Nach dem Erfolg von Killers of the Flower Moon hat sich Apple TV+ auch ein weiteres Projekt von Hauptdarstellerin Lily Gladstone geschnappt. Kann sie das Momentum ihrer oscarnominierten Performance in Fancy Dance mitnehmen?

Fancy Dance – Die offizielle Handlung
Seit dem Verschwinden ihrer Schwester Tawi kümmert sich die 30-jährige Jax (Lily Gladstone) um ihre 13-jährige Nichte Roki (Isabel Deroy-Olson). Fast täglich besucht sie das Seneca-Cayuga-Reservat in Oklahoma und widmet jede freie Minute der Suche nach ihrer vermissten Schwester. Gleichzeitig unterstützt sie Roki bei der Vorbereitung auf ein bevorstehendes Powwow, indem sie mit ihr die Tanzschritte einübt. Roki hat vieles von ihrer kriminellen Tante übernommen und ist zu einer geschickten Diebin geworden.
Als das Jugendamt bei ihnen vorstellig wird und die zahlreichen Vorstrafen von Jax zur Sprache bringt, wird Roki vorübergehend bei ihrem Großvater Frank (Shea Whigham) und dessen neuer Frau Nancy (Audrey Wasilewski) untergebracht. In der Angst, dass Frank das Sorgerecht für Roki erhält, machen sich Jax und ihre Nichte eines Nachts heimlich auf den Weg, um Rokis Mutter zu finden. Daraufhin meldet Frank seine Enkelin als vermisst.
Weiterhin eine erfrischende Perspektive
Lily Gladstones Performance in Killers of the Flower Moon brachte ihr nicht nur diverse Nominierungen und Auszeichnungen ein, sondern initiierte auch einen Diskurs, der die Filmwelt intensiver beschäftigen sollte. Während Diversität und Sichtbarkeit immer wichtigere Faktoren beim Casting und der Stoffentwicklung von Filmen werden, ist die Perspektive ebenso von großer Bedeutung. Martin Scorseses Film über die Morde an der indigenen Bevölkerung von Osage County war im Casting sehr divers besetzt und zeigte neue, talentierte Gesichter, konzentrierte sich jedoch auf die weiße Täterperspektive – und erntete dafür auch Kritik. Scorsese war sich dessen bewusst und thematisierte dies im legendären Schlussakkord des Films.
Nun liegt es an jungen, indigenen Filmschaffenden, diesen einzigartigen Moment aufzugreifen, ihre Perspektiven zu erzählen und dem Publikum neue Rollen, Geschichten und Emotionen zu zeigen. Daher sind auch kleine Filme wie Fancy Dance immens wichtig, um den Diskurs aufrechtzuerhalten.
Die Machtlosigkeit innerhalb eines Systems
Autorin und Regisseurin Erica Tremblay gewährt dem Publikum einen Einblick in das Volk der Seneca-Cayuga, dem sie selbst angehört und in dem sie aufwuchs. Sie konzentriert sich dabei auf eine Familie, die durch die Gleichgültigkeit der Welt außerhalb des Reservats am Boden zerstört wird. Die Mutter der dreizehnjährigen Roki ist verschwunden, und die Gesellschaft zeigt auf seltsame Weise ihre Besorgnis: Die Behörden scheinen mehr daran interessiert zu sein, den gestohlenen Lastwagen eines weißen Fischers zu finden, als sich mit dem jüngsten Fall einer alarmierenden Zahl von Verschwundenen zu befassen.
Fancy Dance fokussiert sich auf die eigenständige Detektivarbeit von Roki und Jax, die hoffen, ihre Mutter bzw. Schwester wieder in die Arme schließen zu können. Tremblay ist weniger an der Lösung des Falls interessiert als daran, das bedrückende Leben der Menschen im Reservat und die Widersprüchlichkeit und Unterdrückung durch den weißen Unterdrückungsapparat zu porträtieren.

