In Identitti sucht eine junge Studentin mit indisch-polnischen Wurzeln ihren Platz in der Gesellschaft. Spiegelt das Porträt, die Lebenswirklichkeit junger Menschen mit Migrationshintergrund realistisch wider oder kann die Romanadaption diese Erwartung nicht erfüllen?
Identitti – That’s the Story:
Die Universität Düsseldorf gerät weltweit in die Schlagzeilen: Die gefeierte Professorin Saraswati (Stephanie Eidt), die sich als „Person of Colour“ ausgibt, ist in Wahrheit weiß! Studentin Nivedita (Amanda Babaei Vieira), auch bekannt als Podcasterin „Identitti“, hat ein altes Foto von Saraswati gefunden und deckt damit deren Lebenslüge auf. Das Foto gelangt in die sozialen Medien, und der Skandal um Saraswatis Identitätstäuschung nimmt seinen Lauf. Während in der Presse und online gehetzt wird und man ihre Entlassung fordert, begibt sich Nivedita auf die Suche nach den Motiven für Saraswatis jahrelangen Betrug. Dabei begegnet sie Kaali (Sabrina Setlur), ihrem eigenen Alter Ego, und gerät in einen politischen wie persönlichen Konflikt, der sie zwingt, nicht nur Saraswatis Identität, sondern auch ihre eigene zu hinterfragen.

Rhythmische Sprachgymnastik
Nivedita ist in Deutschland geboren, ihr Vater stammt aus Indien und ihre Mutter aus Polen. Seit ihrer Kindheit sucht sie nach Verbundenheit, findet sie aber nicht. Ihr Freundeskreis nennt sie „Kokosnuss“ – eine fiese Anspielung auf die unterschiedlichen Hautfarben ihrer Eltern. Erst im Studium findet sie wortwörtlich ihre Stimme und führt die Hörerschaft ihres Podcasts Identitti in die Welt einer „Mixed-Race-Wonder-Woman“ ein. Dabei imitiert sie sichtlich die Manierismen ihres großen Vorbilds, Professorin Saraswati.Die eloquente Akademikerin inszeniert sich gerne selbst als feministische Menschenrechtlerin. Ihre Seminare sind keine klassischen Vorlesungen, sondern Aktionskunst.
Zu Beginn des Semesters wirft sie als Symbol der Befreiung gerne alle Menschen mit weißer Hautfarbe aus dem Hörsaal. Während die übrigen Studierenden ihre Worte mit rhythmischen Tanzbewegungen unterstreichen, verwandeln sich die Verstoßenen kurioserweise in Zombies. Eines wird durch diese Szenerie schnell deutlich: Identitti widersetzt sich den üblichen narrativen Mustern des Genres.
Mixed-Genre-Wunder-Tüte
Die vermeintlich einfache Coming-of-Age-Geschichte verbindet Drama, absurde Komödie und Politthriller mit Elementen aus Horror, Berichterstattung und indischem Kino. Obwohl zahlreiche filmische Stilmittel kreativ in die Geschichte eingebunden werden, erinnert vieles an eine experimentelle Theateraufführung. Die Inszenierung von Regisseurin Randa Chahoud passt zum inneren Zustand ihrer Hauptfigur, ist aber bisweilen befremdlich und anstrengend anzusehen. Da es nicht immer eine klare Abgrenzung zwischen Fantasie und Wirklichkeit gibt, führt dies desöfteren zum Bruch mit dem realen Setting. Manchmal siegt auch der Stil über die Substanz. Ein Handlungsstrang um einen Zahnarzt zollt Bollywood Tribut, läuft aber inhaltlich komplett ins Leere.
Mehr Budget hätte Identitti an der einen oder anderen Stelle gutgetan. Die wenigen digitalen Effekte können nicht überzeugen und die Cinemagraphie erinnert noch zu sehr an eine Fernsehproduktion. Andererseits werden die finanziellen Einschränkungen kreativ eingebunden. Um den westlichen Blick auf andere Kulturen zu verdeutlichen, kaschiert die Kamera nicht, dass es sich bei der vermeintlichen Wüste um eine Sandkuhle handelt.
