Der Auftakt ist überstanden, jetzt geht die Sause erst so richtig los und die Augen formen sich vielleicht allmählich viereckig: 4 Spielfilme und ein Kurzfilmblock warten am 2. Festivaltag auf uns!
Freitag, 17.04.2026
I Live Here Now (Julie Pacino, USA, 2025)

Julie Pacino (richtig gelesen, eine Tochter von Al Pacino!) präsentiert mit I Live Here Now ihr Spielfilmdebüt und dankt im Abspann eben mal dem Grandfather des surrealen Mindfucks, David Lynch. Wenn man sich zuvor durch das Hotel gerätselt hat, wird einem schnell klar, weshalb gerade diese Danksagung eingebracht wurde.
Der Film beginnt noch völlig normal: Rose ist aufstrebende Schauspielerin, erhält unvermittelt jedoch die Information, schwanger zu sein. Sie entscheidet sich zur Abtreibung und kommt auf dem Weg in ihre Heimat in einem Hotel unter. Doch dieses scheint völlig aus Raum & Zeit gefallen zu sein und Rose sieht sich mit den Dämonen ihrer Vergangenheit konfrontiert…
Schwere Vorhänge, Lautstärke dämmende Teppiche, verschrobene Charaktere und pastellfarbene Einrichtung: Man fühlt sich in die Black Lodge im Stile von Blue Velvet zurückversetzt. I Live Here Now gelingt es dabei, nicht nur eine krampfhafte Kopie Lynchs zu sein, sondern seine ganz eigene Identität zu entwickeln. Rose sieht sich einem surrealen Albtraum ausgesetzt, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt, bis sie erkennt, was nötig ist, um sich von ihren bestehenden Ängsten zu lösen. Julie Pacino hat einen Film geschaffen, der nicht nur aus weiblicher Sicht erzählt wird, sondern der ganz und gar feministisch aufgeladen ist. In Szenen etwa, in dem Roses behandelnder Arzt, lieber ihrer Krankenakte Glauben schenkt, denn auf ihre Aussagen und persönlichen Erfahrungen zu hören. Oder wenn sogar andere Frauen ihr das Recht absprechen, eigene Entscheidungen über ihren Körper zu treffen.
All dies verpackt Pacino in ein stimmungsvoll bebildertes und schwer atmosphärisches Rätselraten rund um die Sinnsuche zur eigenen Identität. Langsam erzählt, aber umso unheilvoller und intensiver, nicht zuletzt aufgrund der grandiosen Leistung des primär weiblichen Casts. Zu dem sich übrigens Sheryl Lee gesellt, um auf Lynch zurückzukommen.
Celestial Body (Henry Han Ming Kho, Deutschland, 2025) | Krampus (Florian Ecker, Deutschland, 2025)
Beide Filme durften sich im Zuge des Slots „Highlight deutsches Kino“ ihre Vorführung teilen, da einer allein entweder zu kurz (Himmelskörper) oder zu lang (Krampus) für ihr jeweiliges Segment ausfielen.
Benni lebt ein tristes Leben in Einsamkeit: Seine Mutter erliegt ihren Depressionen, der Vater verschwunden. Und dann wäre da noch sein Körper, der ein merkwürdiges Eigenleben zu entwickeln scheint…
Himmelskörper ist eine enorm andächtig erzählte Coming of Age Geschichte, die sich zusätzliche Einflüsse aus Science-Fiction und Body Horror eingesteht. Stellenweise entwickelt der Film eine schmerzhafte Körperlichkeit, ist im nächsten Moment aber wieder unerhört bedeutungsschwanger. In seiner Grundstimmung allerdings auch ungeheuer deprimierend, allein Benni kränklich-blass und sich selbst überlassen durch die triste Farbpalette der Hausflure schleichen zu sehen, löst Gänsehaut aus. War leider not my cup of tea.
In Krampus besucht man das erzkonservative und tiefste Bayern. In einer kleinen Gemeinde lebt der junge Xaver, der nach einem dramatischen Schicksal als Sündenbock für alle Übel des Dorfes herhalten muss. Verwurzelt im Aberglauben und Hörigkeit, wird Gerechtigkeit hier eher nach eigenem Vorteil gesprochen. Das ist nicht nur dank der gänzlich in schwarz-weiß gehaltenen Bilder bedrückend, sondern auch aufgrund des gebotenen Inhalts zutiefst beklemmend. Fein ausgestattet, mit seinen 30 Minuten Laufzeit passend abgeschmeckt und audiovisuell ein düsterer Genuss.
Ebenfalls im Rahmen des „Highlight deutsches Kino“ erfolgte noch ein Pitch für Der Mann aus Somalia, der sich als Neo-Western im Stile eines No Country For Old Men beweisen möchte. Wem die Grundidee zusagt, kann den Film via Startnext unterstützen.
Strange Harvest (Stuart Ortiz, USA, 2025)

