Sam Raimi ist nicht nur ein Name, der untrennbar mit dem Spider-Man-Franchise verbunden ist, sondern der dank Evil Dead auch als einer der Kult-Regisseure des Horror-Genre gilt.
Und da es nur alle Jubeljahre vorkommt, dass Sam Raimi einen neuen Film, noch dazu endlich wieder einen Horrorfilm herausbringt, war die Vorfreude auf Send Help groß.
Zu Recht?

Die Handlung von Send Help
Linda Liddle (Rachel McAdams) leistet in ihrem Job herausragende Arbeit, doch erhält sie dafür Anerkennung? Fehlanzeige, ihr sexistischer Boss Bradley Preston (Dylan O’Brien) verweigert ihr die Beförderung zur Führungsperson, den Linda aus ihrer Sicht absolut verdient hätte.
Doch die Machtverhältnisse kehren sich schlagartig um, als Linda und Bradley bei einer Business-Reise mit dem Flugzeug abstürzen und auf einer einsamen Insel stranden. Während Bradley noch durch seine Verletzungen außer Gefecht gesetzt ist, übernimmt Linda das Kommando, um Nahrung und Schutz zu finden.
Trotz der misslichen Lage kochen schon bald wieder die alten beruflichen Spannungen hoch. Nur sind diesmal die Karten neu gemischt. Wer behält am Ende die Oberhand in diesem blutigen Überlebenskampf? Und wie kommen sie von dieser verdammten Insel weg?
Willkommen zurück im Genre, Herr Raimi
Was Sam Raimi für das Horrorgenre geleistet hat, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Doch ehrlicherweise sind die Glanztaten aus den 80er-Jahren mittlerweile auch rund 4 Jahrzehnte her. Legen wir seine Marvel-Ausflüge einmal beiseite, so liest sich die Filmographie des Kult-Regisseurs in den letzten 20 Jahren doch arg dünn.
So war im Vorfeld auch nicht unbedingt abzusehen, was Send Help eigentlich für ein Film werden könnte, wäre da nicht der durchaus spaßige und enorm schwarzhumorige Drag Me To Hell (2009).

Denn auch dort kämpft die junge Bankangestellte Christine um eine Beförderung und einen attraktiven Job als Führungskraft. Um ihre Stärke zu beweisen, verweigert sie einer älteren Dame einen dringend benötigten Kredit und wird von dieser verflucht.
Was folgte, waren nicht nur fein inszenierte Grusel- und Schockmomente, sondern auch viel grotesker Humor mit überbordender, fast schon comichafter Gewalt. Soll heißen: Was Sam Raimi schon immer konnte, war die Lachmuskeln unweigerlich zu kitzeln mit Szenen, die eigentlich nicht zum Lachen waren.
Ähnliches passiert (wenn auch leider viel zu wenig) in Send Help. Ein Beispiel: Beim furios inszenierten Flugzeugabsturz wird einer der Passagiere aus dem Flugzeug geschleudert. Wäre das nicht schlimm genug, verhakt sich seine Krawatte an der Außenwand, sodass der Körper immer wieder unkontrolliert gegen das Fenster an Lindas Sitzplatz hämmert. Ihre Reaktion? Sie zieht erstmal die Sonnenblende herunter.
Eat the Rich, Geschlechterkampf und was der Zeitgeist sonst noch so hergibt
Send Help ist leider einer dieser gefälligen, aber hohlen Zeitgeist-Filme geworden, wie er wohl nicht „zeitgeistiger“ sein könnte. Der sexistische Arschloch-Boss Bradley hat die Firma natürlich von seinem Vater geerbt, ist aber selbst total unfähig, wie der Film im Späteren zeigen wird.
Als schnelle Charakterisierung seiner Person dient deshalb auch, dass er Mitarbeiterinnen nach dem Äußeren auswählt, statt auf ihre Leistung im Job zu schauen. Da fällt das notorische Mauerblümchen Linda natürlich total durch, wobei es bereits hier weh tut, wie lächerlich Rachel McAdams in ihrer Rolle auf „hässlich“ geschminkt ist.
So werden wir als Zuschauer klar auf eine Seite gelockt und freuen uns diebisch, dass die Machtverhältnisse auf der Insel einmal umgekehrt werden. Doch nach dem turbulenten Start versandet Send Help im wahrsten Sinne des Wortes mit seinen beiden Hauptfiguren auf der Insel.
Denn was Trailer und Synopsis schon ankündigten, wird hier ewig lange über fast zwei Stunden ausgespielt: Linda erstarkt zur Anführerin und darf den Arschloch-Boss mal so richtig auflaufen lassen. Das ist einmal lustig, zweimal auch, aber das Drehbuch hält so gar keine Ideen für den Mitteilteil des Films parat, um in das passable und blutig-unterhaltsame Finale zu kommen.
So passt Send Help eben gut in unsere Zeit, setzt Female Empowerment auf die 1 und nimmt den Superreichen endlich mal ihren grotesken Reichtum weg, aber wirklich etwas Substanzielles zu sagen, hat der Film nicht. Er ist geradezu harmlos und das in mehrfacher Hinsicht.

