In den letzten Jahren erlebte der Desktop-Film einen regelrechten Boom. Von Searching bis hin zu War of the Worlds mit Ice Cube wurden die unterschiedlichsten Genregrenzen von Direct-to-Video bis Kino allein in den letzten Jahren ausgereizt. Doch kann LifeHack das heute etablierte Erzählformat mit dem Heist-Film kreuzen – und ihm damit ein Upgrade verpassen?
Darum geht’s in LifeHack
Kyle und seine Freunde haben ein Hobby, das man nicht unbedingt in der Schule vorstellt: sie verbringen ihre Tage damit, im Netz Betrüger abzuziehen, Sicherheitslücken ausfindig zu machen und sich aus purer Neugier in streng geheime Sicherheitssysteme zu hacken. Als die Gruppe das Krypto-Imperium eines fiesen Tech-Milliardärs ins Visier nimmt, scheint der Riesen-Jackpot nur noch ein paar Klicks entfernt. Doch leider geht der Plan nach hinten los: Die ebenso brillante wie skrupellose Tochter des Milliardärs kommt ihnen auf die Schliche und stellt sie vor ein hartes Ultimatum: Entweder sie stehlen für sie das Vermögen ihres Vaters oder das Leben der vier Teenager geht todsicher den Bach runter.
Ein Mann, ein Genre
Kaum jemand ist wohl so sehr zum Markenzeichen eines einzelnen Subgenres geworden wie Timur Bekmambetov. Ähnlich wie Jason Blum, der mit seinem Studio Blumhouse den Mainstream-Horror in Großproduktionen nahezu konkurrenzlos auf seinen Schultern trägt, steht Bekmambetov für die digitalen Abenteuer auf den heimischen Bildschirmen ein. Über die Jahre entstanden aus seiner Hand verschiedenste Ausflüge in die Untiefen des sogenannten Desktopfilms. Was anfangs vor allem durch seine formale Konsequenz und innovative Erzählweise bestach, entwickelte sich jedoch mit der Zeit zu einer gewissen Beständigkeit – und damit auch zu einer Erwartbarkeit. Denn ästhetisch und inszenatorisch ähneln sich die Vertreter des Subgenres zwangsläufig und bewegen sich innerhalb eines vergleichsweise engen Korsetts. Das funktionierte mit Searching zunächst noch im Kino, verlagerte sich binnen weniger Jahre jedoch zunehmend in den Direct-to-Streaming/Video-Bereich.
Ein Merci nach Mercy
LifeHack hievt den Desktopfilm nimmt nun, ähnlich wie Mercy als Januar-Resterampe, erneut in die Kinos. Doch ist diese Entscheidung auch berechtigt? Blickt man auf die letzten Thriller dieser Art zurück, wahrscheinlich nicht. Zum Glück beweist LifeHack gegenteiliges. Denn Regiedebütant Ronan Corrigan fängt sein Szenario aus einer ganz neuen Perspektive ein und vereint – wie man es von diesen Filmen inzwischen kennt – zwei zunächst unvereinbare Genres zu einem stimmigen Ganzen. Während Mercy den Desktop-Thriller noch zu einem großen Experiment ausweitete und ausprobierte, wie sich die Bildschirmtechnik in Größe und Umfang optimieren lässt, vermengt LifeHack die Laptop-Perspektive nun mit einem Cyber-Heist. Soll heißen: Der Coup findet sowohl digital als auch vor Ort statt. Was zunächst nach einem Widerspruch klingt, erweist sich als cleverer Kniff.
Ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Erwartungen
Dabei stellt LifeHack zielführend und ohne Umwege eine Verbindung zu seiner intendierten Zielgruppe her. Videospiele, Discord-Sessions, in die Nacht hineinleben und das eigene Leben nicht in den Griff bekommen – viel pointierter könnte die Perspektive von Nerds am Scheitelpunkt zwischen Jugend und Erwachsenwerden kaum eingefangen sein. Zwar gewährt LifeHack seinen Figuren immer wieder tragische Einblicke in deren reales Leben, erzählt von zerstörten Familienbildern, Drogenabhängigkeit oder Depressionen und liefert damit Beweggründe, warum sie tagtäglich in die digitale Welt flüchten. Gerade vor diesem thematischen Hintergrund erweist sich insbesondere der erste Akt als angenehm kurzweiliges, lustiges, durchaus sympathisches, aber eben auch tragisches Genrespiel, das seine durchdachte Figurendynamik erstaunlich glaubwürdig und emotional gebrochen zeichnet.
