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    Primetime

    Kenan Hasicvon Kenan Hasic19. September 2026Keine Kommentare9 min Lesezeit
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    © Leonine Studios
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    Robert Pattinson hat schon einen längeren Lauf an Kritikerlieblingen und Box Office Hits, aber die ganz großen Preise blieben ihm bislang noch verwehrt. Das soll sich – dem Echo aus Venedig nach – mit Primetime nun ändern. Wie sehen für uns die Chancen aus?

    Darum geht’s in Primetime

    USA, Mitte der 2000er-Jahre. Chris Hansen (Robert Pattinson) ist das Gesicht von „To Catch A Predator“, dem Reality-Format, das Pädophile mit Lockvögeln in eine Falle lockt und vor laufenden Kameras bloßstellt. Was als moralischer Kreuzzug beginnt, wird zur Machtmaschine: Der ehrgeizige Reporter, seine Producerin Andie (Merritt Wever) und der junge Schauspieler Dan (Skyler Gisondo) steigern den Druck – und den Erfolg – bis zur Obsession. Während Hansen zunehmend von dämonischen Visionen heimgesucht wird, führt die Jagd nach dem ultimativen „Wal“ – einem prominenten Täter – das Team ins konservative Texas. Was dort geschieht, wird das Fernsehen für immer verändern.

    Key-Art © Leonine Studios

    To Catch a Predator – Hyperrealität als Showformat 

    Lance Oppenheim bedient sich mit Chris Hansen einer komplexen Persönlichkeit, deren Darstellung in viele Richtungen gelenkt werden kann. Die Entscheidung, Hansens Idee zu einer Unterhaltungssendung auszuformen, in der die vierte Wand so zerbrechlich wie selten im Fernsehen war, erwies sich dabei als zentral. To Catch a Predator ist eine Verschmelzung von Fakt und Fiktion, die laut ihrem Begründer eine Mischung aus Journalismus und Entertainment darstellt. Der entscheidende Clou hierbei ist jedoch folgender: Die NBC-Serie reproduziert die Straftaten, die sie zu bekämpfen vorgibt, und provoziert somit ein Verbrechen, das ohne Hansens Eingriff und Beteiligung höchstwahrscheinlich nicht stattgefunden hätte. Die Show kreiert eine Form des Hyperrealismus, weil sie sowohl die Verwirklichung als auch die Verhinderung einer realen Tat innerhalb einer möglichen Realität widerspiegelt.

    Damit kreiert Hansen ein Spektakel, das sich moderner Medientechnologien, etwa versteckt installierter Kameras, bedient, um ein öffentlich inszeniertes Strafspektakel zu produzieren. Die Show nutzt diesen Rahmen nicht nur, um den Täter der Justiz zuzuführen, sondern ihn auch öffentlich bloßzustellen. Dabei werden die Sendung und das Publikum zu Richtern und Geschworenen, bevor die Polizei am Ende eingreift und den Henker mimt. Chris Hansen lädt das Publikum somit dazu ein, sowohl in die Haut des Täters als auch in die Opferrolle oder die Rolle der jeweiligen Angehörigen zu schlüpfen. Eine eindeutige Identifikation wird dadurch verhindert. Stattdessen lädt die Sendung dazu ein, nicht nur vom Podest auf den Täter herabzublicken, sondern auch eine eigene Täterschaft zu inszenieren. Darin liegt ein Auslöser für den Popularitätsanstieg, den To Catch a Predator in zeitgenössischen Kontexten erfahren hat.

