Cap is back. Aber irgendwie ja auch nicht so richtig. Denn in Captain America: Brave New World, dem vierten Teil der Reihe innerhalb des MCU, spielt der ehemalige Falcon Anthony Mackie an Chris Evans statt den ikonischsten aller amerikanischen Superhelden. Gehen Neubesetzung und Reset der Reihe auf?

Captain America: Brave New World – Die offizielle Inhaltsangabe
Nach einem Treffen mit dem neu gewählten US-Präsidenten Thaddeus Ross, gespielt von Harrison Ford, der in diesem Film sein MCU-Debüt gibt, findet sich Sam Wilson plötzlich inmitten eines internationalen Konflikts wieder. Er muss die Hintergründe eines skrupellosen, globalen Komplotts aufdecken, bevor der wahre Strippenzieher die gesamte Welt ins Chaos stürzen kann. Ein atemloser Wettlauf gegen die Zeit beginnt…
! Spoilerfreie Kritik !
Diese Rezension soll ohne Spoiler auskommen, weil die Beurteilung von Captain America: Brave New World auch davon abhängt, wie man etwaige Wendungen aufnimmt. Bei diesem Beitrag steht nur im Zentrum, was bereits aus den Trailern heraus bekannt war.
Aus Falcon …
Einer der verdientesten Abschiede des Marvel Cinematic Universe bislang fand – da wird wohl jeder Fan zustimmen – in Avengers: Endgame mit dem Zeitreise-Exit von Chris Evans als Steve Rogers statt. Damit war das Aus der Figur Captain America erstmal eigentlich besiegelt – doch das Schild der Ikone wurde schnell zum schwingenden Damoklesschwert, denn bereits in einer der ersten MCU-Serien bei Disney+, The Falcon and the Winter Soldier, ging es ziemlich zentral um die Nachfolgefrage.
Wer sollte denn nun die Bürde des beflaggten Schildes auf sich nehmen? Rogers Langzeit-Freund Bucky Barnes a.k.a. der Winter Soldier oder sein Buddy aus der Zeit nach dem Auftauen Sam Wilson a.k.a. der Falcon. Letztlich durfte sich zwar kurz auch ein dritter Aspirant, John Walker, sich in der Anführer-Rolle versuchen, die mit Captain America einhergeht, aber dieser wurde letztlich zum U.S. Agent degradiert – und das Schild fiel in die Flügel ääh Arme von Wilson, der damit verdientermaßen das große Erbe antrat.
…wird Captain
Daran setzt nun also Captain America: Brave New World ziemlich direkt an: Wie füllt also Wilson die Fußspuren von Cap aus und fast genauso wichtig: Wie füllt Anthony Mackie die selbigen von Chris Evans aus? Bis es allerdings nun zu diesem vierten Teil überhaupt gekommen ist, dauerte es wesentlich länger als ursprünglich gedacht – mal wieder. Denn inzwischen sind langwierige Verschiebungen, Nachdrehs und Unstimmigkeiten hinter den Kulissen bei MCU-Projekten fast zum Standard geworden. Auch dieses Projekt stand dann nicht immer unter einem guten Stern, einhergehend mit Umbenennungen und Regiewechseln fast im Halbjahrestakt.
Jetzt ist also nach einem Jahr, in dem lediglich mit Deadpool & Wolverine ein einziger Marvel-Film ins Kino kam, dieser Streifen der Auftakt eines dreifach Aufschlags im Jahr 2025. Gelingt es den Machern nochmal an die Qualitäten anzuknüpfen, die einst den zweiten Teil von Captain America zu einem Action-Politthriller gemacht haben, der tatsächlich fast ohne das große Ganze für sich stehen kann? Oder reiht sich auch dieser Film in die Reihe derer ein, die denjenigen in die Karten spielen, die den Vorwurf der Comic-Müdigkeit seit Ende der Infinity-Saga vor sich hertragen, wie der Captain seinen Schild?
