Wann wird es endlich wieder so, wie es niemals war, fragt man sich angesichts der Qualität mancher deutscher Kinoproduktion. Vielleicht versteckt sich ja hinter dem sperrigen Titel Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke eines dieser seltenen Highlights aus heimischen Gefilden, nach denen wir uns so sehr sehnen.
Darum geht es in Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Mit 20 wird Joachim unerwartet an der renommierten Schauspielschule in München angenommen und zieht in die Villa zu seinen Großeltern, Inge und Herman. Zwischen den skurrilen Herausforderungen der Schauspielschule und den exzentrischen, meist alkoholgetränkten Ritualen seiner Großeltern versucht Joachim seinen Platz in der Welt zu finden – ohne zu wissen, welche Rolle er darin eigentlich spielt.

Lückenlose Aufarbeitung der eigenen Biografie
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke bekommt wohl nicht den Preis für den griffigsten Titel des Jahres 2026. Doch auch sonst hat es Warner Bros. nicht leicht, das neueste Werk von Simon Verhoeven zu vermarkten. Verhoeven verfilmt den dritten Band der sechsbändigen Memoiren des Schauspielers Joachim Meyerhoff, der zwar hohe Verkaufszahlen vorweisen kann und sich am Theater ein beachtliches Renommee erarbeitet hat, dem Mainstreampublikum jedoch weitgehend unbekannt sein dürfte. Erschwerend kommt hinzu, dass die Verfilmung des zweiten Teils seiner Biografie – Wann wird es endlich wieder so, wie es niemals war – kein großer kommerzieller Erfolg war.
Auch die Trailer erinnern leider eher an eine typische dumm-deutsche Komödie als an eine berührende Selbstsuche mit brüllend komischen Szenen. Daher ein Appell: Lasst euch weder vom Titel noch vom Trailer – und schon gar nicht von der Unkenntnis der literarischen oder filmischen Vorgänger – abschrecken. Verhoeven, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, löst sich vollständig vom zuvor Erzählten. Lediglich Devid Striesow und Laura Tonke kehren als Joachims Eltern zurück.
Neue Wege zum bekannten Ziel
Der Stoff hätte sich mühelos für eine leichtfüßige Komödie nach bekanntem Muster angeboten, folgt er doch der vertrauten Geschichte eines Außenseiters auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft. Wie konsequent Verhoeven inzwischen Erzählkonventionen meidet, ließ sich bereits in seinem letzten Werk Alter weißer Mann erkennen. Was auf den ersten Blick wie ein Cringe-Fest par excellence wirkte, entpuppte sich als clevere Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen.
Mit Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke geht Verhoeven diesen Weg nun konsequent weiter und bricht allzu Vertrautes auf. Die obligatorische Liebesgeschichte fällt nahezu vollständig weg, ein klassischer dramatischer Höhepunkt bleibt aus – und doch ist die Erzählung alles andere als ereignislos. Verhoeven widersteht auch dem Drang, die 80er-Kulisse für billige Nostalgie auszuschlachten. Stattdessen spielt er geschickt auf unserer Gefühlsklaviatur und lässt Lachen und Weinen kontinuierlich ineinander übergehen. Besonders bemerkenswert ist die Inszenierung des tragischen Schicksals von Joachims Bruder gleich zu Beginn: Obwohl man der Figur nie begegnet, entfaltet ihr Tod eine spürbare emotionale Wirkung.
Inszenatorisch werden ebenfalls die ausgetretenen Pfade des Genres verlassen: Dank kreativer Szenenübergänge und dichtem, visuellem Storytelling wundert man sich zunächst über den massiven Einsatz von Voice-Over. Doch am Ende wird deutlich, dass dieser vermeintliche Widerspruch eine wohlüberlegte Verbeugung vor Meyerhoffs Schreibstil ist. Trotz aller stilistischer Experimente bleiben Botschaft und Ausgang der Geschichte aber vertraut – manchmal ist eben der Weg das Ziel.