    Und darauf fußt auch Oppenheims Ansatz in seinem Spielfilmdebüt: Als fiktionalisierter Spielfilm über eine real existierende Sendung und ihren real existierenden Schöpfer wendet er genau jene Methode an, die Hansen einst auf die „Predators“ anwendete. Mit seinem Film steuert Oppenheim eine öffentliche Konfrontation an, die eine unbequeme Wahrheit über seinen Protagonisten offenbaren soll, ohne diesem die Möglichkeit zu geben, die Deutungshoheit über seine eigene Darstellung zu erlangen. Das erklärt natürlich auch, weshalb sich der reale Chris Hansen gegen das Projekt ausspricht und seine Darstellung innerhalb der fiktiven Erzählung nicht gutheißt. Er selbst verfügt über keinerlei Kontrolle über die Erzählung.

    Chris Hansen – ein Entrepreneur der Moral?

    In einem Dialogfetzen einer Schlüsselszene zwischen Robert Pattinsons Hansen und Skylar Gisondos Lockvogel Dan erklärt Hansen ausdrücklich, dass seine Arbeit kein bloßes Schauspiel darstelle, sondern als Mission zu betrachten sei, die Welt von einem uralten Übel zu reinigen. Primetime kreiert einen Protagonisten, der eine Show initiiert, mit der er neue moralische Kategorien begründet und als Kreuzritter und Reformist einen bestimmten Tabu- und Regelbruch öffentlich bestraft. Fortan wird seine Identität durch diese Aufgabe konstituiert. Er sieht sich als Journalist, nicht als Vollstrecker, denn diese Rolle obliege der Exekutive. Er berichtet lediglich darüber und schreibt die eigentliche Verantwortung anderen zu.

    Pattinsons Darstellung ist dabei komplex, da er nicht nur Hansens Blutdurst nach der bestmöglichen Quote, sondern auch sein Verlangen nach einer Bestimmung brutal und offensiv zum Ausdruck bringt. Hansen ist eine zutiefst widersprüchliche Persona, die sich nach außen hin als Held inszeniert, während jede vermeintliche Heldentat minutiös geplant ist. Wenn er backstage die Chatverläufe der „Predators“ für sich selbst aufsagt, wenn er bereits im Vorhinein weiß, wie er aus der Situation herauskommen, mit den Tätern umgehen und sich selbst dabei ins bestmögliche Rampenlicht rücken muss.

    Sein gesamter performativer Auftritt als Fernsehpersönlichkeit zeugt von einer Form der Selbstheroisierung. Er kreiert ein Pseudoereignis, um sich selbst als Retter Amerikas zu inszenieren. Da Hansen dabei selbst der Autor dieses Ereignisses bleibt, ist auch sein Verhältnis zur Realität zweideutig und entwickelt sich tendenziell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung: Ein Held will die Welt vom Bösen befreien, in einem heroischen Akt, den er selbst produzieren muss. Pattinson stellt diesen Widerspruch subtil, aber zugleich herausragend in seinen expressiven Momenten dar: wenn Hansen sein Umfeld davon überzeugen muss, dass sein Handeln absolut richtig sei, aber auch in seinem ständigen Kampf um die Bewahrung seines eigenen Selbstbildes. Selbst um Menschen wie Lockvogel Dan auf seine Seite zu ziehen, muss er dabei bisweilen predatorische Züge annehmen.

    Pattinsons Hansen verfügt nämlich nie über eigene Autorität im legalen Sinne, da er weder ein tatsächlicher Richter noch ein Polizist ist. Er bestätigt seinen Erfolg durch sein Charisma, das er mithilfe seiner Sendung legitimiert. Er ist von den steigenden Quoten abhängig, durch die seine Arbeit überhaupt erst messbar wird. Andernfalls hätte seine Heldenhaftigkeit keine wirkliche Grundlage, um zu existieren. Deshalb müssen neue Konfrontationen größer und dramatischer ausfallen, da sein Charisma und sein heroisches Auftreten sonst lediglich als Performance und niemals als absolute Wahrheit anerkannt würden. Er benötigt einen weißen Wal.

