Mit dem womöglich letzten Teil der Conjuring-Reihe kehren Ed und Lorraine Warren nach vier Jahren Abstinenz auf die Leinwand zurück. Doch sorgt der große Abschluss auch für Gänsehaut – oder ist gähnende Leere angesagt?
Conjuring 4: Das letzte Kapitel – darum gehts
Ed (Patrick Wilson) und Lorraine Warren (Vera Farmiga) nehmen einen besonders verstörenden Fall an: Jack (Elliot Cowan) und Janet Smurl (Rebecca Calder) ziehen 1976 mit ihren Kindern in ein neues Haus in Pennsylvania. Sie erfüllen sich damit ihren schon lange gehegten Traum vom Eigenheim. Doch schon bald häufen sich unerklärliche Vorkommnisse. Bis zum Jahr 1985 werden die Phänomene immer bedrohlicher, die Familie gerät immer näher an ihre Belastungsgrenze. In ihrer Not wenden sich die Smurls schließlich an die erfahrenen Ermittler für paranormale Erscheinungen, als die Ed und Lorraine Warren bekannt sind. Aus dem Ruhestand zurückgekehrt, stoßen die Warrens vor Ort auf ein Artefakt, das mit der Geburt ihrer Tochter Judy (Mia Tomlinson) in Verbindung steht und Erinnerungen an ihren allerersten Fall weckt. Die Ereignisse spitzen sich zu – es kommt zu einer letzten Konfrontation mit einem Dämon, der sie seit Jahrzehnten verfolgt.

Die Fehlerquelle im Conjuring-Universum
Ed und Loraine Warren, die seit über zehn Jahren das Herzstück der Conjuring-Reihe bilden, sind längst zu Kultfiguren stilisiert worden. Als paranormale Ermittler kämpften sie sich durch eine Tour de Force dunkler Mächte und retteten die Leben unschuldiger Familien. Inhaltlich zwar nie über das Mittelmaß hinaus, bot die Conjuring-Reihe in den Anfängen netten Spukhausgrusel: laute Jumpscares, kreative Kamerafahrten und schaurige Gestalten kamen zum Einsatz. Besonders die Fortsetzung optimierte viele Fehler seines Vorgängers und trieb den Mainstream-Horror auf die Spitze, denn viel stimmiger kann generischer Jumpscare-Horror nicht mehr werden. Dafür war vor allem James Wan zu danken, dessen Gespür für eine stimmige Inszenierung der spaßigen Eskalationsspirale das Publikum in seinen Bann zog – und über zwei Stunden unterhielt.
Mit den Jahren – und Fortsetzungen und Spin-Offs – ging diese Stärke jedoch zunehmend verloren. Das meiste davon enttäuschten, verwässerte das Franchise, welches zunehmend qualitativ abbaute. Einstweilen bestand es nur noch aus Auftragsarbeiten, die den Spaß der Wan-Titel strichen und nur noch ideenlos die breite Masse mit Jumpscare-Fastfood unterhalten sollten. Michael Chaves, der Regisseur, der La Lloronas Fluch, The Nun 2 oder Conjuring 3 zu Grabe getragen hat, ist also die letzte Hoffnung für Conjuring 4: Das letzte Kapitel?
Eine Entwicklung im Mainstream-Sumpf
Es zeigt sich: Michael Chaves hat sich deutlich gesteigert. Von dem Conjuring 3-Fauxpas ist kaum noch etwas zu spüren. Stattdessen erweist er sich als guter Handwerker, der seine Ideen und Anspielungen mit Bedacht zusammenklaubt und sich versiert in der Requisitenkammer der Warrens austoben darf. Statt Der Exorzist bis zum Stillstand zu zitieren oder gar zu kopieren, findet er eine halbwegs ausgewogene Mischung aus Referenzen und kreativen Neuerungen. Zwar steckt vieles der alten Essenz in Conjuring 4: Das letzte Kapitel, nur meint es Chaves zu gut mit den Ideen: Denn parallel probiert er das Conjuring-Gefühl zu revitalisieren, eine tiefgreifende und dramatische Geschichte zu erzählen, einen „Annabelle 4“-Ansatz auszubauen, zwei Handlungsstränge zu koppeln und potentielle Fortsetzungen in Form der klassischen Familien-Legacy auszubauen. Das Ergebnis funktioniert trotz vieler Probleme solide – doch der Streifen wirkt insgesamt zu überladen und vermengt zu viele Zutaten miteinander, die nicht unbedingt zusammenpassen.
