Durfte Adam Wingard in den letzten Jahren sein Talent an den beiden Aufeinandertreffen von Godzilla und Kong in handschriftlosem Big-Budget-Bombast verschwenden, kehrt er nun mit Onslaught zu seinen Wurzeln zurück. Doch gelingt ihm der Schritt von Kaiju-Action zurück in die Genregefilde der 80er Jahre?
Darum gehts in Onslaught
Nach einem fehlgeschlagenen Militärexperiment zieht eine Einheit genetisch modifizierter Supersoldaten eine Spur der Verwüstung durch das amerikanische Hinterland. Ausgerechnet Army-Veteranin Celeste (Adria Arjona) stellt sich ihnen mit maximaler Energie entgegen. Denn um eine Killermaschine aufzuhalten, musst du selbst zur Killermaschine werden!

Back on Track
Adam Wingard ist für ein vielfältiges Portfolio jeglicher Qualitätsstufen bekannt. Von verhassten Unikaten wie seiner Death Note-Adaption und vermeintlichen Fehlzündungen wie dem Blair Witch-Remake über geschätzte V/H/S-Episoden und Kultfilme wie The Guest und You’re Next bis hin zu Mainstream-Magneten wie den Godzilla vs. Kong-Filmen. Dabei ist seine Filmografie mal mehr, mal weniger erfolgreich verlaufen, jedoch stets mit Herz- oder ersatzweise Kunstblut versehen und vor allem dank eines untypischen Werdegangs stets mit Grundinteresse verbunden. Nach nun einem Jahrzehnt voller Massenvernichtungen, die nur selten wirklich zu überzeugen wussten, kehrt er dem wieder den Rücken zu: Denn ohne Godzilla oder Anime-Hassbotschaften im Schlepptau geht Onslaught back to the roots – in eine totgeglaubte Form des Films eines beinahe totgeglaubten Filmemachers.
Der Inbegriff eines B-Movies
Onslaught startet unmittelbar mit hanebüchenen Drehbuchentscheidungen, die absurd wie genial erscheinen und Fans von 80er-Jahre-Trash abholen werden. Alles am Geschehen wirkt zwar ab der ersten Minute aufgesetzt, nur halbdurchdacht, letztendlich wenig greifbar und forciert konstruiert – doch genau das ist die folgerichtige Konsequenz daraus, den Slasher-Prototypen als veraltetes Medium mit all seinen Stärken und Schwächen zu begreifen, dessen Einzelteile selektiert, umgeformt und zugleich klassisch rekonstruiert wie bedient werden müssen. Schließlich bestach das Subgenre nie durch glaubwürdige Geschichten, gute Figuren oder konsequente Szenarien, sondern in erster Linie durch die Unterkomplexität eines linearen Narrativs um Killer und Opfer.
Jeder potenziellen Kritik zum Trotz entscheidet sich Onslaught damit immer wieder für die genretypischen Unstimmigkeiten, aus denen Wingard einen Bilderbuch-Slasher der 80er Jahre zaubert, der bei einem damaligen Release heute Kultstatus hätte. Aus dieser bereitwilligen Entscheidung, Fehler auszuhebeln wie einzugehen, die einiges an Angriffsfläche offen zur Schau stellt, schafft er einen formal geradlinigen, klassisch aufgebauten, aber auch nicht minder schwachsinnigen Horrorfilm. Das kann gefallen oder verärgern, ist jedoch mit viel Vorlagenliebe versehen, die zu begeistern weiß. Wingard scheut dabei vor keinen Klischees zurück und ist sich keinesfalls zu schade, ins Groteske und Surreale abzudriften, weswegen Onslaught unweigerlich in B-Movie-Sphären kulminiert.

