmtes „Allgemeinwissen“ abgeht.
In Kombination mit der standardmäßigen aber charmanten Club-Rettungs-Geschichte, dem kleinen Familienzwist und den grundsolide inszenierten Sportmomenten vergehen die knapp 100 Minuten so schnell wie eine Partie zwischen einem Top-10-Spieler und einem Qualifikanten bei einem Grand Slam.
© Apple TV
Unser Fazit zu The Dink
The Dink ordnet sich genau zwischen Feelgood-Comedies ein, die sich nicht scheuen, auch mal Menschen jenseits des 60. Lebensjahr noch große Rollen zu geben, wie die Netflix-Serie The Man on the Inside es tut, und dem leichten Anarcho-Duktus von Sportfilmen wie Happy Gilmore ein, bei denen trotz zahlreicher Gags auf Kosten der Sportart der Respekt vor selbiger nicht flöten geht. Eine klare Empfehlung und mal wieder ein gelungenes Apple TV-Werk im Filmsegment!
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.