Aus Hurt wird Ford
Die zweite große Änderung im Cast hat nicht inhaltliche, sondern tatsächlich traurige Gründe, denn William Hurt, der einst in Der Unglaubliche Hulk General Ross spielte, verstarb vor wenigen Jahren und wurde nun mehr als würdig durch Harrison Ford ersetzt. Und damit sind wir nun bereits bei der Kritik zum Film und bei einem der wenigen positiven Aspekt: Harrison Ford verleiht seiner Figur in einem ansonsten ziemlichen ziellosen, uninspirierten und austauschbaren Werk noch eine gewisse Würde und Gravitas. Man nimmt ihm einerseits sein innere Zerrissenheit ab, sieht ihm an, dass er mit Lust und Laune – was ja nicht immer bei Ford so der Fall ist – bei der Sache dabei war und sogar im Schlussdrittel in der Gestalt des roten Hulks ist er noch ein Zugewinn in diesem traurigerweise ziemlich vergessenswerten Machwerk.
In Captain America: Brave New World versteckt sich weniger die Rettung des MCU aus der Identitätskrise, sondern vielmehr eine Story, die alles zusammenbringt, was an den Werken von Disney-Marvel zuletzt gescholten wurde: Mittelmäßiges CGI, ein uninteressanter Bösewicht, Vorhersehbarkeit zu jeder Sekunde und eine Möchtegern-relevante Verschwörungsthriller-Geschichte, die sich extrem abgedroschen, redundant und selbstreferenziell ausspielt. Kurzum: Dieser Marvel-Blockbuster ist ein weiterer Schuss vor den Bug, der vor allem kreativ ein Armutszeugnis ist, bei dem die beteiligten Darsteller noch so motiviert gegen die Schwächen anspielen können, am Ende hatten sie keinerlei Chance.

Action auf Serienniveau…
Hat einstmals ja auch die Action das MCU herausragend gemacht, so ist hier längst nur noch Durchschnittskost geboten. Noch schlimmer, ist tatsächlich hier nahezu ein neuer Tiefpunkt in Sachen Choreografie und Wucht erreicht worden, denn sogar in der Serie Falcon and the Winter Soldier, wurden die Fliegerei und die Kräfte des Protagonisten besser und spektakulärer in Szene gesetzt.
Dass der Kampf zwischen Cap und Ross als Red Hulk das Finale des Films seien würde, war schon dem Trailer zu entnehmen, aber wie lang es im Endeffekt rüberkommen wird, ließ das Promo-Material noch offen. Jetzt ist klar: Auch etwa zwanzig Jahre nach dem gruseligen CGI-Gulasch-Kampf zwischen Abomination und Hulk, damals noch von Edward Norton gespielt, ist es erneut gelungen, einen Kampf mit einem roten Hulk am Rechner zu produzieren, der einem beim Zuschauen fast ein Lächeln abnötigen könnte – wäre es nicht so traurig zu sehen, wie hier offenkundig mal wieder Unsummen verbrannt wurden.
– oder sogar darunter
Auch in den „geerdeten“ Kampfszenen fehlt der Kameraarbeit die Finesse, um den Schlägen Wucht einzuimpfen. Hat man alles schon besser und mitreißender gesehen. Zudem hat man keinerlei Angst um die Charaktere, die Fallhöhe ist nicht existent. Bleibt nur zu hoffen, dass schon in einem knappen Monat Daredevil: Born Again die Kritiker Lügen straft und beweist, dass auch anno 2025 Marvel doch noch mit Action-Choreo zu begeistern vermag. In Captain America: Brave New World ist die Action innerhalb der Captain America-Reihe trotz – oder gerade wegen – der Möglichkeit, Kämpfe in die Luft zu verlagern, mit weitem Abstand am langweiligsten mitzuverfolgen.