Wie es der Zufall so will, habe ich mir nur einen Tag vor dem Hard:Line Film Festival 2026 doch endlich den vielerorts gelobten The Poughkeepsie Tapes ansehen können, der einen mit einem außerordentlich unguten Gefühl entlässt. Passend also, dass sich mit Strange Harvest ein Bruder im Geiste im Programm findet. Denn auch dort wird durch Zeugenaussagen, Newsmeldungen und angebliche Archivaufnahmen eine fiktiven Dokumentation erschaffen, welche von der Jagd auf einen brutalen Serienkiller berichtet.
Der sogenannte Mr. Shiny hinterlässt über einen Zeitraum von mehreren Jahren ein gutes Dutzend Tote. Bei den Ermittlungen fällt den Detectives irgendwann auf, dass die Morde nicht nur zusammenhängen, sondern eine Art Ritual darstellen soll. Laut Mr. Shiny soll sich nach dem 15. Opfer die Wahrheit offenbaren…
Strange Harvest zieht dank des dokumentarischen Stils sofort in seine beklemmende Handlung: Die Tatorte erinnern dabei stark an Finchers Sieben, werden nur in seltenen Fällen die Morde selbst gezeigt. Stattdessen bekommt man nur deren Resultate präsentiert, die in ihrer Intensität und dank entfesselter Vorstellungskraft, ausnahmslose von der Kaltblütigkeit des Killers berichten. Dazu tragen auch die starke Maskenarbeit und Practicals bei. Abgetrennte Körperteile, aufgedunsene Leichen und verstümmelte Körper werden nüchtern dokumentiert und sorgen so nicht nur aufgrund des authentisch-verrauschten Videolooks für Ekel.
Obwohl als Found Footage inszeniert, gelingt es Regisseur Stuart Ortiz (Grave Encounters) dank unabhängig eingesetzter Filmmusik, authentischer darstellerischer Leistungen und dem finalen Aufhänger einen so fiesen wie kurzweiligen Schocker zu inszenieren.
Gaua (Paul Urkijo Alijo, Spanien/USA, 2025)

Mit Gaua betritt das Hard:Line Film Festival 2026 nun die Pfade des diesjährigen Director’s Spotlight und präsentiert den neuesten Film des baskischen Regisseurs Paul Urkijo Alijo. Uns erwartet ein episodenhaft erzählter Film, dessen einzelne Kapitel subtil miteinander verwoben sind und sich aus tief verwurzelter, baskischer Folklore speisen. Die Rahmenhandlung folgt der desillusionierten Kattalin, die sich aus den Zwängen ihres gewalttätigen Ehemanns und der Vormundschaft durch die Kirche befreien möchte. Als sie ihr Heim verlässt, erfährt sie am eigenen Leib, weshalb die Wälder während der Nacht gemieden werden sollten. In letzter Sekunde findet sie Zuflucht bei drei alten Damen des Dorfes, die sich in der nächtlichen Dunkelheit Schauergeschichten erzählen…
Alijo erschafft eine historisch authentisch wirkende Welt: Kleidung, Gebäude und Figuren escheinen greif- und nachvollziehbar. Doch hinter der Akkuratesse schlummert eben doch ein Genrefilm, der uns mit unheimlichen Wesen und Riten in eine fantastische Welt entführt. Wie so oft steht das Fantastische hier auch sinnbildlich für reale, bestehende Probleme beziehungsweise bietet einen Ausweg aus reaktionärer und repressiver Einstellung durch Kirche und Aberglauben.
Im Grunde erzählt Gaua eine Liebesgeschichte, die im ersten Moment kein Happy End zu kennen scheint, doch je mehr sich die Protagonistinnen von den Fesseln der Obrigkeit lösen, desto freier werden sie in ihren Aktionen. So wirken die Geschehnisse gleichermaßen märchenhaft entrückt und doch wieder bodenständig plausibel. Das Finale belohnt mit einer fließenden Kamerafahrt, orgiastischer Choreographie und treibenden Klängen. Alijos neuester Film blutet düstere Atmosphäre, liefert vereinnahmende Bilder und überzeugende Maskenarbeit.