    „Was wäre passiert, wenn ich nicht hier wäre?“ 

    Dieser Satz findet sowohl am Anfang als auch am Ende des Films Erwähnung. Es ist eine brillante Tagline, die selbst Hansen in seinen eigenen Sendungen aufgreift. Er stellt dem Publikum eine entscheidende Frage, deren Antwort es selbst vervollständigen muss. Mit dieser Inszenierung kreiert er einen eigenen Mythos um sich. Zweifelsfrei werden sich Zuschauer:innen nämlich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass die Sendung dafür sorgt, dass mehr Täter einen Namen und ein Gesicht bekommen und ohne Hansens Anwesenheit noch weitaus mehr unentdeckte Täter existieren würden.

    Oppenheim stellt diese Frage bewusst am Ende, um zu unterstreichen, dass alles, was im Film in Gang gesetzt wird und geschehen muss, ohne Hansens Eingreifen nie stattgefunden hätte. Es ist ein bewusster und unterschätzter Drehbuchkniff, bei dem die Eingangsfrage der Sendung beziehungsweise des Films als Ausgangspunkt einer Eskalationsspirale dient. Anhand dieser setzt sich die Fiktion kritisch mit der Selbstmythologisierung ihres Protagonisten auseinander. Ebenso kritisch wird die Produktionsmaschinerie der zeitgenössischen Medien beleuchtet, die Hansen keinerlei Steine in den Weg legt, erst nach dem Eintreten der Katastrophe eingreift und sich dabei selbst als Mittäter an zahlreichen Ereignissen erweist.

    Der Fernsehsender ist schließlich der Apparat, der den Kreuzzug naturalisiert, Hansens Rolle schützt und ihn dadurch unantastbar macht. Oppenheims Darstellung versteht das und errichtet einen Panzer um Pattinsons Hansen, in dem die bloße Abwesenheit der Figur als etwas Undenkbares in die Welt eingeschrieben wird. Es ist die bitterböse Pointe von Primetime, dass die Medien, die das Publikum aufklären sollen, plötzlich Helden hervorbringen, denen sie unkritisch das Zepter der Macht überreichen, damit diese Moral und Justiz neu aushandeln und durch ebenjene legitimiert werden.

    Primetime © Leonine Studios

    Wie ein Lockvogel versucht zu fliegen 

    Die wohl größte darstellerische Überraschung und für viele der Showstealer des Films: Skyler Gisondos (Superman) Performance als Lockvogel Dan Plumb. Seine Figur ist eine der komplexesten des Films. Hansens inszenatorische Hand wird an Dan nämlich physisch exerziert. Er ist derjenige, der in eine klar identifizierbare Schauspielrolle schlüpfen muss. Zu Beginn spricht er von seinen Träumen als Musicaldarsteller und davon, dass er alles dafür tun würde, um zumindest die Chance auf den großen Durchbruch zu erhalten – oder wenigstens Mitglied der SAG (Schauspielgewerkschaft) zu werden.

    Darin liegt auch die Ironie seiner Figur: Sein Traum von einer Chance im Showbusiness erfüllt sich nicht durch Musicals, sondern durch die moralisch vertrackte Situation, in der er ein Kind spielt, um „Predators“ anzulocken und anschließend mit ihnen konfrontiert zu werden. Gisondo gelingt dabei eine unfassbar facettenreiche Darstellung, die nicht nur sein beeindruckendes Stimmspiel zur Geltung bringt, sondern auch die verschiedenen Ebenen seiner Figur erfasst. Wie ein Chamäleon bewegt er sich durch die unterschiedlichsten Szenarien.

    Es ist nicht nur die Nervosität, die Dan im Raum mit einem „Predator“ und Hansen verspürt, sondern auch Gisondos reale Empfindung, wenn er neben Pattinson spielt. Seine Bewunderung gilt sowohl der Figur Pattinsons als auch dem realen Schauspieler. Dadurch verschwimmt in Gisondos Spiel jegliches Gefühl für klare Grenzen, wodurch eine herausragende zweite Ebene in seine Darstellung einfließt.

