Sich an ein Kurosawa-Remake zu wagen, muss man sich erstmal zutrauen. Aber dass ausgerechnet Spike Lee mit Highest 2 Lowest dies nun getan hat, sollte eigentlich keinen wundern. Doch wie gelingt der Transport von den Sechzigern in Japan nach Amerika im Hier und Heute?
Darum geht’s in Highest 2 Lowest
Der Musikmogul David King hat den Höhepunkt seiner Karriere erreicht und lebt in einem schicken Penthouse-Wohnung im Olympia Dumbo Building in Brooklyn. Doch als seine Frau Pam erklärt, dass sie im Begriff ist, eine weitere große Spende an eine wohlmeinende Wohltätigkeitsorganisation zu tätigen, rät er ihr, sich zurückzuhalten, denn seine Firma Stackin’ Hits produziere gerade keine Hits mehr. In der Branche ist David King dafür bekannt, über ein perfektes Gehör für Musik zu verfügen, doch er ist ein Mann von gestern und nicht mehr der Königsmacher von einst. Als Kings Sohn Trey entführt wird und er eine Lösegeldforderung erhält, gerät er in ein moralisches Dilemma, denn sie haben den Falschen entführt. Es ist sein Patensohn Kyle, der Sohn seines besten Freundes und Geschäftsführer Paul, der zusammen mit Trey beim Basketballtraining war. Die Entführer verlangen 17,5 Millionen US-Dollar Lösegeld in Schweizer Banknoten. King zögert, so viel Geld für die Befreiung des Kindes eines anderen Mannes zu zahlen, doch es geht um eine Entscheidung über Leben und Tod.

Spike’s got big balls.
Mit einem Remake eines asiatischen Hits hat sich ja der Regisseur schon mal gehörig verhoben: Über Oldboy mit Josh Brolin hüllen sich heute wohl alle Beteiligten gern in Schweigen. Nun wagt er also erneut so einen Schachzug und hat dafür sowohl Apple TV+ als auch A24 als Bürgen im Gepäck. Gleichsam könnte man aber auch sagen, dass die Fallhöhe hier fast nochmals höher ist, ist doch das Original Zwischen Himmel und Hölle von Akira Kurosawa auch nach 60 Jahren ein zeitloses Meisterwerk, dass das ganze Thriller-Genre bis heute beeinflusst.
Auf der anderen Seite war ja auch schon der Kurosawa-Meilenstein „nur“ die Verfilmung eines ebenso einflussreichen Romans, der sich nun mal – losgelöst von der konkreten Verortung – um vollkommen universelle Moralkonflikte dreht. Auf diesen Konflikt jedoch blicken verschiedene Gesellschaften zu verschiedenen Zeiten anders, womit wir quasi schon die Rechtfertigung dieser Neuverfilmung haben: Das Dilemma, dem sich hier ein Mogul gegenübersieht, mag noch das gleiche wie vor etlichen Jahrzehnten sein, die gesellschaftlichen Parameter haben sich aber gewandelt. Bleibt die Frage: Ob das Ganze aber auch heute noch den kulturellen Impact haben – und was Spike Lee überhaupt mit seinem Highest 2 Lowest vorhatte.
Nicht „anders“ genug?
Lee verlagert nun also das Geschehen vom damaligen Tokyo ins heutige New York City, tauscht den Schuhfabrikanten durch einen Musikmogul aus, behält aber auch viel vom zeitlos-klassischen Flair des Originals bei. Zu Beginn ist man aber – vor allem als Person mit Faible für den Big Apple – abgelenkt davon, wie sehr die Kamera hier die Liebe zur Architektur und den Dimensionen der Ostküsten-Metropole zelebriert. So wird zwar auch symbolisch die Message vermittelt, dass dem schwerreichen David King Manhattan zu Füßen zu liegen scheint, aber in erster Linie wirkt dies wie ein Untermauern von Spike Lees Verständnis dafür, dass die US-Großstadt dem japanischen Pendant von damals mehr als nur das Wasser reichen kann.
Aussagestarke Bilder gebannt auf Film waren schon immer ein Steckenpferd des Regisseurs. Genauso auch sein Mix aus einem fast schon antiquiert-anmutenden Score – wüsste man nicht um die Funktion der Verneigung vor dem Original – und zeitgenössischer musikalischer Einflüsse in Form von HipHop und R’n’B, was eben nicht nur bedingt durch die Milieu-Einbettung logisch erscheint, sondern auch qua der Vita des Regisseurs schon eine Selbstverständlichkeit darstellt.