Tragik ist Komik in Spiegelschrift
Joachim (Bruno Alexander) soll mit seiner Schauspielgruppe eine Maschine darstellen, doch ihm fällt es schwer, ein Rädchen im System zu sein. Den Grund dafür erfahren wir unmittelbar: Sein Bruder ist vor Kurzem bei einem Autounfall gestorben, und Joachim hält es zu Hause nicht mehr aus. Er möchte in München neu anfangen und Schauspiel studieren. Doch schnell erkennt er, dass nicht jedem Anfang ein Zauber innewohnt.
Dementsprechend skurril und absurd wirken die Figuren und Situationen auf ihn. Anfangs erinnert vieles an ein Werk von Loriot: Joachims Oma (Senta Berger) kauft sämtliche Schildkrötensuppendosen Münchens auf, während sein Opa (Michael Wittenborn) davon spricht, innerlich Sport zu treiben. Seine Schauspielkurse wiederum gleichen mitunter Monty-Python-Sketchen. Doch je mehr unser Protagonist seine eigene Stimme findet, desto leichter kann er sich den Gegebenheiten anpassen. Die Figuren werden zu Menschen, und das Absurde weicht der Normalität. Die Trennschärfe zwischen dem scheinbar Gegensätzlichen verschwindet mit fortschreitender Laufzeit und verschmilzt zu einem stimmigen Ganzen. So funktioniert starkes Erzählen in einer auf den ersten Blick banalen Geschichte.
Das Theatersetting verleiht dem Ganzen zudem eine Meta-Ebene: Schon Shakespeare wusste, dass die ganze Welt Bühne ist und alle Frauen und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und ab, ihr Leben lang spielen sie manche Rollen über sieben Akte hinweg.
Junger weißer Mann
Dass die Geschichte so gut funktioniert, liegt jedoch nicht allein an Regie und Drehbuch. Ein Film über Schauspieler braucht eine starke Besetzung – und genau die kann Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke auffahren: Bruno Alexander (Die Discounter) spielt seine komplexe Rolle hervorragend. Mühelos bildet er ein breites emotionales Spektrum ab – besonders eindrucksvoll ist seine Interpretation von Soft Cells Klassiker Tainted Love – und nimmt das Publikum dabei stets mit. Einen permanenten Zugang zu seinen Gedanken bräuchte es dabei eigentlich gar nicht. Selbst abseits seines tragischen Verlustes schafft Alexander mit großer Leichtigkeit Identifikation, obwohl die wenigsten Zuschauer:innen einen direkten Zugang zu Joachims privilegierter Welt haben dürften. Bleibt zu hoffen, dass er sein enormes Talent künftig nicht in schlechteren Produktionen verschleudert.

Senta Berger (Willkommen bei den Hartmanns) und Michael Wittenborn (Im Westen nichts Neues) vollziehen innerhalb der Handlung überzeugend die Transformation von Karikaturen zu menschlichen Sympathieträgern. Die Nebenfiguren sind ebenfalls passend besetzt: Bekannte Gesichter wie Caroline Herfurth, Tom Schilling oder Victoria Trauttmansdorff glänzen in kurzen Auftritten und schaffen unvergessliche Momente, indem sie Schauspielschüler:innen in Spaghetti, geile Hexen oder Popstars verwandeln.
Zusammengefasst könnte man sagen: Simon Verhoeven und Joachim Meyerhoff können mit Lücken ihr Publikum beglücken.
© Warner Bros. Entertainment Inc
Unser Fazit zu Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke werdet ihr rufen, wenn ihr euch dieses Kleinod entgehen lasst – sofern euch das sehr deutsche Milieu der Münchner Oberschicht in den 80ern nicht abschreckt. Wer sich jedoch auf Meyerhoffs Geschichte einlässt, darf sich auf fantastisches Schauspielkino in wunderschöner Optik sowie einige der witzigsten und emotionalsten Szenen dieses Kinojahres freuen.
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

