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Cinema Paradiso

Die Nachricht vom Tod des alten Filmvorführers Alfredo führt den Filmregisseur Salvatore di Vita zurück in sein sizilianische Heimatdorf – und in die Geschichte seiner Kindheit in den 194oer Jahren. Es ist eine Geschichte über die Liebe, nicht nur zu Elena, sondern vor allem über die Liebe zum Kino. Denn Cinema Paradiso ist ein Film über das Kino als Paradies. Und warum in diesem Paradies das Küssen verboten ist, erfahrt ihr in unserer Rezension.

Titel Cinema Paradiso (OT: Nuovo Cinema Paradiso)
Jahr 1988
Land Italien, Frankreich
Regie Giuseppe Tornatore
Drehbuch Giuseppe Tornatore
Genre Drama
Darsteller Philippe Noiret, Jacques Perrin, Salvatore Cascio, Marco Leonardi,   Leopoldo Trieste
Länge 118 Minuten, Director’s Cut: 168 Minuten
FSK ab 12 Jahren freigegeben
Verleih Concorde Home Entertainment

Darum geht es in Cinema Paradiso

Der erfolgreiche Filmregisseur Salvatore Di Vita (Jacques Perrin) erfährt durch den Anruf seiner Mutter vom Tod seines alten Mentors, des Filmvorführers Alfredo (Philippe Noiret). Sobald er schlaflos im Bett liegt, schweifen seine Gedanken in die Vergangenheit. Und der Film schweift mit: Rückblende in die späten 1940er Jahre.

Der kleine Totó ist Halbwaise. Denn sein Vater ist im Krieg gefallen. Und seine Mutter ist mit ihm und seiner Schwester unter den schweren Lebensbedingungen eines sizilianischen Dorfes überfordert. Während Totó als Messdiener einschläft, wird er im Kino hellwach. Denn die übergroßen Gestalten auf der Leinwand des Cinema Paradiso fesseln ihn.

Aber allzu schlüpfrige Fantasien könnten ja die Moral im Dorf verderben. Daher verordnet der Priester Vater Adelfio (Leopoldo Trieste) strikte Zensur. Und Alfredo muss jeden Kuss aus den Filmen heraus schneiden. Geklaute Küsse, die sich wie ein roter Faden durch den Film ziehen.

Totó darf nach erstem Zögern Alfredo regelmäßig im Vorführraum besuchen. Doch als das alte Kino abbrennt, erblindet Alfredo. Im Neubau, dem Nuevo Cinema Pardiso (so der Originaltitel des Films), übernimmt schließlich der kleine Totó die Rolle des Vorführers. Und in diesem neuen Kino ist vieles anders, denn auch die Kussszenen bleiben nun erhalten.

Rückkehr nach 30 Jahren

Jahre später, Totó ist zu einem gut aussehenden Jugendlichen herangewachsen und arbeitet immer noch als Filmvorführer. Dann verliebt er sich unsterblich in die gleichaltrige Elena (Agnese Nano). Doch es dauert, bis sie seinem Werben nachgibt. Schließlich endet die Liebe abrupt, als Elenas Familie wegzieht. Zu einem verabredeten Treffen kommt das Mädchen nicht mehr. Und Totó muss seinen Militärdienst im fernen Rom ableisten. Seine Briefe an Elena kommen als unzustellbar zurück.

Zurück in Giancaldo rät ihm Alfredo, das Dorf zu verlassen. Und erst 30 Jahre später kommt er wieder, zu Alfredos Beerdigung. Statt Maultieren und Ochsen beherrschen nun Autos den Marktplatz. Das malerisch in warmen Farben gehaltene Sizilien von damals ist wie ein Traum verblasst. Und das Kino ist seit sechs Jahren geschlossen. Nun erlebt Salvatore den Abriss des Nuevo Cinema Pardiso, weil es Parkplätzen weichen soll. “Keiner ist mehr gekommen”, sagt der ehemalige Besitzer. “Heutzutage ist das Kino nur noch ein schöner Traum.”

Ein paar Stunden zum Träumen

Doch nicht nur für den kleinen Totó war das Kino ein Ort zum Träumen. Denn das ganze Dorf nahm sich im Cinema Paradiso regelmäßig eine Auszeit von dem beklemmenden Alltag. Und während bei den Slapstickeinlagen Charlie Chaplins der Saal tobte, herrschte beim neorealistischen Drama Die Erde bebt von Lucchino Visconti gebannte Stille. Die Dorfbewohner dürften in dem Schicksal der sizilianischen Fischer ein gutes Stück ihrer eigenen Wirklichkeit wiedererkannt haben. Durch die überlebensgroße Projektion aber zu etwas Mythischem überhöht.

Ein magisches Element, das dem Kino eigen ist. Und das auch der Zuschauer von Cinema Paradiso verspürt. Wie Tornatore in einem Interview sagt: “Sie spüren, dass es beim Film nicht nur um Tricks geht, um eine erfundene Geschichte, sondern um etwas Echtes.” So lässt Tornatore in Cinema Paradiso immer wieder das Echte aufscheinen. Die Bilder vom geschützten Fluchtraum des Kinos vermischen sich dabei mit der harten Welt der Ausbeutung des Arbeiters.