Wenn zwei Welten kollidieren
Bisweilen arg verkünstelt vermittelt Identitti die richtigen Botschaften zur rechten Zeit. Die Debatte um kulturelle Aneignung, Identität und Zugehörigkeit wird aus der Perspektive von unmittelbar Betroffenen geführt. Wir verstehen ihre Probleme, kapitulieren vor der Komplexität des Themas und begreifen, warum es in sozialen Medien gerne vereinfacht wird. Im letzten Drittel trifft die akademische Welt auf die harte Realität. Der gewünschte Schockeffekt tritt ein, obwohl dem schlimmstmöglichen Ausgang aller theoretischen Überlegungen zugunsten einer kürzeren Laufzeit und eines versöhnlichen Endes weniger Raum gegeben wird.
So sinnvoll es auch ist, bei der Thematik Fiktion und Fakten miteinander zu kombinieren, organisch fühlt es sich nicht an. Unterbrochen von realen Nachrichtenbildern verschiebt sich der Fokus. Figuren verschwinden, die beiden Handlungsstränge werden nur notdürftig zusammengeführt und die Inszenierung verliert abrupt ihren spielerischen Charakter. Im gleichnamigen Roman von Mithu Sanyals wird dieser Bruch durch klar voneinander getrennte Abschnitte aufgefangen. Da die Umsetzung von Chahoud stark an eine Theateraufführung erinnert, hätte es sich angeboten, diese Struktur zu übernehmen.
Die neue S-Klasse
Nivedita ist orientierungslos. Umgeben von Leitwölfinnen muss ihre junge Darstellerin Amanda Babaei Vieira dementsprechend unsicherer agieren. Das hat zur Folge, dass sie im überwiegend weiblichen Ensemble zu Beginn nicht die schillerndste Figur ist. Ihr Charakter entwickelt sich erst im Laufe der Handlung zu einer eigenständigen Person mit klaren Zielen. Richtig scheinen kann sie im Zusammenspiel mit einem Gegenüber. „Ich habe vielleicht nicht die richtigen Worte dafür, aber du hast was getan!“, schreit sie ihrem Idol in einer ihrer stärksten Szenen entgegen und bricht dabei in Tränen aus.

Die Nebenfiguren sind eindimensionaler geschrieben, besitzen dafür mehr Charisma. Stephanie Eidt lässt sich als selbstverliebte und redegewandte Professorin von niemandem einschüchtern. Sabrina Setlur verleht dagegen – angelehnt an ihre frühere Bühnenfigur Schwester S – der Göttin Kaali eine bedrohliche Präsenz. Während man der einen an den Lippen hängt, geht man der anderen lieber aus dem Weg.
Neben vorgegebenen Dialogen gab es auch Raum für Improvisation. In einem bewegenden Gespräch mit seiner Filmtochter Nivedita griff beispielsweise der Schauspieler Murali Perumal auf selbst erlebte Demütigungen zurück, was das Erzählte umso bitterer wirken lässt. So hält Identitti einer Gesellschaft, die immer weiter nach rechts abdriftet, den Spiegel vor und regt zum Umdenken an. Bleibt nur zu hoffen, dass diese auch bereit dazu ist.
© Razorfilm/Alamode Film
Unser Fazit zu Identitti
Die Identitätssuche junger Menschen mit Migrationshintergrund ist ein wichtiger gesellschaftlicher Aspekt, der viel zu selten aus der Perspektive von Betroffenen erzählt wird. Identitti gibt ihnen eine Stimme, behandelt die Problematik allerdings etwas zu umfassend für die begrenzte Spieldauer.
Die vielen Genreanleihen und optischen Spielereien unterstreichen die Komplexität der Thematik, können aber auch abschrecken. Regisseurin Randa Chahoud versucht, sich mit einer stark von Performance Art geprägten Inszenierung vom Mainstream abzusetzen. Das ist natürlich legitim, zugleich aber eine verpasste Chance, den Sachverhalt einem größeren Publikum zugänglich zu machen.
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

