Die erste Netflix-Produktion aus Deutschland im Jahr 2026 ist eine Agententhriller-Serie. Kann das deutsche Original Unfamiliar mit der internationalen Konkurrenz mithalten?
Darum geht es in Unfamiliar
Die einstigen Top-Agenten Meret (Susanne Wolff) und Simon (Felix Kramer) betreiben mitten in Berlin ein geheimes Safe House. Als sie eines Tages von einer längst begraben geglaubten Bedrohung eingeholt werden, müssen sie sich plötzlich Auftragskillern, russischen Agenten, dem BND und gefährlichen Ex-Lovern stellen und dabei versuchen, ihre große Lebenslüge zu schützen, die sie alles kosten könnte: Ihre Familie, ihre Ehe und ihr Leben.

***Dieser Beitrag basiert auf den ersten drei von insgesamt sechs Folgen, die vorab zur Verfügung standen.***
Die deutsche Antwort auf The Americans?
Top-Agenten haben sich zur Ruhe gesetzt – beziehungsweise sind in die zweite Reihe zurückgetreten -, leben nun nach außen hin ein „normales“ Leben als Paar mit Kindern und werden plötzlich gezwungen ihr altes Dasein wieder aufzunehmen. Das wurde schon häufig so oder so ähnlich zur Ausgangslage von Film und Serie. Beispiele sind: Tonal zwar ganz anders, aber in der Sache vergleichbar bei Apple mit den inzwischen zwei The Family Affair-Filmen mit Mark Wahlberg und Michelle Monaghan und tonal ähnlicher wie nun in Unfamiliar aber in einen anderen Konfliktkontext eingebettet in der gefeierten Serie The Americans.
Doch in Deutschland, genauer in Berlin, mit den hiesigen politischen Backgrounds und heimischem Personal ist die neue sechsteilige Netflix-Serie doch nochmal eine umfassende Neubetrachtung dieser Formel. Die Frage ist wie so oft: Können die Macher das Potenzial nutzen? Denn wie die letzten Jahren zeigen, kann es gar nicht genug Agententhriller geben, aber in der Masse muss man sich umso mehr durch Qualität zu profilieren wissen.
Pulsierende Spannung von Sekunde eins
Die neue Show steigt unmittelbar und ohne Anlauf ein. Bevor man überhaupt die Hauptfiguren kennenlernen kann, sieht man bereits gefühlt dabei zu, wie ihre inszenierte Realität in sich zusammenfällt. Begleitet von einem unheimlich treibenden, aber nicht zu aufdringlichen Score überzeugt die Pilotfolge von Unfamiliar vom ersten Moment an mit einer düsteren, aber erstaunlich unaufgeregten Atmosphäre, die dennoch zu jeder Zeit ein Gefühl der Paranoia ans Publikum weiterzugeben schafft. Ein nächtlicher Wettkampf gegen … ja gegen was eigentlich? Erst peu á peu wird klar, um was es geht, wer hier wen warum mutmaßlich verfolgt und das wir mitten drin sind in der Welt der Geheimdienste und des politischen Verbrechens.
Schon mit Kleo hat sich eine deutsche Netflix-Produktion in dieses Subgenre vorgewagt, doch selbst den historischen Kontext ausgeblendet, ist dies nun von der Gangart her nochmal deutlich roher, härter und kühler, weil man eben keine leicht naive Identifikationsfigur zur Seite gestellt bekommt, sondern die beiden eiskalten Profis, die tatsächlich immer wieder an die Dynamik zwischen Keri Russell (Diplomatische Beziehungen) und Matthew Rhys (The Beast in Me) in The Americans erinnern. Während es mangels derer Gefühlsregungen nach außen hin erstmal schwer fallen kann, mit diesen Protagonisten mitzufiebern, schaffen sie es aber doch glaubhaft zu vermitteln, wie viel ihnen das Familienleben und das Wohl der ihren bedeutet, wodurch man dann doch schnell mit ihnen bangt.
Bekannte Gesichter in ungewohnten Rollen
Susanne Wolff und Felix Kramer sind in dieser Konstellation überaus effektiv und perfekt gecastet, weil man ihnen komplett die Einsatzvergangenheit und die damit einhergehenden Fähigkeiten abkauft. Etwas überraschender hingegen ist aber dann beispielsweise, wie furchteinflößend Samuel Finzi sein kann, wenn er mal in einer so ernsten Produktion dabei sein darf. Doch alles in allem ist schon mal der Cast eine der Stärken von Unfamiliar, die direkt auffällt, weil man sehr gut den Spagat zwischen doch einigermaßen bekannten deutschen Stars und einer Abstraktion zu deren vermeintlich typischen Rollen schafft. Denn: Auch wenn das Setting (überwiegend) Berlin, die Sprache und die Besetzung deutsch sind, fühlt sich diese Produktion in weiten Teilen doch sehr „international“ an, ist deutlich näher dran am Feeling des vom Serienmacher Paul Coates als Inspirationsquelle genannten The Contractor mit Chris Pine als am typischen 20.15 Uhr-Fernsehkrimi, hat ein stimmiges Look and Feel.
Abzüge in der B-Note?
Bei all den Dingen, die das deutsche Original gut hinbekommt, gibt es aber leider auch ein paar Elemente, die das Sehvergnügen trüben. Dazu gehört einerseits, dass man neben der Jetztzeit auch Ausflüge in die Vergangenheit vor knapp 20 Jahren macht – und hierbei eine Form von Charakterverjüngung benutzt, die einen beim Zuschauen eher rausreißen kann aus der Illusion. Das haben andere Produktionen zuletzt wesentlich stimmiger gelöst. Und dann sind da noch ein paar „Rückfälle“ in die Marotten, die man zuhauf an deutschen Stoffen kritisiert. Hier betrifft das vor allem die Neigung zur Übertreibung in der Konstruktion der Geschichte, die dann immer wieder „too much“ ist, um noch in die Kategorie „benefit of the doubt“ zu fallen. Heißt: Man untergräbt die mühsam aufgebaute Glaubwürdigkeit mit unnötigen Zusatzideen, wie beispielsweise der gesundheitlichen Situation des Protagonisten.

Für ein endgültiges Fazit zur Entwicklung des Thrillers ist es mit drei von sechs Folgen schwierig. Aber die Tendenz ist gut, allein weil man nach diesen drei Folgen unbedingt wissen will, wie es ausgeht. Unfamiliar könnte sich, wenn man die Spannungsschraube in der zweiten Hälfte weiter so konsequent anzieht und sich nicht in Nebenschauplätzen verrennt, eine der empfehlenswertesten Netflix-Serien aus Deutschland werden.
© Netflix
Unser Fazit zu Unfamiliar
Unfamiliar ist ein geradliniger, hochwertiger Thriller, der einerseits die meisten typisch-deutschen Fehler vermeidet und trotzdem klar als eine Produktion aus Deutschland dasteht. Kurzweilig, aber auch spannend, weil sich erst ganz allmählich das Gesamtbild zeigt. Die Figuren sind darüber hinaus angenehm unprätentiös und weit weg von der Theatralik, die man hierzulande oft zurecht bemängeln kann. Kurzum: Gehobene Krimikost aus Deutschland gibt es noch!
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

