Vier Jahre nach Corsage kehrt die österreichische Filmemacherin Marie Kreutzer zurück mit dem Kinofilm Gentle Monster. Kann das Drama mit deutsch-französischer Starbesetzung überzeugen?
Darum geht es in Gentle Monster
Die Konzertpianistin Lucy (Léa Seydoux) zieht mit ihrem Mann Philip (Laurence Rupp) und dem gemeinsamen Sohn aufs Land, wo sich der Filmemacher langsam von einem Burnout erholt. Eines Tages steht die Polizei für eine Hausdurchsuchung vor der Tür. Der Vorwurf, den Sonderermittlerin Elsa (Jella Haase) gegen Philip erhebt, wiegt schwer und stellt Lucys Welt auf den Kopf. Wer ist der Mann, den sie liebt, wirklich?
Ein schmerzhafter Film der offenen Fragen
Es ist ein extrem heikles Thema, dem sich die österreichische Regisseurin mit Gentle Monster annimmt. Und auch wenn es die offizielle Inhaltsbeschreibung noch etwas verklausuliert, kann bzw. muss man es für die Besprechung des Dramas benennen: Das Verbrechen, dessen Philip beschuldigt wird, hat mit Kinderpornografie zu tun. Ein Vorwurf, steht er einmal im Raum, dann nicht nur für einen Beschuldigten fundamentale Konsequenzen mit sich bringt, sondern der auch sein ganzes Umfeld mit in den Abgrund reißen kann, weil alles, was vor dem Bekanntwerden passiert ist, plötzlich in einem Licht erscheint, weil man sich selbst zu hinterfragen beginnt, weil man auf so eine Situation nun mal nicht vorbereitet sein kann.
Dabei geht es dann nur in Teilen um die Suche nach der Wahrheit, um Schuldfragen, um Motive und Hintergründe. Vielmehr geht es um die hohen Wogen, die solche undenkbare Anschuldigungen unmittelbar für die nächsten Angehörigen haben. Denn zurecht fragt sich Lucy, wer ihr Mann eigentlich ist, ob sie etwas bewusst oder unterbewusst ausgeblendet oder übersehen hat. Sie zweifelt an ihrer eigenen Menschenkenntnis, will nicht, dass sich ihre heile Welt – oder die Illusion davon – in Trümmer auflöst und weiß gleichzeitig mit dem Eintreffen der Polizei – oder spätestens auf dem Revier mit dem Wählen des Stockwerks -, dass ihr Leben, wie sie es kannte, vorbei ist.
Would I lie to You?
Laurence Rupp (Vikings Valhalla) spielt Philip nüchtern, genau so, damit man ihm abkauft, jemand zu sein, der so eine Art von Doppelleben lebt. Aber er tritt eigentlich auch kaum in Erscheinung, weil sich Gentle Monster nicht um den Täter und die Taten dreht, sondern eben auf die mittelbar Betroffenen. Und hier hat Kreutzer mit der international extrem erfahrenen Darstellerin Leá Seydoux (Dune: Teil 2) wirklich einen Glücksgriff getan. Anfangs in einer komplett nachvollziehbaren Schockstarre, mit einem leeren Blick quasi orientierungslos nach Antwort suchend, überzeugt die Französin emotional auf ganzer Linie, lässt das Publikum durch ihr reduziertes, leises Spiel den seelischen Schmerz quasi mitfühlen. Verrat, Selbstzweifel, Akzeptanz.
Im weiteren Verlauf begleitet der Film dann die Charakterentwicklung in plausiblen Stadien, zeigt immer wieder impulsive Momente, Szenen, die die Verzweiflung auf eine Weise transportieren, die so lebensnah scheint, dass das Drama eine hohe Glaubwürdigkeit generiert, obwohl sich dieses Szenario in Wirklichkeit soweit weg von der Realität dessen abspielt, was irgendjemandem im Publikum so schon passiert ist.
Subtil wählt Marie Kreutzer dann Lieder aus, die den Inhalt textlich aufgreifen, kontrastieren, kommentieren. Natürlich spielt die Pianistin nicht zufällig „Would I lie to You“ und auch der Song, den die Band bei der Hochzeit in der Rückblende performed, ist nicht ohne Hintergedanken so gewählt worden. Alles, was die Hauptgeschichte angeht, ist wahnsinnig feinfühlig erzählt, genau deswegen so intensiv, glaubhaft und schmerzhaft zu schauen.
Unglaublich stark ist auch die Darbietung von Jella Haase, die schon in Kleo die Chantal-Vergangenheit endgültig abstreifen konnte und hier als Rap-hörende Ermittlerin komplett überzeugt. Auch bei ihr muss man insbesondere die Mimik loben, wenn beispielsweise die Ausmaße der Missbrauchsvorwürfe nur darüber erzählt wird, wie sie mit ihrem Ausdruck auf das reagiert, was sie sieht, aber was dem Publikum grafisch vorenthalten wird. Dann wiederum zeigt sie, weshalb sie besonders inzwischen für ihre Vielseitigkeit bekannt ist, wenn sie den Sohn des Beschuldigten mit einer Feinfühligkeit befragt, die an Authentizität nicht zu überbieten ist.
Nebenstrang überfrachtet den Hauptplot
Die Hintergrundgeschichte der Ermittlerin Elsa mag der Figur eine zusätzliche Motivation und mehr Ambivalenz verleihen, fühlt sich in Teilen – trotz großartiger Leistung von Sylvester Groth (Inglourious Basterds) als alterndem, übergriffigem Vater – aber reingezwungen an. Im Gegensatz zu den Szenen zwischen Lucy und der von Catherine Deneuve (La Vérité) gespielten Mutterfigur, die für die Charakterarbeit der Hauptfigur essentiell sind, bremsen die Szenen mit Haase und Groth die eindeutig zentrale Geschichte etwas aus.
Letztlich aber gelingen hier doch mehrheitliche Szenen, die einem so schnell nicht mehr aus dem Gedächtnis gehen und die durch ihre nüchterne Abbildung und die dadurch unterstrichene Ambivalenz nachhallen. Es sind vor allem die kleinen Gesten, die einmal mehr die größten Effekte haben – ganz so, wie es gutes Erzählen eben auszeichnet.
© Alamode Film
Unser Fazit zu Gentle Monster
Gentle Monster ist ein tiefschürfendes Charakterdrama im mehr als heiklen Themenfeld der Pädokriminalität, dass aber nicht nur verantwortungsbewusst mit den unweigerlichen Fragen dieses Komplexes umgeht, sondern durch den Perspektivwechsel dann nicht nur nachdenklich, sondern auch wütend daherkommt. Dank seiner herausragenden Hauptdarstellerin Leá Seydoux und weiteren exzellent geschriebenen und gespielten Frauenfiguren ist Marie Kreutzers Regiearbeit vor allem auch ein feministisches Werk. Eines voller Symbolik, das wortwörtlich die Klaviatur der Emotionen famos beherrscht, sich leider aber dadurch etwas des Potenzials beraubt, dass mit Biegen und Brechen auch die Ermittlerin noch eine umfangreiche Hintergrundgeschichte bekommen muss.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.