Das ist nur verf***tes Geld
Trey
Auf der rein inhaltlichen Ebene hingegen geht Lee äußerst behutsam mit der Vorlage um, weicht kaum von den zentralen Storybeats ab. Der Konflikt des Mäzens, plötzlich nicht für den eigenen sondern einen fremden Jungen zahlen zu müssen/sollen, funktioniert natürlich weiterhin und Denzel Washington transportiert das innere Ringen auch mit all der Kraft seines eigenen Images, spielt den Mogul im Moraldilemma einnehmend zwischen Zynismus, Hadern mit Verantwortung und Schuldgefühlen. Doch das ist eben nur ein Aufguss der Messages des Originals von vor über 60 Jahren, zudem Lee gefühlt nichts von Aktualitätswert hinzuzufügen weiß – oder womöglich gar will, denn man merkt in jeder Einstellung die Ehrfurcht des BlackKklansman–Machers vor dem unerreichbaren Vorbild aus Japan.

Tolles Spiel, …
Denzel Washington ist der Hammer – man muss es eigentlich gar nicht wieder schreiben, denn sogar im mittelmäßigen Gladiator 2 war er noch ein Grund, sich den Film genüßlich ansehen zu können. Auch die anderen Cast-Mitglieder spielen in diesem theaterartigen Projekt stark, wobei insbesondere Ilfenesh Hadera als Ehefrau des Plattenbosses für die Betonung von dessen familiärer Ader einen guten Job macht, während man die etwas unterkühlte Beziehung zu Filmsohn Trey, gespielt von Aubrey Joseph, wahlweise als gewollt, um David King nicht zu perfekt darzustellen, empfinden oder eben auch auf eine mangelhafte Chemie zwischen dem Oscar-Preisträger und dem Jungschauspieler zurückführen kann. Auch Jeffrey Wright macht einmal mehr einen fantastischen Job als Fahrer des Moguls und Vater des eigentlich entführten Kyle. In einer kleinere Rolle glänzt standesgemäß Scene-Steeler Wendell Pierce.
… das in Teilen etwas kalt lässt
Was sich jedoch mitunter am deutlichsten noch von der Formel von Zwischen Himmel und Hölle abgrenzt, ist die Rolle des Entführers, der hier von A$AP Rocky verkörpert wird. Das passt natürlich perfekt zum HipHop-Flow der den ganzen Film durchzieht. Doch auch für die Motivation und die Hintergründe des Kriminellen Gegenspielers macht diese Besetzung im variierten Remake Sinn – ohne zu viel zu verraten. Doch durch den musikalischen und vor allem Rap-Schwerpunkt ergeben sich in der 2025er Version des Klassikers die Szenen, die tatsächlich herausstechen, sei es eine Konfrontation zwischen Washington und dem Rap-Star oder eine sehr mitreißende Übergabe-Sequenz während eines Kulturfestivals im puertoricanischen Viertel.
Insgesamt aber leidet der Entführungsthriller schon merklich darunter, dass der Blick auf die Betroffenen trotz aller Bemühungen ziemlich distanziert bleibt – und dadurch die Tragik nicht auf Publikum abfärbt. Alles in allem ist Highest 2 Lowest handwerklich über jeden Zweifel erhaben, aber paradoxerweise durch diesen aalglatten Perfektionismus in seiner Ästhetik emotional schwer zu packen. Wenn etwas noch Emotionen weckt, dann ist es die Musik – und das ist für viele bestimmt auch schon eine gute Nachricht.
© Apple TV+/A24
Unsere Kritik zu Highest 2 Lowest
Ein ziemlich Original-getreues Remake eines Meisterwerks kann objektiv betrachtet eigentlich kein schlechter Film sein. Und so fängt auch Spike Lees Hommage Highest 2 Lowest (fast zu) perfekt den Geist des Kurosawa-Klassikers ein. Was natürlich die Frage bedingt, ob es diese Neuverfilmung gebraucht hat. Dem zeitlos-starken Gedankenexperiment und den Moralkonflikten fügt Lee kaum etwas hinzu, rechtfertigt aber doch mit der Verlagerung in eine andere Zeit und ein anderes Milieu bei gleichzeitig weiterhin funktionierenden Fragestellung doch die Existenz seiner Verbeugung vom dem Klassiker. Und sind wir mal ehrlich: Allein wegen Denzel Washington lohnt sich das Streamen ohnehin.
Highest 2 Lowest streamt seit 5. September 2025 bei Apple TV+
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