    Die spannendsten Aspekte der Beziehung zwischen Dan und Chris liegen vor allem in ihren intimsten Momenten, in denen Hansen selbst zum Manipulator, zum „Predator“, aufsteigt und den jungen Dan von seiner Sache überzeugen muss, um ihn für seine Sendung gefügig zu machen. Oppenheims Drehbuch von Primetime spielt wunderbar mit den Grenzen der Fiktion und zieht eindrucksvolle Parallelen zwischen der realen Show und seinem fiktionalen Werk.

    Das geistige Sequel zu Nightcrawler

    Primetime lässt sich als Quasi-Sequel zu Nightcrawler in de 2020er-Jahren lesen. Das Spielfilmdebüt eines Dokumentarfilmers erforscht die Abgründe der amerikanischen Medienlandschaft und stellt seinen Protagonisten wie einen Horror-Bösewicht dar, der durch die besondere Bildsprache unheimlich inszeniert wird. Die Mini-DV-Körnung, das klaustrophobische 4:3-Format und die Fernsehästhetik der frühen 2000er-Jahre spielen gekonnt mit verschiedenen Genres. Auch die Musik trägt dazu bei, indem sie morbide und verstörende Klänge mit glücklich anmutenden Glockenspielen vermischt. Oppenheim erschafft eine auffällige und einheitliche Ästhetik, die die metatextuellen Vermischungen von Fiktion und Realität, die sein besonderes Drehbuch prägen, gekonnt aufgreift. Sie fängt das Gefühl von Paranoia und die Angst vor dem Unheimlichen, vor dem Fremden, das vor der eigenen Haustür lauert, ein, verstärkt durch Fernsehshows, die stellvertretend für die Bush-Ära in den USA stehen.

    Es ist die Jagd nach Bedeutung und Quoten durch einen Mann, der sich als Retter der Welt und Befreier vom uralten Bösen versteht, dabei jedoch selbst die Taktiken und Methoden seiner Feinde imitiert, um daraus maximalen Erfolg zu schlagen. Als Lou Bloom in Nightcrawler sagt: „Ich werde nie etwas von dir verlangen, das ich nicht auch selbst tun würde“, spürt man die bitterböse Ernsthaftigkeit dieser Aussage, denn Lou ist bereit, jede Grenze auszuschlachten. Gleiches gilt für Hansens Schlussfrage, die nicht nur an das Publikum, sondern auch an ihn selbst gerichtet ist, um seine Überzeugung aufrechtzuerhalten, wofür er für den Rest seines Lebens in Erinnerung bleiben wird. Er sieht sich als Held, als moralischer Diktator einer neuen Weltordnung, an deren Gestaltung er mitwirken darf. Er hält sich für unantastbar, bis der Sender irgendwann den Stecker ziehen und ein neues Format das Rampenlicht erobern wird.

    © Leonine Studios

    Unser Fazit zu Primetime

    5.0 Meisterwerk

    Nach dem Erfolg des Dokumentarfilms Predators im vergangenen Jahr erhält Chris Hansons Geschichte rund um seinen Quotenhit To Catch a Predator in Primetime die Aufmerksamkeit von A24. Für sein Spielfilmdebüt greift Lance Oppenheim direkt in die Vollen und sichert sich Robert Pattinson als Hauptdarsteller, der gemeinsam mit Skyler Gisondo eine unvergessliche Show abliefert. Oppenheim gelingt ein Meisterstück durch die metatextuellen Vermischungen von Fiktion und Realität. Der Medien-Thriller fängt das Gefühl von Paranoia und die Angst vor dem Unheimlichen, vor dem Fremden, das vor der eigenen Haustür lauert, eindrucksvoll ein. Gleichzeitig ist der Film aber auch ein mahnendes Zeitdokument über die frühen 2000er und in seiner Ambivalenz aktueller denn je.

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