Angeführt von zwei starken Hauptdarstellerinnen
Das Tante-Nichte-Duo bildet das Herz dieser Geschichte. Inmitten ihrer gemeinsamen Trauer müssen sie sich auch mit ihrer Trennung auseinandersetzen, denn als vorbestrafter Vormund wird Jax die Verantwortung für Roki entzogen. Roki wird zu ihren weißen Großeltern gebracht, die sich der gesamten Problematik bewusst sind. Diese Großeltern sind in diesem Film keinesfalls die Antagonisten, sondern verstehen Rokis Anliegen und Ziel: zusammen mit ihrer Tante am Powwow teilzunehmen und beim alljährlichen Mutter-Tochter-Tanz aufzutreten.
Lily Gladstone liefert erneut eine komplexe und tiefgründige Performance ab. Ihr vielseitiges Spiel ist beeindruckend und zeigt, dass in den nächsten Jahren mit ihr zu rechnen ist. Jax ist vielschichtig angelegt: Sie ist nicht nur tough, weil sie sich in gefährliche Situationen begibt, in denen sie als indigene Frau dem Tod nahe kommt, sondern zeigt auch ihre verletzliche Seite, die durch das Verschwinden ihrer Schwester zur Verzweiflung gebracht wird. Diese Hilflosigkeit, die sie in vielen Momenten empfindet, wird durch eine Mischung aus subtiler Mimik und nuancierten Ausdrücken getragen.
Newcomerin Isabel Deroy-Olson glänzt ebenfalls als junge, rebellische Teenagerin, die sich ständig gegen jegliche Autoritäten auflehnt, selbst wenn es sich um Familienmitglieder handelt. Ihre Beziehungen sind facettenreich gestaltet. In einer Szene zeigt sie sich widerwillig und entsetzt, als Großmutter Nancy ihr Ballettschuhe zum Üben überreicht, aber im selben Augenblick blitzt eine Geste der Lernbereitschaft auf. Genau solche kleinen Momente, die einen Einblick in das komplexe Geflecht der Seneca-Cayuga-Frauen gewähren, zählen zu den großen Stärken von Fancy Dance.
Für einen Thriller jedoch sehr spannungsarm
Jedoch bewegt sich Erica Tremblay auf dünnem Eis. Sie hat die undankbare Aufgabe, eine seltene, lehrreiche und erfrischende Inaugenscheinnahme ihres eigenen Volkes zu präsentieren, das ein Massenpublikum kaum kennt, und gleichzeitig mit ihrer Geschichte zu unterhalten. Indem sie das tägliche Leben und die Unterdrückung der Seneca-Cayuga-Frauen in den Fokus rückt, lehnt sie eine thrillerhafte Inszenierung ab. Obwohl Jax ihre eigene Nichte entführt und sich ständig in Gefahr begibt, kommt man als Zuschauer selten ins Schwitzen und empfindet die Gefahr für die Protagonistinnen nicht als omnipräsent, wie Tremblay es möglicherweise intendiert hatte.
Fairerweise muss gesagt werden, dass die interne Sicht ihrer Protagonistinnen eine größere Rolle spielt als die externen Einflüsse, die auf sie einwirken, auch wenn Sexarbeit, Drogenhandel und Kriminalität die Welt des Reservats ständig in Bewegung halten. Es gelingt der Regisseurin nur bedingt, die beiden Genres Drama und Thriller ausgewogen zu balancieren.
Unser Fazit zu Fancy Dance
Fancy Dance definiert sich als ein ruhiges, unaufgeregtes Drama, das seine Protagonistinnen und ihre Emotionen stark in den Fokus rückt. Dies funktioniert fabelhaft dank der starken Hauptdarstellerinnen Gladstone und Deroy-Olson. Der seltene Perspektivwechsel in eine für uns unbekannte Welt gelingt bestens, weil er erfrischend und wie nie zuvor dargestellt wirkt. Tremblays Regiedebüt entfacht dadurch eine besondere Kraft und könnte in Zukunft ein bedeutender Beitrag in der Filmographie indigener Geschichten werden. Jedoch gelingt ihr der Balanceakt zwischen Drama und Thriller nicht ganz, wie es beispielsweise Taylor Sheridan in Wind River mit seinen Actionsequenzen beeindruckend handhaben konnte. Ihr Krimi bleibt zwar spannungsarm, bietet letztlich aber ein ergreifendes Drama, das allein schon als sehenswert erachtet werden sollte.
Fancy Dance läuft ab dem 28. Juni hierzulande bei Apple TV+ im Streaming-Angebot.
