Ein romantisch-schüchternes Beziehungsdrama wandelt sich zum grotesken Albtraum eines Witwers – klar, es ist die Rede von Takashi Miikes Audition!

Die Handlung von Audition
Aoyama (Ryo Ishibashi) möchte Jahre nach dem Tod seiner Ehefrau erneut heiraten. Zu diesem Zweck arrangiert der reiche Geschäftsmann über einen Freund und Fernsehproduzenten ein fiktives Vorsprechen. In diesem soll eine Frauenrolle für eine Fernsehproduktion besetzt werden. Nach etlichen Misserfolgen findet Aoyama Gefallen an der schüchternen und zurückhaltenden Asami (Eihi Shiina). Ein Sprichwort soll recht behalten: stille Wasser sind tief…

Die Ruhe vor dem Sturm
Vielfilmer Takashi Miike lässt sich bei der Verfilmung des gleichnamigen Romans aus der Feder Ryû Murakamis (u. a. Tokio Dekadenz) Zeit. Viel Zeit, sehr viel Zeit. Stöbert man durch diverse Kritiken zu Audition, so wird sich als häufigster Kritikpunkt die enorm langsame und gemächliche erste Hälfte finden lassen. Subjektiv mag diese bedächtige Erzählweise als anstrengend oder gar langweilig empfunden werden. Aber objektiv ist sie immanent für das Finale.
Das von Daisuke Tengan verfasste Drehbuch präsentiert zwei wunderbar geschriebene Figuren. Durch ihre schüchterne und zarte Annährung wirken sie nur allzu menschlich und bieten reichlich Identifikationspotential. Mit fortschreitender Laufzeit öffnen sich Aoyama und Asami nicht nur zögerlich voreinander, sondern geben dem Zuschauer immer mehr aus ihrem Leben preis. Man lernt sie, ihren Werdegang, ihren Charakter, ihre Lasten mehr und mehr kennen, dass sie und ihre Schicksale nicht mehr egal sind.
Audition gehört zu der Kategorie von Filmen, die so richtig nur funktionieren können, wenn man möglichst wenig über ihren Handlungsverlauf weiß. Deshalb nur so viel: damit die Haken, die der Thriller schlägt, auf fruchtbaren Boden fallen, müssen die Figuren angenommen werden. Ihre Vorstellung sollte nicht als langweilig und belanglos abgestempelt werden. Versucht euch zu öffnen, denn dann wird das schockierende Finale reichlich Belohnung sein.
Außerdem werden beide dabei perfekt von ihren Darstellern verkörpert. Ryo Ishibashi mimt den einsamen Witwer überzeugend, Aushängeschild Auditions ist und bleibt aber wohl Eihi Shiina als Asami. So anmutig wie furchteinflößend spielt sie ihre Rolle mit doppeltem Boden mehr als nur eindringlich und mit schockierender Intensität.

Bildgewordener Albtraum
Wenn sich das Publikum gemeinsam mit Aoyama auf Spurensuche in Asamis Vergangenheit begibt, kommen immer mehr Ungereimtheiten und erschütternde Offenbarungen ans Licht. Das saubere und makellose Bild beginnt zu bröckeln und die anfangs romantische Stimmung, wandelt sich von subtilem Unbehagen in schieren Wahnsinn. Und genau dieser Übergang, das schlussendliche Ausbrechen des albtraumhaften Finales, zehrt von der ausdauernden Charakterführung zuvor.
Doch nicht nur die offenbarten Inhalte sorgen für ein Schaudern. Zeit, Raum und Personen verschmelzen zu einem wahren Kaleidoskop des Grauens. Genau wie der Held von den auf ihn einprasselnden Bildern erschlagen wird, fühlt sich das Publikum ebenso hilflos dem fiebrigen Reigen ausgesetzt. Keine Chance zu entkommen, keine Zuversicht auf Gnade.
Audition schafft es problemlos ein Beziehungsdrama in einen knallharten und schwer verdaulichen Psychothriller zu wandeln, der stets und ständig seine Richtung wechselt, seine Spur verwischt und mit grotesken Ideen überrascht und verstört.
Und doch finden sich auch die leiseren Töne. Kritik an der japanischen Gesellschaft funkelt immer wieder durch. Der Film beginnt mit einer Sequenz von Aoyama und seinem Sohn beim Angeln, wobei ersterer äußert, dass er sich nur den größten Fischen zufriedengibt. Das Vorsprechen gibt genau dies wieder: Aoyama ist auf der Jagd, er sucht eine Frau nach seinen Vorstellungen, ob die Frau allerdings überhaupt Gefallen an ihm findet, ist völlig nebensächlich. Dieses patriarchalische Gefälle kippt im Laufe der Handlung jedoch zusehends und wird genüsslich umgekehrt.

Unser Fazit zu Audition
Auch fast 25 Jahre nach Erscheinen ein gemächlicher Film, der sich stark darauf konzentriert seinen Figuren Kontur zu verleihen, nur um in einem wahrhaftigen Albtraum aus Wahn und Sadismus zu landen. Eine der besten Arbeiten Takashi Miikes, wenn nicht sogar sein Opus magnum!
Seit dem 10.02.2023 entweder als DVD oder Mediabook (DVD & Blu-ray) von Capelight Pictures zu erwerben. Vor allem das Mediabook lohnt sich mit seinem informativen Booklet und der HD-Scheibe, die den Film in neuem 2K-Master präsentiert.
Alle Worte sind Lüge, aber der Schmerz ist wahr.
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© Capelight Pictures
Tobi ist bereits gute 7 Jahre an Bord und teilt so fast 20% seiner Lebenszeit mit Filmtoast. Wie es ursprünglich dazu kam ist so simpel wie naheliegend. Tobi hatte unregelmäßig auf Seiten wie Schnittberichte Reviews zu Filmen verfasst und kam über diverse facebooksche Filmgruppen und –diskussionen in Berührung mit dem damaligen Team von Filmtoast (die Älteren erinnern sich: noch unter dem Namen Movicfreakz) und wurde daraufhin Teil dessen.
Thematisch ist er aufgeschlossen, seine feste Heimat hat er jedoch im Horrorfilm gefunden, da für ihn kein anderes Genre solch eine breite Variation an Themen und Spielarten zulässt. Kontroverser Ekelschocker, verstörender Psychothriller oder Elevated Horror – fast alles ist gern gesehen, auch wenn er zugeben muss, dass er einen Sweet Spot für blutrünstig erzählte Geschichten besitzt.
Tobi geht zum Lachen jedoch nicht (nur) in den blutverschmierten Keller, sein Herz schlägt unter anderem bei Helge Schneider, dänischem schwarzen Humor oder den Disyneyfilmen seiner Kindheit höher.
Kinogänge vollzieht er am liebsten im städtischen Programmkino, zum Leidwesen seiner filmisch weniger affinen Freunde, meidet er große Kinoketten wie der Teufel das Weihwasser. Am liebsten geht er seiner Filmleidenschaft jedoch in den eigenen vier Wänden nach, um den viel zitierten Pile of Shame seiner physischen Filmsammlung abzuarbeiten.
Tobi lebt in Sachsen-Anhalt, ist beruflich in einer stationären außerklinischen Intensivpflege verankert und hat mit der Begeisterung zum Film und dem Schreiben darüber den für sich perfekten Ausgleich zum oftmals stressigen Arbeitsalltag gefunden.

