Was würdest du tun, wenn dein Tinder-Date dich zu sich nach Hause einlädt und dir seinen Hund vorstellt? Nur ist der Hund kein echter Vierbeiner, sondern ein erwachsener Mann in einem Hundekostüm. Darum geht es in Good Boy.

Die Handlung von Good Boy
Die Studentin Sigrid lernt eines Tages über Tinder den gutaussehenden Christian kennen. Der junge Mann hat gute Manieren und auch ein stolzes Vermögen von seinen Eltern geerbt. Doch einen Haken hat der Traumprinz, denn in Christians Wohnung trifft Sigrid auf Frank, einen Mann im Hundekostüm. Der falsche Hund spielt seine Rolle zu jeder Tages- und Nachtzeit, aber für Christian scheint das vollkommen in Ordnung. Sollte Sigrid lieber direkt Reißaus nehmen oder sich auf das ungewöhnliche Gespann einlassen?
Was ist eigentlich normal und wer entscheidet das?
In Good Boy konfrontiert uns der norwegische Regisseur und Autor Viljar Bøe mit dem gesellschaftlichen Randphänomen des „Pupplay“, kurz gesagt: Menschen spielen Tiere. Dazu schlüpfen sie in Tierkostüme, ahmen typische Verhaltensweisen nach und geben auch die entsprechenden Laute von sich.
Dass das Ganze durchaus auch in die Fetischrichtung gehen kann, ist bei Frank, dem Hund, und seinem Herrchen Christian aber kein Thema. Vielmehr spielt sich Good Boy lange Zeit fast schon banal aus: Frank spielt einfach 24/7 seine Rolle und beide scheinen als Mitbewohner zufrieden.

Diese einfache, aber verstörend-faszinierende Idee entpuppt sich als großartiger Kniff für die eigentliche Liebesgeschichte. Diese erzählt Bøe nämlich ganz klassisch anhand von zwei Tinder-Bekanntschaften, fast schon langweilig ereignislos.
Dass Christian wie der absolute Traummann erscheint (er ist auch noch steinreich), aber diesen einen kleinen (oder riesigen?) Haken hat, ist der Kernkonflikt, den wir als Publikum gemeinsam mit Sigrid austragen.
Im Endeffekt dreht sich Good Boy dadurch lange Zeit um Moralvorstellungen und die Frage, was eigentlich normal und akzeptabel ist. Wenn beide glücklich scheinen, Herrchen und Hund, wieso sollte Sigrid also die Flucht ergreifen, wer darf darüber überhaupt (negativ) urteilen?
Ein aufmerksames und offenes Publikum kann hier gleichwohl jede Szene selbst bewerten, eigene Grenzen abstecken oder vielleicht sogar das Toleranzspektrum erweitern. Eine Moralkeule schwingt der Film nicht, allein schon weil sich Sigrid natürlich weiter auf dieses Gespann einlässt.
Wie „sick“ ist eigentlich Good Boy?
Ganz klar: Good Boy ist ein Genre-Film, eine schwer zu greifende Mischung aus Drama, Thriller und groteskem Horror. Lange Zeit schaut sich das Ganze eben wie eine nicht besonders originelle Liebesgeschichte.
Doch es bleiben gerade bei erfahrenen Genre-Guckern immer wieder gewisse Fragen im Hinterkopf: Wann und wie eskaliert die Situation? Wird es blutig und verstörend sein? Wie soll das Ganze überhaupt enden?

Eine spoilerfreie Antwort gibt grundsätzlich die FSK-16-Einordnung, die mutmaßlich eher auch auf die psychische Belastungsprobe beim Schauen von Good Boy abzielt. Als Sicko geht dieser Film keineswegs durch, wenngleich die Schlusseinstellung so fies ist, dass es nur das skandinavische Kino vollbringen kann.
Unser Fazit zu Good Boy
Viljar Bøes Good Boy ist ein verstörender kleiner Genrefilm, der zwischen Groteske, Thriller und Drama changiert und dabei so trotzdem so herrlich skandinavisch reserviert daherkommt. Dabei wird die Thematik des Films um einen Mann im Hundekostüm die Gemüter unweigerlich spalten und viele trotz der überschaubaren 76 Minuten verlieren.
Wer sich auf die provokante Prämisse voll und ganz einlassen möchte, bekommt lange Zeit eine spannende Projektionsfläche über Moral und die Frage, was eigentlich normal ist und wem es überhaupt zusteht, darüber zu urteilen. Ob Good Boy am Ende den richtigen Schlusspunch findet, sollte dann jeder selber erleben.
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