Zwischen Erwartung und Ernüchterung
Erstaunlicherweise schlägt der Horrorfilm eine mutige Richtung ein, die man nicht hat kommen sehen. Abseits des neuesten Falls – der im klassischen Spukhaus-Schema verharrt und das Jumpscare-Gewitter nur lauwarm köchelt – nimmt sich Conjuring 4: Das letzte Kapitels erstaunlich viel Zeit für seine Figuren. Langsam, langatmig und langweilig etabliert der Film neue Charaktere in einer altbekannten Geschichte, die jedoch ungewohnt dramatisch erzählt wird. Besonders Patrick Wilsons Ed Warren erhält innerhalb des Familiengefüges eine schöne Facette abseits seiner Rolle als Geisterjäger, während auch die anderen Figuren mit mehr Ernsthaftigkeit gezeichnet werden. Chaves hält sich zurück und reduziert die Horrorelemente auf ein Minimum.
Das Resultat ist ein Film, der die Erwartungen sowohl unterläuft als auch vollends erfüllt. Das letzte Kapitel liefert, was Fans wollen – mit Einschränkungen. Horror, Action und Gruselattraktion bleiben zurückhaltend. Im Vergleich zu den ersten beiden Teilen wirkt der Film deutlich zahmer und selbst gegenüber Conjuring 3 noch eine Spur langsamer. Tatsächlich bildet nur ein Handlungselement klassischen Geisterhorror und fungiert mehr als Rahmenhandlung, denn als Herzstück. Stattdessen rücken Vorhersehbarkeit und das schwere Erbe der Warrens in den Mittelpunkt – und langweilen nicht zu Unrecht ein Publikum, das nach Jumpscares lechzt.

Das Herz der Reihe
Auch wenn es halbwegs erfrischend ist, einen Conjuring-Film zu sehen, der die gewohnten Normen verlässt, funktionieren die bekannten Stärken weiterhin: Vera Farmiga und Patrick Wilson überzeugen erneut mit spürbarer Spielfreude und Körpereinsatz. Visuell ist dieser Abschluss sogar der bislang schönste Teil der Reihe. Mit genügend Filmkorn und 80er-Jahre-Charme wirkt das Setting stimmig, detailreich und konsequent umgesetzt. Sets, Worldbuilding und Kostüme sind überzeugend und tragen erheblich zur Glaubwürdigkeit in der Unglaubwürdigkeit bei. Chaves versteht es, mit diesem Stil zu spielen. Er wechselt Formate, nutzt authentisches Filmmaterial und steigert so die Atmosphäre. Auch die Dämonen setzt er solide ein. Wirklich gruselig wird der Horrorfilm zwar nie, doch spätestens im Finale lässt er eine unterhaltsame Rummelattraktion entstehen – inklusive breit ausgespielter Evil Dead-Hommage, kreativem Annabelle-Moment und einer markanten Schurkeninszenierung, die dem klassischen Horrortrott unerwartete Impulse verleiht.
© Warner Bros. Germany
Unser Fazit zu Conjuring 4: Das letzte Kapitel
Fast schon untypisch für die Reihe erzählt der vierte Conjuring-Ableger ein solides Drama in den plattgetretenen Genrepfaden des klassischen Horrorfilms. Für Fans gibt es zwar erneut gelungenes Conjuring-Material, um die zähe Handlung gelegentlich aufzuwirbeln und das jüngere Publikum kurz aufschrecken zu lassen – doch Kenner werden Das letzte Kapitel kaum mehr als ein nettes Schulterzucken abgewinnen. Für mehr ist der Film zu zahm, zu arm an echten Überraschungen und mit über zwei Stunden zu langgeraten. Das letzte Kapitel ist ein zufriedenstellendes Finale und nicht so schlecht wie die vielen lieblosen Spin-offs. Dafür sind die Darsteller zu gut, die visuelle Qualität zu wertig, das Finale zu verspielt – und ein paar Einfälle immerhin ambitioniert genug, um nicht völlig in der Belanglosigkeit zu versinken.
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“

