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Django – Sein Gesangbuch war der Colt

Lucio Fulcis Django – Sein Gesangbuch war der Colt ist einer der großen klassischen Italowestern mir Ur-Django Franco Nero in der Hauptrolle. Noch heute sehenswert? Das erfahrt Ihr in unserer Rezension.

Massacre Time (1966) Original Trailer [FHD]

TitelDjango – Sein Gesangbuch war der Colt (OT: Le colt cantarono la morte e fu… tempo di massacro)
Jahr1966
LandItalien
RegieLucio Fulci
DrehbuchFernando Di Leo
GenreWestern
DarstellerFranco Nero, George Hilton, Linda Sini, Giuseppe Addobbati, Nino Castelnuovo, Tom Felleghy, Sal Borgese, John Bartha, Rina Franchetti
Länge92 Minuten
FSKab 18 Jahren freigegeben
VerleihPlaion Pictures
Das Cover der Limited Edition von Django - Sein Gesangbuch war der Tod, die 2020 erschien, zeigt Franco Nero als Tom aka Django mit gezogenem Colt in der rechten und einem Gewehr in der linken Hand.
Das Cover der Limited Edition von Django – Sein Gesangbuch war der Tod, die 2020 erschien. © PLAION Pictures

Die Handlung von Django – Sein Gesangbuch war der Colt

Tom Corbett (Franco Nero), in der deutschen Fassung mal eben auf Django umgetauft, ist gerade beim Goldwaschen, als ihn in Django – Sein Gesangbuch war der Colt die Nachricht eines alten Freundes in die Heimat ruft. Als er dort eintrifft, hat das alte Familienanwesen den Besitzer gewechselt. Das ist nun ein gewisser Mr. Scott (Giuseppe Addobbati), dem auch sonst allerlei in dem beschaulichen Westernstädtchen Laramie gehört. Tom findet seinen versoffenen Bruder Jeff (George Hilton), der zusammen mit der alten Indianerin Mercedes (Rina Franchetti) in einer schäbigen Hütte haust.

Der ist nun gar nicht erfreut von dem Wiedersehen und rät Tom, möglichst bald wieder zu verschwinden. Doch wer nimmt schon gute Ratschläge an? Als Toms alter Freund Carradine (John Bartha) samt Familie erschossen wird, gerade in dem Moment, als der ihm verraten will, wo in Laramie der Hase im Pfeffer liegt, will er der Sache auf den Grund gehen. Wie sich bald herausstellt, ist der alte Scott gar nicht der Schlimmste. Das ist sein sadistischer Sohn (Nino Castelnuovo), der einfach nur Junior genannt wird. Und wie sich zeigt, gibt es auch familiäre Bande, die den Konflikt zwischen Tom und Scott zu einer klassischen Tragödie erweitern – die sich in einem bleihaltigen Showdown entlädt.

Das Gesangbuch zur „Massacre Time“

Django – Sein Gesangbuch war der Colt – und der hat sechs Strophen (haha). Okay, das ist ein anderer Western. Doch so dämlich der deutsche Titel mal wieder ist, enthält er doch die entscheidenden Reizbegriffe, die einen klassischen Italowestern ausmachen: Django, Colt – und das Gesangbuch symbolisiert munter den mystisch-katholischen Hintergrund dieses schießwütigen Wiedergängers. Natürlich passt der Originaltitel, der in der englischsprachigen Fassung so wunderbar präzise auf „Massacre Time“ verkürzt wurde, viel besser zur leichenreichen Handlung.

Tom, gespielt von Franco Nero, feuert seinen Colt ab.
Mit Gesangbuch: Tom (Franco Nero) feuert seinen Colt ab.© PLAION Pictures

Dennoch: Django – Sein Gesangbuch war der Colt ist keiner dieser mittelmäßig bis schlechten Fließbandproduktionen der italienischen Westernschmiede, sondern einer der besten Vertreter des Genres. Was nicht zuletzt am Regisseur liegt: Für den späteren Splatter-Meister Lucio Fulci war dies sein erster Western, den er nicht nur gekonnt routiniert heruntergekurbelt hat. Neben handwerklicher Solidität hat der Film auch inhaltlich und formal einiges zu bieten. Fulci hatte zuvor in erster Linie Komödien gedreht, doch schon in seinem ersten Western ist ein wesentliches Merkmal der späteren Werke erkennbar: die recht üppige Brutalität. Zimperlich ist man im Italowestern spätestens seit Sergio Leone nie gewesen, aber Fulci legt noch eine Schippe drauf. Was besonders in einer heftigen Peitschenszene zum Ausdruck kommt, in der die Gewalt genüsslich zelebriert wird.

