Wer der Sherpa war, der Edmund Hillary einst auf den Mount Everest begleitete, weiß man spätestens seit der legendären 1-Million-Frage bei Wer wird Millionär?. Nun gibt es endlich auch einen Film, der sich der Geschichte widmet: In Tenzing geht es um Tenzing Norgay – und nur am Rande um die Alpinisten aus dem Westen. Wie kommt das in Filmform rüber?

Darum geht’s in Tenzing

Key-Art © Apple TV

Von der Unmöglichkeit zum Bucket-List-Goal

Heutzutage herrscht auf dem Dach der Welt ein derartiger Massentourismus, dass der Mount Everest mitunter zur Müllhalde und einem Lifestyle-Ziel geworden ist. Binnen gut 100 Jahren hat also der höchste Gipfel der Erde doch merklich an Respekt und Ehrfurcht eingebüßt. Wenn man nun mit Tenzing nochmal in die Zeit der Erstbesteigung zurückversetzt wird, blickt man auf jeden Fall mit einem anderen Geist auf die Entwicklungen bis heute.

Dass heute Alpinisten mit vergleichsweise geringer Erfahrung den noch vor einem Dreiviertel Jahrhundert unbezwingbaren Berg besteigen können, ist natürlich dem Erfolg der Erstbesteiger zu einem großen Teil zuzuschreiben. Und dass diese Mission damals diesen Erfolg verbuchen konnte, lag mitunter daran, dass man die Titelfigur dieses Films entgegen der damals gängigen Praxis wirklich ernstgenommen und wie einen gleichwertigen Teil der Crew behandelt hat. Doch das war eben keine Selbstverständlichkeit, wie Tenzing schafft eindrucksvoll zu erzählen.

Chomolungma

Zuerst einmal ist es wieder einmal erschreckend zu sehen, wie noch Mitte des 20. Jahrhunderts Menschen aus dem Westen mit ihrer Kolonialherren-Attitüde Einheimische in Asien behandelt haben. Aber zum Glück zeigt Tenzing diese Haltung der ausländischen Bergsteiger zwar, aber suhlt sich nicht darin, hier diese damalige Praxis groß anprangern zu wollen. Das hätte aus dieser Geschichte etwas anderes gemacht, als es in der Intention der Macher lag, hieraus eine Würdigung der Bedeutung Tenzing Norgays für die Bergsteiger zu machen.

Noch deutlich wird diese Stoßrichtung dadurch, dass es hier tatsächlich um den Sherpa geht und dieser auch eindeutig die Hauptfigur im Film – und Genden Phuntsok sein Hauptdarsteller. Es geht um die Sherpa-Kultur, um deren Religion und Lebensrealität, in die die Alpinisten aus Großbritannien oder Neuseeland reinstoßen. Doch dabei wird im Schatten des mächtigen Bergmassivs aus den sich eigentlich so fremden Menschen schnell eine Schicksalsgemeinschaft, wie ebenfalls gut herausgearbeitet wird. Und diese Schicksale sind vor allem dadurch verbunden, dass Hilary und die Expeditionsteilnehmer mit Tenzing Norgay den Traum der Besteigung des Berges teilen, den noch niemand bezwingen konnte – und da ist es dann vollkommen egal, ob man diesen Berg Chomolungma oder Mount Everest nennt.

Eine Teamaufgabe im menschenfeindlichen Terrain

Tenzing schafft es dann sowohl als Abenteuerfilm Spannung aufzubauen – obwohl man als geschichtskundiger Zuschauer natürlich weiß, dass es am Ende gut ausgehen wird. Das gelingt durch zwar ziemlich althergebrachte Mittel in der Inszenierung, aber effektiv ist dies allemal, da sich nun mal die Kulisse so massiv von dem unterscheidet, was man ansonsten so zu sehen bekommt. Denn tatsächlich ist neben der starken darstellerischen Leistung des Protagonisten die Bildgewalt hier der USP. Die Gletscherwelten aus der Vogelperspektive, das schier endlose Eis im Panorama, in dem die menschlichen Figuren extrem winzig aussehen, dazu einige Kamerafahrten aus nächster Nähe während die Alpinisten sich ihre Wege bahnen: Das Gebirgsabenteuer gehört eigentlich auf die Leinwand; Schade, dass nur ein kleiner Teil den Film auch dort und nicht im heimischen Wohnzimmer sehen wird.

Die Spannung in Tenzing entsteht derweil einzig und allein dadurch, dass man mit den Alpinisten mitfiebert und immer wieder quasi mitfühlt, wenn das Wetter plötzlich umschlägt, das Eis sich als brüchiger als gedacht erweist oder große Felsspalten mit einfachstem Gerät überwunden werden müssen. Hier werden keine künstlichen Animositäten eingewoben, keine platten Antagonisten etabliert – der gemeinsame „Feind“ ist die Natur, ist der Berg.