Short & Hoart 1
Im ersten Kurzfilmblock konnten wieder viele verschiedene Stile und Genre auf sich aufmerksam machen, von denen keiner schlecht ausfällt, aber der ein oder andere eben doch einen Zacken mehr den eigenen Geschmack trifft. Meine Highlights sind deshalb:
Dark Dilemma von Christian Fernández Larrere, der uns in eine pulpige Noir-Geschichte entführt. Quasi die animierte Version einer Graphic Novell mit herrlich überzeichneter Synchronisation und dem ein oder anderen roten Spritzer Blut in der ansonsten schwarz-weiß gehaltenen Welt voller Gauner & Gangster!
Stretcher (OT: Brancard) von Thibault Fauconnet, der aus einer bereits reichlich beklemmenden Situation ein wahres Albtraumszenario erschafft. Verstärkt wird das Gefühl des Ausgeliefertseins vom starren Blickwinkel der fixierten Kamera.
Bait (OT: Señuelo) von Martha G. Ayerbe. Ein Jagdausflug mit Altherrenwitzen nimmt einen unerwarteten und herrlich bitterbösen Ausgang. Zu recht?
The Seeing Eye Dog Who Saw Too Much von Eric Jackowitz, der in seine 17 Minuten so viel Blut und Humor schmeißt, dass man gerne noch doppelt so lange zuschauen möchte. Hommage und Persiflage in einem – Eric Jackowitz nimmt Klischees des Giallo gehörig auf die Schippe und verbeugt sich gleichermaßen vor Größen wie Dario Argento.
Lest hier den Beitrag zum Eröffnungstag!

Tobi ist bereits gute 7 Jahre an Bord und teilt so fast 20% seiner Lebenszeit mit Filmtoast. Wie es ursprünglich dazu kam ist so simpel wie naheliegend. Tobi hatte unregelmäßig auf Seiten wie Schnittberichte Reviews zu Filmen verfasst und kam über diverse facebooksche Filmgruppen und –diskussionen in Berührung mit dem damaligen Team von Filmtoast (die Älteren erinnern sich: noch unter dem Namen Movicfreakz) und wurde daraufhin Teil dessen.
Thematisch ist er aufgeschlossen, seine feste Heimat hat er jedoch im Horrorfilm gefunden, da für ihn kein anderes Genre solch eine breite Variation an Themen und Spielarten zulässt. Kontroverser Ekelschocker, verstörender Psychothriller oder Elevated Horror – fast alles ist gern gesehen, auch wenn er zugeben muss, dass er einen Sweet Spot für blutrünstig erzählte Geschichten besitzt.
Tobi geht zum Lachen jedoch nicht (nur) in den blutverschmierten Keller, sein Herz schlägt unter anderem bei Helge Schneider, dänischem schwarzen Humor oder den Disyneyfilmen seiner Kindheit höher.
Kinogänge vollzieht er am liebsten im städtischen Programmkino, zum Leidwesen seiner filmisch weniger affinen Freunde, meidet er große Kinoketten wie der Teufel das Weihwasser. Am liebsten geht er seiner Filmleidenschaft jedoch in den eigenen vier Wänden nach, um den viel zitierten Pile of Shame seiner physischen Filmsammlung abzuarbeiten.
Tobi lebt in Sachsen-Anhalt, ist beruflich in einer stationären außerklinischen Intensivpflege verankert und hat mit der Begeisterung zum Film und dem Schreiben darüber den für sich perfekten Ausgleich zum oftmals stressigen Arbeitsalltag gefunden.