Wirre Story, ohne Fortschritte
Die Geschichte per se ist zusammengestöpselt aus Vielem, was man sogar innerhalb der eigenen Filmhistorie schon so ähnlich gezeigt hat. Gedankliche Manipulation von Soldaten mittels Trigger-Songs etc. ist wirklich ausgelutschter wie es kaum sein könnte und auch hier ein trauriger Beweis: Den Writern scheinen die frischen Ideen auszugehen, wenn schon mittelmäßig spannende Plot-Inhalte recycelt werden müssen. Man hat den Eindruck, dass Captain America: Brave New World auf Gedeih und Verderb sowohl Der Unglaubliche Hulk als auch Eternals wegen ihrer losen Enden nochmal fortschreiben sollte. Und so kommt nun endlich der Celestial wieder inhaltlich vor, der seit Jahren aus dem indischen Ozean ragt. Aber wirklich sinnvoll zu thematisieren vermag der Actionfilm das nicht. Ein weiteres Gimmick bzw. ein Schauplatz für einen belanglosen Kampf „Mensch gegen Kampfjets“.
Und immer wieder Verschwendung von Talent
Und dass man Liv Tyler kurz zurückbringt, ist nicht mal mehr als Fanservice zu werten, sondern einfach nur noch platt. Genauso ein kurzer Chameo von Sebastian Stan als Winter Soldier. Lediglich mit der Figur Isaiah Bradley geht man einigermaßen mit Verstand um und auch schön ist es zu sehen, dass die Dynamik zwischen Anthony Mackie und Danny Ramirez genau wie in der Serie hier für einige ganz unterhaltsame Szenen sorgt. Sehr traurig hingegen ist, wie man mit zwei weiteren Serienstars umgeht. Denn die Rolle von Breaking Bad-Star Giancarlo Esposito ist dem famosen Darsteller alles andere als würdig, grenzt nahezu an eine Karikatur.
Und leider kann auch Shira Haas aus Unorthodox überhaupt nicht glänzen, sondern wird viele im Publikum durch eine leicht bissige Attitüde über zwei Drittel des Films erstmal entnerven – bevor sie im Schlussteil dann noch ein bisschen Schadenbegrenzung betreiben darf. Das größte Ärgernis im Cast – und das ist ein Muster, dass sich schon seit der ersten MCU-Phase immer wieder zeigt – ist der Schurke, gespielt von Tim Blake Nelson: Nicht nur, dass man mit einer Maske gearbeitet hat, die dem Budget alles andere als angemessen aussieht, auch seine Motivation und seine Textzeilen sind einfach nur zum davonrennen.
Mackie auf verlorenem Posten
Anthony Mackie gibt sich wahrlich Mühe, macht seinen Part auch gut und interagiert wirklich mit allen anderen auf eine sehr emotional greifende Art – aber er ist nicht DER Captain America, den das MCU gerade bräuchte. Dafür fehlt ihm am Ende einfach das i-Tüpfelchen, das gewisse Etwas, das ein Chris Evans von Natur aus nun mal einfach hat. So ist es inhaltlich noch eine der logisch begründetsten Elemente, dass er nun die Avengers wieder zusammenbringen soll, aber es ist eben auch darstellerisch logisch, dass man ihm wieder starke Co-Stars an die Seite stellt, damit er nicht ein weiteres Mal damit überfrachtet wird, einen solchen Film quasi auf seinen beiden Schultern zu tragen.

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Unser Fazit zu Captain America: Brave New World
Will man das Positive zusammenfassen, dann kann man festhalten, dass Captain America: Brave New World zumindest keine Minute zu lang ist und flott wegzuschauen ist. Doch leider bringen die zwei Stunden Action-Kino weder neues Leben ins MCU noch die aktuelle Saga inhaltlich weiter. Mehr ein Late-Sequel zu Der Unglaubliche Hulk als ein würdiger vierter Cap-Teil und mehr Staffelfinale zu Falcon and the Winter Solider-Feeling als Wow-Kino mit Schauwerten für die große Leinwand. Ein paar Szenen haben noch einen emotionalen Kern, der letztendlich verhindert, dass der Blockbuster komplett in die Belanglosigkeit abdriftet oder sich den Titel "Arbeitsverweigerung" verdient hätte. Aber hier werden nicht mal mehr die eisernsten aller Marvel-Verteidiger Argumente für einen zweiten Watch finden oder den Start ins Comicfilm-Jahr als gelungen bezeichnen.
Captain America: Brave New World ist seit dem 13. Februar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen und wird voraussichtlich im Juli 2024 bei Disney+ im Streamingangebot auftauchen!
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