Von Hunden zu Tode gehetzt

Das fängt noch vor den Credits an, mit einer Szene, die ursprünglich aus der deutschen Fassung herausgeschnitten war. Wir werden Zeugen einer Menschenjagd, bei der sich Scott Junior bereits als der Sadist zeigen darf, als den wir ihn später noch öfter zu sehen bekommen. Statt der sonst üblichen Musik ist die Szene nur von lautem Hundegebell untermalt. Das Opfer wird von einer Meute verfolgt, schließlich gestellt und zerfleischt. Man sieht, wie sich das Blut in einem Wasserlauf verteilt. Es folgt eine Überblendung auf das fließende Wasser, in dem die Goldwäscher ihre Pfannen spülen. Die Credits erscheinen, die Musik setzt ein. Das ist toll gemacht und zeigt schon an dieser Stelle, dass man bei Django – Sein Gesangbuch ist der Colt gerne öfter mal genauer hinschauen darf.

Der alte Scott, gespielt von Giuseppe Addobbati, betrachtet mit gemischten Gefühlen, wie Tom ausgepeitscht wird.
Ganz in weiß: Der alte Scott (Giuseppe Addobbati) ist nicht einmal der Schlimmste unter den Ganoven. © PLAION Pictures

Bildgestaltung und Kameraführung sind mitunter großartig. In vielen Szenen ist die Kamera so dicht am sich bewegenden Protagonisten, dass man sich fragt, wie das in Zeiten vor der Steadycam möglich war. Wie im Genre üblich werden Gegenstände wie Colts in extremen Detailaufnahmen stilisiert. Manchmal sogar humorvoll: Eine Goldgräberpfanne füllt das gesamt Bild und wird als Gong benutzt, der zum Essen ruft. Dann wird die Pfanne entfernt, und die Kamera erfasst die ganze Fülle des Lagers als Panorama. Das hätte auch ein John Ford nicht besser hinbekommen.

Django – Sein Gesangbuch war der Colt zeigt extreme Perspektiven

Fulci arbeitet mit extremen Perspektiven, oft mit starker Untersicht. Details groß im Vordergrund, während wichtige Handlungselemente im Hintergrund stattfinden. So etwa bei einer Schießerei, bei der Tom und sein Bruder in einer verfallenen Hütte festsitzen. Durch das Fenster ist die zweite Handlungsebene zu sehen, die mit dem Vordergrund der beiden Helden in einer dialogartigen Beziehung steht. Fulci hat in Django – Sein Gesangbuch ist der Colt alles gut durchdacht und komponiert. In einer früheren Szene sitzt Jeff vor seiner Hütte, während oberhalb eines benachbarten Felsens die Männer von Scott herunterschauen. In einer kaum nachvollziehbar verwinkelten Kameraposition rückt beides gleichzeitig ins Bild, quasi als Vorwegnahmen der späteren Fronten.

Mit Peitschnarben im Gesicht zieht Tom, gespielt von Franco Nero, ins Showdown.
Gezeichnet: Mit Peitschnarben im Gesicht zieht Tom ins Showdown. © PLAION Pictures

Das Timing insbesondere im Aufbau der Spannungssequenzen ist nahezu perfekt. Vielleicht kommt der sich anbahnende Komplex der Familientragödie arg plötzlich und wird dann auch ein wenig schnell abgehandelt. Das ist in einem anderen Franco-Nero-Western glücklicher gelöst, wenn dort auch ziemlich melodramatisch. Im selben Jahr wie den Gesangbuch-Django drehte Nero auch Django, der Rächer (Texas Addio) von Ferdinando Baldi, der erstaunlicherweise fast die gleiche tragische Familienkonstellation thematisiert, wenn auch mit etwas anderen Vorzeichen. Der echte Django von Sergio Corbucci, mit dem Franco Nero endgültig zum Star wurde, entstand übrigens erst nach Django – Sein Gesangbuch war der Tod. Was vielleicht erklärt, dass Nero hier noch nicht so ganz dem dort ikonisierten Heldentypus entspricht.