The Terminator Chainsaw Massacre
Ohne Rücksicht auf Verluste vermengt Wingard seinen Slasher zu einer Mixtur aus Terminator, The Texas Chainsaw Massacre, Universal Soldier und beliebigen Carpenter-Blaupausen von The Fog über Halloween bis Vampires, die sich in feinsäuberlich durch die Genres mausert – und schafft dabei ein hervorragendes Sammelsurium verschiedenster Stimmungsbilder, Einflussquellen und Ausgangsmaterialien, die zu einem eigenwilligen, organischen und eigenständigen Genre-Guss verschmelzen. Ist Onslaught nun Horror- oder Action, Slasher oder Science-Fiction, Comedy oder Familendrama – oder irgendetwas dazwischen? Die Ungewissheit des Publikums darüber, was der Genrefilm eigentlich sein will, erweist sich als effektiver Crowdpleaser. Vor allem ist er aber entgegen jeglicher Befürchtungen eine kreative und weitgehend losgelöste 80er-Jahre-Spätzündung, die mit kernigen Actionszenen und einer dichten Atmosphäre auf sich warten lässt und gerade im Showdown eine praktische und ungezügelte Härte auffährt, die einige blutleere Kills entlastet.
Ein innovativer Slasher?
Der fantastische Synth-Score, die körnige Retro-Optik und die audiovisuellen Qualitäten lassen die Augen, ähnlich wie die der Supersoldaten, regelrecht aufleuchten. Denn Onslaught ist auf technischer Ebene ein nahezu makelloser Genrebeitrag. Die soliden Sets, toll ausgeleuchteten Szenarien und die Darstellung der Antagonisten, die mit dem Nebel umherziehen oder im Call of Duty-Stil einen Supermarkt dem Erdboden gleichmachen, bis hin zu simpelsten Szenen in Innenräumen, Zentralen oder Bunkern werden von einer wundervollen Cinematografie und einer stilsicheren Regie zusammengehalten, die wenig nach viel aussehen lässt und den billigen Charme in kinotaugliche Bilder übersetzt – formvollendeter 80er-Jahre-Gestus.
Auch Wingards vom Godzilla-Set aufgegabelter A-Lister-Cast wirft sich erneut in Schale: Dan Stevens’ Psycho-Abbild eines Nazi-Doktors mit Wahnvorstellungen, Rebecca Hall als seine Gehilfin, Michael Biehns und Drew Starkeys Rollen als verschrobene Regierungsmarionetten sowie Adria Arijona als gescheiterte Mutter im Lead spielen allesamt mit absolutem Herzblut. Viele Darsteller werden leider nur als Randerscheinungen in die Handlung eingewoben und hätten problemlos gestrichen werden können, reißen die Szenen jedoch angenehm eigensinnig und überzogen cheesy an sich, sodass ihre Auftritte trotz inhaltlicher Knappheit und verschenkter Möglichkeiten in Erinnerung bleiben. Gerade die Subplots und seltsam genutzten Nebenschauplätze passen zur verschrobenen Welt, die zwar eindeutig den 80s-Vibe mit seinen Supersoldaten versprüht, mit Neo-Futurismus und Schusswaffen jedoch neue Slasher-Vehikel bedient und damit kleine Neuerungen in das ansonsten bekannte Subgenre einwebt.
Zwischen ermüdendem Trauma…
Nur macht es sich Onslaught etwas zu bequem. Wingard räumt der Mutter-Tochter-Beziehung zu spät und insgesamt zu wenig Raum ein. Arjona verkörpert ihre halb mütterliche, halb zur Kampfmaschine umfunktionierte Figur – irgendwo zwischen neuer Women-Empowerment-Ikone und Arnies Terminator, gezeichnet von Kriegstraumata – mit bemerkenswertem Körpereinsatz. Auch die Bindung zu ihrem Kind gelingt ihr durchaus glaubhaft und berührend. Nur bekommt Wingard daraus nicht viel mehr als eine oberflächliche Charakterisierung geformt. Für einen Slasher mag das ausreichen, für echte Begeisterung bleibt die austauschbare PTSD- und Familienebene allerdings zu blass und schematisch. Zumal sich das Drehbuch von Beginn an einen unmissverständlichen Ausweg vorschreibt, der zwangsläufig eingehalten werden muss, wodurch jeder Konflikt bereits entschärft wird, bevor er überhaupt ausgespielt wurde.

… und mangelnder Authentizität
Genau deshalb verkommen die Supersoldaten unweigerlich zur Lachnummer. Wingard inszeniert sie stets wuchtig, angenehm undurchsichtig und fügt entlastend ein, dass sie lediglich 60 Minuten bei vollem Bewusstsein agieren und observieren können. Was erklärt, warum ihre Durchsetzungskraft anfänglich brutal und kontrolliert wirkt, im späteren Verlauf und mit der Ankunft im Trailerpark jedoch zu zerfallen droht. Nur wird die Ebene um den Kräfteverlust nie wirklich erkennbar, weswegen es dem Pay-off vor allem an Glaubwürdigkeit und vor allem Schauwerten mangelt. Wingard limitiert die Action dadurch künstlich, verknappt Szenen und verheddert sich in Stümpertum, das er zuvor noch umgangen hat.
© Studiocanal
Unser Fazit zu Onslaught
Onslaught ist ein beachtliches Bewerbungsvideo für ein Genrekino, wie wir es viel öfter sehen sollten. Audiovisuell herausragend, handwerklich rund und von routinierter Schauspielklasse getragen, konterkariert er bewusst die Sehgewohnheiten seines Publikums. Wingard sucht nicht die großen Actionauswege wie in Universal Soldier, sondern vielmehr die Balance, kleine Zwischentöne mit einem Slow-Burn-Slasher zu einen, der durch genügend Härtespitzen brilliert und über die kompakten 92 Minuten hinweg seinen Figuren genügend Potenzial zur Entfaltung gibt. Dabei rekonstruiert und bespielt Wingard die gängige Slasher-Praxis ohne große Makel. Und das obwohl Onslaught seine Essenz aus den typischen Genre-Fehlern der 80er-Jahre-Vorbilder zieht, begeistert er gerade durch jene Stärken, die Slasher-Klassiker bis heute zeitlos machen. Kurzum: eine aus der Zeit gefallene Genrewohltat.
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“