Die Essenz des Drehbuchs, die LifeHack somit als eine Art Ocean’s Eleven für Gen Z begreift, stellt sich dabei als genreweisend heraus. Was mit kleinen illegalen Internettaten beginnt, entwickelt sich mit jedem „Erfolg“ zu einem immer größeren Coup – bis schließlich die Millionen in Cryptowährung ins Visier genommen werden. Dabei fängt der Thriller jene Adrenalinschübe und Euphorie-Höhepunkte ein, die dem Zuschauer das Gefühl vermitteln, nach den Sternen greifen zu können und plötzlich unendlich viele Möglichkeiten vor sich zu haben. Somit fühlt man sich unweigerlich mit den Charakteren verbunden, ist direkt ins Geschehen integriert, leidet und freut sich mit Ihnen. Ronan Corrigan erzeugt dieses Gefühl mit beeindruckender Konsequenz und zwängt seine gut geschriebenen Charaktere in Szenarien hinein, die gerade durch ihre Drastik und Kompromisslosigkeit begeistern. Besonders dann, wenn der Laptop verlassen wird und Aufträge in der realen Welt unter absolutem Zeit- und Stressdruck ausgeführt werden müssen, überträgt LifeHack seine Anspannung unmittelbar auf das Publikum selbst.
Von Good Time…
Mit der Ambivalenz, wie weit man gehen kann, ohne dass alles aus dem Ruder läuft, lotet die Freundesgruppe ihre Grenzen aus – im (in)aktiven Bewusstsein darüber, dass am Ende des Tages auch das Gefängnis als Konsequenz stehen könnte. Dieser Übergang von leichtfüßig zu schweißtreibend-intensiv gelingt LifeHack dabei, ohne dass man ihn wirklich bemerkt. Subtil schleicht sich die Ernsthaftigkeit in die vermeintlich harmlose Cyberkriminalität ein, bis sie schließlich in eine Situation gezwungen werden, in der sie die Tragweite ihres Handelns erstmals wirklich spüren. Auf einmal geht es um alles oder nichts. Nicht mehr um Jugendliche, die sich in Videospielen verlieren, sondern um Menschen, deren digitale Spielereien plötzlich reale Konsequenzen haben. Genau dadurch gelingt es der Narrative, dem Subgenre trotz eines vertrauten Settings neue Töne zu entlocken.
… bis Der schwarze Diamant
Ronan Corrigan meistert diesen Balanceakt hervorragend. Fast schon Safdie-like verschwitzt, unangenehm und adrenalingeladen. Jeder Schritt, jede Entscheidung und jeder noch so kleine Baustein wird glaubwürdig in diese eskalierende Reise eingewoben. Gleichzeitig geht LifeHack erstaunlich tief in die Mechanismen des digitalen Diebstahls zwischen Cryptowährung und Hacking. Wie man an sensible Daten, Mails und Passwörter gelangt, Identitäten übernimmt oder Personen digital manipuliert, wird mit einem derartigen Fingerspitzengefühl vermittelt, dass selbst Zuschauer, die mit der komplexen Thematik bislang wenig anfangen konnten, immer wieder „Aha“-Momente erleben dürften.
© Studiocanal/ Bazelevs Entertainment Limited and Screenlife Liverpool Limited
Unser Fazit zu LifeHack
Ein Desktop-Thriller der anderen Art! Dramatisch, rasant und extrem fesselnd. LifeHack nutzt die Formel des Desktopfilms als Sprungfläche für einen Thriller, wie es ihn in dieser Form und Ausführung wohl noch nicht gegeben hat. Angereichert mit altbekannten wie innovativen Desktop- und Heist-Elementen, ist der Grundbausatz zwar vertraut, seine Ausführung jedoch deutlich weiter gedacht. Ronan Corrigan formt daraus einen mehrdimensionalen, plausibel strukturierten, sozialkritischen und sehr gut gespielten Genrefilm, der gerade als Debüt mit genügend Präzision und Fingerfertigkeit daherkommt, um dem Desktopfilm nötigen Schwung zu verleihen und vergleichbare Vertreter in den Schatten zu stellen. Dabei hält LifeHack die Spannungsschraube permanent auf Anschlag und verwandelt den Laptopbildschirm in eine aktive Kommandozentrale, wodurch sich der Zuschauer unweigerlich mitten im Heist wiederfindet.
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“