George Hilton stiehlt Franco Nero die Show

Denn es ist George Hilton, der dem späteren Weltstar hier eindeutig die Show stiehlt. Schon handlungsmäßig, weil sein Jeff beim Aufräumen unter den Schurken eigentlich die Hauptarbeit leistet. Aber auch darstellerisch. Der Uruguayer Hilton war hier in seiner ersten Filmrolle in Italien zu sehen, weshalb er alles gab. Später habe er sich nie wieder für einen Film so angestrengt, wie hier, sagt der 2019 verstorbene Schauspieler im aufschlussreichen Interview des Bonusmaterials auf der Blu-ray. Er changiert mühelos zwischen Humor und bösem Ernst, den Schmerz beim Verlust seiner Mercedes verleiht er glaubwürdige Intensität. Hilton war ein häufiger Darsteller im Italowestern. Neben einigen ernsten Charakteren spielte er aber verstärkt Komödien, die wie die Halleluja- oder Tresette-Filme gern ins Absurde abdrifteten. Natürlich war er auch in anderen Genres zu Hause und konnte insbesondere in einigen gelungenen Gialli überzeugen.

Die Brüder Tom, gespielt von Franco Nero, und Jeff, gespielt von George Hilton, kämpfen gemeinsam.
Gemeinsam stärker: Nach anfänglichem Zögern unterstützt Jeff seinen Bruder Tom bei deiner Abrechnung mit den Scotts. © PLAION Pictures

Und dann ist da noch Nino Castelnuovo als Junior, der den Sadismus seiner Figur mit Spielfreude und schief gelegtem Kopf großartig zur Geltung bringt. Auch Castelnuovo ist eigentlich ein begnadeter Komiker, wovon man sich etwa in dem französischen Klassiker Die Filzlaus neben Lino Ventura und Jacques Brel überzeugen kann.

Franco Nero – ein talentloser Hund?

Zu Franco Nero indes braucht man nicht viel zu sagen. Der extrem gut aussehende Star dominierte das italienische Kino der 1960er und 1970er Jahre und ist immer noch aktiv. Erst 2019 brillierte er neben Elyas M’Barek in Marco Kreuzpaintners Der Fall Collini. Umso erstaunlicher ist es, das Lucio Fulci, der mit ihm noch zwei weitere Filme gedreht hat, in einem ebenfalls im Bonusmaterial enthaltenen Audio-Interview kein gutes Haar an Nero lässt und ihn immer wieder einen Hund schimpft. Fulci wirkt zwar in diesem Interview als sei er besoffen oder auf Drogen. Doch wie Leonhard Elias Lemke im informativen Audiokommentar, den er mit Jonas Erler eingesprochen hat, verrät, nannte auch Regisseur Ruggero Deodato Nero komplett talentlos. Das mag angesichts seiner Filmografie etwas seltsam anmuten. Unbestreitbar verfügt Nero über Charisma und herausragende Leinwandpräsenz. Und beides kommt trotz fehlender mimischer Herausforderungen in Django – Sein Gesangbuch war der Colt bestens zur Geltung.

Unser Fazit zu Django – Sein Gesangbuch war der Colt

Lucio Fulcis Django – Sein Gesangbuch war der Colt gehört zweifellos zu den besten Italowestern, auch wenn er natürlich nicht an die Meisterwerke Leones heranreicht. Darstellerisch ragt in erster Linie George Hilton heraus, den man besser nie sehen konnte. Meisterregisseur Fulci zeigt dabei mehr als solides Handwerk und überzeugt mit vielen visuellen Überraschungen, die ein genaueres Hinsehen lohnen. Die Filmmusik von Lallo Gori hat alles, was einen Italowestern-Score auszeichnet, inklusive eines schmachtenden Titelsongs. Für den Genrefan ein absolutes Muss.

Django – Sein Gesangbuch war der Colt erscheint am 23. März 2023 auf DVD und Blu-ray. Das Bonusmaterial entspricht dabei dem des vor zweieinhalb Jahren erschienenen Mediabooks, das mittlerweile wohl nur noch gebraucht zu Fantasiepreisen angeboten wird. Wer also damals nicht zugeschlagen hat, ist mit der Wiederveröffentlichung bestens bedient.

Unsere Wertung:

 

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Zuletzt aktualisiert am 16. März 2023 um 16:15 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.
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Zuletzt aktualisiert am 16. März 2023 um 16:18 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.

© Plaion Pictures

Andreas Krasselt

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