Vorgeschichte und Look teils störend

Es ist schon klar, dass man einen Film, der auf über 7000 Metern über dem Meeresspiegel spielen soll, nicht „on location“ drehen kann. Und dafür hat man mit den besagten Establishing Shots, den Kameraflügen und den Aufnahmen aus der Ferne wirklich ein überzeugendes Gefühl davon erzeugt, tatsächlich im Himalaya unterwegs zu sein. Auch die meisten Action-Aufnahmen gaukeln einem die reale Gefahr gut vor, sorgen für ein ordentliches Maß an Immersion. Die Dokumentarfilm-Expertise der Regisseurin Jennifer Peedom kommt immer wieder exzellent zum Tragen.

Doch dann gibt es auch mehrfach Aufnahmen, beispielsweise in den Camps, bei denen der digitale Hintergrund sehr ins Auge sticht und man irgendwie auch recht deutlich merkt, dass die Akteure nicht wirklich frieren und sich in einer physischen Ausnahmesituation befinden. Das hat beispielsweise Bayona in Die Schneegesellschaft besser hinbekommen. Unabhängig davon darf man zudem nicht die Hochglanz-/Digitaloptik infrage stellen, die auch nicht wirklich dazu passt, dass diese Geschichte in den Fünfzigerjahren spielt.

Und was eventuell ein weiterer Stolperstein sein könnte, ist der doch enorme Raum, den die Vorgeschichte des jungen Tenzing einnimmt. In Form von einer zweiten Zeitebene lernen wir immer mehr darüber, wie der Nepalese selbst erstmal in diese Position kommen konnte und wie er sich gegen Vorurteile und sprachliche Widrigkeiten allerorten zur Wehr setzte. Das ist natürlich für die Motivation des Protagonisten obligatorisch, aber es bremst die Handlungsebene rund um die Mission doch immer wieder etwas zu lange aus. Gleichzeitig aber verleiht es der Person viel mehr Tiefe, weshalb man definitiv nicht darauf hätte verzichten können.

Eine Gruppe von Alpinisten trotzt den unwirtlichen Bedingungen © Apple TV

Supporting Cast sorgt für Interesse

Dass man hier trotz des Fokus auf Tenzing mit Willem Dafoe und Tom Hiddleston zwei namhafte Hochkaräter in der Besetzung hat, wertet das Projekt nicht auf dem Papier auf. Die großen Stars im Cast dürften für Interesse sorgen, das durch die Wahl des unbekannten Darstellers in der Titelrolle dem Film sonst kaum zuteil würde. Doch sie drängen sich nicht in den Vordergrund, spielen zweckdienlich ohne Allüren und interagieren mit dem Hauptdarsteller und den anderen Sherpa-Darstellenden respektvoll, glaubhaft und auf Augenhöhe.

Hiddleston als legendärer Erstbesteiger des Everest tritt letztlich viel weniger in Erscheinung als man vielleicht erwartet, aber das kommt der Konzentration auf den vermeintlich in der Historie zu wenig wertgeschätzten Sherpa zugute. Allein aber das Mitwirken des MCU-Stars und ein paar wenige Szenen, in denen er in die Mitte des Geschehens rückt, rechtfertigen, weshalb man diese Rolle mit einem Schauspieler dieses Kalibers besetzt hat.

Letztlich bleiben aber die kurzen Gespräche zwischen dem Sherpa und Dafoe und Hiddleston im Gedächtnis, weil diese in wenigen Worten die Kernaussage des Films nochmal verbalisieren. Das mag vielleicht dann fast dem Show-don’t-tell-Grundsatz widersprechen, passt aber zu dieser Art von Tonalität ganz gut.

© Apple TV

Unser Fazit zu Tenzing

3.5 Sehenswert

Tenzing glänzt mit spektakulären Aufnahmen, die ganz gut einen Eindruck davon abbilden, welche Herausforderung es vor etwa 70 Jahren war, zum ersten Mal den höchsten Gipfel der Erde zu erklimmen. Dabei ist der titelgebende Sherpa eindeutig die Hauptfigur und dessen Darsteller wird dieser Aufgabe auch mehr als gerecht. Während dann Willem Dafoe noch in einzelnen Momenten seine Trademarks einbringen kann, bleibt Tom Hiddleston weitestgehend blass, was jedoch dem Fokus des Films zugutekommt. Lediglich die leichte Überlänge und manch ein nicht ganz so gut aussehender Moment trüben das Gesamtbild etwas.

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Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

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