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    Dinner in America – A Punk Love Story

    Jan Wernervon Jan Werner13. April 2022Keine Kommentare5 min Lesezeit
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    Erst vor wenigen Tagen hat Netflix mit Metal Lords versucht mit einer Außenseiterstory zu punkten – und hat es nicht geschafft für frischen Wind im Genre zu sorgen. Ist dies dem Indie-Film Dinner in America von Adam Rehmeier aus dem Jahr 2020 besser gelungen?

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    Das Poster zum Film Dinner in America zeigt in Großbuchstaben den Titel in der oberen Hälfte und in der Mitte die Hauptfiguren Petty und Simon hinten einem blauen Pick-Up stehen.
    Das Cover zum Film Dinner in America – A Punk Love Story © Koch Films

    Dinner in America – A Punk Love Story – Die Handlung

    Simon ist ein Aggro-Rebell mit Fluppe unterm Schnauzer, der sich als Medikamententester über Wasser hält. Patty ist eine gemobbte Einzelgängerin in fiesen Leggings und die schlechteste Tänzerin und Basketballspielerin, die man sich vorstellen kann. Simon und Patty treffen aufeinander, als der Gelegenheitspyromane mal wieder auf der Flucht vor der Polizei ist. Gemeinsam begeben sie sich auf eine unglaubliche Reise durch ihre skurrile Nachbarschaft im Mittleren Westen Amerikas. Und finden dabei heraus, dass sie nicht nur die Liebe zum Punkrock gemeinsam haben!

    Ein Ode an die Unangepasstheit

    Nachdem in der Einleitung schon der Vergleich zum Musik-Coming-of-Age-Film Metal Lords angedeutet wurde, sei an dieser Stelle natürlich darauf hingewiesen, dass diese beiden Filme nur oberflächlich in einem Genrevergleich zusammenpassen. Klar, beide Werke haben schon eine von Musik geprägte Subkultur im Titel. Und ja, sowohl der Netflix-Streifen, als auch die Regiearbeit von Rehmeier beleuchten mal wieder außergewöhnliche Freundschaften/Beziehungen zwischen Individuen, die gegen den Mainstream schwimmen. Doch dann trennen sich die Wege auch schon. Denn Dinner in America wendet sich schon mal an ein gänzlich anderes Publikum. Während Netflix ganz gezielt die jugendlichen Abonnenten mit seinem überaus konventionellen Projekt anspricht, ist die Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Menschen, die sich gegen sämtliche Konventionen auflehnen, womöglich genau das, was Metal Lords hätte sein sollen, wozu den Machern aber in allen Belangen der Mut gefehlt hat.

    Die Punk Love Story ist inhaltlich, wie inszenatorisch eine Ode ans Unangepasstsein! Die beiden Hauptfiguren sind wirklich Außenseiter, die nicht insgeheim doch nur versuchen mit ihrer Extravaganz Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Petty und Simon provozieren um der Provokation Willen! Die Konsequenzen nehmen sie nicht nur in Kauf, nein, eigentlich ist es ihnen gleichgültig, dass es welche geben könnte. Damit wird Dinner in America seinem Thema Punk definitiv gerecht, während Metal Lords die Musik nur als beliebiges Vehikel nimmt, um eine abgedroschene und uninspirierte Geschichte runterzuleiern.

    Petty steht in einem quergestreiften, bunten Shirt samt Brille neben Simon, der eine dunkle Blouson-Jacke trägt.
    Das freundliche Lächeln von Petty täuscht. Sie hat es faustdick hinter den Ohren, wie auch Simon schnell merkt © Koch Films

    Spleenig, kantig und herzerweichend

    Die Figuren in Dinner in America sind durch die Bank weg von Kopf bis Zeh schrullig und speziell Kyle Gallner und Emily Skeggs machen durch ihre authentische Performance einfach nur Spaß beim Zusehen. Das beginnt schon in der jeweiligen Charaktereinführung, die keine Sekunde Zweifel zulässt, dass unter der widerborstigen Oberfläche der Charaktere doch nur eine Lebensphase stecken könnte. Beide nehmen kein Blatt vor den Mund und brüskieren ihre Mitmenschen – egal ob Familienangehörige oder Intimfeinde. Dabei ist der Anarcho-Humor an vielen Stellen deutlich über der Schwelle des politisch Korrekten, was dem schroffen Ton aber bestens zu Gesicht steht.