Viele kleine Geschichten vom Leben

Cinema Paradiso setzt sich zusammen aus vielen kleinen Episoden, die sich oftmals nur in Blicken oder wenigen Worten mitteilen. Kurze Momente, die aber ganze Geschichten erzählen. Wenn etwa dem wohlhabenden Zuschauer auf dem oberen Rang, der so gerne nach unten spuckt, eines Tages ein Ladung Kot ins Gesicht fliegt. Kurze Einstellungen , die sich zu einem stimmigen Ganzen formen. Und die sich verbinden mit nostalgisch gefärbten Bildern eines Siziliens, dessen Menschen einfach und trotz aller Beschwernisse doch voller Lebensmut sind. Auch wenn sich dieser eben vor allem im Kino entfalten kann, das so zum kommunikativen Zentrum des Dorfes wird.

Tornatore verschmilzt kunstvoll eine Vielzahl kleinerer Sequenzen zu einem homogenen Epos, getragen von warmem Humor. Der Film ist voller berührender Momente, in denen die Emotionen spürbar werden, und der Trost spendenden Macht der Illusion, der Fantasie. Ein Motiv, das auch in Tornatores späteren Filmen wie Die Legende des Ozeanpianisten wieder auftauchen wird. Als Totós Mutter vom Tod ihres Mannes erfährt, läuft sie weinend mit Totó durch die Straßen. Dann sieht der Junge ein Plakat von Vom Winde verweht und beginnt zu lachen.

Cinema Paradiso: Unbändige Spielfreude und emotionale Tiefe

Cinema Paradiso ist bis in die kleinste Nebenrolle großartig besetzt. So verleiht Philippe Noiret seiner Rolle emotionale Tiefe und Authentizität. Er versteht es perfekt, mit seiner Mimik auch die feinsten Nuancen von Alfredos Gefühlen auszudrücken. Doch vor allem ist es der quirlige Salvatore Cascio in der Rolle des kleinen Totó, der mit seiner unbändigen Spielfreude fesselt.

Aber auch Leopoldo Trieste als Priester zeigt in verschmitzter Art eine große Bandbreite an Emotionen, die sich in seinem Gesicht widerspiegeln. Und überhaupt: So wie die Leinwand im Kino die Projektionsfläche von Gefühlen ist, so sind es die in Großaufnahmen gezeigten Gesichter, die diesen Gefühlen Ausdruck verleihen. Aber da Cinema Paradiso eben auch ein Film ist, spiegelt sich das Medium Kino hier auf kunstvolle Weise selbst.

Zahlreiche Filmausschnitte zum Mitraten

Auch die zahlreichen Filmausschnitte von Klassikern jeden Genres tragen dazu bei – ein Ratefest für jeden Filmfan. Und wenn am Ende Salvatore die ihm von Alfredo vermachten gesammelten Kussszenen anschaut, zeigt auch Jaques Perrin, was in ihm steckt. Einigen mag er eher als Produzent und Regisseur bekannt sein. So drehte er 2004 die aufsehenerregende und wegweisende Tierdokumentation Nomaden der Lüfte. Doch hier zeigt Perrin in winzigen Nuancen das ganze Spektrum seiner Empfindungen, von Trauer, Schmerz und Verlust bis zum heiter-melancholischen Akzeptieren. Nur sehr hart besaitete Zuschauer werden davon nicht berührt sein. Und gerührt. In dem 50 Minuten längeren Director’s Cut von Cinema Paradiso nehmen sowohl der ältere Salvatore als auch die Liebe des Teenagers zu Elena einen größeren Raum ein. Doch von dieser Fassung existiert leider keine deutsche Version.

Nicht vergessen aber darf man die Musik von Ennio Morricone. Der Maestro arbeitete hier mit seinem Sohn Andrea zusammen, der das Liebesthema beisteuerte. Doch der gesamte Score vertieft die emotionale Ebene spürbar und gehört zu Morricones besten Arbeiten.

Mein Fazit von Cinema Paradiso

Cinema Paradiso wurde von Tornatore bei den Berliner Filmfestspielen 1989 zurückgezogen, weil sich der Festivalleiter im Vorfeld verächtlich über das italienische Kino geäußert hatte. Doch in Cannes wurde der Film enthusiastisch gefeiert und mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Und ein Jahr später erhielt er den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Er ist ein Meisterwerk, das jeder sehen sollte, der Kino liebt. Denn Cinema Paradiso handelt von Träumen und von der Liebe, die auch nur ein Traum zu sein scheint. Eine melancholische Rückschau in ein verlorenes Paradies. Aber auch voller Witz. Und solange die Bilder laufen, werden wir in ihnen auch Trost und Zuversicht finden können.

Unsere Wertung:

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Andreas Krasselt

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