Seit 2013 (00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse) hat Helge Schneider keinen Film mehr hervorgebracht. Nun präsentiert der „Allrounder“ seine ganz eigene Vorstellung eines Künstler-Porträts.
Die Inhaltsangabe von The Klimperclown
Helge Schneider entwirft sein Leben als filmisches Mosaik, das sich aus verschiedenen Begegnungen, Szenen und Sketchen zusammensetzt. Sandro Giampietros Kamera folgt ihm auf einer assoziativen Reise durch die Stationen seines künstlerischen Schaffens. Super-8- und VHS-Archivaufnahmen, beiläufige Alltagsbeobachtungen und aktuelle Bilder fügen sich zu einem grenzenlosen Gesamtgewebe.

Das Leben des Helge… Schneider
Wer sich mit der Figur Helge Schneider auseinandersetzt, weiß eigentlich genauso viel wie zuvor über den Musiker, Entertainer und selbsternannten Clown. Seine fast 50-jährige Künstlerkarriere umfasst unzählige Bühnenauftritte, literarische Publikationen, mehrere Spielfilme und natürlich Musik in vielköpfigen Facetten. Und dass Schneiders neuestes Werk, ein filmisches Porträt, nicht aalglatt und geradlinig verlaufen wird wie artverwandte Vertreter, dürfte auch „Helge-Einsteigern“ klar sein.
Für eine herkömmliche Reise durch das Leben eines Künstlers hat der maßgeblich vom Jazz geprägte Musiker einen viel zu eigenen Kopf. Oder auch: einen eigenen Rhythmus. Einen Hang zu Ironie, Absurditäten und Slapstick könnte man als Konstanze in Schneiders Schaffen festmachen; sei es bei seinen Bühnenshows, den bisherigen Kinoabenteuern (legendär: Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem) oder herkömmlichen Fernsehauftritten bei TV Total oder Kurt Krömer. Was passiert, weiß niemand so recht, nicht mal er selbst. Konventionen werden nicht untergraben, sie werden negiert.
Mehr Mockumentary als Dokumentation
„Sehen Sie hier das Leben von Helge Schneider – in Farbe. Freuen Sie sich über die schönen bunten Bilder in außergewöhnlicher Qualität“. So wirkt The Klimperclown zunächst wie eine Persiflage auf ein gängiges Porträt, welche oft mit Lobeshymnen alter Weggefährten angereichert ist und, mal mehr, mal weniger aufregend, eine Vita visualisieren vermag. Helge Schneider trifft zwar ebenfalls auf Menschen, die ihn begleitet haben, wie seinen Verleger Hanno Huth oder den Philosophen Alexander Kluge (ebenfalls legendär: DCTP 10 vor 11), doch ihre Auftritte sind bewusst überspielt, gekünstelt oder laufen ins Leere.
Der Film, den Schneider mit seinem langjährigen Bandmitglied Sandro Giampietro geschrieben und inszeniert hat, verbindet neue Aufnahmen mit Archivmaterial, Musikeinlagen, Reenactments im Sketch-Format sowieso animierten Kohleskizzen und anderen Blödeleien. Assoziativ geschnitten und zwischen scheinbarer Willkür und quatschigem Kalkül angereichert. Das „Porträt im Herzen“ lässt bewusst Leerstellen, zeigt nicht zwingend die wichtigsten (Karriere-)Momente und die Kamera darf gelegentlich stillstehen. Wenn Schneider in voller Montur wie in einem Rocky-Film den Boxsack bearbeitet, dann kann das auch Offenbarung sein.
Aufrichtiger Quatsch, oder?
Auch durch The Klimperclown erfährt man nichts Neues über die Persona eines Kunst und Komik schaffenden Menschen, der sich auch jeglicher Einordnung einer Filmkritik verweigern dürfte. Trotz, oder wegen, all dieser Kuriositäten und der lustvollen Missachtung sämtlicher Konventionen blitzen in diesem humoristisch-verqueren Mosaik unerwartet auch leise, emotionale Momente auf. Mit einer alten Super-8-Kamera filmt der junge Schneider im Wohnzimmer der Eltern; sein Vater durchforstet den Wandschrank nach archivierten Kritiken zu den Auftritten und mit der Mutter redet Sohn Schneider über das neu angeschaffte Aufnahmegerät. Momente, die frei von Suggestion sind, da kein emotionaler Aufbau vorherrscht. Echtheit entsteht durch jene omnipräsente Flucht in die Ironie.

Als Gesamt“konzept“ erinnert The Klimperclown an Agnes Vardas Essayfilme – weniger poetisch, herzlich und durchdacht, dafür umso quatschiger. Sind die Kostüme mit Haarteil und Sonnenbrille nun genuiner Quatsch oder wird das Tragen eines Basketballtrikots unter einem Mantel zum Zwang, anders zu sein? Eine lästige Frage, inwiefern Kunstfigur und Künstler sich gegenseitig bedingen.
Helge Schneider spielt auf allen Instrumenten: Orgel, Schlagzeug, Cello und Trompete. Ein Alleskönner, der behauptet, nichts zu beherrschen. Und so tanzt auch The Klimperclown, herrlich akkurat betitelt, auf allen Partys. Hat währenddessen entweder Angst davor, dazuzugehören, oder sein Leben dem Jazz versprochen. Hauptsache, solch konsequent-inkonsequenten Werke kommen dabei heraus. Die Liebe zum Klavier hatte Schneider, wie er selbst sagt, schon seit frühen Tagen. Und verweist dabei auf einen Auftritt, bei dem er Gitarre spielt.
© Radius Films
Unser Fazit zu Helge Schneider - The Klimperclown
Helge Schneider being Helge Schneider - auch in filmischer Form. Nahtlos knüpft der Klimperclown an vergangene Spielfilme an, bei denen der Improvisator stets seinen Rhythmus fährt. Diese komische, wirre, spielerische und mit Leerstellen angereichte Aneinanderreihung von Aufnahmen bietet auch über den gängigen Quatsch hinaus Potential für das leise Lesen zwischen den Zeilen.