Send Help für ein besseres Drehbuch
Wer so sehr wie ich hoffte, dass Sam Raimi mit blutig-grotesker Gewalt überzeugt, der dürfte ebenso wie ich enttäuscht und arg gelangweilt auf die Leinwand schauen. Die Bezeichnung Horrorfilm verdient sich Send Help höchstens im Finale, da muss der im Trailer schon verbratene Eberkampf als kümmerliches Zwischenfutter auf dem langen Weg dorthin genügen.
Doch auch abseits dieser Hoffnung, für die der Film ja nicht so wirklich etwas kann, ist Send Help ganz schön unentschlossen und oberflächlich. Auch einen spannenden Überlebenskampf á la Cast Away hat das Drehbuch nicht im Sinn.
Nein, Linda Liddle hatte sich einst für eine Survival-TV-Show beworben und mutiert jetzt in Sekunden zur Expertin. Abgesehen davon ist die Insel so reichhaltig mit Nahrung und Wasser ausgestattet, dass Figuren und Zuschauer sich schon mehr wie in einer Urlaubssituation als in einer Notlage fühlen.
Letztendlich steckt in Raimis neuem Genrefilm also von allem etwas, ein bisschen Ekel und Gewalt, ein bisschen Survival-Feeling und ein bisschen Gesellschaftskritik. Bei dieser Ziel- und Orientierungslosigkeit wundert es nicht, dass Send Help in den notorisch schwachen Kinomonat Januar geschoben wurde, um wenigstens etwas Aufmerksamkeit zu kriegen.
Im Endeffekt ist dieses filmische Erfahrung also einfach bedauerlich: Bedauerlich für die zu lange Laufzeit von 2 Stunden mit schwankender Unterhaltung, bedauerlich, dass das hier Sam Raimis neuer Film ist und bedauerlich, dass der ordentlich und sympathisch aufspielende Cast ein so schwaches Drehbuch bekommt.
Ach und wer wie ich mit dem State of the Art von digitalen Effekten auf dem Kriegsfuß steht, der wird sich auch hier ärgern, wie schlecht (das heißt penetrant herausstechend) die Set Extensions auf der Insel oder der gesamte Flugzeugabsturz aussehen.
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Sam Raimi auf Sparflamme: Mit Send Help bekommen wir weder einen packenden Überlebenskampf auf einer einsamen Insel noch einen blutig-überzogenen Horrorspaß noch eine beißende, zum Nachdenken anregende Satire.
Wer für diesen unentschlossenen, oberflächlichen Genrefilm also fast 2 Stunden Lebenszeit nebst Kinokosten aufwenden will, sei hiermit vorgewarnt.