    Der kleine Roadtrip von Petty und Simon ist aber unvergleichlich herzerwärmend, denn das Knistern, das man sofort spürt als sich die beiden erstmalig treffen, bleibt in jeder Szene präsent. Dinner in America hat mit Sicherheit eines der von Außen betrachtet unwahrscheinlichsten Leinwandpaare der letzten Jahre. Doch diese Verbindung in der Entstehung zu begleiten, ist voll von überraschenden Momenten, gespickt mit Aktionen, die einen eigentlich nur den Kopf schütteln lassen und am Ende auch untermauert von der gemeinsamen Passion zur Musik, die hier ebenfalls nicht beliebig wirkt, sondern vollkommen organisch ins Gesamtgebilde passt.

    Fein beobachtete Alltagssituationen pointiert auf die Schippe genommen

    Ganz nebenbei zeigt der Regisseur ein Feingefühl für Beiläufigkeiten, wie man es selten sieht. So ist der Titel Dinner in America eben nicht lediglich ein Song im Repertoire von Protagonist Simon, sondern auch ein Thema, das sich durch den ganzen Film zieht. Immer wieder ist das Publikum bei familiären Abendessen oder in Fast Food Restaurants dabei und wird Zeuge von den ganz alltäglichen Schauspielen, die sich, wahrscheinlich in nicht ganz so zugespitzter Weise, aber doch sehr ähnlich, in Millionen von amerikanischen Wohnzimmern und Gaststätten so abspielen: Giftpfeile, die verschossen werden oder plötzlich ausgesprochene Wahrheiten, die lange keiner auszusprechen wagte.

    In diesen Situationen werden Dialogfeuerwerke abgefeuert und zahlreiche gute Gags eingewoben. Ja, es gibt auch größer angelegte Comedyszenen und auch provokante WTF-Momente, aber allein in den leisen Tönen ist in dieser Dramedy soviel feingeistiger Humor, sodass man schon jetzt gespannt darauf sein kann, was der Regisseur demnächst anpacken wird. Independent-Komödien, wie diese, sind nicht für den Mainstream gemacht, sondern für Filmfans, die sich über das reine Schauen hinaus noch länger mit einem Werk beschäftigen wollen.

    Um einen Anhaltspunkt zu geben, mit welcher Erwartungshaltung man hier rangehen sollte, können folgende Filme der letzten Jahre ganz gut als Referenz herhalten: Wer beispielsweise den melancholischen Ansatz von Jim Cummings Der Chaos-Cop mochte wird genauso hier auf seine Kosten kommen. Ebenso sollten Fans des verschrobenen und doch herzlichen Humors von St. Vincent mit Bill Murray mit Dinner in America genauso warmen werden, wie auch Zuschauer:innen, die mit der schrägen Verbindung zwischen Melanie Lynskey und Elijah Wood in Fremd in der Welt mitgefiebert haben.

    Petty (Emily Skeggs) steht zwischen zahlreichen anderen Besuchern eines Konzerts in der Menge. Alle feiern ausgelassen. Dinner in America
    Petty liebt Punkrock © Koch Films

    Unser Fazit zu Dinner in America – A Punk Love Story

    Dinner in America ist provokant, widerborstig und geht doch ans Herz. Damit wird der Film seinem Punk-Thema nicht nur gerecht, sondern er schafft es auch durch seinen Humor zum Lachen zu bringen und mit seiner Musik mitzureißen. Die Liebesgeschichte ist als Kirsche auf der Torte dann auch noch gelungen und authentisch. Auch wenn kleine Produktionen wie diese Ode ans Außenseitertum immer einen schweren Stand haben, um überhaupt an ein Publikum zu kommen, so kann man diesen Indie-Film nur wärmstens empfehlen und gute Laune garantieren.

    Dinner in America ist seit dem 24. März 2022 fürs Heimkino erhältlich.


    © Koch Films

    Jan Werner

    Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

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